Ioan Holender kritisiert den Philharmoniker-Vorstand scharf

Ioan Holender kritisiert den Philharmoniker-Vorstand scharf

Ex-Staatsopernchef Ioan Holender über den Philharmoniker-Raubkunstfall und die Versäumnisse des Orchestervorstands Clemens Hellsberg.

Interview: Stefan Grissemann

profil: Wie bewerten Sie die Aufarbeitung der NS-Geschichte der Wiener Philharmoniker und deren Ankündigung, das Raubkunstbild von Paul Signac an die Erben des enteigneten Besitzers zu restituieren?
Ioan Holender: Diese Entscheidung ist doch wieder bloß eine Reaktion, keine Aktion. Der Vorstand der Philharmoniker – und nur um diesen geht es hier, nicht um die Mitglieder dieses Vereins – hat immer nur reagiert. Schon in der Causa Schirach, dem Fall der noch 1966 vollzogenen Ehrung des Ex-Gauleiters, wurde Clemens Hellsberg erst 2013 über massiven Druck von außen initiativ. Dabei hätte er nur das Buch des Sohnes Schirachs lesen müssen, um zu wissen, woran er war.

profil: Regiert Hellsberg derart unumschränkt? Niemand sonst hat bei den Philharmonikern etwas zu sagen?
Holender: Natürlich hätten auch die Mitglieder Fragen zum Gemälde Signacs stellen können, wenn sie Zugang zum Orchesterarchiv haben sollten – was ich aber bezweifle. Nein, Hellsberg hat sich letzthin mit den bemerkenswerten Worten verteidigt, er habe ohnehin „nie das Gefühl“ gehabt, dass jenes Bild den Philharmonikern „gehört“ habe. Kann ich also auch, wenn ich dieses Gefühl habe, bei mir im Keller ein Kunstwerk, das mir nicht gehört, über Jahrzehnte behalten? Das ist doch absurd.

profil: 74 Jahre lang lagerte das Bild Paul Signacs im Archiv der Philharmoniker . Erst 2013 bat Hellsberg die Provenienzforscherin Sophie Lillie um Hilfe. Und er hat betont, dass er seit drei Jahrzehnten Anwälte in der Causa beschäftige.
Holender: Ja, offenbar sehr erfolglos. Auch in meiner Direktionszeit gab es innerhalb des Orchesters viele ernste Gespräche zum Umgang mit der NS-Vergangenheit der Philharmoniker. Aber junge Musiker, die sich dazu Gedanken machen, können nicht neben ihrer überbelastenden Tätigkeit als Philharmoniker und Staatsopernmitglieder noch solche Probleme lösen. Das müsste schon der Vorstand leisten.

profil: Haben Sie je versucht, Hellsberg unter Druck zu setzen? Sie thematisierten 2008 in der Ausstellung „Opfer, Täter, Zuschauer“ das NS-Erbe der Philharmoniker, auch die Vertreibung jüdischer Künstler. Unterlagen aus dem Archiv der Philharmoniker waren damals selbst für den Staatsoperndirektor nicht zu bekommen?
Holender: Nein. Der Vorstand der Philharmoniker wirkte an dieser Ausstellung nicht mit – und gewährte niemandem, auch Medien, keinen Archivzutritt. Da gebe es nichts zu entdecken, signalisierte man nur. Die Philharmoniker sind ein Privatverein, aber seine Mitglieder sind als Musiker des Staatsopernorchesters Beamte des Staates und werden mit ihrem Grundgehalt von diesem entlohnt. Mir sind leider alle Versuche misslungen, die jeweiligen politisch Verantwortlichen dazu zu bewegen, mehr Verantwortung für ein von der Republik Österreich querfinanziertes Orchester zu übernehmen – und beispielsweise den Zugang zum Archiv durchzusetzen. Herr Hellsberg war schließlich neben seiner Vorstandstätigkeit auch der verantwortliche Archivar der Philharmoniker.

profil: Der Vorstand steht seit Jahren in der Kritik. Hellsberg erschwere die Forschung erheblich, heißt es. Er verteidigte sich mit den Worten: „Wir sind ein privater Verein und weder verpflichtet, ein Archiv zu haben, noch es zu öffnen.“ Warum ist er derart zögerlich in der Offenlegung der Geschichte seines Orchesters?
Holender: Um mit Shakespeare zu sprechen: „Er ist, wie er ist.“

profil: Hellsberg legte 1992 eine – zwar umstrittene – wissenschaftliche Arbeit zur Geschichte der Philharmoniker vor.
Holender: Von Wissenschaft kann da keine Rede sein. Da fehlen auffallend viele entscheidende Themen. Nein, einen positiven Willen, ohne Zwang Licht in die Vergangenheit der Philharmoniker zu bringen, habe ich bei dem gegenwärtigen Vorstand nie gespürt.

profil: Hellsberg verteidigt sich, was den jüngsten Fall betrifft, damit, dass er zunächst die Erben finden musste und die Sache erst dann verlautbaren wollte. Kann es so gewesen sein?
Holender: Das ist nicht seine Sache. Dafür gibt es in Österreich kompetente Stellen.

profil: Hellsberg hat die Provenienzforschung des Bundes nicht eingeschaltet.
Holender: Aber dies hätte er natürlich tun müssen. Der Vorwurf ist immer derselbe: Hellsberg agiert ausschließlich, wenn er unter Druck gerät. Von sich aus bliebe er alle Informationen schuldig.

profil: Sie hatten stets ein schwieriges, konfliktreiches Verhältnis zu Hellsberg.
Holender: Nein, er war sogar einer der Wenigen, mit denen ich als Staatsoperndirektor per Du war. Aber eines kann ich bestätigen: Den Kampf für die Anwesenheit des engagierten Orchesters im Graben der Staatsoper habe ich von Anfang an geführt. Und ich hatte mit Hellsberg vor allem durch die enorm überhöhte Tätigkeit der Philharmoniker außerhalb der Staatsoper immer größere Spannungen.

profil: Gehen Sie davon aus, dass weitere NS-Beutestücke bei den Philharmonikern zu finden wären, Instrumente und Manuskripte etwa?
Holender: Da habe ich keine konkreten Vermutungen, aber ich schließe im Leben das Schlechte nie aus.

profil: Der Grüne Abgeordnete Harald Walser nannte Hellsberg einen „Historienmaler“. Stimmen Sie dem zu?
Holender: Sagen wir, ich habe schon verfehltere Bezeichnungen gehört.

profil: Sollte sich Hellsberg nicht auch angesichts des Applauses der FPÖ fragen, ob er etwas falsch gemacht habe? „Bewundernswert“ sei „die Ruhe und Feinheit“, mit der Hellsberg die Anwürfe der Grünen pariert habe, bemerkte etwa FP-Bildungssprecher Rosenkranz einmal.
Holender: Die Politik spielt ihre eigenen Spiele. Ich glaube, dass Hellsberg von seinen Aufgaben restlos überfordert ist. Ich bin immerhin froh, dass das Frauenproblem der Philharmoniker noch in meiner Amtszeit zu lösen war – auch wenn es ungeheuer turbulent gelöst wurde.

profil: Was wäre denn aus Ihrer Sicht jetzt noch zu tun?
Holender: Ich werde nicht als Ratgeber für Herrn Hellsberg fungieren. In Sachen NS-Vergangenheitsbearbeitung ist in ganz Österreich noch sehr viel zu tun, man scheint hierzulande nach wie vor einen seltsam positiven Zugang zu dieser Vergangenheit zu haben – vom Lueger-Ring bis nach Braunau. Da rangieren Hellsberg und die Philharmoniker ohnehin nur noch unter ferner liefen.