Lichterloh: Zum Tod von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher

Lichterloh: Zum Tod von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher

Ein Jahrhundertjournalist: Die Schriftstellerin Eva Menasse über ihren einstigen Förderer, den „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, der vergangene Woche im Alter von 54 Jahren starb.

Was Karl Kraus für die deutschsprachige Publizistik des frühen 20. Jahrhunderts, war Frank Schirrmacher für jene des beginnenden 21. Nein, das ist nicht zu hoch gegriffen. Wie Kraus war Schirrmacher eine genialische, temperamentvolle, gefürchtete, von etlichen sogar gehasste Ein-Mann-Turbine, ein Polemiker und Pamphletist, aber eben auch ein eminent politischer, also um den Lauf der Welt zutiefst besorgter Mensch.

Als Schirrmacher mit Mitte 20 in die Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eintrat, war er eine Art Wunderkind, hochintelligent und auf seine diabolische Weise charmant, und es gelang ihm schnell, sich den Einflussreichsten anzuempfehlen: Marcel Reich-Ranicki und Joachim Fest. Er beerbte bald, gerade 30 Jahre alt, Ersteren als Literaturchef und nur vier Jahre später Zweiteren als Herausgeber des Feuilletons – die „FAZ“ hat seit jeher ein Kollegium von fünf Herausgebern, von denen jeder für einen eigenen Teil der Zeitung zuständig war und ist. Schirrmacher wurde (und bleibt vermutlich) der mit Abstand jüngste „FAZ“-Herausgeber aller Zeiten.

Und trotz einiges Gegenwindes in den ersten Jahren – der „Spiegel“ attackierte aus formalen Gründen seine Dissertation – formte er dieses Feuilleton zu dem modernen Leitmedium um, oder besser: zum Rammbock des deutschen Diskurses. Schirrmacher, der wie besessen las, surfte, twitterte, simste, telefonierte, sich informierte und intrigierte, setzte prophetisch die Themen, die bald wichtig wurden, und ließ sie, anders als üblich, nie wieder fallen. Dass es in Deutschland neben vielen hysterisch-medialen Blasen auch intellektuelle Debatten gibt, die diesen Namen verdienen, verdankte sich zuletzt vor allem ihm. Er begriff als Erster, dass Kulturjournalismus sich wieder den Naturwissenschaften öffnen musste, er feierte die Entschlüsselung des menschlichen Genoms ebenso, wie er die brandgefährlichen Seiten einer durchdigitalisierten Welt früh erkannte – noch bevor sich Edward Snowden zum Geheimnisverrat entschloss.

Schirrmacher war wahrlich ein Jahrhundertjournalist. Er liebte nicht nur die Diskursmacht, sondern auch das gute alte Zeitungmachen. Er ließ nie locker, wollte jeden Tag den spannendsten Aufmacher und die beste Schlagzeile dafür. Als Chef war er für viele eine echte Zumutung, innerhalb der Redaktion spielten sich Dramen ab, die mit dem Wort „shakespeareanisch“ nur unzulänglich beschrieben sind. Da gab es übrigens ein Muster: Je mehr einer Angst vor ihm hatte, desto mehr bekam er ab.

Aber mit ein bisschen emotionalem Abstand war es schwer, nicht fasziniert zu sein von ihm. Er war so unglaublich schnell im Kopf. Wenn er Texte prüfte, wirkte es, als würde er bloß querlesen, dabei hatte er jedes falsche Adjektiv gesehen. Und gleichzeitig hatte er immenses Vergnügen an kindischen Witzen. Er war ein wahrhaft brillanter Schreiber, auch wenn er gelegentlich in apokalyptisches Raunen verfiel. Seine Leitartikel waren, in ihrer sprachlichen Wucht und argumentativen Schärfe, Ereignisse. Und anders als so viele andere bedeutende Schreiber machte es ihm auch Spaß, Talente zu entdecken und zu fördern. Wer besser als nur gut schrieb, sollte bei ihm, in der „FAZ“ arbeiten. So plünderte er in einem nie gesehenen Raubzug um die Jahrtausendwende das Feuilleton der direkten Konkurrenz, der „Süddeutschen Zeitung“ aus, holte die dortigen Stars nicht nach Frankfurt, sondern gleich nach Berlin, wohin die deutsche Regierung damals gerade umzog.

Menschlich war er schwierig, weil er, bei aller Macht und Brillanz, unsicher und eher schüchtern war. Überall witterte er Verrat und Intrige, im besten Fall Schmeichelei. Er hat einigen Menschen sehr übel mitgespielt. Aber angesichts seines grausam frühen Todes zählt nur das höhere Gut seiner Lebensleistung. Und da ist es noch gar nicht zu ermessen, wie die deutsche, ja die europäische Publizistik und Intelligenz ohne ihn, diesen lichterloh an beiden Enden Brennenden, auskommen sollen. „Es gibt wirklich nicht viele Leute, von denen man sagen kann, sie seien unersetzlich“, schrieb Jakob Augstein nun sehr, sehr treffend: „Er war einer.“

Zur Person
Eva Menasse, 44, ehemals profil- und „FAZ“-Redakteurin, lebt als Schriftstellerin („Vienna“, 2005; „Lässliche Todsünden“, 2009; „Quasikristalle“, 2013) und freie Journalistin in Berlin.