Gesellschaft

Klimaaktivismus: Ein Bild sagt mehr als tausend Leute

Befleckte Meisterwerke, klebende Hände: Die Klimaproteste haben in diesem Jahr neue Ikonen des Protests geschaffen. Wie Veränderung heute aussieht - eine kritische Bildbetrachtung.

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Manchmal braucht es nur zwei Menschen und eine Dose Tomatensuppe, um eine Bewegung auszulösen. Im konkreten Fall wurde die Tomatensuppe von Phoebe Plummer und Anna Holland benutzt, um sie in der Londoner National Gallery auf ein Sonnenblumen-Stillleben Vincent van Goghs zu schütten.

Die Aktion erregte enormes Aufsehen, dem Bild ist, dank Schutzglas, nichts passiert; das Anliegen von Plummer und Holland -die britische Just-Stop-Oil-Kampagne - war weltweit in den Schlagzeilen. Auf dem globalen Markt der Aufmerksamkeit war der Bildersturm von London ein Volltreffer. Es folgten zahlreiche Nachahmer, nicht alle so erfolgreich, aber es verfestigte sich ein Trend: Protestkultur hat 2022 neue, ikonische Seiten entwickelt. Was macht diesen neuen Aktivismus aus? Wie sehen soziale Bewegungen anno 2022 aus?

Ein Anruf bei dem politischen Soziologen Simon Teune in Berlin. Teune ist Vorstand des Instituts für Protest-und Bewegungsforschung und hat über die visuelle Darstellung und mediale Vermittlung von Protestanliegen geforscht. Er unterscheidet Aktionen wie jene in der Londoner National Gallery von älteren Formen des Bildersturms: "Es gibt eine lange Tradition des Bildersturms aus religiösen Gründen. Dabei ging es etwa um Darstellungen von Gott, die für bestimmte religiöse Strömungen verboten waren. In dieser Tradition ging es zumeist sehr konkret um das, was dargestellt war und was daran problematisch erschien." Diese Form des Protests wird von den zeitgenössischen Klima-Aktivistinnen und Aktivisten gleich auf mehreren Symbolebenen mit Bedeutung beladen: "In ihrem Fall dienen die Motive der Kunstwerke eher als Fingerzeig. Diese Naturidyllen stellen dar, was bedroht ist, weil die Natur eben nicht mehr idyllisch sein wird. Die Kritik der Letzten Generation ist fast schon Kunstkritik. Der Museumsbesuch wird seiner Unschuld beraubt und in den Kontext der Klimakrise gerückt."

Die Museumsproteste weisen im Kern also eine ästhetische Theorie auf. Zugleich werden sie selbst zum Kunstprodukt, zu Ikonen. Wobei Teune eine Einschränkung macht: "Ich würde als ikonische Bilder solche bezeichnen, die sehr breit verteilt werden und dadurch ins kulturelle Erbe eingehen, sodass sie symbolisch für etwas - etwa einen bestimmten Konflikt - stehen, aber auch weitergetragen und verfremdet werden können. Ich habe mir das am Beispiel der Anti-Atomkraft-Sonne genauer angesehen, die sehr breit verteilt wurde und zu einem Symbol des Dagegenseins avancierte - und als solches auch für ganz andere Zusammenhänge verwendet wurde: Chemtrails, nein danke. Islamisierung, nein danke. Das würde ich als ikonisches Symbol verstehen. Ich weiß nicht, ob das für die Proteste der Letzten Generation jetzt schon so gilt." Die Klimabewegung hat tatsächlich noch kein eindeutiges Logo, nicht die eine, zentrale Bild-Ikone wie jene von dem anonymen Mann, der sich im Juni 1989 am Tian'anmen-Platz den Panzern des chinesischen Regimes entgegenstellte.

Aber sind sie nicht dennoch, als visuelle Marken, sehr viel effektiver und wiedererkennbarer als die vergleichsweise klassischen Demonstrationszüge von Fridays For Future? Der Protestforscher Teune differenziert auch hier, denn "die Fotos von den FFF-Demos haben sehr wohl auch als Bilder enorm eingeschlagen - weil es Bilder waren, die visuell unterstrichen haben, dass hier eine neue, junge Generation auf die Straße geht. Das ist über diese Bilder von vorwiegend jungen Mädchen sehr stark transportiert worden, von diesen selbstgemalten Plakaten mit sehr großer Variationsbreite, mit sehr viel Witz und Kreativität."

Allerdings zeigt sich - vor allem in den Aufnahmen der auf Straßen festgeklebten Aktivistinnen und Aktivisten - ein weiterer, entscheidender Unterschied zu früheren sozialen Bewegungen. Die Tatsache, dass die geforderte Klimapolitik nur noch in einem sehr überschaubaren Zeitraum überhaupt möglich ist, beeinflusst die Wahl der Mittel. Teune: "Aus diesen Bildern spricht auch eine gewisse Verzweiflung, sowohl was das sich schließende Zeitfenster betrifft, als auch die Erfahrung mit vorangehenden Protesten, die nicht dazu geführt haben, dass das Problem einer Lösung zugeführt werden wird."

Sebastian Hofer

Sebastian Hofer

schreibt seit 2002 im profil über Gesellschaft und Popkultur, ist seit 2020 Textchef dieses Magazins und zählt zum Kernteam von faktiv.