Mars One: Der Grazer Günther Golob auf Weltraummission

Mars One: Der Grazer Günther Golob auf Weltraummission

Dass der Grazer Günther Golob in zehn Jahren zum Mars fliegen wird, kann nach wissenschaftlichen Kriterien ausgeschlossen werden. Trotzdem bereitet er sich ernsthaft auf eine Reise ohne Wiederkehr vor.

Dem Himmel ganz nah serviert Günther Golob Apfelstrudel und Filterkaffee. Er empfängt in seinem Wohnzimmer, das auch als Büro dient. Es liegt im zehnten Stock eines 1970er-Jahre-Wohnblocks in Graz. Man hat einen fantastischen Blick von hier oben, auf die Messe, auf die Stadt, auf den alten Sturm-Fußballplatz und die neuen Bürotürme der steirischen Metropole, aber Golob hat in diesen Tagen eine andere Vision, er sieht sozusagen rot. Das hat ihm soeben einen bemerkenswerten Ehrentitel eingebracht: „Jetzt bin ich schon zum zweiten Mal ‚Steirer des Tages‘. Und das als Kärntner! Das taugt mir.“

Dazu muss man wissen, dass Golob eigentlich aus Wolfsberg stammt, aber seit bald 15 Jahren in Graz lebt und seit eineinhalb Wochen nicht nur in der Steiermark sehr prominent ist. Letzteres liegt daran, dass die niederländische Stiftung „Mars One“ den 39-Jährigen gerade unter die letzten 100 Kandidaten für eine aufsehenerregende Weltraummission gewählt hat. Insgesamt 24 Menschen wollen die Projektbetreiber ab 2024 auf den Mars schicken und dort die erste menschliche Kolonie im Weltall errichten lassen. Angeblich haben sich über 200.000 Menschen für den Job beworben, verifizieren lässt sich das allerdings nicht (in früheren Presseberichten war auch von lediglich 2700 Bewerbern die Rede). Auch die Auswahlkriterien, anhand derer Golob im engeren Favoritenkreis gelandet ist, lassen sich nicht nachvollziehen. Sicher ist nur: „Meine Chancen stehen jetzt bei 24 Prozent.“ Das setzt freilich voraus, dass „Mars One“ ein realistisches Unternehmen wäre. Was wiederum alles andere als sicher ist.


Ob ich nun hier in meinem Zimmer sitze oder da oben am Mars, macht für mich keinen Unterschied mehr

Günther Golobs Gesicht wird von langen, tiefschwarzen Locken eingerahmt, er trägt eine schwarze Brille, dazu schwarzes Hemd und Silberohrring. An der Wand seines Wohnzimmerbüros hängen E-Gitarren und alte Konzertplakate sowie, gegenüber von Golobs Schreibtisch, eine deckenhohe Ansicht von seinem zukünftigen Lebensmittelpunkt: weiße Hütten auf rotem Sand, das „Habitat“ von „Mars One“. Der Londoner „Guardian“ schrieb von den „teuersten Mobilklos der Galaxis“, Golob sieht es anders, nämlich romantischer: „In Gedanken lebe ich ja schon so gut wie im Habitat. Ob ich nun hier in meinem Zimmer sitze oder da oben am Mars, macht für mich keinen großen Unterschied mehr.“

Golob im Training in Houston

Golob im Training in Houston

Golob dreht sich eine Zigarette und denkt laut über die Zukunft nach. „Das Rauchen muss ich dann natürlich aufgeben.“ Golob spricht mit wackerer Ernsthaftigkeit und ehrlicher Begeisterung von „Mars One“, erklärt die technischen Herausforderungen der interplanetaren Raumfahrt, erzählt vom Mentaltraining, das nötig sein wird, um die neunmonatige Reise in der engen Raumkapsel zu überstehen, und erläutert, warum bis zum Abflug wohl auch medizinische Risikofaktoren wie sein Blinddarm vorsichtshalber entfernt werden müssen.

Irgendwann, irgendwo gibt es eine Survival-Challenge

Wobei, so ganz genau weiß er das noch nicht: „Mars One“ hält sich mit konkreten Angaben selbst gegenüber den handverlesenen Kandidaten zurück. Das gilt auch für kurzfristige Angelegenheiten wie die Frage, wie es für die verbliebenen 100 Bewerber in den nächsten Monaten weitergehen soll. „Konkret weiß ich das nicht. Erst einmal werde ich die Nachricht ein paar Tage sacken lassen und mich dann auf die praktische Prüfung konzentrieren. Wir werden irgendwann in diesem Jahr irgendwo auf der Welt für eine Survival-Challenge ausgesetzt. Man hat mir empfohlen, zum Training auf einen Sechstausender zu steigen und mich dort ein paar Tage aufzuhalten. Jetzt brauche ich nur noch einen Sponsor dafür.“

In finanziellen Dingen ist Günther Golob nach eigenen Angaben „Minimalist“. Das kommt ihm derzeit zugute, denn er arbeitet „seit sechs Monaten mehr oder weniger fulltime auf ,Mars One‘ hin. Ich habe für die mündliche Prüfung gebüffelt, die wir Kandidaten überstehen mussten. Ich habe eine Sprachschule besucht, um mein Englisch aufzubessern. Ich musste mich einfach entscheiden: ganz oder gar nicht.“ Vor seiner Karriere als möglicher Marsfahrer war der dreifache Vater (die Kinder leben bei der Mutter) schon Bikeshop-Betreiber, Künstleragent, Eventmanager und Musiker, auf seiner aktuellen Visitenkarte steht „Herausgeber/Chefredakteur“, Golob produziert das Musik- und Kulturmagazin „XRockz“. Derzeit liegt das Heft allerdings brach, Golob hat gerade andere Sorgen und deshalb seit einem halben Jahr kein Einkommen mehr. „Aber darauf habe ich mich eingelassen. Ich habe mit meinem Leben Schach spielen und ein paar Züge vorausdenken müssen.“ Er macht nicht den Eindruck, als würde ihn das sehr belasten, vielmehr wirkt Günther Golob durch die bizarre Situation, in der er sich befindet (gefühlsmäßig schon praktisch auf dem Mars, realistisch eher in der Miese), fast erleichtert, beziehungsweise: beflügelt. Dazu trägt auch die öffentliche Aufmerksamkeit bei, die ihn in den vergangenen Tagen überrollt hat. Heimische Tageszeitungen feiern den Marsfahrer, als laufe bereits der Countdown, TV- und Radiosender befragen ihn nach seinen Erwartungen im Hinblick auf das Leben dort oben. Die größte Show der Welt läuft an, und Günther Golob hat darin eine tragende Rolle bekommen. Und Hauptdarsteller zweifeln nicht, sie spielen mit – allen Ernstes.


Es gibt keine Anleitung für ein solches Projekt. Man muss es machen


Die Ernsthaftigkeit des Projekts an sich erscheint jedoch durchaus fragwürdig. Gegründet vor drei Jahren von dem niederländischen Unternehmer Bas Landsdorp, verfügt die Privatstiftung „Mars One“ bis dato über nicht sehr viel mehr als eine kühne Ansage, einen ambitionierten Zeitplan zu deren Umsetzung und eine höchst erfolgreiche Pressestelle. Letzteres ist auch entscheidend, denn die – von „Mars One“ sehr optimistisch mit sechs Milliarden US-Dollar bezifferten – Projektkosten sollen zum Großteil über Marketingerlöse und TV-Rechte eingespielt werden. Die Besiedelung des Mars möge, so der Businessplan, zur größten Reality-TV-Show des Universums werden. Erstaunlicherweise wird das Projekt schon jetzt von vielen Medien für real gehalten, sein Hauptproblem kaum einmal identifiziert: „Mars One“ verfügt weder über die finanziellen noch über die technischen Mittel, die notwendig wären, um Menschen erfolgreich auf dem Mars anzusiedeln. Das liegt auch daran, dass diese Technik noch nicht existiert, der nötige Fortschritt wird im Projektplan der Einfachheit halber vorausgesetzt. Bisher hat „Mars One“ lediglich ein paar vage Bekenntnisse zu möglichen Kooperationen mit Raumfahrtunternehmen wie SpaceX oder Lockheed Martin sowie knapp 760.000 Euro an Spenden- und Fanshop-Erlösen. Diese wiederum stammen zum Teil von den Mars-Kandidaten selbst, die sich durch den Erwerb von Kaffeetassen oder Sweatshirts Bonuspunkte verdienen können. Außerdem war schon zum Einstieg eine Anmeldegebühr von bis zu 75 US-Dollar zu entrichten.

Computersimulation der "Mars-One"-Kolonie

Computersimulation der "Mars-One"-Kolonie

Natürlich ist die Geschichte der Raumfahrt eine Geschichte ambitionierter Pläne und gewagter Ansagen. Auch John F. Kennedy pokerte hoch mit seiner berühmten „Man on the Moon“-Rede vom 12. September 1962: „Wir haben uns entschieden, noch in diesem Jahrzehnt auf den Mond zu fliegen, nicht weil es einfach ist, sondern weil es schwierig ist.“ Es war wirklich schwierig, gelang aber am Ende. Und wenn das Wünschen allein helfen würde, hätte „Mars One“ auch ganz sicher eine Chance. Es wäre ein großer Sprung nicht nur für Günther Golob. Naturwissenschaft und Technik bleiben freilich Hürden. Wie diese ganz konkret aussehen, hat eine Forschergruppe des Massachusetts Institute of Technology in einer Machbarkeitsstudie auf dem Internationalen Raumfahrtkongress IAC Anfang Oktober in Toronto erläutert. Auf Basis der vorliegenden „Mars One“-Projektdaten analysierte die Gruppe um Sydney Do die technologischen Voraussetzungen einer Mars-Kolonisierung. Ihr Ergebnis: bis auf Weiteres unmöglich. „Mars One“ arbeitet noch an einer Replik auf die MIT-Studie, die alle Zweifel ausräumen soll. Ob das gelingt, sei angezweifelt, Günther Golob muss aber nicht mehr überzeugt werden. „Ich habe mir das lange sehr genau angesehen, bevor ich mich angemeldet habe. Und ich bin zu dem Schluss gekommen: Ja, das ist durchdacht, und es kann funktionieren. Natürlich ist das eine Challenge. Es gibt keine Anleitung für ein solches Projekt. Man muss es machen.“

„Ganz oder gar nicht“

Günther Golob hat schon viel probiert und erlebt, jetzt leistet er sich einen Traum. Einen Traum vom Weltall, der, bei Tageslicht betrachtet, wie ein Alptraum aussieht: monatelanges Zusammengepferchtsein in einer Raumkapsel, ohne Dusche, ohne echtes Essen, ohne Aussicht oder Ausweg, und wenn alles gut geht: ewiges Zusammengepferchtsein in lebensfeindlicher Umwelt: Durchschnittstemperatur bei minus 60 Grad, ungesunde Strahlung, kein Sauerstoff. Das muss man wirklich mögen. Oder man mag das irdische Leben einfach nicht mehr. Dabei sagt Günther Golob: „Ich bin glücklich.“ Man glaubt es ihm sogar, er wirkt nicht wie jemand, der sich für raumfahrtlich unterstützten Selbstmord interessieren würde. Auch wenn er Sätze sagt wie diesen: „Es war immer ein Traum von mir, etwas Sinnvolles zu machen. Und obwohl ich kein Wissenschafter und kein Ingenieur bin, habe ich jetzt die Gelegenheit, mich für die Zukunft der Menschheit zur Verfügung zu stellen.“

Vielleicht ist es ja einfach nur der ewige Bubentraum vom Weltraum, der Golob an „Mars One“ glauben lässt. Vielleicht die noch ewigere Suche nach dem Neuen, nicht Alltäglichen, Wunderbaren. Vielleicht ist Golob da aber auch nur in etwas hineingeraten. Etwas, das zunächst ein interessanter Gedanke war, „totales Kopfkino“, wie er sagt, und das ihm nun ein bisschen über den Kopf wächst. Aber Zurückziehen ist feig. „Ganz oder gar nicht.“


Auch wenn seine Reise wohl nie losgehen wird, ist Günther Golob schon Passagier. Aber es gibt Hoffnung: „Ich kann jederzeit aussteigen. Bis zum Mars ist alles freiwillig.“