Kinderzimmer Straße: Immer mehr Jugendliche sind obdachlos

Kinderzimmer Straße: Immer mehr Jugendliche sind obdachlos

Das Klischeebild des älteren Sandlers auf der Parkbank hat ausgedient: Immer öfter sind junge Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen. Wenn Leben zerbrechen, bevor sie überhaupt richtig angefangen haben.

"Manchmal denk ich noch an die Mama, weil sie doch die Mama ist", sagt Sabine. Mit blonden Haaren und dezentem Make-up sitzt sie am Küchentisch eines Übergangswohnheims des Fonds Soziales Wien. Gesprochen hat sie mit der Mama seit Jahren nicht mehr. Seit damals, als der Vater an Krebs starb und die Mutter die noch jugendliche Sabine aus der Wohnung schmiss.

Es folgte ein Spießrutenlauf von der Tante in Wien zu diversen Liebhabern von Hollabrunn bis in die Steiermark, die sie allesamt nach kurzer Zeit vor die Tür setzten. Für eine eigene Wohnung reichte das Gehalt, das sie als Verkäuferin verdiente, nicht aus, zumal epileptische Anfälle ihre regelmäßige Arbeit erschwerten. Die Mutter reagierte nicht auf die Hilferufe ihrer Tochter. Heute ist Sabine 24 Jahre alt und hatte noch nie eine Wohnung, die sie ihr Eigen nennen konnte.

Sabine ist kein Einzelfall. Sozialarbeiter schlagen Alarm: Seit gut drei Jahren zeichnet sich österreichweit ein drastischer Anstieg der Wohnungslosen ab - und die Betroffenen werden immer jünger.


Inzwischen sind bei uns auch 18-Jährige keine Seltenheit mehr

In der Caritas-Wohnungsloseneinrichtung JUCA, die Übergangswohnungen für 95 junge Menschen im Alter zwischen 18 und 30 anbietet, fiel der Altersdurchschnitt innerhalb weniger Jahre von 27 auf 20 Jahre. "Inzwischen sind bei uns auch 18-Jährige keine Seltenheit mehr", sagt die JUCA-Leiterin Andrea Fichtinger. Auch in der kostenlosen Zahnarztpraxis der Obdachlosenhilfsorganisation "neunerhaus" zeichnet sich dieser Trend ab: "Unsere Sozialarbeiterinnen bemerken, dass immer mehr junge Menschen das Angebot annehmen. Der Altersdurchschnitt verschiebt sich kontinuierlich nach unten", bestätigt die neunerhaus-Expertin Elisabeth Hammer.

Die genaue Anzahl junger Menschen, die sich ohne Dach über dem Kopf durchschlagen, ist nicht bekannt. Die Statistik reflektiert lediglich die Nachfrage bei der Wohnungslosenhilfe und in Obdachlosenzentren. Diese ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen: Die Wiener Wohnungslosenhilfe musste ihre Kapazitäten in der vergangenen Dekade verdoppeln, von rund 2500 Plätze auf 5150 im Jahr 2014. Die Zahl der Kunden des Fonds Soziales Wien ohne Wohnung und Obdach stieg innerhalb der vergangenen fünf Jahre von 8200 auf 9800.

Die Ursachen für diese erschreckende Tendenz liegen auf der Hand: die anhaltende Flaute auf dem Arbeitsmarkt, steigende Mietpreise, die Auflagenverschärfung für Gemeindewohnungen, die nun eine fünfjährige Meldung in Wien anstatt einer zweijährigen voraussetzen, kombiniert mit immer instabiler werdendem Familienzusammenhalt. Gemeinsam bilden diese Faktoren ein sicheres Rezept für prekäres Wohnen; besonders in der Hauptstadt.


Dass diese jungen Mädchen weibliche Obdachlosigkeit sichtbar machen, ist ein durchwegs positives Signal

Diese Entwicklung bekommen junge Menschen zu spüren: Bereits seit einigen Jahren stellen die unter 30-Jährigen ein gutes Drittel aller Obdachlosen. Dabei muss bedacht werden, dass die Wohnungslosigkeit junger Menschen besonders gut versteckt und die Dunkelziffer entsprechend hoch ist. Wer jung ist, kann monatelang und unbemerkt im privaten Netzwerk von Couch zu Couch ziehen, bei Freunden chillen, die Nacht im Club übertauchen.

Schamgefühl, Verharmlosung der Situation, Misstrauen gegenüber den Behörden oder einfach nur Unwissen über speziell auf Jugendliche abgestimmte Angebote tragen dazu bei, dass junge Wohnungslose auch dann unsichtbar bleiben, wenn der letzte Freund sie vor die Tür gesetzt hat.

Auffällig ist der überdurchschnittlich hohe Anteil an Mädchen: Während bei den über 30-Jährigen doppelt so viele Männer wie Frauen einen Antrag auf Wohnungslosenhilfe stellen, liegen bei jüngeren Antragsstellern die Frauen knapp voran. "Dass diese jungen Mädchen weibliche Obdachlosigkeit sichtbar machen, ist ein durchwegs positives Signal", meint Hammer. Denn Frauen flüchten sich immer noch häufig in - mitunter gewalttätige - Zweckpartnerschaften und werden so für die Statistik unsichtbar.


Es war unheimlich, wie schnell das ging: Zuerst hat man Partner und Job, dann nichts mehr.

Gemeinsam haben die jungen Menschen, mit denen profil sprach, einen fehlenden Rückhalt der Familie. In kritischen Situationen waren diese Jugendlichen schon früh auf sich allein gestellt: in Durchhängephasen während der Pubertät, Episoden der Orientierungslosigkeit sowie bei Beziehungskrisen, in denen die Familie im Idealfall stützend eingreift und nicht nur Geborgenheit und Sicherheit schenkt, sondern im Ernstfall auch finanziell aushilft.

Die Wege in die Obdachlosigkeit sind vielfältig. Für manche, wie die 36-jährige Zahnarztassistentin Sandra, verlief der Abstieg kurz und abrupt. Einige Monate hielt sie den arbeitslosen Liebsten aus und verlor kurz darauf nach einem Burn-out-bedingten Krankenstand den Job. Die 17.000 Euro Kredit, die mitliefen, taten den Rest. "Es war unheimlich, wie schnell das ging: Zuerst hat man Partner und Job, dann nichts mehr. Speziell nachts holt dich das ein, dann kreisen die Gedanken", erzählt die Blondine, die inzwischen in Wien in der Übergangswohnung Billrothstraße des neunerhauses untergekommen ist.

In anderen Fällen beginnt bereits in frühen Jahren eine Abwärtsspirale aus Gewalt, Vernachlässigung und Einsamkeit. Nicht selten flüchten Jugendliche vor gewalttätigen Eltern in die Obdachlosigkeit. "Wenn Probleme in der Familie zu massiv werden, scheint es die Lösung zu sein, auf die Straße zu gehen. Aus der Logik des Betroffenen ist das gut nachvollziehbar, bis er draufkommt, dass er sich damit eigentlich das nächste Problem schafft", so Kurt Gutlederer, Leiter der Wiener Wohnungslosenhilfe.


Menschen, die später wohnungslos werden, hatten einmal eine Arbeits- und Familienstruktur, die zwar verloren ging, auf die sie jedoch in Phasen der Stabilisierung zurückgreifen können.

In Verhältnissen, in denen die Familie bei Fehlentscheidungen Jugendlicher nicht einspringen will oder kann, münden diese überraschend schnell in Wohnungslosigkeit, wie das Beispiel der 24-jährigen Anna zeigt: Nachdem die ehemalige McDonald’s-Mitarbeiterin mit 19 Jahren einer vermeintlich profitablen Geschäftsidee aufgesessen war, die sich als illegales Pyramidensystem entpuppte, begann schon nach vier Monaten ein Teufelskreis ohne Einkommen, ohne Erspartes und schließlich auch ohne Wohnung. Zum Vater bestand kein Kontakt, und die Mutter konnte nicht helfen - sie lebt selber im Obdachlosenheim.

Frühe Erfahrungen auf der Straße wirken sich auf die gesamte Lebensentwicklung aus. Sozialarbeiterin Elisabeth Hammer: "Menschen, die später wohnungslos werden, hatten einmal eine Arbeits- und Familienstruktur, die zwar verloren ging, auf die sie jedoch in Phasen der Stabilisierung zurückgreifen können. Aber für junge Erwachsene bricht da etwas zusammen, das noch nie solide aufgebaut war."

Auch Kurt Gutlederer warnt: "Die Gefahr, auch in anderen Bereichen Schwierigkeiten zu bekommen, ist sehr groß. Alkohol hilft gegen das Unbehagen auf der Straße. Das kann sich im nächsten Schritt verselbstständigen."


Meistens kommen junge Menschen zu spät ins Hilfssystem.

Wie kann Stabilität in einem Leben geschaffen werden, dem feste Strukturen und Geborgenheit fehlen? Wer stets mit der Frage beschäftigt ist, wo er die nächste Nacht verbringen wird, ist nicht in der Lage, weitreichende Zukunftspläne zu schmieden. Stattdessen geht es ums Überleben - jeden Tag aufs Neue.

"Meistens kommen junge Menschen zu spät ins Hilfssystem. Zu lange tragen sie dann schon die psychische Belastung der harten Zeit auf der Straße sowie Missbrauchs- und Gewalterfahrungen mit sich herum. Da arbeitet man oft nur noch aufs Gefängnis hin", erzählt Thomas Adrian. Der 34-Jährige leitet die Caritas Jugendnotschlafstelle "Away", in der Wohnungslose zwischen 15 und 18 Jahren nächteweise Schutz finden. An vorderster Front beobachtet er die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen: "Der Druck auf die Eltern hat enorm zugenommen. Und so müssen auch die Kinder in der Schule brillieren und früh auf eigenen Beinen stehen."

Junge Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus flüchten sich in die Notschlafstelle: Jugendliche feiern ihren 18. Geburtstag im Away, "weil die Eltern wissen: Jetzt sind sie nicht mehr verantwortlich", so Adrian. Mädchen auf der Flucht vor Zuhältern treffen hier auf Gymnasiasten aus gutem Hause, die in der Gemeinschaftsküche für ihre Matura lernen. Viele Teenager, vor allem Burschen, kämen aus Familien, in denen sie nach Strich und Faden verhätschelt würden - "bis sie nicht mehr 'süß' sind und plötzlich die gesamte Verantwortung übertragen bekommen. Das überfordert heillos."

Vorbei ist die Zeit der Punks, Gruftis und Drogen-Junkies, die auf das System pfeifen und die Freiheit der Straße wählen. Drogenkonsum spiele unter jungen Wohnungslosen heutzutage kaum eine Rolle, erzählt Adrian. Die jungen Obdachlosen von heute suchen nicht nach Rebellion - sie wollen einfach nur dazugehören. Ihre Träume sind, wie ihre Kleidung, angepasst und unauffällig: Sie handeln von Liebe, Geborgenheit, einem Job und der ersten eigenen Wohnung.

Namen von der Redaktion geändert.

Moritz, 27: "Ich hab nach links geschaut, nach rechts, und mir gedacht: Was jetzt?"

Wahrscheinlich bin ich das beste Beispiel, dass man manchmal mehrere Chancen braucht. Meine Mutter hat mich mit dem Kochlöffel geschlagen. Den Vater kannte ich nicht, und von den Alimenten haben meine zwei Geschwister und ich nie etwas gesehen. Meine Hose hat ausgeschaut wie ein Pickerlfest, so oft wurde sie geflickt, und auf unserem Kühlschrank war ein Schloss angebracht, zu dem nur meine Mutter den Schlüssel hatte. Wann wir essen durften, hat sie bestimmt.

Mit 17 bin ich zum Bundesheer gegangen. Danach hat meine Mutter mich einfach nicht mehr nach Hause gelassen. Sie hat geschrien, meine Kästen geöffnet und das Gewand in Plastiksackerl geschmissen. Ja, und so bin ich mit 17 auf der Straße gelandet. Da stand ich, mit meinen Sackerln, hab nach links geschaut, nach rechts, und mir gedacht: Was jetzt?


Mein Leben kommt mir wie ein ewiger Rückschlag vor

Ein paar Wochen lang hab ich in Parks geschlafen oder unter Brücken. Es war nass und kalt. Ich hab nicht gewusst, wo mein Platz ist im Leben oder wie es weitergehen soll. Von Einrichtungen für junge Leute weißt du ja nichts, bis du nicht selber in der Situation bist. Ein Freund hat mir das JUCA der Caritas empfohlen, da war ich so 20. Dort ging alles super: Ich hab eine Freundin kennengelernt, bin mit ihr in eine Wohnung gezogen, wir haben ein Kind bekommen und ich habe als Koch gearbeitet. Endlich hatte ich familiäre Geborgenheit. Als sie mich verlassen hat, ist eine Welt zusammengebrochen. Bald hab ich die Arbeit verloren, dann die Wohnung.

Irgendwann sagte auch der Freund, bei dem ich untergekommen bin: Micky, ich schaff’s nicht mehr. Also wieder auf die Straße, wieder zum Notquartier, dann zu JUCA. Und was mach ich Trottel? Lern wieder eine Frau kennen, zieh mit ihr zusammen. Unsere Tochter Celine ist jetzt drei Jahre alt. Als meine Ex mich vor zwei Jahren verlassen hat, hab ich angefangen zu trinken. Mein Leben kommt mir wie ein ewiger Rückschlag vor: Eine Stufe geht’s rauf und drei runter. Jetzt bin ich zum dritten Mal im JUCA. Und werde sicher nicht mehr den gleichen Fehler machen.

Tanja, 33: "Das ewige Herumhanteln von Mann zu Mann schlaucht."

In der Schule lief es nicht gut und ich bin mit den falschen Leuten abgehangen. Die meisten sind heute tot. Mein Vater war Polizist, meine Mutter Hausfrau. Unsere Wohnung war winzig, und so war es richtig cool, als meine Eltern mir erlaubten, mit 14 zu meinem Freund zu ziehen. Im 19. Bezirk hatten wir eine kleine Wohnung und ich arbeitete bei Billa. Eigentlich lief das ganz gut, bis auf die Drogen. Ich hab schon immer alles ausprobiert: Kokain, Ecstasy. Mit 18 habe ich das erste Mal Entzugserscheinungen gespürt.

Irgendwann geht dir die Kraft aus - mit 19 hab ich den Job verloren, konnte die Wohnung aber weiterhin behalten. Erst als ich mit 22 schwanger wurde, habe ich mit den Drogen aufgehört. Da habe ich bei meinem anderen Freund gewohnt, aber das ging dann auseinander, er hat mich rausgehaut. Ein Eltern-Kind-Zentrum hat so fremd und nach Kontrolle geklungen, nicht nach einem Zuhause, also ist der Bub bei meiner Mutter geblieben, und ich habe versucht, mich privat durchzuschlagen. Mein nächster Freund hatte ein großes Haus, doch nach zwei Jahren war sein Job plötzlich weg und er hat mir von einem Tag auf den anderen mitgeteilt, dass er das Haus verkauft. Nächte- oder wochenweise bin ich bei Freunden oder Exfreunden untergekommen. Das ewige Herumhanteln von Mann zu Mann schlaucht.


Es war schon so weit, dass ich nicht mehr leben wollte.

Mein letzter Freund hat mich nach zwei, drei Wochen rausgehaut, dann wieder aufgenommen, zwei Wochen drauf das Gleiche. Das war keine lustige Zeit - ich lebte mit dem Gefühl, jederzeit rausgeschmissen zu werden, musste mich immer unterordnen und alle paar Wochen herumziehen. Es war schon so weit, dass ich nicht mehr leben wollte. Ich hab mich so isoliert und alleine gefühlt. Meine Sachen habe ich bei jeder Station stückchenweise zurückgelassen. Als ich in das Übergangswohnhaus des neunerhauses eingezogen bin, hatte ich nur noch ein paar Handtücher, ein Leintuch und ein bisschen Geschirr.

Christoph, 25: "Oft habe ich in der Busstation bei meiner alten Wohnstraße geschlafen."

"Emotionsloses Arschloch" hat mich mein Vater genannt, meine Mutter immerhin nur "Arschloch". Dabei hatte ich gute Noten und mit Drogen oder Alkohol nichts am Hut. Erst später ist es immer schlechter geworden: In der Schule wurde ich gemobbt, mit meinen Eltern habe ich nie ein Wort gewechselt, wir haben einfach aneinander vorbeigelebt. Im Bundesheer fand ich es super: Es war weniger streng als zu Hause. Als ich ausgezogen bin, sagte meine Mutter: "Wenn du auf der Straße landest, komm ja nicht zu uns." Ich habe begonnen, als Versicherungsberater bei der Uniqa zu arbeiten und bald ein Mädchen kennengelernt. Aber das Pech spielt immer mit: Als sie Schluss gemacht hat, habe ich Depressionen bekommen.


Als Obdachloser fühlt man sich wertlos.

Marihuana hilft, sich vorübergehend aus der Welt rauszunehmen, wenn man seine Gedanken nicht mehr erträgt. Ich hab viel geraucht, den Job verloren. Aus der Wohnung rausgeschmissen wurde ich 2012, da war ich 22 und drei Monate mit der Miete im Rückstand. Als Obdachloser fühlt man sich wertlos. Oft habe ich in der Busstation bei meiner alten Wohnstraße geschlafen. Tagsüber bin ich mit den Öffis herumgefahren, hab aus dem Fenster gesehen und möglichst schöne Gedanken gesponnen: Was würde ich tun, wenn ich reich wäre oder eine Superkraft hätte. Das sollte mich aufbauen. Aber tief drin war ich wütend auf die Welt.

Ich bin gelernter Chemotechniker. Die Jobs sind supergut bezahlt, deswegen wird auch nie eine Stelle frei. Ich möchte jetzt eher umsatteln in Richtung Erziehung. Im Juni 2017 bekomme ich eine Gemeindewohnung. Ich musste so lange warten, denn durch meine Obdachlosigkeit hatte ich eine Lücke in meiner Meldegeschichte. Ist man obdachlos, zählt man fürs Wiener Wohnen nicht als Wiener. Seit ich ausgezogen bin, hat meine Mutter ein Mal angerufen. Ich hab ihr ausrichten lassen, dass es mir jetzt gutgeht."

Susa,17: "Die Nacht ist lang und kalt, wenn man kein Zuhause hat."

Mein Vater hat mich geschlagen und sich absurde Bestrafungen einfallen lassen, wie stundenlanges Knien oder Sätze wie "Ich darf nicht widersprechen" wieder und wieder, die Nacht hindurch, auf Papier zu schreiben. In der Schule war ich - nun ja, verhaltenskreativ. Mit elf kam ich in ein Internat, doch nach einem Jahr holte mein Vater mich wieder. Wegen des Geldes. Von da an wurde es immer schlimmer mit den Strafen. Ich bin abgehauen, zuerst zu einer Freundin, dann in ein Krisenzentrum in Brunn am Gebirge. Dort waren sie übertrieben streng, bei jeder Kleinigkeit gab es wochenlange Ausgangssperre, dabei war ich ja genau vor so etwas weggelaufen. Also bin ich auf die Straße gekommen.

Das Jugendamt wollte mich immer wieder zu meinem Vater stecken. Sie haben gemeint, es gäbe keine Gefährdung für mich. Dabei hatte ich nicht einmal ein Zimmer in unserer Wohnung, musste auf der Couch im Wohnzimmer schlafen. Aber sie haben mir nicht geglaubt. Bis ich so schlimm ausgesehen hab, dass sie mich in die Psychiatrie gesteckt haben. Mir war das egal, ich war nur froh, ein Dach über dem Kopf zu bekommen.

Ich hab schon viele Tiefpunkte erlebt. Wir haben Drogen genommen, sind mit älteren Typen mitgegangen. Einmal haben sie meine Freundin und mich krankenhausreif geprügelt, weil wir uns geweigert haben, mit ihnen zu schlafen.


Egal wohin, Hauptsache, der Weg ist lang.

Die Nacht ist lang und kalt, wenn man kein Zuhause hat. Wenn man auch mit 40 Grad Fieber und Angina auf der Straße sein muss. Ich hatte nie Geld, musste immer schnorren oder fladern. Man fährt mit dem Nachtbus hin und her, steigt in irgendeine S-Bahn. Egal wohin, Hauptsache, der Weg ist lang. Durch Schwarzfahren habe ich sieben-bis achttausend Euro Schulden angehäuft. Ich denke, Menschen, die weniger selbstbewusst und positiv sind als ich, wären an diesem Leben zerbrochen. Mir geht es gut. Jeden Tag habe ich mir gesagt: Hey, gerade läuft’s nicht so gut, aber vielleicht ist morgen alles anders.

Bis März wohne ich in einer WG der MA 11. Beim Eintreten musst du dich ausziehen und sie durchsuchen dich nach Drogen. Ist mir egal, ich nehme eh nichts. Bald werde ich volljährig und bekomme dann mit der Mindestsicherung erstmals Geld. Mein Ziel ist Tirol. Dort will ich auf einer Almhütte kellnern.