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Gesellschaft
11/20/2016

Kann die Formel 1 noch die Kurve kriegen?

Die Formel-1-WM geht in die Zielgerade -und wenn die Rennserie nicht bald die Kurve kriegt, wird sie wohl an die Wand fahren. Fünf Thesen, wie die Königsklasse des Motorsports gerettet werden kann.

von Sebastian Hofer

Es ist nicht alles schlecht in der Formel 1. Die laufende Saison brachte zum Beispiel einen wirklich spannenden Kampf um den vierten Platz in der Konstrukteurs-WM zwischen Williams und Force India. Auch das Stallduell bei Mercedes war schon mal langweiliger, und dass die Leistungsträger aus Stuttgart heuer bislang nur 17 von 19 Rennen gewinnen konnten, muss man sowieso als Sensation verbuchen. Ein paar wirklich rasante Rundfahrten gab es auch, was unter anderem an den frustrierten Ferrari-Piloten lag, die sich zwei Plätze weiter hinten mit Red Bull eine Art Stellvertreter-WM liefern. Trotzdem sorgte Bernie Ecclestone wieder einmal für die beste Show - und das allerbeste Timing. Es oblag den Kollegen von der "autorevue", den zeitlichen Zusammenhang aufzudecken zwischen Niki Laudas Geburtstag (22. Februar), an dem Ecclestone in einer britischen Boulevardzeitung die eigene Rennserie in den Kübel getreten hatte ("Ich würde mein Geld nicht ausgeben, um mit meiner Familie ein Rennen anzusehen. Nie!") und Jochen Rindts Todestag (5. September), an dem Ecclestone dieselbe Rennserie an den US-Unterhaltungsmischkonzern Liberty Media verscherbelte. Wahrscheinlich brauchte er das Geld für seine Familie.

Trotzdem ist nicht alles gut in der Formel 1. Sinkende TV-Quoten taugen heute zwar nur mehr bedingt zur Beliebtheitsbeurteilung (zu viele Fans tummeln sich inzwischen auf digitalen Kanälen), doch allein die Entwicklung an den Rennstrecken lässt jeden Alarmismus berechtigt erscheinen. Zum Grand Prix von Österreich in Spielberg kamen, trotz beachtlicher Show von Nena, Wanda und Lokalheld Max Verstappen, nur 85.000 Menschen - über das gesamte Rennwochenende hinweg (vor zwei Jahren waren noch 220.000 Fans angereist). Ein ähnliches Bild gab es vier Wochen später in Hockenheim, wo nur 56.000 Zuschauer die Rückkehr der Formel 1 nach Deutschland sehen wollten. Kein Wunder, dass die alten Helden mit den neuen Zeiten ihre Probleme haben.

Niki Lauda etwa jammert seit Jahren über langweilige Grand Prix, im ORF erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende des Mercedes-Teams jüngst: "Die Fahrer steigen nach dem Rennen aus, als wären sie eine Runde um den Häuserblock gefahren. Ich glaube, dass man die Formel 1 auch ruinieren kann, indem man das Sicherheitsdenken übertreibt." Ein ähnliches Gefühl hat auch Gerhard Berger schon beschlichen: "Zu meiner Zeit war die Formel 1 noch ein Ritt auf der Kanonenkugel. Heute ist nach der ersten Kurve klar, wer das Rennen gewinnen wird."

Seit dem Einstieg von Liberty Media ist inzwischen wenigstens klar, wer zukünftig an den Rennen verdienen wird. Die alten Strukturen waren doch sehr Ecclestone-lastig aufgesetzt und sahen nach Recherchen der Hamburger "Zeit" ungefähr so aus: "Das Herz der Formula One Group ist die Formula One Administration Ltd. (FOA). Diese gehört der Slec Holdings Ltd. auf Jersey, die wiederum dem Unternehmen Alpha Prema UK Ltd. gehört, das seinerseits von Alpha D2 Ltd. betrieben wird, einem Tochterunternehmen von Delta 3 UK Ltd. Delta 3 UK Ltd. ist seinerseits eine Tochtergesellschaft der Delta 2 (Lux) Sarl in Luxemburg, deren Besitzer die übergeordnete Holding Delta Topco Ltd. in Jersey ist."

Mit anderen Worten: Die Formel 1 ist ganz schön kompliziert geworden. Das ist ein echtes Problem, und nicht nur für Finanzbeamte. Etwas muss sich ändern. Es wird sich ändern. Fünf Anmerkungen zur Zukunft der größten Rennserie der Welt.

1) Jugend forsch oder Max Verstappen ist das Beste, was der Formel 1 passieren konnte.

Als Red-Bull-Berater Helmut Marko den gerade mal 16-Jährigen vor drei Jahren in Richtung Formel 1 lotste und gleich als "nächsten Senna" ankündigte, mochte man noch milde lächeln. Max Verstappen grinst immer noch. Sein Renndebüt gab der Belgier im März 2015 als erster minderjähriger F1-Fahrer überhaupt; mit seiner Beförderung zum Red-Bull-Einserteam ein Jahr später avancierte er über Nacht zum Siegfahrer, den sogar die Mercedes-Piloten ernst nehmen müssen - und sei es als Risikofaktor. Mit seiner, sagen wir, selbstbewussten Fahrweise hat sich der Sohn des gediegenen Mittelfeldlers Jos Verstappen den Hass weiter Teile des F1-Establishments, vor allem aber der Ferrari-Fahrer zugezogen. Aber auch von den besseren Plätzen schallt es vernehmlich: "Max' Ungestümheit ist erfrischend, aber auch gefährlich. Irgendwann endet das in der Mauer."(Toto Wolff)"Max ist ein Fall für die Psychiatrie. Er ist aus allen Limits raus. Ich werde mal mit seinem Vater reden."(Niki Lauda) Sogar Kimi Räikkönen, der das offene Wort sonst scheut wie der Teufel das Leichtbier, äußerte öffentlich seine Skepsis gegenüber Verstappen. Und das will etwas heißen. Für die Formel 1 heißt es etwas Gutes: Man kann sich wieder aufregen. Harte Duelle beobachten. Kurzschlussreaktionen miterleben, ja sogar schlimme Wörter über den Boxenfunk. Blöd nur, dass Ausnahmetalente in der Regel allein auftauchen, was für die Zukunft wieder nichts Gutes verspricht, sofern nicht Pascal Wehrlein oder Stoffel Vandoorne bald in die Gänge (oder bessere Autos) kommen.

2) Feel the Bernie oder Leistung muss sich wieder auszahlen.

Die kommende Saison winkt mit einer Revolution, die man sogar sehen können wird: breitere Reifen, breitere Autos, verschärfte Aerodynamik. Das wird schnellere Rundenzeiten bringen und die Frage: Kann man vier Sekunden auf vier Kilometer wirklich im Fernsehen sehen? Und wird es tatsächlich aufregenderes Racing bringen, wenn sich Luftverwirbelungen am Frontflügel nicht mehr gar so katastrophal auf die Leistung auswirken? Man darf zweifeln. Immerhin: Technik -Nerds werden ab 2017 wieder mehr Spielraum für ihre Erwägungen haben als nur die paar Millimeter am seitlichen Blech der vorderen Unterbodenpartie, die in der laufenden Saison ja allen Ernstes ein Thema waren. Und ja: Es gibt ein leichte Kluft zwischen dem Gladiatorenimage der Formel 1 und der Designtüftlerei, die sie in Wahrheit ausmacht. Bernard Charles Ecclestone ist Ersterem aus verständlichen, also ökonomischen Gründen deutlich mehr zugeneigt. Um die Gefährlichkeit des Formel-1-Sports wieder herauszustreichen, schlug er erst vor wenigen Wochen vor, zumindest inszenatorisch in die Vollen zu gehen. An Fernando Alonsos spektakulärem Abflug beim Saisonauftakt in Melbourne zum Beispiel hatte Ecclestone nachträglich doch einiges auszusetzen. Dass der Spanier aus seinem heillos zerstörten Auto schon nach wenigen Sekunden einfach herausgeklettert war, als wäre nichts gewesen, sei nämlich ganz schlechtes Entertainment. Viel besser gefiele es Ecclestone, "ihn von der Rettung abtransportieren zu lassen. Er wird ins Spital gebracht, und später wird verkündet, dass er, Gott sei Dank, wieder draußen ist. Ein bisschen Showbiz." Dann schon lieber ein bisschen breitere Reifen.

3) Der Mensch braucht Regeln - aber solche, die er versteht.

Es zählt wahrlich nicht zu den allereinfachsten Aufgaben einer Formel-1-Rennkommission, einwandfrei festzustellen, ob Nico Rosberg während einer Qualifyingrunde bei doppelt geschwenkter gelber Flagge nun regelkonform gebremst hat oder nicht. Dass dann aber noch Stunden nach der Qualifikation zum Grand Prix von Ungarn zahllose Daten analysiert werden mussten, um herauszufinden, ob der Deutsche rechtmäßig auf der Pole Position stand, fand nicht nur Niki Lauda "das Schlimmste, was man dem Sport antun kann". Leider hat Lauda es offenbar verabsäumt, in der Strategiegruppe ähnlich klare Worte zu finden. Denn drei Monate später passierte etwas noch Schlimmeres: Beim Grand Prix von Mexico war erst Stunden nach der Siegerehrung klar, wer eigentlich auf dem Podest hätte stehen sollen. Zunächst bekam Max Verstappen, als Dritter über die Ziellinie gefahren, eine Zeitstrafe, was den Vierten, Sebastian Vettel, zum Dritten machte, bis dieser Stunden später seinerseits eine Zeitstrafe kassierte, wodurch der Fünfte, Daniel Ricciardo, aufs Siegertreppchen nachrückte, das zu dem Zeitpunkt allerdings schon längst abgebaut war. Kritiker der gegenwärtigen Formel 1 sahen sich wieder einmal bestätigt und zu dem Hinweis veranlasst, wie die -erheblich boomende - MotoGP-Serie funktioniert: kein Boxenfunk, keine diffizile Rennstrategie, sondern schlichtes Auf- Teufel-komm-raus-Fahren. Oberste Regel dabei: Wer als Erster durchs Ziel fährt, hat gewonnen.

4) Die Formel 1 muss politisch korrekter werden - weil es gut fürs Geschäft ist.

Kein Witz: Die Idee, einen Grand Prix im aserbaidschanischen Baku zu fahren, stammt gar nicht von Bernie Ecclestone. Vielmehr handelt es sich um das Ergebnis einer Zufallsbegegnung zwischen dem ehemaligen Benetton-Teamchef Flavio Briatore und Aserbaidschans Autokraten Ilham Aliyev in Briatores sardischer Strandbar "Billionaire's Club". Ecclestone findet Baku aber auch nicht schlecht, was daran liegen mag, dass die Veranstalter jährlich 50 Millionen Dollar überweisen. Nur aus Sotschi (Russland) kommt eine ähnlich große Antrittsgebühr. Auf die rituellen Menschenrechts-und Korruptionsfragen unsensibler Reporter reagierte Ecclestone auch vor dem diesjährigen Rennen gewohnt sauer: "Könnt ihr mir sagen, was Menschenrechte sind? Dann gebe ich eine Antwort. Und wenn wir nur in Ländern fahren dürften, in denen es keine Korruption gibt, hätten wir keine Rennen." Ob das die neuen Investoren genauso sehen, darf bezweifelt werden, vor allem im Lichte ihrer Pläne, die Formel 1 mittelfristig an die (New Yorker) Börse zu bringen. Ein gewisses Compliance-Korsett wird damit wohl unumgänglich sein (zumindest ab 2020, wenn die laufenden Vermarktungsverträge auslaufen und das Gewirr der Ecclestone'schen Haupt-und Nebenabsprachen einigermaßen aufgelöst werden kann). Zudem hat Liberty Media bereits angekündigt, Europa wieder als Formel-1-Kernmarkt zu forcieren, was eher gegen einen "Grand Prix von Europa" spricht, wie er derzeit in Baku ausgefahren wird.

5) Die Formel 1 wird nicht auf der Strecke bleiben - wenn sie ins Internet geht.

Rennsport-Traditionalisten erwähnen immer wieder gern, dass die zeitgenössischen Formel-1-Autos etwas schwachbrüstig klingen. Und zweifellos sind die heutigen Hybridmotoren gegenüber den PS-Monstern der 1980er-Jahre akustisch nicht satisfaktionsfähig. Statt der Ohren tut dem Grand-Prix-Fan heute dafür die Geldbörse weh. Für den Gegenwert eines Wochenendtickets auf halbwegs seriösem Sitzplatz könnte man auch eine Restplatz-Ferienwoche mit Meerblick verbringen. Das sollte sich freilich schon bald ändern. Der neue starke Formel-1-Mann Chase Carey, vormals Film-und Fernsehstudioboss, wird Bernie Ecclestones Verträge mit den Veranstaltern neu verhandeln und ihnen finanziell wohl deutlich entgegenkommen. Liberty Media hat als Besitzer von Discovery Channel und Eurosport mehr Interesse an einer erfolgreichen TV-und Online- Vermarktung als an den Millionen der Veranstalter. Und spätestens mit 2020 steht schließlich eine Neuverteilung der Einnahmen unter den Teams zur Debatte - was vielleicht die beste Nachricht von allen wäre. Wo derzeit die Werks-und Traditionsteams bevorzugt werden, soll dann endlich mehr Gleichheit herrschen, ganz nach dem Vorbild der US-Profiligen, in denen auch per Finanzausgleich dafür gesorgt wird, dass sich keine allzu dominanten Dauersieger etablieren. Nico Rosberg ist wohl gut beraten, noch in dieser Saison Weltmeister zu werden.

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