Wie viel Kirche darf der Staat?

Queen Elizabeth II. ist gleichzeitig Staatsoberhaupt und Oberhaupt der Church of England

Queen Elizabeth II. ist gleichzeitig Staatsoberhaupt und Oberhaupt der Church of England

Das Verhältnis von Religion und Staat im Europavergleich.

1. Länder, in denen Kirche und Staat strikt getrennt sind.

Der Staat ist also religionsneutral. Dazu zählen Irland, Belgien, die Niederlande, Frankreich, Portugal und Tschechien. Innerhalb der EU sind die letzten drei der genannten Nationen die einzigen, in der der Laizismus verfassungsrechtlich verankert ist. Diese Einteilung ist insofern irreführend, so der deutsche Politologe Ralph Ghadban in einem Essay, "als dass in Belgien und Irland, wo es keine Konkordate gibt, die Position der katholischen Kirche besser ist als anderswo". Frankreich bekleidet eine Sonderstellung, was seinen von Intellektuellen wie Elisabeth Badinter und Laurent Bouvet immer heftig verteidigten Laizismus betrifft. Die Ursprünge der strikten Trennung liegen in der Französischen Revolution. Als Konsequenz der Terrorattentate - wie dem Anschlag auf die Pariser Redaktion der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" im Jänner 2015 - verschärfte sich das laizistische Klima. "Es muss einem egal sein, ob man als islamophob abgestempelt wird", erklärte die Philosophin und Feministin Badinter im Mai 2017 in einem profil-Interview. Schon 2004 wurde ein Verbot "ostentativer religiöser Symbole" in öffentlichen Schulen und Kindergärten per Gesetz verhängt, 2014 wurde auch ein Kopftuchverbot für Staatsbedienstete ausgesprochen. Emmanuel Macron bezeichnet sich selbst als Agnostiker, bekam seine Bildung aber in einer Jesuitenschule. Dass viele Kinder aus der privilegierten Bildungsschicht in katholischen Privatschulen unterrichtet werden, ist ein Paradoxon und ein Indiz für die Doppelmoral. 2013 gingen in Paris beispielsweise über eine Million Menschen auf die Straße, um gegen die Ehe zwischen Homosexuellen zu protestieren - getragen wurde diese Protestaktion, bei der es auch zu Gewaltausschreitungen kam, in großem Ausmaß von katholischen Organisationen. In vielen ehemaligen kommunistischen Staaten leben die Kirchengemeinschaften heute nur von dem, was die Gläubigen bereit sind, zu geben. Deswegen greift der Staat manchmal bei der Instandhaltung von Gebäuden helfend ein. In Polen bekleidet die katholische Kirche eine Sonderstellung, was auch mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. und seiner Unterstützung der Solidarność-Bewegung zu erklären ist, deren Anführer Lech Wałęsa 1987 zum polnischen Staatspräsidenten gewählt wurde.

2. Ein Vertragssystem, in dem die Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche vertraglich genau geregelt sind.

Das sind die Konkordate für die katholische Kirche, wie in Österreich, Deutschland (Regelung nach den einzelnen Bundesländern), Italien und Spanien, und die sogenannten Kirchenverträge für die Protestanten. Österreich ist übrigens das einzige Land Europas, in dem 1939 ein Kirchenbeitrag eingeführt wurde, der nicht vom Staat, sondern von der Kirche verpflichtend eingehoben wird: Das Gesetz galt nur für die "Ostmark" und nicht für das gesamte Dritte Reich und wurde in der Zweiten Republik einfach übernommen.

3. Das Einheitssystem beziehungsweise die Staatskirche.

Dass das Staatsoberhaupt gleichzeitig das Kirchenoberhaupt ist, war und ist in den nördlichen Ländern Europas verbreitet - Dänemark, Schweden (bis 2000), Norwegen (bis 2012) und England, wo Elizabeth II. bis heute Oberhaupt der Church of England ist. Die Bischöfe der anglikanischen Staatskirche sitzen im House of Lords. Katholiken und Juden erhielten in Großbritannien im Laufe der Zeit die gleiche Anerkennung wie die Mitglieder der Staatskirche. Moslems mussten darauf bis 1998 warten und hatten sich in Großbritannien bis dahin als gemeinnützige Vereine organisiert. Die Rushdie-Affäre 1989, als Ausgaben seines Buches "Die satanischen Verse" unter antiwestlichem Hetzgeschrei verbrannt worden waren, hatte diesen Anerkennungsprozess verzögert.

Dass die Systeme zur Regelung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat sich nicht spezifisch auf die Intensität der Gläubigkeit der Bevölkerung niederschlagen, beweist eine EU-weite Studie aus dem Jahr 2000. Nach dem Spitzenreiter Malta folgten Rumänien und Polen mit dem Indexwert einer sehr religiösen Gesellschaft. Das laizistische Portugal führt in dieser Gruppe das Mittelfeld an. Österreich belegt in der Gruppe der "mäßig bis schwach religiösen Gesellschaften " den dritten Rang, dahinter sind die Slowakei und Serbien gereiht. In der Riege der "stark säkularisierten Gesellschaften" führt das "Staatskirchen"-Großbritannien, knapp gefolgt vom laizistischen Frankreich.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in unserer aktuellen Titelgeschichte "Um Himmels willen - Kirche und Staat".