Menschen 2014: Markus Lanz und das Ende von "Wetten, dass ..?"

Menschen 2014: Markus Lanz und das Ende von "Wetten, dass ..?"

Wettflucht: Markus Lanz schlachtete den letzten TV-Saurier.

Der Mann saß zur falschen Zeit am richtigen Ort. Der Ort war eine Couch und insofern richtig, als es sich um die wichtigste Couch seit Sigmund Freud handelte, nämlich den zentralen Schauplatz der größten deutschsprachigen Samstagabend-Fernsehsendung der vergangenen drei Jahrzehnte. Die Zeit war die Gegenwart und insofern falsch, als im Fernsehen nichts mehr ist, wie es einmal war. Es war einmal: eine Show namens "Wetten, dass..?", in der die größten Stars der Welt (oder zumindest ihrer deutschsprachigen Gegenden) neue Platten, Filme und Nasen präsentierten, in der hochfrequent geplaudert und lustiger Unsinn ausprobiert wurde. Ungefähr 20 Millionen Menschen sahen sich das in den besten Zeiten von Thomas Gottschalk an, ungefähr zwölf in den schlechteren. Seinem Nachfolger Markus Lanz sahen zuletzt nur etwas mehr als fünf Millionen Menschen zu. Bevor es noch schlimmer kommen konnte, gab das ZDF seinem vormals besten Pferd nach 33 Jahren, 215 Sendungen und vier Moderatoren den Gnadenschuss; am 13. Dezember wurde zum letzten Mal geplaudert und gewettet.

Abtransport per Baggerwette
Dass es so schlimm kam, lag nicht nur an den vom ZDF behaupteten "veränderten Zuschauergewohnheiten", es lag vor allem an veränderten Moderationsgewohnheiten, also an Markus Lanz. Wer in diesem Jahr starke Gefühle wie Scham, Frustration oder Ärger erleben wollte, schaute Lanz alle paar Monate dabei zu, wie er seine Gäste fertigmachte. Er machte das ausgesprochen gut, nämlich so perfide, dass auch hartgesottenen Showcouch-Sitzern das Smalltalk-Lächeln verging: Er versenkte Unterhaltungen mit der jeweils dümmstmöglichen Einstiegsfrage, tat dann so, als wisse er nicht weiter, klammerte sich in gespielter Verzweiflung an das Drehbuch, das doch ganz sicher irgendwo auf seinen Moderationskarten stehen musste (wahrscheinlich auf der, die er gerade nicht finden konnte), und ruderte unverdrossen zur finalen Peinlichkeit, mit der er seinen Gästen den Rest gab - indem er ihnen zum Beispiel Eiswasser in den Schritt schüttete oder sie auf allfällige Geschlechtskrankheiten ansprach. Am Ende: Abtransport per Baggerwette.

Markus Lanz, 45, hat die prägende gemeinsame Medienerfahrung von mindestens zwei Generationen deutschsprachiger Fernsehzuschauer auf ein unerträgliches Maß geschrumpft und den letzten Show-Saurier zur Schlachtbank geführt. TV-Sozialisation muss in Zukunft anders funktionieren. Dass Bagger dabei eine tragende Rolle spielen, kann ausgeschlossen werden.