Maria Theresia
Mutter Majestät

Maria Theresia: Die dunklen Seiten der letzten Habsburger-Monarchin

Maria Theresia: Zum 300. Geburtstag der Habsburger-Monarchin

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Wer keine üblen Gewohnheiten besitzt, hat wahrscheinlich auch keine Persönlichkeit." Der Satz des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers William Faulkner passt wie maßgemacht auf Maria Theresia, deren 300. Geburtstag im Mai Österreichs Museen, Historiker und Biografen 2017 zum Großkampfeinsatz fordert.

Ein Glück für die Wissenschaft, dass die Kaiserin, die bei ihrer Machtübernahme 1740 nur regierende Erzherzogin sowie Königin von Böhmen und Ungarn war und erst fünf Jahre später durch Franz Stephans Krönung zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs rechtmäßig so genannt werden durfte, notorische Briefeschreiberin war. Diese Dokumente, bei denen sie auch stets bemüht war, die äußere Form zu wahren ("Sehen Sie mir dieses ganze Gekritzel nach "), zeichnen das Psychogramm einer Frau, deren Leben von Widersprüchen, Zerrissenheit, Reformwiderwilligkeit und der Fähigkeit, die öffentliche Meinung zu manipulieren, gekennzeichnet war. Sie bieten aber auch einen tiefen Einblick in eine Gefühlswelt, die, so der Historiker Karl Vocelka, "eine völlig neue Facette darstellte, denn einen solch direkten emotionalen Ausdruck gab es zuvor nicht, da regierte in Briefen ein weitaus förmlicherer Tonfall".

Das Klischee der gütig lächelnden Übermutter, das im Geschichtsbewusstsein der Republik fest zementiert ist, erweist sich als trügerisch. Denn Maria Theresia war gnadenlos, was die Heiratspolitik ihrer Kinder betraf, und in religiösen Belangen: Protestanten ließ sie mit den berüchtigten "Wasserschüben" über die Donau ins ungarische Banat abschieben, ein unwirtliches Sumpfgebiet, wohin auch Kriminelle und Prostituierte zwangsumgesiedelt wurden. Ähnlich brutal zeigte sie sich im Umgang mit der jüdischen Bevölkerung. Der Briefwechsel mit ihrem Nachfolger Joseph II. demaskiert klar, dass "ihre Reputation als Reformherrscherin" (Vocelka) nur bedingt der historischen Realität entspricht: "Sie stand an einer Zeitenwende: De facto war sie eine Herrscherin des Spätbarock, die sich im Spannungsfeld der neuen Denkmuster der Aufklärung befand."

Ihre Verdienste um das Bildungswesen und die Schulpflicht waren nicht vom humanen Idealismus motiviert, sondern unterlagen "einem Nützlichkeitsgedanken". Im Juli 1777 schreibt sie wutentbrannt an ihren Mitregenten Joseph II: "nichts gibt es, was so nötig und heilsam wie die Religion ist. Wollen Sie erlauben, dass jeder sich eine nach seiner Phantasie macht?" Ihre Kinder kontrollierte sie bis zum letzten Atemzug, besonders ihren verheirateten Töchtern ließ sie seitenweise Anweisungen im Umgang mit ihren Gatten zukommen, die einem unbeugsam konservativen Frauenbild entsprachen. Marie Antoinette erklärt sie 1770: "Die Frau muss sich ihrem Ehemann vor allem unterordnen und hat keine andere Bestimmung im Leben, als ihn glücklich zu machen."

Sie starb im braunen Schlafrock ihres geliebten Ehemanns im Kreise der Familie am 29. November 1780. Zuvor hatte sie noch pflichtbewusst Abschiedsbriefe an ihre Nachkommen verfasst. Die Zügel wollte sie auch im Angesicht des Todes nicht abgeben: "Ich fürchte mich zu schlafen, denn ich will nicht überfallen werden und will ganz den Tod kommen sehen." Die zweitgeborene und wegen einer Verkrüppelung unverheiratet gebliebene Tochter Maria Anna schreibt in ihrem Tagebuch weiter, dass die Mutter sich noch einmal aus ihrem Sessel erhob, ehe sie um neun Uhr abends endgültig tot zusammenbrach.

"Dis ist ein hartes Metier": Meisterin der Selbstinszenierung.

Sie ist eine Fürstin von hoher Begabung. Ihr Wesen ist für die Herrschaft wie geschaffen und voller Ehrgeiz betrachtet sie ihren Vater als wenig mehr denn als ihren Verwalter." So lautet die hellsichtige Beurteilung des englischen Gesandten Thomas Robinson 1733 angesichts der 16-jährigen Erzherzogin, die der deutsche Historiker Thomas Lau in seiner fundierten Biografie "Maria Theresia -Die Kaiserin" zitiert. Für Lau war sein Studienobjekt "eine kalte Ingenieurin der Macht und eine vermeintlich schwache Frau - je nach Bedarf spielte sie die Rolle der schüchternen Schülerin, der schutzbedürftigen Mutter oder der häuslichen Ehefrau." Alle jüngeren Biografen sind sich einig, dass Maria Theresia es nach ihrem Machtantritt 1740 meisterhaft verstand, sich in der Öffentlichkeit zu inszenieren. In den ersten Jahren ihrer Herrschaft prägte sie das Bild der unerschrockenen Kämpferin, "die alles andere als eine Zicke war", so die Historikerin Katrin Unterreiner. Sie instrumentalisierte ihre damalige Schönheit, um alles daranzusetzen, die Umstände, "in denen ich mich ohne Geld, ohne Credit, ohne Armée, ohne eigene Experienz und auch ohne allen Rath fand", zu ihren Gunsten zu verändern. Sie wurde eine Königin zum Angreifen, ließ jedermann zu einer Audienz vor, ihre Untertanen konnten ihr sogar Bittschriften in die Kutsche werfen. Um die dennoch herrschende Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung unter Kontrolle zu bringen, schritt sie zu einer raffinierten PR-Offensive: Sie ließ die Lebensmittelpreise herabsetzen und "anbefohl die Klerisei (Anm.: Kirche) und den weltlichen Herrschaften, ihre Kornspeicher zu öffnen", so ein Zeitungsbericht. Nach einer ersten Finanzsitzung mit ihrem Kabinett seufzte sie in einem Brief: "Dis ist ein hartes Metier." Der preußische Gesandte Otto Christoph Graf von Podewils zeigte sich in seinem Bericht beeindruckt: "Bei ihrer Thronbesteigung fand sie das Geheimnis, sich die Liebe und Bewunderung aller Welt zu erringen. Ihr Geschlecht, ihre Schönheit, ihr Unglück trugen nicht wenig dazu bei, dass die Lobeserhebungen, an denen die vom Hof besoldeten Journalisten nicht sparten, günstig aufgenommen wurden."

"Wie eine arme Hündin": Eine bürgerliche Romantikerin.

Caro viso (Anm.: Geliebtes Antlitz), Ich bin Ihnen unendlich für Ihre Aufmerksamkeit verbunden, mir Nachricht von Ihnen zu geben, denn ich war bekümmert wie eine arme Hündin. Haben Sie mich ein wenig lieb... Adieu Mäusl, ich umarme Sie von ganzem Herzen, schonen Sie sich recht... Ich bin Ihre Maria Theresia" Jener Liebesbrief vom 8. Februar 1736, vier Tage vor ihrer Hochzeit, war symptomatisch für ihre schwärmerische Beziehung zu dem neun Jahre älteren Franz Stephan von Lothringen, mit dem sie seit ihrem sechsten Lebensjahr mit kurzen Unterbrechungen am Hof aufgewachsen war. Die Antwortschreiben des "Mäusls" an seine "Chère Mitz" gestalteten sich um einiges sperriger und weitaus mehr einer gefühlsreglementierenden Etikette verpflichtet. Maria Theresias Glück war, dass sie (siehe Interview), um als Regentin von den feindlichen Mächten anerkannt zu werden, eine dynastisch unbedeutende Partie machen musste. Verliebt wie "ein Mädchen aus den mittleren Ständen" (so Karoline Pichler, Tochter ihrer Vorleserin) benahm sich die 22-jährige Erzherzogin in ihrer Brautzeit. Das fiel auch dem englische Gesandten Thomas Robinson 1735 auf: "Wenn sie am Tag sich auf der Höhe ihrer Seelenstimmung befunden, so seufzt sie des Nachts nur von ihrem Herzog Wenn sie schläft, träumt sie nur von ihm, wenn sie wacht, so spricht sie mit ihren Hofdamen nur von ihm. Man darf dessen gewiß sein, dass sie niemals auf die Regierung noch auf ihren Gatten verzichten wird." Tatsächlich soll diese Ehe bis zum letzten Atemzug ihres offiziellen Mitregenten (de facto ließ sie sich zwar von Franz Stephan beraten , traf aber alle Entscheidungen im Alleingang) am 18. August 1765 von außergewöhnlicher Harmonie geprägt gewesen sein. Man teilte sich ein gemeinsames Schlafzimmer, all ihren Kindern riet sie später, in ihren Ehen das Gleiche zu tun.

Wie sie ein Reich, einen Mann und die Kontrolle von 16 Kindern unter einen Reifrock bekam, kann sich die Historikerin Katrin Unterreiner nur "mit einem ausgeklügelten Zeitmanagement" erklären. Nach dem imperialen Mittagessen, der eigentlichen Hauptmahlzeit am Hof, legte die Kaiserin eine Auszeit von zwei, drei Stunden ein, in denen sie sich mit ihrem Mann in ihre Gemächer zurückzog: "Darauf bestand sie eisern." Waren bei Hof keine Abendveranstaltungen angesagt, aß sie abends oft allein nur einen Teller Fleischbrühe und erledigte noch den Schriftverkehr. Die absolute Treue, die sie ihm hielt, erwiderte der Mann, der sich als äußerst talentiert in der Erweiterung des Habsburg-Lothring'schen Privatvermögens erwies, an der Börse spekulierte und Dinge tat, "die man heute als Insider-Geschäfte bezeichnen würde", so Ausstellungskurator Karl Vocelka, jedoch nicht. Ihm wurden einige amouröse Abenteuer nachgesagt, allen voran mit der jungen Fürstin Wilhelmine Auersperg, die am Wiener Hof als besondere Schönheit galt, "la belle princesse" genannt wurde und eine von Maria Theresias Hofdamen war. Die Regentin, die ihre Rivalin, eine geborene Gräfin Neippberg, zur Ehe mit dem Fürsten Auersperg verdonnert hatte, wusste aller Wahrscheinlichkeit nach von diesen Seitensprüngen, ignorierte sie jedoch mit vornehmer Zurückhaltung.

"Wie mich das schwächt": Kindersegen wider Willen.

Im Spätsommer 1748 schrieb die zehnfache Mutter Maria Theresia an ihre Freundin, Maria Antonia, Kurfürstin zu Sachsen: "... Ich fürchte, ich werde noch mehr Kinder bekommen. Wenn der liebe Gott mir die bewahrt, die ich habe, würde ich recht zufrieden sein... Denn ich fühle, wie das mich schwächt und mich sehr altern läßt; es würde mich wenig bekümmern, wenn es mich nicht weniger fähig für Kopfarbeiten machte. Ich bin ganz allein hier, der Kaiser ist in Böhmen zur Jagd. Bei seiner Rückkehr wird die Zeit meiner Entbindung sehr nahe sein, ich möchte sie verkürzen, um ihm diese Szene zu ersparen …" Im Gegensatz zu ihrer Mutter Elisabeth Christine wurde Maria Theresia nahezu jährlich schwanger. Innerhalb von 19 Jahren gebar sie 16 Kinder - ihr erstes bekam sie im Alter von 20, ihr letztes mit 39. Von den 16 Kindern des Kaiserpaares erreichten nur zehn das Erwachsenenalter, drei davon erlagen im Jugendalter den Pocken. Die Kindersterblichkeit wurde als gottgewollt angesehen. Die ikonografische Inszenierung von der gütigen Mutter im Kreise ihrer Kinderschar geschah nicht ohne Hintergedanken. Mit diesen Bildern wollte die Dynastin ihren Untertanen vermitteln, dass sie auch dem Land eine solche Übermutter verkörpert. In ihrem Erziehungsstil entpuppte sie sich als rigoroser Kontrollfreak. Seitenlange Anweisungen an die diversen Erzieher sind erhalten, die sich wie Betriebsanleitungen für die jeweiligen Kinder lesen. Marie Antoinette, die von ihrer Mutter als Meisterstück ihrer Verheiratungspolitik knapp 15-jährig an den Dauphin nach Frankreich verschachert worden war, erzählte ihren Vertrauten vom Inszenierungs-Kalkül ihrer Mutter: "Sobald man von der Ankunft eines Fremden von Bedeutung in Wien Kenntnis erhalten hatte, umgab sich die Kaiserin mit ihrer Familie, zog ihn zur Tafel, und erweckte durch diese wohlberechnete Annäherung den Glauben, als leite sie selbst die Erziehung ihrer Kinder."

Isabella von Parma billigte ihrer Schwiegermutter zwar zu, dass sie ihre Kinder liebte, aber "ihre Liebe ist nie frei von Misstrauen und spürbarer Kälte Sie geht von einem falschen Grundsatz aus, der in allzu großer Strenge besteht." Die verstorbene Habsburger-Koryphäe Brigitte Hamann war in einem profil-Interview überzeugt, dass "alle Töchter der Maria Theresia von klein auf als Werkzeug der Politik betrachtet wurden. Der Machterhalt stand über jeder Form von Mutterliebe. Jetzt einmal abgesehen von ihrer Lieblingstochter Maria Christina, die mit Albert von Sachsen-Teschen als Einzige den Mann, den sie liebte, heiraten durfte. Für Maria Theresia war nur wichtig, den Umschwung der Bündnisse - weg von England, hin zu Frankreich - zu stabilisieren."

"Keine ärgere Pest als die Nation" - die Judenfeindin

In einem Schreiben an die Hofkanzlei, datiert mit 1777, formuliert Maria Theresia ihren tiefen Hass gegen die jüdische Bevölkerung: "Künftig soll keinem Juden, welchen Namen er haben möge, erlaubt sein, sich hier aufzuhalten, ohne meine schriftliche Erlaubnis. Ich kenne keine ärgere Pest für den Staat als die Nation, wegen der Kunst, durch Betrug, Wucher und Geldvertrag die Leute in den Bettelstand zu bringen, alle übliche Handlung auszuüben, die ein anderer ehrlicher Mann verabscheut. Mithin (sind dieselben) soviel als sein kann, von hier abzuhalten und zu vermindern." Der Historiker Karl Vocelka sieht Maria Theresia nicht als Antisemitin im modernen Sinn: "Ihre Abneigung war religiös motiviert; sie war eine Katholikin der Voraufklärung, geprägt von der Gegenreformation und der Frömmigkeit des Barock: Da war sie unerbittlich konservativ." Mit ihren "Judenordnungen" versuchte sie die Anteile der jüdischen Bevölkerung in Wien gering zu halten, "doch waren die finanzkräftigen Juden unverzichtbar für die Finanzierung ihrer Kriege", so Unterreiner. Brutal ging Maria Theresia 1744 gegen die größte jüdische Gemeinde ihres Reichs vor: Wegen des Verdachts der Spionage für Preußen wurden 200.000 Prager Juden ihrer Stadt verwiesen, was zu einem wirtschaftlichen Desaster führte. Als eines der angesehensten Mitglieder der Gemeinde bei der so restriktiven Herrscherin um eine Audienz bat, wurde ihm die zwar gewährt, allerdings ließ Maria Theresia zwischen sich und dem Bittsteller einen Paravent aufstellen, da sie Salomon Koreff nicht ins Gesicht sehen wollte. Gegen Erstattung der sogenannten "böhmischen Judensteuer" wurde wohlhabenden Mitgliedern später eine Rückkehr ins Ghetto erlaubt.

"Ich bin mir selbst fremd": die altersdepressive Monarchin.

Ich bin mir selbst fremd. Wie ein Tier vegetiere ich vor mich hin, gefühllos und ohne Vernunft, vergesse alles. Um fünf Uhr früh stehe ich auf, gehe spät zu Bett und tue den ganzen Tag nichts. Ich denke nicht einmal", schreibt sie ihrem Berater Graf Silva-Tarouca knapp nach dem Tod ihres geliebten Mannes 1765, der bei den Hochzeitsfeierlichkeiten des Sohnes Leopold in Innsbruck unerwartet "an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall" (Unterreiner) starb. Aus heutigem Kenntnisstand ist diese Selbstdiagnose als eine schwere depressive Verstimmung zu deuten. Ihre Brieffreundin Gräfin Rosalia Edling bittet sie: "Bete für mich, liebste Salerl, daß Gott mich erleuchte und stärke, so lang ich noch in dieser Welt herumkugeln soll …" 1768 zeigt sich ihr Zustand unverändert. Wieder an "Salerl" schreibt sie: "... ich bemerke leider, dass ich selbst mein Beten ohne Gefühle absolviere und dass ich meinen Aufgaben nur mehr schlampig nachkomme. Dies alles deprimiert mich... " Mit ihrem Sohn und Nachfolger Joseph II., der 1765 zum römischen-deutschen Kaiser gewählt wurde, verschärften sich die Zwistigkeiten, besonders in religiösen Fragen, zunehmend. Bald waren nicht einmal mehr mit der Mutter und Mitregentin gemeinsame Mahlzeiten möglich.

Im Juli 1778 schreibt sie an Joseph einen Brief, der einer bitteren wie resignativen Bilanz ihres Lebens gleich kommt: "Mein lieber Sohn Wir waren eine große Macht und sind es nicht mehr. Man muss sein Haupt beugen, wenigstens die Trümmer retten und die Völker, die uns noch bleiben, glücklicher machen, als sie es während meiner unglücklichen Regierung waren... Beginne Deine Regierung damit, die Ruhe, den Frieden, das Glück denen zurück zu geben, die es so sehr verdienen... "

Angelika   Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort