<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Im Dschungelcamp

Zur Fußball-WM 2014: ein Spießrutenlauf in der „Churrascaria“.

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da hatte ich die vermeintlich fabelhafte Idee, meine kulinarische Weltoffenheit in einer brasilianischen Churrascaria zu erproben. Die befand sich damals in der Sechshauserstraße im 15. Wiener Bezirk. Grün und gelb schimmerte das Lokal, an dessen Wänden sich vermutlich eine Volksschulklasse beim Malen eines hübschen Amazonas-Urwaldes versuchen hatte dürfen: mit ganz vielen Papageien, Äffchen und Tukanen. Einige dieser Tiere saßen auch, aus Holz, Plastik oder Pappmaché, in den Kronen gigantischer Plastikbäume der Sorte Ficus Benjamini. Und ewig flapperten die Deckenventilatoren; es war so schön und echt wie Hallstatt in China.

Ich habe das Essen in gar nicht schlechter Erinnerung, was allerdings daran gelegen haben mag, dass ich Caipirinhas dazu trank. Mehrere Caipirinhas. Caipirinhas machen happy. Caipirinhas legen einen süß-sauren, zitrusduftenden Schleier des Vergessens über die Erinnerung. Caipirinhas sind Treibstoff für das Wiederholen von Fehlern.

Jetzt ist Fußball-WM in Brasilien, und weil an dieser Stelle noch jedes ballesterische Großereignis Berücksichtigung fand, dachte ich mir, man könnte doch wieder einmal einen Schritt in eine Churrascaria wagen. Das längst geschlossene Etablissement der Vorstadt lebt nämlich in der Innenstadt weiter. Lassen wir mal Spieße auftragen, zubereitet, wie es in einem Flyer des Restaurants heißt, „von unserem Meisterkoch Carlos Dalacorte“.

In einer Churrascaria tragen Churrasceiros unermüdlich meterlange Spieße mit gegrilltem Fleisch durch die Gegend und säbeln so lange Scheiben davon auf die Teller, bis der Gast die Party irgendwann erschöpft abpfeift. Rodízio nennen sie diese Mahlzeiten auch, weil alles ewig sich dreht im Kreis.

Jetzt sitze ich also wieder im Trompe-l’œil-Dschungel unter Papageien und Affen nahe einer Wand mit einem Salatbuffet, für das zahllose Dosen ihren Deckel abgeben mussten, darüber ein Board mit mindestens so vielen Barbecue-Saucen wie in den Regalen einer amerikanischen Wal-Mart-Filiale. Ich erblicke Mozzarellascheiben, die aussehen und schmecken wie altes Sanitär-Silikon, Rucolablätter, die vielleicht vorgestern noch grün und knackig waren – und immerhin, zum selber Abmachen, eine Flasche Bio-Olivenöl von Mani aus Griechenland, nein: sagen wir, eine Flasche, auf deren Etikett Bio-Olivenenöl von Mani steht, aus der dann ein blasser, olfaktorisch praktisch nicht wahrnehmbarer Strahl rinnt; komischerweise ganz anders als bei meiner Flasche zu Hause, die goldgelbes, schwach grün schimmerndes, satt fruchtig duftendes Olivenöl hergibt.

Und dann kommen die Herren mit den Spießen und säbeln ihre Seleção aus Tierstücken auf die Teller: Hühnerkeulen, Hüftsteaks, Lammbraten, Rinderrippen, Surfleisch, Pute, Flanksteak, Tafelspitz, Rindsbraten mit Parmesankruste, T-Bone-Steak. Wären meine Augen verbunden gewesen, ich hätte die Teile nicht voneinander unterscheiden können: Alles schmeckt gleich. Gleich fett, gleich zäh, zumeist viel zu durch gebraten und völlig ungewürzt (aber dafür ist ja das Saucen-Board da). Nein, nicht alles schmeckt ganz gleich: Lamm und Rind in Parmesan sind sogar erträglich, der rosa Tafelspitz spielte schon in Charlie Chaplins „Modern Times“ eine tragende Tellerrolle als Schuhsohle, und der Klumpen Pute hätte früheren Seereisenden als ewig haltbares Trockenfleisch Freude bereitet.

Durch den Verzicht auf Caipirinhas zum Essen (der eine danach legte jedoch nahe, dass er und seine Nachfolger in ihrer Harmlosigkeit nie und nimmer eine Amnesie auslösen könnten) kann ich jetzt jedenfalls die Dreifaltigkeit kulinarischer Mutproben benennen: ein Ritteressen im „Camelot“ beim Wiener Naschmarkt, ein gemütlicher Abend im „Marchfelder Hof“ – und ein Rodízio in der „Churrascaria“.

Dennoch, ein Essen hier könnte durchaus gewissen Zwecken dienen: zum Beispiel als gegnerische Mannschaft die Seleção am Vorabend eines Spiels hierher einladen. Oder Menschen, die mit einer veganen Lebensweise kokettieren, anhand dieses Rodízio vor Augen führen, was man Fleisch alles antun kann.

Mir zum Beispiel ist heute sehr nach Gemüse und Salat.

Churrascaria
Schellinggasse 12, 1010 Wien
Tel.: 01/512 04 45
www.churrascaria.at
Rodízio zum Fixpreis: 29,90 Euro

klaus.kamolz@profil.at