Hochkultur: Glanz oder gar nicht – das Ende des Prunks in Österreich

Hochkultur: Glanz oder gar nicht – das Ende des Prunks in Österreich

Österreichs Repräsentationskultur ächzt unter stagnierenden Budgets. Aber das Ende des Prunks muss keine Horrorvision sein. Stefan Grissemann über die Chance, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Das Burgtheater als alte Kaiserin der deutschsprachigen Bühnen; die weltweite Strahlkraft der Salzburger Festspiele, jenes immerdar von Karajan’scher Aura sanft umwehten Luxusfestivals; die Wiener Staatsoper als spätfeudaler Hochkulturhort mit gigantischem Repertoire und beispiellos brillanter Akustik; die Schatzkammern des Kunsthistorischen Museums, die Preziosen der Albertina und des Belvedere; die Wiener Philharmoniker als unerreicht athletischer Klangkörper: Österreichs Selbstverständnis als Kulturnation grenzt seit jeher an Größenwahn.

Festivalglamour
Aber es ist auch etwas Wahres an der Fabel vom Kunstparadies Österreich: Die ungeheure Dichte von Musik- und Theaterprunk, an Festivalglamour und Museumsgold steht in eigenartigem Kontrast zur geringen Größe und weltpolitischen Bedeutungslosigkeit dieses Landes. Wenn man Parallelwelten wie Wintersport und Energy-Drink-Branche beiseitelässt, gilt Österreich nur in der Kunst als globaler Player - wovon Nobelpreise und Academy Awards, Tourismuswerbung und Gastspielbuchungen zeugen.

Die Politik versucht, dieser nationalen Spezialbegabung Rechnung zu tragen, stößt in Zeiten der ökonomischen Malaise aber an ihre Grenzen; der Weg, den man der angespannten Lage wegen gewählt hat, ist problematisch: Man stellt den Institutionen seit Jahren die immer gleichen Zuwendungen zur Verfügung, passt diese aber den Index- und Tarifvertragserhöhungen nicht an, was zu krank gesparten Häusern geführt hat, deren Budgets zu hoch zum Sterben sind, aber zu gering zum - guten - Leben.

So wird das Wehklagen der Führungspersönlichkeiten in den angeschlagenen Tankern gegenwärtig wieder lauter. Im Burgtheater etwa herrscht im 125. Jahr seines Bestehens trotz bester Auslastung alles andere als Partystimmung: Um nicht einmal acht Prozent sind seit der Ausgliederung der Bundestheater vor 14 Jahren die Subventionen gestiegen (auf nunmehr 46,4 Millionen Euro), während sich die Personalkosten seither um satte 43 Prozent erhöhten, obwohl im Ensemble und in der Technik im Lauf jener Jahre mehr als 120 Stellen gestrichen worden sind. Wenn man die Inflation mit einbezieht, so sind die Fördermittel, die der Bund der Burg überlässt, seit der Jahrtausendwende real um 33 Prozent geschrumpft.

Schuldenfalle
Burgtheater-Chef Matthias Hartmann dachte Mitte Oktober daher laut über die bange Zukunft seiner Institution nach und erklärte unmissverständlich, dass man sich auf dem Weg in die Schuldenfalle befinde. 14 Jahre lang habe man die Gehaltserhöhungen, die dem Personal zu bezahlen seien, nicht erstattet bekommen: "Keine Institution auf der Welt kann das verarbeiten.“ Volksopern-Direktor Robert Meyer sekundierte, man könne sich Schließtage und weniger Premieren wegen der Einnahmenrückgänge gar nicht leisten, somit bleibe immer wieder nur: Personalabbau. Staatsopernprinzipal Dominique Meyer gab gewohnt umsichtig zu Protokoll, er wolle "mit seinem Kommentar“ zum stagnierenden Budget - man darf vermuten, dass es sich auch in seinem Fall um ein Lamento handeln wird - erst auf die neue Regierung warten.

So verständlich das Gezeter der Direktoren sein mag, die naturgemäß kein Interesse daran haben, ihre Institutionen auf ökonomisch tieferem Niveau neu zu ordnen: Ein gewisser Realismus auch in den Chefetagen der Kulturflaggschiffe dieses Landes wäre zu wünschen. Denn er böte die Chance, nicht mehr nur darüber zu debattieren, wie sich die teuren Traditionen der kulturellen Elite sichern ließen, sondern auch über die Notwendigkeit, diese Institutionen einer Zeit anzupassen, die eine Konzentration auf das Wesentliche auch in der Kultur fordert. Mit Ausverkauf und künstlerischer Tiefstapelei muss und sollte dies nichts zu tun haben. Qualität ist keine Frage der Dotierung - sie ist es nur dann, wenn man voraussetzt, dass sich an den laufenden Betrieben nichts ändern dürfe.

Rote Zahlen
Die abgetretene Kulturministerin Claudia Schmied hält sich - mit einigem Recht - zugute, die Kunstbudgets des Bundes trotz der Krise stabil gehalten zu haben. Sie weiß, dass ihr Nachfolger, auch wenn er im Kanzleramt selbst sitzen wird, dies kaum noch leisten können wird. Aber schon Schmieds Taktik der auf scheinbar hohem Niveau eingefrorenen Kulturbudgets hat dazu geführt, dass sich der Abwärtstrend allerorten verschärft. Sogar die Salzburger Festspiele schrieben heuer - trotz Rekordbesucherzahlen (bei allerdings auch mehr Programmangeboten denn je zuvor) - erstmals seit 1999 rote Zahlen. Davon ist wenigstens auszugehen, denn die endgültige Bilanz des heurigen Festspieljahres wurde im August für spätestens November versprochen und schließlich in den Jänner verschoben. Das Zahlenspiel aus Rücklagenauflösung und Einnahmenverteilung dürfte umso aufwendiger sein, je dringender es ein (öffentlich einzugestehendes) Defizit zu vermeiden gilt.

Drastische Bilder werden seit einigen Monaten mit unschöner Regelmäßigkeit beschworen: Hierzulande streiche man Kulturinstitutionen, Theater, Museen "außen schön an - und innen fressen die Termiten alles auf“, sagte Festspielintendant Alexander Pereira in einem "Standard“-Interview. Matthias Hartmann spricht indes von einer "Abwärtsspirale“: Man gebe als mahnender Direktor erfolglos den "Jammerlappen“, denn die Politiker lernten stets nur, "dass es ja doch irgendwie geht“. Der Punkt aber, an dem es nicht mehr gehe, "liegt nicht vor uns - er ist bereits überschritten“. Ein Defizit sei unausweichlich. Und es werde Konsequenzen geben: Ab der nächsten Spielzeit sei Schluss mit der Avantgarde, man werde "Ensembles kündigen oder nicht verlängern“, das Repertoire eindämmen, mit Schließtagen operieren. Wenn ein Jet keinen Schub mehr habe, stürze er eben "wie ein Stein zu Boden, obwohl die Triebwerke noch laufen“. Die Möglichkeit, aufs Fliegen zu verzichten und stattdessen erdnähere Fortbewegungsmittel zu wählen, kommt Hartmann, der seine Pfründe zu verteidigen hat, gar nicht in den Sinn.

An die Politik wird seither inständig appelliert. Sie müsse "entscheiden, wie das Burgtheater auszusehen hat“, klagt Hartmann. "Wollen wir, dass es ein Theater bleibt, auf das wir alle stolz sein können?“ Das Burgtheater sei "das Rückgrat“ des Austro-Kulturverständnisses. "Klar haben wir Finanzkrisen, klar haben wir politische Probleme. Aber da, wo etwas gut ist, muss man es unterstützen.“ Das klingt ein wenig blauäugig, denn zum einen ist "gut“ keine objektive Kategorie, und zum anderen wird sich nicht jede ehrwürdige Kulturinstitution genau die Unterstützung bestellen können, die sie zu verdienen glaubt.

Denn nur strukturkonservativ sollte Kunstförderung nicht funktionieren. Genau das tut sie aber: Fast 46 Prozent des Bundeskulturbudgets, mehr als 160 Millionen Euro, stehen allein den Bundestheatern zur Verfügung. Bekanntlich geht das Gros der Fördermillionen aber an allen großen Häusern in der Infrastruktur auf: in baulichen Maßnahmen, in Personal-, Orchester- und Ensemble-Kosten. Wo all das nicht mehr zur Gänze gedeckt ist, ändert sich Entscheidendes; vor allem der laufende und vermutlich unausweichliche Mitarbeiterabbau wird die Zukunft der Institutionen prägen. Wer den Personalstand kürzt, greift auch in den Spiel- und Ausstellungsbetrieb ein, sogar tief. Auch deshalb bemühen sich die Betroffenen nun, den Spieß umzudrehen - und sich nicht als bloße Fördernehmer darzustellen, sondern als Kulturwohltäter. Pereira geht sogar so weit zu argumentieren, dass die Salzburger Festspiele - mit 330 Millionen Euro Umwegrentabilität (und mit Jahreszahlungen von 7,5 Millionen Euro Lohnsteuer) bei bloß 13 Millionen Euro Subvention - die Republik Österreich finanzierten, und nicht umgekehrt.

Die quasi-barocke Repräsentationskultur an den sozialdemokratischen und christlich-sozialen Fürstenhöfen, so viel sei prognostiziert, ist dennoch ein Auslaufmodell. Auch wenn im kulturkonservativen Österreich gerade diese Art der Hochkultur, wie die keineswegs schwindenden Publikumszahlen belegen, immer noch übermäßig geschätzt wird: Es wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit schon in wenigen Jahren in der gegenwärtigen Form nicht mehr geben. Das klingt nach schlechter Nachricht, aber darin verbirgt sich, wenn man kurz die Perspektive wechselt, auch eine gute - wenigstens ästhetisch. Denn die jahrzehntelange Hegemonie der hiesigen Kulturfestungen hat auch zu Erstarrungssymptomen geführt, die an allen Fronten zu diagnostizieren sind. Die kommende Anforderung, sich inhaltlich neu zu orientieren, muss nicht zwangsläufig zur Banalisierung der Kunst führen. Man könnte ja auch Wege finden, nicht zuerst die Avantgarde zu streichen, sondern die schwindenden Fördermittel als Auftrag verstehen, erst recht Innovatives, Gedankenanregendes, Visionäres entstehen zu lassen.

Reformkonzept
In der Wiener Kulturszene geht es 2014 indes budgetär sogar noch einmal aufwärts. Aber es mutet auf den ersten Blick ein wenig bizarr an, wenn Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny - neben einer schmalen Million mehr für alle Off-Theater und mittleren Bühnen - ausgerechnet den kostspieligen Hauptstadt-Musical-Betrieb durch eine satte Förderungserhöhung von knapp fünf Millionen Euro (wenn auch aus den Ressorts für Finanzen und Wirtschaft) für die Vereinigten Bühnen Wien mit dem Hinweis aufpolstert, dass diese Summe vor allem dazu diene, dort ein "Reformkonzept“ zu erarbeiten, das ab 2016 zu verringerten Subventionen führen soll. Die Grünen sprechen, um ihre Niederlage bei der gemeinsamen Abstimmung zu kompensieren, von einer "vorübergehenden“ Erhöhung zur "langfristigen Senkung des Förderungsbedarfs“. Prassen, um zu sparen: Dieses Kulturkonzept ist schwer vermittelbar.

Von Verteilungsgerechtigkeit ist man in Wien trotzdem weit entfernt. Fast ein Fünftel des gesamten städtischen Kulturbudgets geht ohnehin schon allein an die Vereinigten Bühnen, somit auch an ultrakommerziell geplante, aber schlecht besuchte Großproduktionen wie "Rudolf“ oder "Natürlich Blond“. Im Off-Bereich schlägt sich das Gros der Kunstschaffenden dagegen mit Minimalzuwendungen durch. Um die finanzielle Ausstattung freier Gruppen ist es, entgegen allen Thea-terreformbemühungen, heute schlechter denn je bestellt. Es mangelt an Produktionsbudgets und legalen Arbeitsverhältnissen.

Tumber Populismus
Was ist also zu tun in Zeiten der bundesweiten Budgetverhärtung? Keine Option ist jedenfalls die Zuflucht in jenen tumben Populismus, den Kunstfeinde aller Lager auch dieser Tage wieder bemühen: Was sich nicht selbst trägt, soll nicht leben. Auch Kulturbetriebe, heißt es gern, seien ja nur Unternehmen, die sich auf dem Markt, der sich praktischerweise selbst reguliere, bewähren müssten. Das ist natürlich Unsinn, denn bekanntlich sind auch Universitäten, Acker-und Straßenbau sowie die medizinische Grundversorgung in unseren Breiten nicht selbsttragend. Alles streichen also? Wohl eher nicht, wenn man vermeiden möchte, sich demnächst im eher unwirtlichen Sozialleben des Frühpleistozän wiederzufinden.

Nur vergleichsweise zivilisierter klingt die Horrorvision einer "abgespeckten Version“ des Burgtheaters bei Matthias Hartmann: "weniger Ensemble, weniger Theater, weniger Programm, kein Kinderstück mehr“ - und sogar die Existenz des Akademietheaters stellt der Direktor alarmistisch zur Disposition. Eine Schließung der zweiten großen Spielstätte des Burgtheaters brächte eine "wesentliche Kostenreduktion“, wie es in einer 2011 erarbeiteten Studie zu den drängenden Budgetfragen der Bundestheater trocken heißt. Und 14 Millionen Euro jährlich seien an der Burg dringend einzusparen - "durch effizienteren Einsatz der Fördermittel“.

In den herben Worten, die Hartmann nun gegen solche Zumutungen hält, ist natürlich vor allem Säbelrasseln zu entdecken, aber es ist gut begründet. Denn es wird kein Weg daran vorbeiführen, sich an die schleichende Mittelverringerung zu gewöhnen, den eigenen Kulturbetrieb schlanker zu machen - und eben dennoch mit hohem Druck und höchstem Anspruch weiterzuarbeiten, sich strategisch klug an die ökonomische Flaute anzupassen: Synergieeffekte mit ähnlich arbeitenden Institutionen ins Auge zu fassen; kleinere, überraschendere Produktionen zu planen, ohne dabei sein Publikum zu vergraulen - oder, besser noch, dabei neues zu gewinnen; Kostspieligkeit allein ist in der Kunst noch keine Qualität.

Mit der möglichen Abkehr von besonders luxuriösen Prestigeproduktionen öffnet sich an einer Nebenfront allerdings auch ein Teufelskreis: Die wenigen verbliebenen Privatsponsoren und kunstaffinen Industrieunternehmen haben in der Regel wenig Interesse an der Unterstützung avantgardistischer Produktionen und vielversprechender Newcomer; sie schmücken sich lieber möglichst umwegrentabel mit schlagzeilenträchtiger Hochkulturprominenz. Und die wird leider weiterhin teuer sein. Leicht wird es somit nicht werden. Nur die Kunst wird in all dem nicht untergehen, sie hat schon ganz andere Turbulenzen überstanden - und ist offenbar weitaus robuster, als die für sie Verantwortlichen glauben machen wollen.