Jessica Hausners feingliedrige Kleist-Rekonstruktion „Amour fou“

Jessica Hausners feingliedrige Kleist-Rekonstruktion „Amour fou“

Suicide-Dating anno 1811: Jessica Hausners feingliedrige Kleist-Rekonstruktion „Amour fou“ wurde bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt.

Die Liebe hat im ­österreichischen Gegenwartskino – oder wenigstens in seinen ­Titeln – Hochkonjunktur: Nach Michael ­Hanekes „Amour“ und Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ schlägt nun auch „Amour fou“ in dieselbe Kerbe, freilich mit austrotypischer Morbidezza. Am Freitag vergangener Woche jedenfalls, am dritten Spieltag des ­bedeutendsten Filmfestivals der Welt, präsentierte Österreichs diesjährige Teilnehmerin im Salle Debussy des Palais du Cinéma spätabends ihren jüngsten Film: Jessica Hausners „Amour fou“, zwar nicht im Wettbewerb zu sehen, sondern in der Nebenschiene „Un Certain Regard“, machte Eindruck – ­und passte perfekt nach Cannes. Denn mit Heinrich von Kleist wählte sie einen alten Favoriten des französischen Autorenfilms – Eric Rohmer hatte sich „Die Marquise von O“ bereits 1976 vorgenommen (sowie 1980 fürs Fernsehen „Catherine de Heilbronn“), und erst unlängst verfilmte Arnaud des Pallières ­„Michael Kohlhaas“.

Mit einem Skandälchen, über das sich Cannes-Chef Thierry Frémaux sehr gefreut haben wird, hatten die Filmfestspiele in Cannes am Mittwoch-abend begonnen: Olivier Dahans „Grace de Monaco“, ein Abriss des Lebens der Fürstin Gracia Patricia, vormals Grace Kelly, nunmehr verkörpert von Nicole Kidman, stieß schon im Vorfeld trotz biederer Machart auf heftigen Widerstand seitens des Fürs-tenhauses von Monaco. Der Film verdrehe die Tatsachen, habe vieles aus kommerziellen Erwägungen frei erfunden. Aber so ist das mit dem Kino: Es hält sich einfach nicht an die Tatsachen. Am Donnerstag ging mit Mike Leighs großem Kunsthistorienfilm „Mr. Turner“ ein zweiter biografisch motivierter, ungleich ambitionierterer Film als erster Wettbewerbsbeitrag an den Start, eine Studie (und praktische Anwendung) experimenteller britischer Landschaftsmalerei.

Hausners „Amour fou“ dagegen, koproduziert in Luxemburg und Deutschland, ist von einer Filmbiografie trotz des Themas weit entfernt – und dies mit voller Absicht, denn die Regisseurin versteht ihren Film als freie Fantasie über die letzten Monate im Leben eines todessehnsüchtigen Dichters im Berlin des Jahres 1811. Kleist, 34, plant den Freitod, nur will er dies nicht allein tun, sondern gemeinsam mit einer Frau, also „aus Liebe sterben“. Die verehrte Cousine, die er diesbezüglich bedrängt (Sandra Hüller in einer wenig fordernden Nebenrolle), stellt sich sehr entschieden nicht zur Verfügung, also sucht der Dichter weiter – und stößt auf eine junge Frau, die sein Ansinnen ebenfalls erst ablehnt, aber bald einen guten Grund für ihre Zusage zu haben meint: Birte Schnöink gibt eine ratlose, bemitleidenswerte Henriette Vogel, während der aus Hanekes „Das weiße Band“ bekannte Christian Friedel einen gedrungenen, von der Welt sichtlich bedrückten Kleist spielt, der in seinem Todeswunsch sinis-ter, aber dann auch wieder äußerst skurril erscheint. Die Larmoyanz hat ihn fest im Griff: „Mir ist auf Erden nicht zu helfen“, gibt er bekannt. „Warum lassen Sie sich nur so gehen?“, tadelt ihn die Cousine.

Ihr makabres Sujet bietet Hausner in radikaler Stilisierung dar: Man spürt noch immer, dass die Filmemacherin in Michael Haneke ­einen frühen Mentor hatte und seit je dem französischen ­Autorenkino zugetan ist, von Bresson und Rohmer bis Straub/Huillet. Es ist kein Zufall, dass „Amour fou“ die bereits vierte Premiere eines Hausner-Werks in Cannes markiert. Theaterhaft ist dieser – in den Dialogen akribisch dem Ton der Zeit angepasste – Film nur auf den allerersten Blick, die spröde Form hochkünstlichen Schauspiels und symmetrischer Bildkomposi­tionen zeitigt genuin ­filmische Wirkung. „Amour fou“ ist ein Historienfilm, der unentwegt über die eigene Gattung nachdenkt. Einige wenige Szenen unter freiem Himmel kontrastieren die vielen Innenaufnahmen, in denen steife Salonkonversationen ­geführt werden, obwohl man kaum noch Luft zum Atmen hat; mitunter stehen die Menschen einander nur noch hilflos im Raum gegen-über. Die bei Hauskonzerten vorgetragene Musik und die exquisite Farbgebung der Interieurs und Kleidungsstücke bilden kurzfristige Freiräume in einem streng reglementierten, ritualisierten Universum aus Tapetentüren und Mosaikböden, aus Spiegeln und Vorhängen, Stehkragenhemden und Spitzenkleidern.

Die komödiantischen Untertöne in diesem sehr nüchternen Film sind gewollt. Jessica Hausner betrachtet ihn tatsächlich, nur halb ironisch, als „romantic comedy“ – und als politisch explizit: Neue Steuergesetze sollen in Kraft treten, hört man, das Ende der Leib­eigenschaft wird erwogen. „Amour fou“ spielt in einer sich rasant wandelnden Welt, das Experiment Demokratie,­ „verdammungswürdig“, wie die höheren Stände meinen, kommt gerade in die Gänge. So geht es in „Amour fou“ letztlich nicht um eine Liebe, sondern um eine bloße Übereinkunft, und nicht um ­Wahnsinn, eher nur um die unheilvolle Verkettung von Selbstsucht, Naivität und fehlerhafter Planung. Im Kino geht diese Themenverfehlung auf. Die beklemmende Liaison von Politik und Tod ist die ­eigentliche Amour fou dieses Werks.