Kakteen und Seifenkisten: Österreichs andere Präsidenten

Christian Kreuzer von den Freunden der Zahl Pi.

Christian Kreuzer von den Freunden der Zahl Pi.

Rund 120.000 Präsidenten gibt es in Österreich. Sie sitzen Kakteenzüchtervereinen vor, leiten Grillsportverbände oder Libellenclubs. Eine Rundreise zu höchsten Amtsträgern, kleinen Problemen und großen Glückszuständen.

Der Mensch braucht einen Sinn im Leben - und jemanden, der ihn stiftet. Das kann der Partner sein oder der Chef, die Kunst oder die Natur. Doch der direkteste Weg zur Sinnstiftung führt immer noch über den Verein. Laut einer Studie des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung sind 58 Prozent aller Österreicher in Vereinen engagiert, die meisten davon in Sportvereinen, beim Roten Kreuz, bei Gesangs-, Musik- oder Kulturvereinen sowie Freiwilligen Feuerwehren. Allein der Österreichische Blasmusikverband zählt über 100.000 registrierte Musikerinnen und Musiker; mehr als 80.000 Männer und Frauen sind in Trachten- und Heimatverbänden eingetragen. Insgesamt gibt es in Österreich mehr als 115.000 Vereine, die laut Vereinsgesetz vorrangig "der gemeinschaftlichen Verfolgung eines ideellen Zweckes“ dienen sollten, wobei diese ideellen Zwecke sehr unterschiedlich ausfallen und von der Austragung mittelalterlicher Rollenspiele bis zur Aufzucht argentinischer Rinderrassen reichen können. Was alle diese Vereine verbindet, ist das, was das Vereinsgesetz etwas unerotisch als "Leitungsorgan“ bezeichnet. Man darf es ruhig auch "Präsident“ nennen. Je nach Fachgebiet und Persönlichkeitsstruktur überwiegen bei diesem Amt die Repräsentation oder die Organisation, das Leithammeltum oder die Buchprüfung. Eine Gemeinsamkeit darf freilich angenommen werden: eine Leidenschaft für die Sache - und sei sie noch so spinnert.

Pibelforschung

Im freien Fall deklamierte Christian Kreuzer die ersten 100 Stellen der Zahl Pi - dann erst öffnete er seinen Fallschirm. Seither darf er sich einen Freund der Zahl Pi nennen, mittlerweile ist der 50-Jährige sogar Präsident des Vereins, der sich der Förderung des Geistes von Pi widmet. Die Mitglieder sind bunt zusammengewürfelt, nur wenige haben eine Affinität zu Mathematik. Pi bedeutet viel mehr. "Man könnte sagen, Pi ist eine Summe an Zufällen. Das lässt sich sofort auf das Leben übertragen“, erklärt Kreuzer. Die Zahl hat unendlich viele Stellen, jede erdenkliche Zahlenkombination ist in ihr enthalten. Kreuzer erzählt von der Kreiszahl und davon, wie er die höchste Pi-Verkündung in Pakistan auf mehr als 8000 Metern Höhe bewerkstelligte. Nur ein Wetterballon samt Mikrofon stieg noch höher und wurde prompt zum Ehrenmitglied ernannt.

Kreuzer ist braungebrannt und trägt die obersten Hemdknöpfe offen. Neben seinem Hobby, das er als wundervoll nutzlos beschreibt, ist er als Unternehmensberater tätig. Der Verein hat sehr lose Strukturen, zählt aber mittlerweile sogar Mitglieder aus Deutschland und der Schweiz. Am 14. März (3/14) ist Pi-Tag, am 22. Juli (22/7) wird Pi-Annäherungstag gefeiert. "An Pi-Tagen dürfen wir nur Sachen mit Pi essen: Pistazien, Pizza, Pilze, Pinienkerne. Und Pier.“ Ab und zu hole der Gründer des Vereins, Albert Washüttl, die "Pibel“ hervor - ein Buch voller Nachkommastellen. "Das ist wie Meditation. Durch Pi zeigt sich, dass es noch eine andere Ordnung gibt. Pi steht über den Dingen und transzendiert sie. Irgendeine Aussage trifft das über die Welt.“

Lisa Wölfl

Verleiht Flügel

"Meine Libellengeschichte hat ihren Ursprung am Teich meiner Eltern - gleich dort drüben“, sagt Rainer Raab, Präsident der österreichischen Arbeitsgemeinschaft Libellen (ÖAL), und deutet auf einen der Nachbargärten. Raab kennt die Libellen der Region wie kein anderer. Das Gebiet um Deutsch-Wagram war früher trockener, es gab nur wenige Gewässer - und weit und breit keine Libellen. "Ich war 17 Jahre alt. Meine Eltern hatten einen Teich angelegt. Mit dem letzten Wassertropfen war eine blau-grüne Mosaikjungfer da“, erinnert sich Raab, und seine Sprechgeschwindigkeit nähert sich dem Flügelschlag der Libelle. Das filigrane Wesen hat ihn seit damals fasziniert. Zur Matura bekam er von seiner Mutter ein Buch über Libellen geschenkt, 20 Jahre später hat der Odonatologe (Libellenkundler) gemeinsam mit Kollegen selbst einen Atlas über die Insektengruppe verfasst. "Libellen Österreichs“ ist mittlerweile vergriffen, der Springer-Verlag hat aber bereits um eine Neuauflage angefragt.

EU-weit gewinnt die Insektengruppe zunehmend an Relevanz. So werden die Tiere etwa als Bioindikatoren eingesetzt. "Aktuelle Themen wie der Klimawandel können mit Libellen sehr gut aufgezeigt werden“, meint Libellenkundler Raab und berichtet von Coenagrion Hylas, auch Bileks Azurjungfer genannt. Diese Libellengattung kommt nur noch an fünf Gewässern in Tirol und in Sibirien vor. Die Bileks Azurjungfer, ein Eiszeit-Relikt, flüchtet vor den steigenden Temperaturen immer weiter ins Gebirge. Sie steht in Europa unter Schutz. Libellen haben freilich schon die Dinosaurier überlebt und seither ein paar interessante Strategien entwickelt. Unter anderem sind die männlichen Tiere in der Lage, das Spermium eines Paarungsvorgängers aus dem Weibchen zu entfernen. "Das Schlimmste, was einer Libelle passieren kann, ist, dass ein anderes Männchen vorbeifliegt“, lacht Rainer Raab.

Sara Noémie Plassnig

Soap Opera

Wilhelm Absenger, 66, pensionierter Zimmerei-Unternehmer aus Zeillern bei Amstetten, trägt Hemingway-Bart und Palm-Beach-Poloshirt und zeigt Handyvideos. In breitem Mostviertler Zungenschlag erzählt er von früher: "Als junger Mann hab ich ja schon verrückte Sachen gemacht.“ Er bestritt zum Beispiel Motorbootrennen in selbst gebauten Speedboats. Anno 1980 wurde er in Laredo, Texas, mit einem Kompagnon sogar Weltmeister in der Klasse 700 Kubikzentimeter: "Den Motor hab ich im Handgepäck mitgenommen. Geflogen sind wir in einem Truppentransporter der Amis von Luxemburg mit Zwischenlandung in Island.“

Im Ruhestand hat Absenger wieder den Anschluss zur Rennszene gefunden, es zieht ihn immer noch zu den Motorbooten, daneben aber vor allem zur Seifenkiste. Absenger ist Präsident des Vereins Austria Seifenkiste, da kommt einiges zusammen: Produktion der Renn-Kisten nach internationalen Normvorgaben, Keilen von Sponsoren, Konzeption neuer Rennserien, Kommissionierung von Strecken, Lobbying. Ein Präsident ruht nicht. Ende August 2017 soll auf dem Red-Bull-Ring in Spielberg die Soap-Box-WM stattfinden, Absenger hat das Event nach Österreich geholt und ist durchaus stolz darauf. Es handelt sich schließlich um einen ehrwürdigen Sport, keinen Jux-Bewerb, wie viele leider immer noch glauben, wobei: "Die Deutschen sind schon ein Wahnsinn, die nehmen das so richtig ernst.“ 3500 Fahrer sind dort in 120 Vereinen registriert, manchmal berichtet sogar das Fernsehen. "Jeder sagt: Seifenkisten, jaja. Aber du musst dir die Szene einmal genauer anschauen, was da an Leidenschaft drinsteckt. Da wird um Hundertstelsekunden gefahren. Und ob ein Fahrer sieben Jahre alt ist oder 14 - jeder hat die Chance, zu gewinnen. Wobei man sagen muss, dass Mädchen viel runder fahren als Buben, die den Schwung vor lauter Zackigkeit oft in der Spurrille abstechen.“

Das Schöne am Seifenkistensport sei aber nicht nur die Renn-Action (bis zu 70 Stundenkilometer werden erreicht), sondern auch die Tüftelei in Werkstätte und Fahrerlager sowie, ganz besonders, der familiäre Charme: "Wir fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl. Jeder ist angehalten, seinen Konkurrenten zu applaudieren. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft. Und wir holen die Kinder auch einmal vom Computer weg.“ Fünf Jahre will Absenger sein Ehrenamt noch ausüben, "dann ist mein Enkelsohn alt genug, um in der Rookie-Klasse zu starten. Das möchte ich noch erleben.“

Sebastian Hofer

Besenrein

Einen Besenstiel zwischen die Beine geklemmt, einen Ball in der Hand: So sieht Max Liebetreus Sportroutine aus. Er spielt die nicht-magische Muggle-Version des Harry-Potter-Sports Quidditch. Dafür wird er hin und wieder belächelt, das ärgert den 23-Jährigen aber nicht. Was auf den ersten Blick nach unkoordiniertem Kuddelmuddel aussieht, ist in Wahrheit ein schweißtreibender Sport mit komplexen Regeln. "Quidditch kann man mit Rugby vergleichen. Der Sport ist sehr körperlich“, erzählt Liebetreu. Als Treiber spielt er eine der brutaleren Positionen. In Buch und Film sausen die Quidditch-Teams auf magischen Besen durch die Lüfte, versuchen, Tore zu schießen und den goldenen Schnatz zu fangen, der im Original ein blitzschneller Ball mit Flügeln ist. Beim Muggle-Quidditch mimt ein Mensch den goldenen Schnatz, rennt über das Feld, im Hosenbund einen Strumpf, in dem ein Ball steckt.

Liebetreus Zeit als Vereinspräsident von Quidditch Austria ist bald vorbei. Er muss sich auf sein Physikdoktorat konzentrieren und wird deshalb alle offiziellen Funktionen zurücklegen. Der Sport erlebt nach einem Hype in den vergangenen zwei Jahren gerade eine ruhigere Zeit. Immerhin holte das österreichische Team den 14. Platz (von 21) beim diesjährigen Quidditch Worldcup in Frankfurt. Die Liebe zu Harry Potter begann bei Liebetreu mit dem ersten Buch und hält bis heute an. Bevor er Quidditch für sich entdeckte, machte Liebetreu sechs Jahre lang Gesellschaftstanz. "Dadurch habe ich eine gute Haltung und Körperspannung. Das hilft auch beim Quidditch.“

Lisa Wölfl

Das Fleisch ist willig

Adi Matzek kommt gerade vom Urlaub aus Kuba zurück. Im realsozialistischen Paradies musste der Grillverbandspräsident feststellen, dass Kubas Schweinekultur zu wünschen übrig lässt: "Die Qualitätsansprüche, die wir in Europa stellen, sind dort eigentlich nur mit Fisch oder Geflügel zu erfüllen.“ Matzek hat somit ein weiteres Argument dafür, dass man die europäische Grillkultur durchaus selbstbewusst pflegen darf. Genau das macht Matzek seit eineinhalb Jahren quasi hauptamtlich; damals verlegte sich der Waldviertler Fleischermeister in dritter Generation und Doppel-Grillweltmeister 2005 (in den Kategorien Fisch und Rind) ganz auf die Funktion eines Interessenvertreters der Grillkultur. In der eigenen Grillschule bietet Matzek Seminare an, als Präsident der Austrian Barbecue Association (ABA) veranstaltet er Meisterschaften, bildet Juroren aus, fädelt Kooperationen ein und sorgt für Grill-Publicity. "Wintergrillen ist zum Beispiel ein Thema, das langsam richtig zu greifen beginnt. Anfang Dezember machen wir eine Grillvorführung beim Ski-Opening am Arlberg.“ Es gehört zu den Aufgaben eines ABA-Präsidenten, "das Grillzeitfenster so weit wie möglich aufzumachen. Das ist natürlich auch für den Handel ein Thema.“

Matzek versteht es, viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, Interessen zu verknüpfen, Themen zu setzen. Das moderne Ernährungsbewusstsein spielt ihm dabei in die Hand, "Grillen ist die bekömmlichste Art der Fleischzubereitung“, sagt Matzek und spricht fachkundig von Aussaftung und intramuskulären Fettanteilen, will es mit der Ernsthaftigkeit aber nicht übertreiben. Es geht um Genusskultur und deren Vermarktung, aber auch um den Spaß an der Sache: "Raus aus dem klimatisierten Büro, rein in die Natur, sich selbst wieder spüren, back to the roots.“ An potenzieller Klientel mangelt es Matzek übrigens nicht: "Hinter jedem Gartenzaun steht ein Grillweltmeister.“

Sebastian Hofer

Stechproben

Schon im Alter von fünf Jahren bekam Thomas Hölzel, heute Präsident der Wiener Kakteenfreunde, von einer Nachbarin seinen ersten Kaktus geschenkt. Seitdem hatte er immer Kakteen um sich, selbst in der Pubertät, "wo auch ganz andere Interessen da waren“, wie der 59-Jährige betont. Heute besitzt Hölzel zwischen 10.000 und 15.000 Kakteen, ganz genau weiß er es nicht. Über sein Präsidentenamt sagt der pensionierte Nachrichtentechniker: "Jeder Verein braucht irgendjemanden, der an der Spitze steht. Und es ist sicher nicht schlecht, wenn der Präsident ein kommunikativer Typ ist und Leute mitreißt.“ Ein Präsident hat freilich auch administrative Aufgaben. Mit ungebrochener Begeisterung organisiert Hölzel seit mittlerweile 24 Jahren Vereinsabende, Pflanzentauschmärkte und öffentliche Auftritte. Einmal im Monat treffen sich die Wiener Kakteenfreunde zu Fachvortrag und anschließendem Fachsimpeln in einem Gasthaus im 22. Bezirk.

"Es ist eine schöne Beschäftigung, mit Pflanzen Zeit zu verbringen“, schwärmt Hölzel. Der Zeitaufwand variiert: Im Winter machen Kakteen Winterruhe und bekommen kein Wasser. Im Sommer dagegen muss Hölzel schon um halb fünf Uhr aufstehen, um mit dem Gießen rechtzeitig fertig zu werden. Dass der Altersdurchschnitt der rund 170 Wiener Kakteenfreunde bei knapp 70 Jahren liegt, stimmt Hölzel traurig. "Die Jungen kommen nicht, sie holen sich die Informationen lieber aus dem Internet. Dort kann man aber auch nicht alles erfahren.“

Julia Pfleger

Lobby als Hobby

Im Grund war es ein Zufall, der Gaby Gotschke zur Meerschweinchenhaltung brachte: "Ich habe auf das Meerschweinchen der Kinder meines damaligen Chefs aufgepasst und mir gedacht, dass eine Meerschweinchenhaltung nicht so ausschauen sollte. Da habe ich mich erkundigt und bin auf den Verein gestoßen.“ Im Jahr 1999 holte sie sich zwei Langhaar-Meerschweinchen und trat dem Verein der Meerschweinchenfreunde bei, 2001 wurde sie dessen Präsidentin. Derzeit hat Gotschke "nur mehr zwei alte Damen“ zu Hause, eine Zeit lang bot sie aber bis zu 14 Tieren eine Heimat, weil sie Not-Meerschweinchen aufnahm. "Das Problem ist: Sobald ein Tier meine Schwelle übertritt, kann ich es nicht mehr hergeben“, lacht die 50-Jährige. Oft zwingt eine Allergie Meerschweinchenhalter dazu, ihre Tiere wieder wegzugeben. "Oder es wurde versehentlich ein Männchen und Weibchen angeschafft, dann hat man plötzlich die Explosion zu Hause.“ Häufige Fehler in der Meerschweinchenhaltung seien zu kleine Gehege oder Fütterungsdefizite. Die Tiere leiden still. "Eine Katze sekkiert, wenn sie etwas will, ein Hund genauso. Meerschweinchen können das nicht.“

Es ist Gaby Gotschke wichtig, dass sich Interessierte gut überlegen, ob sie ein Tier wirklich zu sich nehmen wollen: "Das ist kein Kindertier und kein Kuscheltier.“ Deshalb bietet der Verein auch die Möglichkeit, sich Meerschweinchen zum Test auszuborgen. "Wir sind hauptsächlich auf Aufklärungsarbeit fokussiert, weil diese Tiere einfach keine Lobby haben“, sagt die Präsidentin.

Julia Pfleger