Die Moral von dem Gericht: Essen als Religion

Die Moral von dem Gericht: Essen als Religion

Wenn Lebensmittel zum Lebensmittelpunkt werden: Veganismus, Rohkost-Hype, Gluten-Panik und die Frage: Warum behandeln wir Essen neuerdings wichtig wie eine Religion?

Draußen in Sievering will der Flieder zwar nicht mehr so recht blühen, aber herunten in Grinzing fällt die Spätsommerstimmung doch ganz fidel aus. Besuch beim Heurigen „Feuerwehr Wagner“, Wiener Traditionsbetrieb, am Platz seit über 200 Jahren. Hier ist die Welt noch in Ordnung, weil genau so, wie sie immer schon war, sprich: G’spritzter, Bratl, Schmalzbrot. Es gibt aber auch Dinge auf dieser Welt, die gab es bis vor ganz kurzer Zeit eher nicht. Einen Zettel auf dem Heurigentisch zum Beispiel: „Vegan im Heurigen“, sprich: G’spritzter, Gemüselaibchen, Tofu-Tascherl. Das kann man seltsam finden, muss aber nicht, wie der Tischzettel weiters betont: „Veganismus ist kein Trend, sondern ein Schritt in die richtige Richtung.“ Diese Richtung ist offenbar nicht der Weg allen Fleisches. Die Blunzendämmerung hat begonnen.

Ist Essen unsere neue Religion?

Denn ein Trend ist Veganismus in jedem Fall. Supermärkte räumen ihre Regale großflächig für Wurstersatzprodukte und Sojaaufstriche frei; einschlägige Rezepte-Blogs, Lifestyle-Magazine und Kochbücher boomen gnadenlos; im ersten Halbjahr 2015 kamen über 200 Titel auf den deutschsprachigen Buchmarkt, die sich mit vegetarischer oder veganer Ernährung auseinandersetzen (vor zehn Jahren waren es – im gesamten Kalenderjahr – genau 20); prominente Ernährungsumsteller wie Alicia Silverstone oder Jennifer Lopez künden in sämtlichen verfügbaren Klatschspalten von den Freuden des fleischbefreiten Lebens, weniger prominente Menschen tun es ihnen in privater Runde gleich, und sogar in der traditionell eher fleisch- und butteraffinen Spitzengastronomie gelten rein vegetarische oder vegane Sechsgangmenüs als gar nicht mehr sonderlich schrullig.

Tatsächlich ernährt sich in Österreich allerdings nur ein Prozent der Bevölkerung konsequent vegan, also ohne jegliche Tierprodukte (und dementsprechend etwa auch milch-, honig- oder gelatinelos) …

Lesen Sie die Titelgeschichte von Sebastian Hofer in der aktuellen Printausgabe oder als E-Paper (www.profil.at/epaper)!