Alice Schwarzer
Alice Schwarzer

© APA/dpa/Henning Kaiser

Gesellschaft
02/10/2020

profil-Morgenpost: "Bad, bad boys"

Guten Morgen!

von Angelika Hager

Angelika Hager

Als ich vor deutlich mehr als einem Jahrzehnt (Oh, Gott, immer diese Veteranengeschichten, Verzeihung) Alice Schwarzer im profil-Interview eine Frage zum neu entflammten Enthusiasmus für die berufsunbelastete Vollzeitmutterschaft stellte, lautete ihre Antwort: „Dieser Mutterkult im deutschsprachigen Raum ist mit Sicherheit auch das toxische Erbe des Nationalsozialismus.”

Das Adjektiv „toxisch” war damals totales Neuland. Inzwischen ist das Wort, das sich vom altgriechischen tò tóxon, „der Bogen“ herleitet und ursprünglich das Gift, in das Krieger ihre Pfeilspitzen tauchten, bezeichnet, zum Modevokabular geworden. Empathiebefreite und großspurige Männlichkeit ist toxisch. Und wer wusste das besser als die 2010 verstorbene Frauenministerin Johanna Dohnal, deren einsamen Kampf Christa Zöchling (anlässlich des Kinostarts der Dokumentation „Die Dohnal”) in einem Text würdigt, den sie mit folgenden, nahezu selbstanklagenden Worten beendet: „Am Ende war Dohnal bitter enttäuscht, weil Vranitzky sie vorzeitig zum Rücktritt drängte. Und ich frage mich heute: Warum sind wir damals nicht alle für sie auf die Straße gegangen?”

Der neue Rechtsextremismus ist selbstredend toxisch und wird von der linksliberalen Gesellschaft entsprechend „unter Quarantäne” gestellt , was sich fatal kontraproduktiv auswirken könne, wie Robert Treichler in seinem gleichnamigen Kommentar über die jüngsten Debatten rund um AfD analysiert. Elfriede Jelinek manifestiert ihren Weltekel zu allen toxischen Polit-Facetten in ihrem neuen Stück „Schwarzwasser” (siehe Kritik „Bacchanal brutal” in der aktuellen profil-Ausgabe), das vergangenen Donnerstag im Akademietheater uraufgeführt wurde, der Titel ist „common knowledge” unter Klärtechnikern und bezeichnet die supertoxischen Restflüssigkeiten in Toilettenanlagen. Ihr dramatisierender Blick auf Ibiza und Co erzeuge ein Gefühl, so Jelinek, das aufzeige, dass „das Lächerliche nur einen winzigen Spalt vom Schrecklichen entfernt ist.”

In jener Gefühlslage befinden sich in der Regel auch jene Menschen, die in „toxischen Beziehungen” gefangen sind, wobei für die Betroffenen das Schreckliche naturgemäß dominiert und die lächerlichen Komponenten meist erst in der Nachbetrachtung erkannt werden.

Die dieswöchige Covergeschichte „Crashtests der Liebe” widmet sich jenen Paarkonstellationen, die auf die Dauer krank machen. Experten analysieren die fatale Ausbeutungs-Dramaturgie in jenen Konstellationen. Toxische Beziehungen dominieren in Selbsthilfegruppen im Netz, in der Paartherapie und auch in der Popkultur, wo selbst eine kinderzimmertaugliche Sauberikone wie Taylor Swift von ihrer Faszination für „bad, bad boys” singt und in der aktuellen Netflix-Dokumentation „Miss Americana” über narzisstische Beziehungen sinniert.

Die Quintessenz für das Gelingen eines solchen zerstörerischen Beziehungsgeflechts formuliert Desirée Nosbusch am Ende der zweiten Staffel von „Bad banks” ( aktuell nachzusehen in der Mediathek des ZDF), als sie ihrer Intrigenschülerin Jana (Paula Beer) Ezzes für eine Liebesgeschichte gibt: „Schlaf mit ihm oft. Wenn er Gefühle hat, erwidere sie nicht. Nur wenn er leidet, kannst du ihn auch wirklich kontrollieren.”

Spannende Lektüre im hoffentlich untoxischen Ambiente wünscht

Ihre Angelika Hager

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