Hybris: Der Treibstoff von Machtmenschen in Politik und Wirtschaft

GESICHTSCOCKTAIL: Hier wurden Hybris-Supertalente wie Trump, Grasser, Strache und Kurz zu einer Visage vermischt

GESICHTSCOCKTAIL: Hier wurden Hybris-Supertalente wie Trump, Grasser, Strache und Kurz zu einer Visage vermischt

Hybris gehört zur psychischen Grundausstattung vieler Machtmenschen. Angelika Hager über eine Charaktereigenschaft, die häufig aus einem Minderwertigkeitskomplex entsteht (und durch einen Ibiza-Urlaub nicht geheilt werden kann).

Abgeräumt wie ein Weihnachtsbaum nach dem Dreikönigstag saß Sebastian Kurz nach seiner Abwahl als Bundeskanzler am vergangenen Dienstag bei Armin Wolf in der „ZIB 2“. Statt der üblichen breiten Krawatte und einem Anzug trug er ein schlichtes weißes Hemd und Sakko. Das Büßer-Outfit sollte signalisieren: „Euer Messias hat sich wieder unter die Menschen gemischt. Ich bin jetzt – zumindest für ein paar Monate – fast einer von euch.“ Während dieses Interviews fielen auch Worte und Sätze, die bislang im Kurz’schen Allmachtsvokabular kaum aufgefallen waren: „Ich entschuldige mich dafür.“ – „Wir haben einen Fehler gemacht.“

Die Ursache für die Bitte um Exkulpierung war nicht etwa seine frühere Toleranz für eine Vielzahl freiheitlicher „Einzelfälle“, sondern die Überschreitung des Wahlkampfbudgets 2017 um sechs Millionen Euro. In diesem Gespräch
erwähnte der Altkanzler auch „die mangelnde Sensibilität“ Herbert Kickls als einen der Auslöser für das Ende der
türkis-blauen Koalition.

Minimundus-Machiavellis Strache und Gudenus

„Mangelnde Sensibilität“ scheint jedoch nahezu die Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere in der Politik zu sein – das wissen wir nicht erst seit Kurz, Kickl, Strache und Trump. Und mangelnde Sensibilität ermöglicht auch erst ein Gefühl, das nach dem Ferienfilm der beiden Minimundus-Machiavellis Strache und Gudenus die Liste der Erklärungsmodelle anführt: Hybris, eine Mischung aus Vermessenheit, Selbstüberschätzung, Hochmut, Anmaßung und einem rational nicht zu erklärenden Allmachts- und Unverwundbarkeitsgefühl. In einem „stern“-Interview lieferte André Heller die Psychoanalyse der mit solchem Theaterdonner gescheiterten FPÖ: „Diese hybris- und rechtsradikal gesteuerte Truppe hat sich beharrlich zum immer noch Grauenhafteren entwickelt. (…) Skrupel-, Moral- und Kulturlosigkeit vom Gröbsten.“

Erstmals wurde der Begriff Hybris in altgriechischen Tragödien verwendet und bezeichnete das Verhalten von Protagonisten, die sich den göttlichen Befehlen und Gesetzen widersetzten. Die Götter als oberste Instanz wurden spätestens mit dem Zeitalter der Aufklärung durch Moral, Vernunft und Verfassung ersetzt. Während in der antiken Dramatik Selbstüberschätzung ausnahmslos mit dem totalen Untergang bestraft wird, lief und läuft das in der österreichischen Realität anders. Mit anmaßenden „Jetzt erst recht“-Geisteshaltungen konnte nach internationalen Skandalen schon mehrmals national das Schlimmste weggebügelt werden: Erstmals wurde der Slogan von der ÖVP für den weltweit als Lügner gebrandmarkten Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim 1986 verwendet. Waldheim gewann die Wahl damals haushoch. Der idente Slogan wurde – zack, zack, zack – nach dem Ibiza-GAU von den Freiheitlichen reaktiviert und eilig auf die EU-Wahlplakate gepflastert.

Mangel an Kritikverträglichkeit und Unrechtsbewusstsein

Das bisschen Red-Bull-beflügelte Monopoly-Gezocke mit der Republik schien die Kernwählerschaft nicht ernsthaft zu vergraulen. Die Wahlschlappe sollte überraschend glimpflich ausfallen, und Strache wurde bei der EU-Wahl mit 37.000 Vorzugsstimmen bedacht. Wahrscheinlich will der kleine Mann sein Nest nicht von außen, schon gar nicht von Elite-Medien wie „Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“, beschmutzt sehen. Die kleine Schwester von Hybris ist der Mangel an Kritikverträglichkeit und Unrechtsbewusstsein.

Ari Rath, der 1938 aus Wien vertriebene Journalist und langjährige Chefredakteur der „Jerusalem Post“, hatte Waldheim nach dessen Wahlsieg in der Hofburg zu einem Hintergrundgespräch getroffen und ihm dabei die simple Frage gestellt: „Warum haben Sie bezüglich Ihrer NS-Vergangenheit gelogen, Herr Präsident?“ Eine befriedigende Antwort bekam Rath damals nicht: „Nur Ausweichendes, er hat mir dabei sogar in die Augen geschaut.“ Von einem ähnlichen Erlebnis gespenstischer Kritikresistenz berichtete Dompfarrer Toni Faber in einem profil-Interview. Faber hatte in jungen Jahren über sechs Jahre lang als Zeremonienmeister von Kardinal Hans Hermann Groër gearbeitet. Als der von profil aufgedeckte Missbrauchsskandal 1995 Wogen schlug, hatte sich, so Faber, „der Kardinal zu mir ins Zimmer gesetzt und immer wieder den Satz wiederholt: ,Das kann doch alles nicht stimmen.‘“

"Zu jung, zu intelligent, zu schön"

In die Nähe der Parodie manövrierte sich Karl-Heinz Grasser, als er in der ORF-Diskussionssendung „Im Zentrum“ aus einem Fanbrief vorlas: „Sie sind für diese abscheuliche Neidgesellschaft zu jung als Finanzminister gewesen, zu intelligent, zu gut ausgebildet, aus zu gutem wohlhabenden Haus, zu schön …“ Unübertroffen auch die Dekadenz-Inszenierung in der italienischen „Vogue“, in der der Ex-Finanzminister mit entblößtem Oberkörper in einer Luxussuite neben Gattin Fiona dem Oscar-Wilde-Credo „Wer unter die Oberfläche schaut, ist selbst schuld“ Rechnung trug. Hybris kann durchaus auch ihre komischen Seiten haben. Der Oxford-Psychologe Kevin Dutton, Buchautor mit Spezialgebiet Psychopathologie, geht in einem profil-Interview so weit, dass er allen erfolgsverwöhnten Politikern, Kirchenfürsten und Wirtschaftsbossen attestiert, Psychopathen zu sein. Die Charaktereigenschaft maßloser Selbstüberschätzung wirke in den meisten Fällen sogar als echter Karrierebeschleuniger. Dutton hat in jahrelanger Forschungsarbeit über Politiker und Despoten aus der ganzen Weltgeschichte das Raster einer „psychopathischen Persönlichkeit“ gelegt. Heinrich VIII. führt dieses unehrenhafte Ranking mit mit 178 Punkten an, knapp gefolgt von Donald Trump mit 172 Punkten (zwei Punkte Vorsprung auf Adolf Hitler!).

Hillary Clinton landet mit 152 Punkten im Mitttelfeld, zwischen Napoleon und Nero. Pamela Rendi-Wagner würde in dieser Skala wahrscheinlich erst gar nicht aufscheinen. Was ihre Berater von Beruf machen, bleibt ohnehin ein Rätsel. Wie sonst kann man sich erklären, dass die SPÖ-Spitzenkandidatin mit Launen-Tiefststand am Abend nach der EU-Wahl im Wiener Parteizelt auftaucht und dabei wie die Besucherin ihres eigenen Begräbnisses wirkt, statt vor johlenden Anhängern zumindest den Spitzenplatz in Wien zu feiern?

Teflon für die Seele

Eine Bilderbuch-Psychopathin nennt Dutton Maggie Thatcher, die erste Premierministerin Großbritanniens, aber auch Innovationsgenies wie Bill Gates und Steven Jobs ordnet Dutton einschlägige Charakterzüge zu. Die Voraussetzungen für eine spätere Karriere in einer Machtposition sind laut Dutton „Selbstbewusstsein, Skrupellosigkeit, das Fehlen von Ängstlichkeit, Freude an der Macht sowie Stärke unter Stress und die Fähigkeit, Widersacher zu scannen, eine gewisse Gefühlskälte, bis zu einem völligen Mangel an Mitgefühl, aber natürlich auch Charisma und Charme“.

Hybris wirkt also wie Teflon für die Seele und zieht auch oft „pseudologische“ Auswüchse nach sich – so der Fachterminus für beharrliches Lügen und den oft damit verbundenen Selbstbetrug, der in der Politik ja meist ohnehin Teil des Programms ist. Die Psychiaterin Heidi Kastner teilt notorische Lügner in drei Kategorien: „Es gibt solche, die sich Dinge schönreden, um eine gewisse Kohärenz zu sichern. Dann sind da solche, die früher selbst belogen wurden und sich so einen Ausgleich schaffen.

„Es muss eine Bezugsperson im Leben geben, die fürsorglich ist"

Andere haben das Lügen als Strategie im Alltag einfach erlernt und mit der Muttermilch aufgesogen.“ Als häufigsten Ursprung von Aggression, Frustration, Hybris und einem moralbefreiten oder auch gewalttätigen Verhalten gilt in der Psychiatrie und Psychologie die Kränkung. Doch ob die Theorie von verletzten Kindern oder gedemütigten Jugendlichen, die sich im späteren Leben für frühes Leid rächen wollen, immer greift, ist empirisch nicht belegt. Ob die temporäre Arbeitslosigkeit des Vaters den jungen Kurz so traumatisiert hatte, dass er nie wieder einem solchen Gefühl der Ohnmacht ausgesetzt sein wollte? Und er daraus seinen Machttrieb entwickelte? Nach Alfred Adler und seiner Individualpsychologie, in der er auch die Kraft eines Minderwertigkeitskomplexes erstmals benennt und beschreibt, könnte es so gewesen sein.

In der „Welt“ bezeichnete der Schriftsteller Thomas Glavinic Strache als „ein verletztes Kind, das ohne Vater aufgewachsen war – der Vater hatte die Mutter verlassen und seinen Sohn später sogar offiziell verstoßen.“ Dass solche biografischen Koordinaten nicht immer destruktive Auswirkungen haben müssen, beweist die Lebensgeschichte von Thomas Bernhard, der unter ähnlichen Voraussetzungen zum bedeutendsten Schriftsteller der österreichischen Nachkriegsgeschichte avancierte. Bernhard hatte jedoch in der Person seines liebenden Großvaters einen immensen Vorteil. Der Kinder- und Jugendpsychiater Paulus Hochgatterer hält einen solchen Menschen für die wichtigste Basis zur Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls: „Es muss eine Bezugsperson im Leben geben, die fürsorglich ist und der das Wohlergehen des Kindes ein Anliegen ist.“

"Wir werden’s euch schon zeigen“

Menschen mit narzisstischen Tendenzen haben diese Art von bedingungsloser Liebe mit hoher Wahrscheinlichkeit nie erfahren, sondern wurden entweder von ihren Eltern entwertet und missachtet oder in einer ungesunden Weise idealisiert und überhöht. Denn im Gegensatz zur landläufigen Ansicht, dass Narzissmus sich aus einem prahlerischen, vor Selbstherrlichkeit strotzenden Ich-Verständnis nährt, entsteht er aus einer tiefen Verunsicherung. Otto F. Kernberg, Wien-Emigrant und Psychiater von Weltrang, erklärte in einem profil-Interview, dass „die vermeintliche Grandiosität eines Narzissten ein schwer gespaltenes, traumatisiertes Selbst auszugleichen hat“. Diesem Menschentypus fehle es an Realitätsbezug, er leide an Überempfindlichkeit gegenüber Kritik und habe völlig idealisierte Vorstellungen von sich selbst. Solche Menschen endeten im Alter oft einsam und depressiv, denn Therapie ist selten wirksam.

Der Dramatiker Peter Turrini analysierte das erratische, Verhalten freiheitlicher Politiker in einem profil-Gespräch anlässlich der Berufung des Malers Odin Wiesinger in den oberösterreichischen Landeskulturbeirat (nach der profil-Geschichte wurde sie wieder aufgehoben): „Die FPÖ und ihre Ansichten liefen jahrelang unter dem Titel ,Ein Käfig voller Narren‘. Mit ihren Rülpsern aus den Kellern der Burschenschaften wurden sie belächelt und nicht ernst genommen. Das war auch der große Fehler der Linken: Man hatte sie viel zu lange nicht ernst genommen. Und plötzlich segelten einem diese Leute drall lächelnd in den Ministerien entgegen. Und Typen wie ein Andreas Mölzer ließen alle wissen: ,So, jetzt sind wir dran. Ob euch das passt oder nicht. Wir werden’s euch schon zeigen.‘“