Konsumkritiker Eisenriegler: "Die Waschmaschine glaubt, sie sei kaputt"

Konsumkritiker Eisenriegler in seinem Wiener Reparatur- und Servicezentrum „R.U.S.Z.“

Konsumkritiker Eisenriegler in seinem Wiener Reparatur- und Servicezentrum „R.U.S.Z.“

Wir sind alle "Konsumtrottel“, sagt Sepp Eisenriegler. Aber: Wir können nichts dafür – die Industrie will es so. Im profil-Gespräch erklärt Eisenriegler, warum Servicetechniker "Gfraster“ sind und langlebige Produkte der Wachstumsökonomie widersprechen.

Spricht man mit Sepp Eisenriegler, redet man schnell vom Großen und Ganzen. Sofort fängt der 63-Jährige Feuer, wenn es etwa darum geht, den Zusammenhang von Elektrolytkondensatoren und Subsistenzwirtschaften zu erklären oder jenen von Waschmaschinen-Stoßdämpfern mit der Lebenserwartung in Ghana. Seit 18 Jahren leitet Eisenriegler, zuvor in der Umweltberatung tätig, das Reparatur- und Servicezentrum „R.U.S.Z.“ in Wien-Penzing, das von Anfang an mehr war als nur eine Elektro-Werkstatt, nämlich unter anderem: ein sozialökonomischer Betrieb zur Förderung von Langzeitarbeitslosen; eine Art Lobbyingagentur für nachhaltiges Wirtschaften; eine Keimzelle der Konsumkritik. Am Beispiel der Waschmaschine kann Eisenriegler sehr schlüssig erklären, wie die Weltwirtschaft funktioniert, woran sie krankt und was man dagegen tun kann. Zu all diesen Themen hat er nun auch ein Buch verfasst: „Konsumtrottel. Wie uns die Elektro-Multis abzocken und wie wir uns wehren“ (Verlag edition a). Sein Fazit, stark verkürzt: Reparieren ist ein politischer Akt.

INTERVIEW: SEBASTIAN HOFER UND JULIA PFLEGER

profil: Träumen Sie manchmal von Kuba?
Eisenriegler: Es gab da tatsächlich einmal eine schwärmerische Phase in meinem Leben.

profil: Wir spielen eher auf die Kulturtechnik des Reparierens an, deren Verlust Sie gern beklagen. In Havanna gibt es diese noch. Dort muss ein Auto mindestens 60 Jahre lang halten.
Eisenriegler: Wie die dort mit den Autos umgehen, passt tatsächlich gut in unser Konzept. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mich als kleiner Bub immer gewundert habe, warum die Männer am Wochenende ständig unter ihren Autos lagen. Heute sehen Sie das nicht mehr. Das liegt nicht daran, dass niemand mehr wüsste, wie ein Auto funktioniert. Es ist schlicht nicht möglich, neuere Modelle selbst zu reparieren. Das ist technisch nicht vorgesehen. Schon beim Auswechseln einer Scheinwerferlampe werden Sie zwangsläufig scheitern.

profil: Das betrifft nicht nur Autos.
Eisenriegler: Nein, sondern immer mehr Konsumgüter – vom Telefon über den Standmixer bis zur Waschmaschine. Die Hersteller verhindern bewusst, dass die Konsumenten ihre Produkte selbst reparieren können, auch wenn nur geringfügige Schäden vorliegen – eben um die Wegwerfkultur zu fördern und mit immer neuen Geräten ihre Umsätze zu steigern. Langlebige Produkte vertragen sich nicht mit einer wachstumsorientierten Ökonomie.

profil: Aber ich kann ja immer noch einen Servicetechniker anrufen.
Eisenriegler: Die Servicetechniker sind Gfraster. Sie agieren sehr häufig als verlängerter Arm der Verkaufsabteilung. Auch unabhängige Reparaturbetriebe, die einen Service anbieten, verdienen mehr, wenn sie den Leuten eine neue Waschmaschine verkaufen. Wir haben in etlichen verdeckten Tests festgestellt, dass diese Servicebetriebe mehrheitlich als Verkäufer auftreten und ihre vermeintliche Kompetenz nur dazu missbrauchen, ihre Kunden fälschlicherweise davon zu überzeugen, dass sich eine Reparatur nicht auszahlt. Oft interessieren sie sich gar nicht dafür, was kaputt ist, aber sie wissen schon den Preis für die Reparatur – und natürlich den für ein neues Gerät.

profil: Dann kommt das berühmte "Das zahlt sich nicht mehr aus“?
Eisenriegler: So ist es. Ich möchte aber nicht den Eindruck hinterlassen, dass unabhängige Servicebetriebe prinzipiell unseriös arbeiten. Man kann auch Glück haben. Aber ganz klar funktionieren etwa die Werkskundendienste der Hersteller nach diesem Prinzip. Das ist in der Regel kein Dienst am Kunden, sondern der verlängerte Arm der Verkaufsabteilung.

profil: Inwiefern?
Eisenriegler: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Um Miele-Waschmaschinen reparieren zu können, muss ich mit dem Unternehmen einen Händlervertrag eingehen. Nur so bekommen wir die Hersteller-Software, die benötigt wird, um im Gerät den Fehlercode zu löschen. Wenn wir diese Software nicht haben, können wir das Gerät zwar reparieren, die Kunden haben aber nichts mehr davon – weil die Waschmaschine immer noch glaubt, sie sei kaputt. Um diesen Vertrag zu erfüllen, muss nun aber mindestens einer meiner Techniker regelmäßig zur Miele-Schulung, die in Wahrheit eine Verkaufsschulung ist. Der Techniker fehlt mir im Betrieb, verdient in der Zeit nichts und lernt das Neueste über Miele-Dampfgarer und -Staubsauger.


Man kann mit dem Ausstatten von nachhaltig gestalteten Produkten für einen weiteren Lebens- und Nutzungszyklus viel mehr Menschen beschäftigen als jene, die derzeit solche Geräte produzieren.

profil: Sie nennen die Dinge und Unternehmen gern beim Namen. Haben Sie eigentlich oft mit den Rechtsabteilungen der Konzerne zu tun?
Eisenriegler: Erstaunlich selten. Wahrscheinlich, weil ich nie etwas Falsches sage. Am Beginn unserer Tätigkeiten gab es schon Klagsdrohungen, aber es kam nie zu einer Klage. Wir werden sehen, was das Buch bringt. Alle kriegen ihr Fett ab.

profil: Weil alle böse sind?
Eisenriegler: Ich glaube nicht, dass die Manager in der herstellenden Industrie oder im Elektrohandel mit bösem Vorsatz handeln. Zufällig kenne ich einen leitenden Mitarbeiter in der Industrie sehr gut und weiß, dass er meine Werthaltungen teilt. Allerdings hat er einen Vertrag unterschrieben, der ihn dazu zwingt, in den nächsten drei Jahren die Umsätze um 15 Prozent zu heben. Der Typ ist schizophren. Er ist sozial engagiert, gebildet und hat Ideale, die ganz die meinen sind. Aber sobald er sein Büro betritt, denkt er nur mehr daran, wie er seine Umsätze steigern kann.

profil: Ihr Bekannter wird Ihnen sicher auch gern erklären, warum Wirtschaftswachstum nötig ist, um Arbeitsplätze zu erhalten.
Eisenriegler: Also erstens sind in der Waschmaschinenproduktion nur ganz wenige Menschen beschäftigt. Das machen Roboter. Und zweitens sehe ich nicht ein, dass profitorientierte Konzerne in den Ländern des Südens Rohstoffe ausbeuten, die dann unter nochmaliger Ausbeutung der Arbeitskräfte in den Schwellenländern zu Produkten verarbeitet werden, die wir im Norden billig kaufen, entsprechend wenig wertschätzen und schnell wegschmeißen. In manchen Fällen landen dann die Abfallprodukte dieses schnellen Durchlaufs wieder dort, wo die Rohstoffe herkommen, und ruinieren dort endgültig die Umwelt.

profil: Und wie lösen Sie dieses Dilemma?
Eisenriegler: Es muss kein Dilemma sein. Man kann mit dem Ausstatten von nachhaltig gestalteten Produkten für einen weiteren Lebens- und Nutzungszyklus viel mehr Menschen beschäftigen als jene, die derzeit solche Geräte produzieren. In Wahrheit geht es um eine Verlagerung von der Produktion in den Dienstleistungssektor. Ich denke da nicht zuletzt auch an den Handel. Der Elektrohandel stirbt ja aus, weil zunehmend online bestellt wird. Was machen also diejenigen, die physisch ein Geschäft betreiben, und es geht niemand mehr hin? Die werden zusperren müssen – oder sich aufs Reparieren verlegen.

profil: Das klingt, mit Verlaub, ein wenig utopisch.
Eisenriegler: Darum arbeiten wir jetzt auch auf EU-Ebene daran, dass im europäischen Wirtschaftsraum ausschließlich langlebige und reparaturfreundlich designte Produkte auf den Markt kommen. Nachdem wir bereits eine österreichische Norm entwickelt haben, in der das alles ausformuliert ist, bin ich jetzt als Delegationsleiter bei einem europäischen Normierungsinstitut namens Cen-Cenelec tätig. Dort werden im Auftrag der EU-Kommission Standards für Ökodesign im Sinne der Ressourcen- und Materialeffizienz entwickelt.

profil: Glauben Sie im Ernst, sich damit gegen die Lobbying-Anstrengungen der Elektrokonzerne durchzusetzen?
Eisenriegler: Die Industrielobbyisten sind in der Überzahl und leider auch budgetär im Vorteil. Trotzdem gehe ich fest davon aus, dass diese Norm verbindlich wird. Es ist zwar noch eine Frage der Zeit, aber 2020 ist für uns ein magisches Jahr. Es gibt eine EU2020-Strategie, die als eine wesentliche Leitinitiative die Ressourceneffizienz hat. Also: Ja, wir schaffen das. Es geht gar nicht anders.