Karl Fuchs: Der Mann, der Prinz Charles den Schneepflug beibrachte

Karl Fuchs: Der Mann, der Prinz Charles den Schneepflug beibrachte

Der Mann, der Prinz Charles den Schneepflug beibrachte und Schottland für den Wintersport erschloss, war ein ­Österreicher. Jetzt wird der 1990 verstorbene Karl Fuchs posthum für seinen Pioniergeist gewürdigt.

Von Horst Christoph

Im vergangenen November wurde der ewige Zweite der britischen Monarchie 65 Jahre alt. Neben seinen Hobbys als Architekturkritiker, Biobauer, Aquarellmaler und Umweltschützer ist der Prinz von Wales auch leidenschaftlicher Skifahrer. Über Jahrzehnte folgte ihm der auf die Windsors spezialisierte Paparazzischwarm, meist im März, in den Schweizer Nobelschiort Klosters, wo er mit seinen beiden Söhnen William und Harry durchaus gut in Schuss über die Hänge fegte.

Seine ersten Stemmbögen zog Charles allerdings auf den sturmverblasenen Pisten des schottischen Hochlands – unter steirischen Fittichen: Sein Skilehrer im Winter 1963 im schottischen Cairngorm-Gebirge war ein Österreicher namens Karl Fuchs, der das ob des häufigen Nebelaufkommens und der unsicheren Schneelage nicht gerade für den Wintersport prädestinierte Gebiet für den Skitourismus erschlossen hatte.
Die Biografie des ehemaligen Hoffnungsträgers des österreichischen Nationalteams, der bei einer Nachtzugfahrt im Jahr 1954 seine erste Faszination für die raue Schönheit der schottischen Berge entdeckt hatte, ist so packend wie auch dramatisch und dokumentiert ein Stück österreichischer sowie britischer Sportgeschichte.

Fuchs war als „Gründungsvater des schottischen Skilaufs“ lange in Vergessenheit geraten. Erst jetzt erinnerten sich die Medien wieder der Pionierleistungen des „Scotstrian fellows“, wie die schottischen Einheimischen Fuchs ob seines Kauderwelschs aus Englisch und steirischem Dialekt in der Aufbau-Periode der 1950er-Jahre gerne nannten. Auslöser für eine dreiseitige Ode an den Abenteuergeist des Karl Fuchs in der britischen Tageszeitung „Guardian“ hatte das Erscheinen eines
schmalen Bändchens des Sportwissenschaftlers Richard Brown gegeben. In „Struan: The Extraordinary Story of Karl and Eileen Fuchs“ erzählt Brown detailreich vom mutigen Aufbaukampf von Karl Fuchs und seiner britischen Frau in jenem Berggebiet im Nordosten Schottlands, dessen höchster Gipfel gerade einmal 1300 Meter misst. Der Titel „Struan“ bezieht sich auf den Namen des Hotels der beiden.

„Edelweißbar“ und „White Lady“
Als der so schmächtige wie schüchterne Prinz Charles im Alter von 15 Jahren Fuchs als Lehrmeister verpasst bekam, war der bereits alles andere als einer der markigen Pistengötter, wie sie am Arlberg oder in Kitzbühel eine illustre Klientel zu verwöhnen pflegten, sondern ein gemütlicher, schon etwas beleibter Steirer mit knapp 40. Im kleinen Hochland-Dorf Carrbridge hatte er gemeinsam mit seiner Frau Eileen, einer Britin, in der „Edelweißbar“, einer wilden Mischung aus alpiner und kaledonischer Folklore, seine „Austrian Ski School“ aufgezogen. Den Skiunterricht auf der „White Lady“, einem von einem Sessellift und ein paar Schleppern erschlossenen Hang, teilten sich damals ein halbes Dutzend Mini-Skischulen, betrieben von Skilehrern unterschiedlicher Nationen. Neben einer staatlichen Institution namens „Glenmore Lodge“ unterrichteten Franzosen, die noch die alte Rotationstechnik lehrten, Schotten und die Crew zweier österreichischer Schulen. Eine gehörte Hans Kuwall, ebenfalls einem Steirer; die andere wurde von Karl Fuchs geführt. Sie war die erste in der unwirtlichen und schroffen Region der Cairngorm Mountains gewesen.

Die ehrenvolle Aufgabe, den Kronprinzen zu unterrichten, setzte Fuchs damals entsprechend unter Stress. Sein „Scotstrian“ wurde im Winter 1963 noch eine Spur unverständlicher, wie sich Zeitzeugen erinnern, als er immer wieder etwas von einem „Prince“, der gleich „come“, stammelte. Das Ganze wäre, so erzählte der stolze Steirer jedem ungefragt, „very, very secret“. Charles, der in Schottland traditionsgemäß eine auf körperliche Ertüchtigung spezialisierte Internatsschule besuchte, debütierte auf der „White Lady“. Auf dem gleichen Hang unterrichtete auch der Skilehrer der staatlichen „Glenmore Lodge“, Clive Freshwater, eine Anfängergruppe von Schulbuben aus Glasgow. Nach einigen Schneepflugbögen geriet die Gruppe vollkommen außer Kontrolle und raste auf Karl und Charles zu. Im letzten Augenblick rettete Freshwater die Situation und warf sich mit einem gekonnten Bauchfleck vor seine Schüler, keinen Meter bevor diese den königlichen Nachwuchs von der Piste gefegt hätten. Der britische Thronfolger sollte der einzige prominente Skischüler von Karl Fuchs, der 1990 im Alter von 66 Jahren in den Cairngorm Mountains verstarb, bleiben.
Die Lebensgeschichte des Stahlarbeiterkinds aus der Steiermark, das im britischen Königreich den Wintersport-Tourismus begründete, hat auch so Filmreife.

Als Kind war Karl nichts geschenkt worden. Fuchs‘ Vater war in der Zwischenkriegszeit Mitglied des sozialdemokratischen „Republikanischen Schutzbunds“, der sich erbitterte Straßenkämpfe mit den bürgerlich nationalen „Heimwehren“ lieferte. Der 1924 geborene Sohn Karl sollte sich sein Leben lang daran erinnern, wie er im Alter von zehn Jahren seinen Vater unter den Toten und Verletzten suchen musste. Der hatte glücklicherweise überlebt, wurde aber nach der Machtübernahme der Nazis 1938 politisch verfolgt. Sein Sohn Karl wurde im Zweiten Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen, desertierte aber später mit seinen Kameraden und schlug sich bis Kriegsende im Untergrund durch.

„Karl and Peter Fuchs Foundation“
Nach dem Krieg arbeitete Karl Fuchs als Gendarmeriemeister und fuhr anfangs nur hobbymäßig Ski. Seine Begabung für den Skirennsport war jedoch so offensichtlich, dass er sogar für die Olympischen Spiele 1948 in St. Moritz aufgestellt wurde. Doch ein schwerer Trainingssturz setzte seiner Karriere ein jähes Ende, noch ehe diese überhaupt richtig beginnen konnte. Danach legte er die staatliche Skilehrerprüfung ab. Im Zuge seiner neuen Aufgabe lernte er Eileen Margaret Knowles kennen, die als höhere Tochter eines mehrfach dekorierten Piloten der britischen Royal Airforce in Wien Geige studierte.

Die Ehe zwischen Eileen und Karl sollte bis zu seinem Tod dauern. Die beiden planten eigentlich, in der Steiermark eine Skischule und ein Hotel aufzuziehen. Doch das war nicht zu finanzieren, ihre Mittel reichten gerade für die schottischen Cairngorm Mountains, einer bislang hauptsächlich als Wandergebiet frequentierten Region. Der Rest ist Geschichte, das schottische Hochlandgebiet hat sich als erstes und nahezu auch einziges Wintersport-Gebiet bis heute auf der britischen Insel gehalten und hat inzwischen über 20 Pisten zu bieten.

Karl Fuchs’ enttäuschte Hoffnung, selbst rennsportlich erfolgreich zu sein, sollte sich zumindest kurz für seinen Sohn erfüllen. Peter Fuchs wurde Mitglied des britischen Alpinteams, nahm an den Weltmeisterschaften 1974 in St. Moritz und an den Olympischen Spielen von 1976 in Innsbruck teil, beide Male mit achtbaren Ergebnissen. Daran hatte auch ein engerer Landsmann von Vater Karl Anteil. Peters erster Coach war der Steirer Dieter Bartsch, später erfolgreich als Trainer in Österreich und der Schweiz.
Peter Fuchs starb 1980 mit nur 24 Jahren bei einem Autounfall. Karl und Eileen Fuchs zogen sich nach diesem Schicksalschlag zurück und verkauften das Hotel. Nach dem Tod ihres Ehemanns 1990 gründete Eileen, die im vergangenen Jänner im Alter von 92 Jahren starb, die „Karl and Peter Fuchs Foundation“, die den Zweck hat, junge schottische Skiläufer zu fördern. Einer der Vermögensverwalter der Stiftung ist jener Clive Freshwater, der vor 50 Jahren mit seinem waghalsigen Sprung den britischen Thronfolger vor einem Unfall und dessen österreichischem Skilehrer die Reputation bewahrte.