Das Böse im Nadelstreif

Arrogant, gierig, verantwortungslos: Das Image der Finanzindustrie ist auf dem Tiefstpunkt angelangt. Rosemarie Schwaiger über eine epochale Vertrauenskrise und die Frage, ob die Banker wirklich an allem schuld sind.

Es war dann gar nicht so schlimm. Josef Ackermann benahm sich sogar ziemlich artig. Wie ein ganz normaler Mensch. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen.

Ende November hielt Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, eine Rede vor Mitgliedern der "Versammlung eines ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg“ (der Verein heißt wirklich so, auch der Kapitalismus hat seine schrulligen Seiten), als ein Grüppchen Demonstranten den Saal enterte. Es handelte sich um Vertreter der "Occupy“-Bewegung, sozusagen Ackermanns natürliche Feinde. Die maskierten Gestalten besetzten das Podium und wollten eine Erklärung vorlesen.

Augenzeugen berichten, dass die Spannung im Saal spürbar anstieg. Wie würde der Banker auf den Affront reagieren? In Kenntnis der Person durfte man alles für möglich halten, von einem wortlosen Aufbruch bis zu einer eiskalten Abrechnung mit den globalen Minderleistern. Doch Ackermann blieb freundlich. "Ich stelle mich immer gern einer Diskussion, aber einfach hinter einer Maske etwas vorzulesen, das finde ich feige“, sagte er. Kleinlaut räumten die Aktivisten das Podium und setzten sich ins Publikum, um von dort aus ein paar Fragen zu stellen. Nur ganz kurz blitzte der alte Ackermann auf, als er dann doch noch die eigene Coolness loben musste: "In Rhetorikseminaren wurde ich geschult, wie man mit Unterbrechungen umgeht. Ich bin dankbar, dass ich das heute ausprobieren durfte.“

Diese Runde ging an die Banker.
Das Lob für Josef Ackermann in vielen deutschen Medien zeigt allerdings, wie tief die Standards schon liegen. Wenn alle nur das Schlimmste von einem erwarten, ist es ziemlich leicht, positiv aufzufallen. Ein weißer Hai, der gerade keinen Appetit auf Surfer hat, wird ja auch recht billig zum Publikumsliebling.

Auf breiterer Front sieht es dieser Tage nicht gut aus für die Banker. Keine andere Branche hat in der Wirtschaftskrise so massiv an Renommee eingebüßt wie die Finanzindustrie. Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach erhob kürzlich, dass Banker zu den unbeliebtesten Berufsgruppen in Deutschland gehören. In Österreich fiele der Befund wohl ähnlich aus. Wenn Bundeskanzler Werner Faymann über die Spekulanten schimpft, dann meint er zumindest in einem erweiterten Sinn die Herrschaften im Nadelstreif. "Die Investmentbanker haben uns in die Scheiße geritten“, schrieb der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt neulich in einem Zeitungskommentar. Demonstranten in New York, Frankfurt, London und Wien gehen gegen die Macht der Finanzlobby auf die Straße. "Ich will keine Abzocker retten“, steht dann zum Beispiel auf den Transparenten. Und angesprochen fühlen dürfen sich, natürlich, wieder die Banker.

Streng genommen kommt diese Kritik ein wenig spät. Denn die aktuelle Krise der Eurozone ist, so praktisch das wäre, nicht in erster Linie den Banken anzukreiden. Wenn Angela Merkel und Nicolas Sarkozy derzeit von einem Gipfel zum nächsten jetten müssen, dürfen sie sich dafür bei ihren Politikerkollegen bedanken. Schuldenquoten jenseits von 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in der Eurozone haben die jeweiligen Finanzminister zu verantworten, nicht deren Geldbeschaffer. Es kann durchaus sein, dass schon bald wieder mit den Milliarden der Steuerzahler Großbanken gerettet werden müssen. Aber das liegt dann unter anderem an den maroden europäischen Staatsanleihen, auf denen die Unternehmen sitzen.

Der ideale Zeitpunkt für einen Proteststurm gegen die Banker wäre vor drei Jahren gewesen. Als der so genannte Subprime-Markt in den USA zusammengebrochen war und die Schockwellen der Lehman-Pleite um die Welt rasten, wurde deutlich, welch zerstörerische Macht von der Finanzindustrie ausgeht - und wie unprofessionell deren hochbezahlte Manager mitunter arbeiten.

Aber die lange Schrecksekunde nimmt Protestbewegungen wie "Occupy Wall Street“ nicht ihre Berechtigung. Besser spät als nie. Die Ursachen für die Katastrophen der Jahre 2007 und 2008 sind nach wie vor nicht beseitigt. Und die Lernkurve der Banker kann mit jener ihrer Renditeziele leider gar nicht mithalten. Kaum waren sie vor der Pleite gerettet worden, nahmen die meisten ihr altes Geschäftsmodell wieder auf, fette Gehälter und absurde Bonuszahlungen inklusive. Immer noch wird getrickst, dass sich die Mahagonischreibtische biegen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Andreas Treichl, Chef der Erste Bank. Er galt lange als Lichtgestalt des österreichischen Kreditwesens, ein Mann der klaren Worte und festen Prinzipien. Noch im Mai dieses Jahres hatte er sich bei einem Vortrag über die Zockerei seiner internationalen Kollegen beschwert. Die Politik setze völlig falsche Anreize, wenn sie für griechische Staatsanleihen weniger Sicherheiten fordere als für ganz normale Unternehmenskredite. "Unsere Politiker sind zu blöd und zu feig“, schimpfte Treichl.

Im Herbst stellte sich dann heraus, dass die Erste Bank so genannte Credit Default Swaps, also spekulative Finanzderivate, mit einem Volumen von 6,8 Milliarden Euro in ihren Bilanzen bisher einfach nicht ausgewiesen hatte. Plötzlich entstand ein Abwertungsbedarf von 460 Millionen Euro. Seither sind Treichls Auftritte in der Öffentlichkeit rar geworden, Interviews gibt er derzeit gar nicht. "Ich wüsste nicht, warum die Erste und Andreas Treichl derzeit ein Thema sein sollten“, erklärte sein Sprecher auf Anfrage. Immerhin wurde bekannt, dass der Generaldirektor Teile seines Bonus für das Jahr 2010 zurückzahlen muss. Hungern wird er trotzdem nicht, sein Jahreseinkommen betrug fast drei Millionen Euro.

Banken sollten eigentlich Dienstleister der Realwirtschaft sein. Stattdessen wurden sie zum Klotz am Bein. Dass Österreichs Triple-A, die beste Bonität als Schuldner, derzeit gefährdet ist, liegt hauptsächlich am segensreichen Wirken der heimischen Geldinstitute. Beflügelt von den Verdienstmöglichkeiten auf einem großen, kaum entwickelten Markt, eroberten Erste Bank, Raiffeisen und Bank Austria vor Jahren den ehemaligen Ostblock. Das brachte lange enorme Gewinne und üppiges Wachstum. Erst jetzt wird deutlich, wie fahrlässig Teile dieses Geschäftsmodells waren. Im großen Stil waren den Ungarn, Polen und Ukrainern Fremdwährungskredite eingeredet worden, die sie nach der Abwertung ihrer lokalen Währungen (und dem Höhenflug des Schweizer Franken) kaum mehr bedienen können. Dabei geht es um gewaltige Summen: Alles in allem vergaben Österreichs Banken in Osteuropa Kredite über 300 Milliarden Euro, das ist mehr als die gesamte heimische Wirtschaftsleistung. Sollte es im Osten richtig krachen, geht in Österreich nicht nur sinnbildlich das Licht aus. Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny erklärt diesen Fauxpas der österreichischen Elite-Banker mit "exzessivem Wettbewerb“.

Jede Berufsgruppe hat ihre eigenen Rituale und Eitelkeiten.
Auf einem Chirurgenkongress wird sich ein Fahrradhändler einsam und unverstanden fühlen. Die Hochfinanz entfernte sich vom Rest der Welt allerdings schon so weit, dass der Informationsaustausch zunehmend schwerfällt. Man hantiert mit Swaps, Zertifikaten und Futures - und geht sehr zu Recht davon aus, dass nicht einmal der durchschnittliche Finanzminister durchschaut, wie das alles funktioniert. Gibt es Kritik an hohen Bezügen, dient stets ein nicht näher definierter "Markt“ als Argument. Als in den vergangenen Monaten auf allen TV-Sendern über die Banken und ihren Anteil an der Krise getalkt wurde, glänzten die großen Bosse durch Abwesenheit. So weit kommt’s noch, dass man sich mit dem Pöbel zusammensetzt! Das Lobbying im kleinen Kreis funktioniert doch eh wie geschmiert.

Die verheerendste Waffe in den Händen der Banker ist das Attribut "too big to fail“. Es verheißt nicht weniger Lustgewinn als die Bekanntschaft mit einer guten Fee - mit dem Unterschied, dass der Banker mehr als drei Wünsche frei hat. Wer ein Finanzinstitut befehligt, das zu groß und zu wichtig ist, um einfach pleitezugehen, kann eigentlich nichts mehr falsch machen. Laufen die Geschäfte nicht nach Wunsch, muss auf jeden Fall der Staat einspringen. Die US-Investmentbank Lehman Brothers war der einzige wichtige Finanzkonzern, dem in den vergangenen Jahrzehnten die Rettung versagt wurde. Diese Insolvenz zeitigte derart katastrophale Folgen, dass dem Pilotprojekt kein zweiter Versuch folgen wird.

Der Kapitalismus hat mit den so genannten "systemrelevanten“ Banken Ungeheuer gezüchtet, die er nicht mehr beherrschen kann. "Wenn statt der Fittesten die Fettesten überleben“, beschrieb die "Neue Zürcher Zeitung“ vor Kurzem das Problem. So etwas kann auf die Dauer nicht gut gehen.

Es wäre Aufgabe der Politik, die Strukturen in der Finanzindustrie so zu verändern, dass schiere Größe nicht mehr automatisch zu einer Vollkaskoversicherung wird. Aber dafür fehlt der Mut. Die Banker werden eine solche Demontage mit Sicherheit nicht selbst in die Wege leiten. Das wäre, ganz ehrlich, auch ein bisschen viel verlangt.

Am 7. Dezember lag ein wattiertes Kuvert in der Poststelle der Deutschen Bank in Frankfurt. Es war an den Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann adressiert und kam dem Sicherheitspersonal seltsam vor. Die Polizei stellte fest, dass es sich um eine funktionsfähige Bombe handelte, die beim Öffnen des Briefs explodiert wäre. Eine linksextremistische Vereinigung in Italien bekannte sich zu dem versuchten Anschlag.

Terroristen werden das Chaos auf den Finanzmärkten mit Sicherheit nicht lösen. Aber die Politik könnte es. Sie müsste nur endlich damit anfangen - notfalls auch gegen den Willen der Banker.