Judith Holofernes: Rückkehr einer Heldin

Judith Holofernes: Rückkehr einer Heldin

Neue Leichtigkeit: Judith Holofernes, Frontfrau der auf Eis gelegten Band Wir sind Helden, veröffentlicht ihr erstes Soloalbum.

Von Philip Dulle

Judith Holofernes muss raus. Spazieren gehen, ein wenig frische Luft schnappen. Das profil-Interview, am Telefon geführt, wird kurzerhand zum Spießrutenlauf durch ihren Berliner Kiez, während der Wind immer wieder droht, ihre Stimme zu verschlucken. Doch Holofernes, Sängerin und Texterin der seit 2011 offiziell pausierenden Deutschpop-Band Wir sind Helden, lässt sich so schnell nicht unterkriegen. Gut gelaunt ist sie. Das Wetter sei frühlingshaft in Berlin, sagt sie mit ansteckend fröhlicher Stimme. Dass sie eigentlich nicht nur vom Wetter spricht, sondern vor allem auch von ihrem Gemütszustand, muss die 37-Jährige gar nicht erst betonen. Ruhig sitzen kann sie derzeit ohnehin nicht. Nach zweijähriger Bühnenabstinenz hat sie wieder Lust, auf der Bühne vor ihrem Publikum zu stehen.

Denkmalspruch
In diesen Momenten klingt sie so, wie man sich Judith Holofernes während ihrer aktiven Heldenzeit gerne vorgestellt hat: als sympathische Frontfrau einer Band von nebenan, als Teil eines Künstlerkollektivs, das immer versucht hat, alles richtig zu machen, sich nicht verkaufen wollte und der reinen Vermarktbarkeit lieber ein paar konsumkritische Reime entgegenschleuderte. Die simple Frage "Muss ich immer alles müssen, was ich kann?“, die sie in ihrem Hit "Müssen nur wollen“ stellt, gehört zu den eindringlichsten deutschen Textzeilen des Nullerjahre-Pop: ein Denkmalspruch, der sich gut auch auf Hauswände schmieren lässt.

Songs voller Schönheit und Poesie
Wir sind Helden war ein basisdemokratisches Experiment. Judith Holofernes (Gesang, Gitarre), Jean-Michel Tourette (Gitarre, Keyboard), Mark Tavassol (Bass) und ihr Lebenspartner Pola Roy (Schlagzeug) mühten sich ab, immer alles gemeinsam zu entscheiden. Der Erfolg lag auch darin begründet, dass die Band in den Jahren ihres Bestehens nie aufgehört hatte, nach dem richtigen Leben im falschen zu suchen. Man schrieb Songs voller Schönheit und Poesie, schuf Wortspielereien, die auch elf Jahre nach dem Debüt "Die Reklamation“ (2003) noch überraschen können. Texte, die nicht nur eine Spur intelligenter waren als jene der Konkurrenz, sondern auch gespickt mit liebevollen Metaphern. Holofernes spielte dabei elegant mit Worten und praktizierte einen Lebensentwurf, der vielen Menschen zwischen 15 und 35 entsprach - nicht nur in Deutschland, dem Land der "begrenzten Unmöglichkeiten“, wie sie einmal formulierte, auch in Österreich und der Schweiz bot ihre Musik einen Referenzrahmen.

„Wir haben das Buch zugeklappt”
Die vergangenen beiden Jahre hatte sich Holofernes fast vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Das vierte Helden-Album, folgerichtig "Bring mich nach Hause“ (2010) betitelt, war ein würdiger Abschluss, ausgestattet mit wehmütigerer Grundstimmung, die Texte dunkler und erwachsener. "Wir haben das Buch zugeklappt,“ sagt die Sängerin heute lakonisch über das Ende der Band, "aber eben nicht weggeschmissen.“ Sie selbst war in jener Zeit auf der Suche - nach der alten Leichtigkeit und dem simplen Glück. Die Kunst sollte wieder Teil ihres Alltags werden, ihre Liebe zur Musik nicht nur im Laufrad von Plattenaufnehmen, Plattenveröffentlichen, Plattenpromoten und Auftourgehen stattfinden.

Alles auf Anfang
Nun stellt Judith Holofernes alles auf Anfang, geht zurück in eine Zeit vor dem Ruhm, vor all den Talkshow-Auftritten und den Headliner-Konzerten vor 80.000 Menschen bei "Rock am Ring“. Noch als Mutter zweier Kinder absolvierte sie mühselige Konzerttourneen, stets kurz vor dem Zusammenbruch, vollgepumpt mit Medikamenten und Kamillentee. Im Nachhinein klingt das alles auch für Judith Holofernes nach einem großen Missverständnis.

Im Vorab-Video zu ihrem ersten Soloalbum, das sie "Ein leichtes Schwert“ genannt hat (eine EP erschien im Eigenverlag bereits 1999, ein Jahr vor Gründung der Band), spaziert sie nun, als Ritter verkleidet, die Rüstung aus Wolle, ein Filzpferd um die Hüfte geschnürt, durch ihr Berlin. Sie kämpft gegen Windmühlen und den eigenen Schatten, tänzelt vorbei an überraschten Passanten, das Holzschwert im Takt schwingend. Das neue Album ist fertig, Tour und Begleitmusiker sind gebucht. Ihr Mann wird sie erstmals nicht als Schlagzeuger begleiten. Jetzt geht es zur Abwechslung nur um sie. Judith Holofernes, immer noch eine Heldin.

Judith Holofernes: Ein leichtes Schwert (Four Music/Sony)

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„Wie ein Panzerkreuzer”

profil: Ihre Band ruht seit 2011. Das klingt nach einer Beziehungspause, um sich die Trennung ein wenig leichter zu machen.
Judith Holofernes: Da ist etwas Wahres dran. In einer Beziehung wäre jetzt natürlich alles aus. Das vorläufige Ende hat aber auch mit den Lebensumständen zu tun. Mittlerweile haben wir, über die Band verteilt, fünf Kinder und wohnen in drei verschiedenen Städten. Da wird es schon sportlich.

profil: Hatte die Band nicht ein natürliches Ablaufdatum?
Holofernes: Es ist doch euphorisierend, mal etwas Neues zu machen. Ich mag es, wenn Musiker Haken schlagen, Erwartungshaltungen enttäuschen. Auch als Fan finde ich es wenig attraktiv, wenn Bands auf Teufel komm raus zusammenbleiben. Und das manchmal über 30 Jahre lang - aus oft fragwürdigen Gründen.

profil: Das vierte Wir-sind-Helden-Album klang wie eine Verabschiedung.
Holofernes: Ein wenig, ja. Aber wir haben nicht aufgehört, weil uns nichts mehr eingefallen ist. Wir haben uns weiterentwickelt, einen neuen Grundton gewählt. Ich bin froh, dass wir die Platte noch aufgenommen haben. Kunst und Demokratie zusammenzubringen, ist zwiespältig: Man bereichert sich gegenseitig, aber es bleibt auch vieles auf der Strecke.

profil: Die Basisdemokratie war nicht nur Koketterie?
Holofernes: Jede Entscheidung hat Wochen gedauert. Unkompliziert war es nie. Wir waren wahnsinnig langsam. Unser hoher Anspruch, möglichst alles richtig zu machen, hat es nicht leichter gemacht. Aber es hat uns auch vor größeren Fehlern beschützt. Als Band waren wir wie ein Panzerkreuzer.

profil: Zu einer Soloplatte hatten Ihnen findige Musikmanager bereits am Anfang Ihrer Karriere geraten.
Holofernes: Das Perfide an der Sache war, dass wir verdammt nochmal eine Band waren, die noch dazu wunderbar funktioniert hat! Ich wollte Teil dieser Band sein, auch die Möglichkeit haben, mich hinter dem Namen und den anderen Musikern zu verstecken.

profil: Mussten Sie sich von Wir sind Helden erst emanzipieren?
Holofernes: Abgrenzen musste ich mich nie. Jeder von uns hatte genug Platz innerhalb der Band. Heute ist es eher die Emanzipation von einer Rolle. Ich fühle mich viel weniger festgelegt.

profil: Ein Leben ohne Musik konnten Sie sich nie vorstellen?
Holofernes: Nein, nie! Ich bin ja seit meiner Kindheit ein hingebungsvoller Musik-Nerd. Ich glaube, das kennt man sonst eher von Männern.

profil: Im Song "MILF“ rattern Sie Ihre beeindruckende Plattensammlung runter.
Holofernes: Wie gesagt: Voll-Nerd! In den 1970er-Jahren wäre ich gerne Radio-DJ gewesen. Nicht wegen der besseren Musik, sondern weil man damals noch spielen konnte, was man wollte.

profil: Hausfrau und Mutter wäre keine Option gewesen?
Holofernes: Fluchtfantasien hatte ich viele. Die haben sich aber schnell wieder verflüchtigt. Das Schreiben soll in Zukunft mehr im Mittelpunkt stehen; ich betreibe ja auch einen Blog und arbeite an kleineren Buchprojekten.

profil: War der Aufnahmeprozess zu "Ein leichtes Schwert“ dann tatsächlich so leichtfüßig, wie sich das anhört?
Holofernes: Es war ein großer Spaß. Ich hatte ein Mixtape für alle Beteiligten zusammengestellt, um leichter erklären zu können, was ich vorhatte. Ich habe viel experimentiert und Gitarre gespielt. Im Studio haben wir dann aus der Hüfte geschossen. Es hat sich alles tatsächlich sehr leicht angefühlt.

Holofernes gastiert am 9.4. in Wien (Arena) und am 10.5. in Graz (Orpheum).


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