Technologie: Die künstliche Intelligenz erreicht die Wohnzimmer

AMAZON ECHO: Die sprechende, Musik spielende und online shoppende Vorhut der künstlichen Intelligenz

AMAZON ECHO: Die sprechende, Musik spielende und online shoppende Vorhut der künstlichen Intelligenz

Sprachassistenten wie Google Home oder Amazon Echo waren die großen Renner im Weihnachtsgeschäft. Was passiert, wenn die künstliche Intelligenz der Konzerne ins Wohnzimmer vordringt - Nachrichten aus der Zukunft.

Ein ganz normaler Adventsonntag. Im Londoner Kaufhaus John Lewis steht eine uniformierte Dame hinter einem Pult und verliest eine Liste ausgegebener Zählkarten. Jedes Mal, wenn sie lautstark eine Zahl verkündet, startet neben ihr ein junger Verkaufsberater enthusiastisch los in die Arena der Unterhaltungselektronik-Abteilung. Es gilt, eine neue Generation technischer Geräte zu verkaufen, die Kaufhäuser wie dieses die letzte Lebensgrundlage kosten könnte - und deren Kundschaft die letzte Illusion der eigenen vier Wände als privater Raum. Doch die Neugier ist, wie der Trubel hier beweist, ein ganz unwiderstehlicher Trieb.

"Alexa, was krieg ich zu Weihnachten?" Allen, die auf diese Frage noch keine vollautomatisierte Antwort erhalten, wird dieses Jahr nun auch in Europa - ein Jahr nach dem großen Push in den USA - mit aller Aggressivität des Marketing die sprechende, online shoppende und Musik spielende Vorhut der künstlichen Intelligenz aufgedrängt. Was heuer im Oberstock bei John Lewis geschah, steht Österreich unmittelbar bevor. Betastbare Bildschirme waren gestern. Dieser Tage sehen die Objekte, die festliche Freude bringen sollen, wahlweise wie löchrige Zylinder, Eishockey-Pucks oder Feuermelder aus. Manche dieser Gegenstände sind tatsächlich Feuermelder. Aber eben noch sehr viel mehr. Durch Zuruf aktivierte elektronische Assistenten wie das Amazon Echo (hört üblicherweise auf "Alexa!") oder dessen Konkurrent Google Home ("Ok Google!") waren bis vor Kurzem noch Nischenprodukte für Technologie-Verliebte. Jetzt sollen sie den Mainstream erobern, am besten in Kombination mit allerlei Hilfsgeräten zur Steuerung des zeitgemäßen Smart Home, in dem von der Heizung bis zur Haustierbetreuung nichts mehr offline bleibt. Die britische Fernsehwerbung zeigt hilflose Väter, die sich gemeinsam mit den Kindern von Google Home Geschichten erzählen lassen, während der intelligente Dimmer ihnen ein Schlaflicht ins Zimmer zaubert. In sämtlichen Zeitungen werden seit Wochen ganzseitige Anzeigen geschaltet, auf denen neben saisongerechten Slogans eine Ansammlung trostlos anmutender Gegenstände zu sehen ist: eine schwarze, runde Glasscheibe mit einer digitalen Temperaturanzeige, ein Kameraauge auf einem schlanken, weißen Fuß und gleich darunter, wie ein stummer, grauer Stein: der Google Home Mini. Da werden beim Auspacken aber die Augen im Kerzenlicht glänzen.

Karina Stiller, eine Deutsche in London in ihren späten 30ern, hat ihren Amazon Echo schon im Frühling dem Boyfriend zum Geburtstag besorgt. "Es war als Gadget-Geschenk gedacht. Ich bin kein großer Fan von übermäßiger Digitalisierung meines Haushalts", sagt sie. Aber ein paar der Anwendungen seien doch "ganz lustig. Es gibt da eine Katzenimitations-App, die findet unser Kater weniger toll, ich dagegen super. Im Großen und Ganzen verwenden wir das Echo für die Synchronisierung gemeinsamer Haushaltsdinge, zum Beispiel für Einkaufslisten und Kalender. Wir haben das Wohnzimmerlicht mit WLAN-gesteuerten Hue-Glühbirnen ausgestattet, und nach einigen Monaten Basteln kann das Echo nun alle Stehlampen an-und wieder ausmachen, dimmen sowie deren Farbe wechseln. Zu Weihnachten gibt es jetzt noch einen 'Smart Wallplug', damit wir nicht mehr unter den Tannenbaum kriechen müssen, um die Lichterketten einzustecken." Mit der mündlichen Bedienung des Fernsehers via Echo hapere es dagegen noch. "Super enttäuschend" findet Karina außerdem, dass der elektronische Assistent bei der Musikauswahl in Verbindung mit ihren teuren Sonos-Lautsprechern nur auf eine begrenzte Auswahl von Streaming- Diensten und nicht einmal auf ihre eigene Musiksammlung zugreifen kann. Paul Burgess, 41, seine Frau, 40, und die zwei Kinder, neun und fünf Jahre alt, sind da weniger wählerisch. "Wenn wir Gäste zum Essen haben", erklärt der Web-Developer aus Wales, "sag ich einfach:'Echo, spiel ein bisschen Hintergrundmusik.'" Laut Statistik verwenden 82,4 Prozent der Benützer ihre elektronischen Assistenten so wie Familie Burgess für Musik.

"Er kennt meine Lieblingsbands nicht"

Emily S., 29, Elektro-Pop-Musikerin und Informatik-Lektorin an einer Londoner Uni, scheitert mit ihren offenbar zu ausgefallenen Musikwünschen regelmäßig an ihrem Dot, der scheibenförmigen Kleinausgabe des Echo: "Er kennt meine Lieblingsbands nicht, aber ich liebe meinen Dot trotzdem heiß. Ich verwende ihn vor allem als Erinnerungshilfe, damit ich nicht vergesse, dass ich gerade ein Bad einlasse, oder wann ich die Wohnung verlassen muss, um rechtzeitig in die Arbeit zu kommen. Ich habe auch Bluetooth-Tracker in meiner Brieftasche und auf meinem Schlüsselbund, die ich vom Echo rufen lassen kann. Es ist wie eine Prothese für den Frontallappen meines Gehirns, eine Art Outsourcing für mein Kurzzeitgedächtnis. Dafür allein ist mein Echo sein Geld Hunderte Male wert."

Emily macht keinen Witz (übrigens lassen sich 60,4 Prozent der User von ihren digitalen Assistenten Witze erzählen), sie leidet vielmehr unter einer akuten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Es gebe kaum eine Diagnose, sagt sie, "die unter Akademikern mit einem größeren Stigma belastet wäre", daher will sie profil auch nicht ihren vollen Namen nennen. Den Widerspruch, dass sie gleichzeitig einen Multi wie Amazon regelmäßig mit Daten über ihre persönlichen Lebensumstände füttert, nimmt sie dem praktischen Nutzen zuliebe in Kauf. Als Informatikerin sieht sie allerdings sehr wohl die Risiken einer Technologie, die im Dienst eines mächtigen Konzerns detaillierte Informationen über die Termine, Kontodaten und Einkäufe der Nutzer mit der Fähigkeit vereint, deren Zuhause akustisch, oder - im Fall von Überwachungssystemen wie der populären Nest-Cam - auch noch mit Kameras zu bespitzeln. "Ich glaube nicht, dass das 'Internet der Dinge' Teil einer riesigen Verschwörung ist", sagt Emily, "aber sehr wohl, dass es neue Wege des Missbrauchs eröffnet, sowohl für Konzerne als auch für Dritte, und das sollte in den Gesetzen dementsprechend berücksichtigt werden. Es ist wichtig, zu wissen, welche Daten gesammelt werden und wie man sie entfernen kann."

Neue Fragen der Etikette

Sie verweist auf einen Mordfall im US-Bundesstaat Arkansas, bei dem die Polizei die Herausgabe der Aufnahmeprotokolle eines Echo-Geräts forderte, das in der Küche des Hauptverdächtigen stand. Alles, was Amazon den Ermittlern zu bieten hatte, seien jeweils die paar Sekunden nach Aussprache des Aktivierungsworts gewesen. Entgegen einer weitverbreiteten Annahme schneide der Assistent also nicht alles mit, was in seiner Umgebung passiert. Dennoch: "Wenn wir bei uns Leute zu Gast haben, drehe ich mein Echo ab, weil ich nicht will, dass sie das Gefühl haben, abgehört zu werden." Tatsächlich wirft ein elektronischer Assistent im Eigenheim neue Fragen der Etikette auf. Und das nicht nur gegenüber Gästen, die bei Eintritt ins Wohnzimmer die Nutzerbedingungen studieren sollten, sondern auch gegenüber dem Assistenten selbst. "Wir haben von den möglichen Aktivierungswörtern 'Echo' und nicht 'Alexa' eingestellt", meint Paul Burgess. "Mir schien es ein bisschen eigenartig, ein Gerät mit einem menschlichen Namen anzusprechen. Und 'Amazon' zu rufen, ist noch komischer. Meine Kinder sagen oft 'bitte' zu ihm. Und meine Frau weist mich scherzhalber zurecht, wenn ich nur ein kleines bisschen unhöflich zu ihm bin." Auf diese Art wird der elektronische Assistent zum gesichtslosen Anstandswächter. "Diese Frau denkt durchaus vernünftig", sagt der Journalist und Experte für Online-Technologie Erich Möchel: "Weil sie davon ausgeht, dass alles, was ihr Mann vor der Maschine sagt, gegen ihn verwendet werden kann."

Der britische Rockstar Noel Gallagher scherzte neulich in einem Interview zum Thema elektronische Assistenten: "Wenn sie dir einmal Drogen besorgen können, dann bewegen wir uns als Gesellschaft wirklich voran: 'Alexa, geh und besorg mir Gras!'" Es lag ein wahrer Kern in seinem Blödsinn. Die künstliche Intelligenz mag unsere Anweisungen immer besser verstehen lernen, aber ein echter Buddy wird aus dem elektronischen Butler nie. Denn was er über uns lernt, gibt er an seine eigentlichen Meister weiter. Schließlich ist die Verwertung unserer Daten der wahre Kern des Geschäftsmodells. Das offene Ohr der Assistenten, die ständige Gegenwart ihrer Richtmikrofone wird sich in unser Unterbewusstsein einschleichen. Wir Menschen werden lernen müssen, uns daran anzupassen.

Signalwortklauberei

Sprachassistenten: Wer sie sind, was sie können, worauf sie hören.

Amazon Echo

Der Digitalassistent aus dem Online-Versandhaus ist derzeit in vier verschiedenen Varianten verfügbar. Neben dem klassischen Echo auch als kleiner Echo Dot oder, inklusive Bildschirm, als Echo Show. Außerdem ist Alexa -so nennt sich die künstliche Inteligenz des Echo-Systems - auch in den WLAN-Lautsprechern von Sonos am Werk. Amazon Echo liegt bereits in der zweiten Generation vor und ist in Österreich, sowohl was die Verbreitung als auch die Bekanntheit betrifft, deutlicher Marktführer. Mittels sogenannter "Skills", also kleiner Hilfsprogramme, die den von Smartphones bekannten Apps entsprechen, kann das System noch weiter ausgebaut und individualisiert werden.

Apple HomePod

Mit der aus dem Smartphone (und allen anderen Apple-Endgeräten) bestens bekannten Siri, die schon seit 2011 ihren Dienst versieht, steht hier eine gut eingeführte und technisch weit fortgeschrittene Digital-Assistenz bereit. In der Hausfreund-Variante wird Siri freilich erst im neuen Jahr erhältlich und dabei auch wesentlich teurer sein als die Konkurrenz, die es in den jeweiligen Kleinversionen schon um deutlich weniger als 100 Euro gibt. Insgesamt ist das Apple-Konzept vor allem auf die Musikwiedergabe fokussiert, was der hauseigene Streaming-Dienst Apple Music nahelegt. Plattform- und systemübergreifende Anwendungen sind zumindest kurzfristig nicht zu erwarten.

Google Home

An Datenmaterial zur Befütterung seiner künstlich intelligenten Heimintelligenz fehlt es dem kalifornischen Suchmaschinen-Unternehmen naturgemäß nicht. Ebenso wenig mangelt es an Möglichkeiten, diese Daten - etwa über ein Google-Konto - noch weiter zu personalisieren. Konkret spricht man bei Google mit einem "Assistant", der gegenüber Amazons Echo noch Aufholbedarf bei der Steuerung von Smart-Home-Anwendungen hat, aber bei der Beantwortung von Suchanfragen - wenig überraschend - vorerst konkurrenzlos bleibt.