Mama nicht lieb: Wie man als Mutter richtig versagt

"Die perfekte Mutter ist eine Utopie"

"Die perfekte Mutter ist eine Utopie"

Mutterschaft kann krank, depressiv, einsam oder auch nur Angst machen. Noch nie waren Frauen dabei so verunsichert wie heute. Den größten Druck machen sie sich jedoch selbst. Angelika Hager über ein emotionales und ideologisches Tretminenfeld und wie man es überlebt. Auch in Österreich.

So. Sie sind wahrscheinlich auch schon längst an einem Punkt angelangt, wo Sie die Phrase "Für die beste Mama der Welt", die in den letzten Wochen sämtliche Drogerieketten- und Schokokonfekt-Spots krönte, nicht mehr hören können. Mich macht sie inzwischen richtiggehend aggressiv. Denn der sattsam strapazierte Werbeslogan "für die beste Mama der Welt" impliziert auch, dass sich Mütter in einer ununterbrochenen Wettbewerbssituation und einem Superlativ-Terror befinden. Leider zu Recht. Das Erstaunliche daran ist, dass gar nicht die dazugehörigen Männer und Partner diesen Perfektionismus oder zumindest den Wunsch danach schüren. Nein, in diesen Konkurrenzkäfig begeben sich viele Frauen eigentlich ganz freiwillig und unaufgefordert. Überprüfungsfähig in Bobo-Hochburgen wie Wien-Leopoldstadt und Berlin, Prenzlauer Berg. Schließlich will jede von ihnen eine gute Mutter sein. Und je höher der Bildungsgrad der Eltern, desto qualitätsgetriebener muss der Nachwuchs für den zukünftigen Existenzkampf fitgemacht und hochgerüstet werden. Die forcierenden Kräfte sind dabei noch immer vor allem die Mütter. Das macht sie auch dementsprechend nervös und ängstlich. Und krank. Weltweit leidet eine von fünf Müttern während ihrer Schwangerschaft und im Jahr nach der Geburt "an Depressionen, Angst, Zwangsstörungen, bipolaren Psychosen und Wochenbettpsychosen", heißt es in einer Aussendung anlässlich des Aktionstags "Maternal Mental Health". Der Tag zugunsten der psychischen Gesundheit von Müttern fand erstmals am vergangenen Mittwoch statt. Die internationale psychiatrische Fachgesellschaft Macé, die die Aktion initiierte, beklagt, dass Mütter und Babys, vor allem im deutschsprachigen Raum, "von einer flächendeckenden psychiatrischen Versorgung weit entfernt sind". Claudia Klier, Kinder- und Jugendpsychiaterin am Wiener AKH, attestiert Österreich auf dem Gebiet gar einen Entwicklungsrückstand "von zehn Jahren".

Christian Rainer und Angelika Hager über die Titelgeschichte.

Solche Defizite können dramatische Konsequenzen haben: Eine von sieben Frauen, die weltweit in der Zeit nach der Geburt sterben, verübt Selbstmord. Nach Krebs ist Suizid unter diesen Müttern die häufigste Todesursache. Und sieben von zehn psychisch erkrankten Müttern verbergen aus Scham- und Schuldgefühlen und der Angst, nicht versagen zu dürfen, weil sie ja so glücklich sein müssten, ihre seelischen Zerrüttungen. Wie teilnahmslos eine bipolar erkrankte Mutter ihrem Kind begegnen kann, turnte Claire Danes im Part der CIA-Agentin Carrie in der letzten Staffel von "Homeland" drastisch vor. Die öffentlichste Person der Welt, Kim Kardashian, wiederum demonstriert inzwischen seit geraumer Zeit, wie man die eigenen Kinder als Marketinginstrumente missbrauchen kann.

Wie sehr Überlastung, Erschöpfung und der Stress, alles richtig zu machen, neue Eltern generell, aber besonders Mütter, von der Spur bringen kann, belegte der Soziologe Bernhard Riederer im Rahmen des EU-Forschungsprojekts Families And Societies an der Akademie der Wissenschaften Anfang 2016, für das er die Zusammenhänge von Familie und Familienpolitik in Österreich untersuchte: "Eltern sind in der Folgezeit nach der Geburt unglücklicher als Nicht-Eltern. Und für Mütter gilt das besonders, da sie direkter mit den negativen Aspekten konfrontiert werden - sie sind es, die beruflich eingeschränkt werden und in einem einst egalitären Haushalt plötzlich das Gros der Hausarbeit erledigen müssen." Österreich sei, was die Länge der Karenzzeiten und die Höhe der Teilbeschäftigungsquote betrifft, besonders traditionell gepolt: "Bei uns ist es sehr verbreitet, dass die Frau bis zur Volksschule oder auch länger ihre berufliche Tätigkeit stark einschränkt oder ganz aufgibt."

Die US-Feministin Naomi Wolf hat über das Phänomen, dass mit dem Nachwuchs das sorgsam gebaute Kartenhaus der Gleichberechtigung auch bei fortschrittlichen Paaren erstaunlich schnell zum Einsturz kommt, bereits vor 15 Jahren das Buch "Misconceptions" geschrieben. Die schwedische Journalistin Maria Sveland schlug mit ihrer Polemik "Bitterfotze" etwas später in die gleiche Kerbe. Am Ende ihrer Depressions-Suada über ein Leben zwischen Home Office, eingespeichelten Brotzipfeln, schlechtem Gewissen und einem gerne so vollberuflich wie möglichen Mann, aber durchaus bewusstem Vater, seufzte Sveland nur: "Ich wünschte, ich könnte so frei wie Väter lieben." Eine Sehnsucht, die man durchaus nachvollziehen kann.

Die Stapel von aktuellen Studien, Analysen und Umfragen verdeutlichen, dass sich seither kaum etwas geändert hat und das jüngste Debatten-Phänomen #regrettingmotherhood#, losgetreten von einer israelischen Soziologin namens Orna Donath, nicht nur eine medien-überhitzte Diskurs-Hysterie ist, sondern durchaus auch einen (immer wieder) notwendigen Tabubruch darstellt. Denn neu ist der Vorstoß in jenes Gebiet, in dem die Formel "Mutterschaft = Erfüllung eines Frauenlebens" nicht greift, beileibe nicht. Schon der griechische Dramatiker Euripides ließ die tragische Heldin Medea noch lange vor dem legendären Kindermord klarstellen: "Lieber dreimal steh’n im Schildgedräng’, als einmal niederkommen." Die populärsten Romanheroinen der Weltliteratur, Flauberts Madame Bovary und Tolstois Anna Karenina, zeigten sich wenig enthusiastisch, wenn nicht nahezu gleichgültig, was ihre Muttergefühle betraf. Als Anna Karenina mit ihrer außerehelichen Tochter niederkam, ließ Tolstoi sie denken: "Alles an diesem Mädchen war lieb, aber seltsamerweise rührte sie alles nicht ans Herz." Und auch Kaiserin Sisi, entgegen vielen kursierenden Klischees, interessierte das Wohl ihrer Kinder nur periphär - nachdem sie den Wechsel der Erzieher für den Kronprinz durchgesetzt hatte, ging sie viel lieber auf Reisen. Die Pariser Großfürstin des Feminismus, Simone de Beauvoir, hatte die Mutterschaft in ihrem Jahrhundertwerk "Das andere Geschlecht" schon 1949 als die "wahre Form der Sklaverei" klassifiziert. Und ihre Schülerin, Elisabeth Badinter, Philosophin, Feministin, verheiratet mit einem ehemaligen Justizminister und Mutter dreier Kinder, vollendete Beauvoirs Mission mit ihrem Buch "Mutterliebe" 1981. In ihrer "Geschichte eines Gefühls" enttarnte sie die Emotionen der Mutterschaft als gesellschaftliches, vor allem von Männern geprägtes Konstrukt, von dem Frauen sich befreien müssten.


Die perfekte Mutter ist eine Utopie

Als ich Badinter anlässlich ihres zweiten Buchs über die Zerreißprobe zwischen Mutterschaft und Feminismus "Der Konflikt" 2005 in Paris besuchte, war meine Tochter gerade in der beginnenden Pubertät und ich dementsprechend verzweifelt. Ich fragte sie nach dem Abschluss des Interviews um ihren persönlichen Rat. Sie sagte milde lächelnd: "Werden Sie eine noch mittelmäßigere Mutter, als Sie ohnehin schon sind! Und hören Sie auf, sich dafür rechtfertigen zu wollen, wenn es Vorwürfe hagelt! Und es wird Vorwürfe hageln. Aber die perfekte Mutter ist eine Utopie."

Ich hatte also eigentlich ohnehin alles richtig gemacht und dachte in diesem Moment an Wolfi, den alternativen Kindergärtner, der wollte, dass ich einmal wöchentlich in die Krippe kam, um das Spielzeug meiner damals vierjährigen Tochter zu putzen und es auf diesem Weg auch richtig kennenzulernen. Ich hatte damals einfach nur entschieden den Kopf geschüttelt. Mir war das Spielzeug egal. Wolfi hielt mich sicher für hart und herzlos.

Im Zuge unseres Gesprächs gestand Badinter auch, dass sie möglicherweise nicht den Mut gehabt hätte, ihre Bücher zu schreiben, wenn sie kinderlos gewesen wäre. Die Mutter der #regrettingmotherhood-Welle Orna Donath musste sich den Vorwurf, den Diskurs vom Zaun gebrochen zu haben, um ihren eigenen Lebensentwurf intellektuell zu untermauern, häufig gefallen lassen.

Die israelische Soziologin, 39, und gewollt kinderlos, publizierte 2015 eine kleine Studie, die eigentlich per Zufall entstanden war und erst kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen ist. Ursprünglich wollte sie die Motivationslage bei bewussten "Nicht-Müttern" überprüfen, die in Israel besonders unter das Stigma "Das wirst du noch einmal bereuen!" fallen. Im Laufe der Arbeit fand sie es jedoch spannender, die Fragestellung umzudrehen: Gibt es Mütter, die ihre Entscheidung, Nachwuchs in die Welt gesetzt zu haben, bedauern? 23 Frauen meldeten sich, was bei Weitem nicht in die Kategorie "repräsentativ" fällt, und benutzten in den Fragebögen unschöne Begriffe wie "Versklavung", "Zeitvergeudung" und "Albtraum meines Lebens". Vor der Existenz von Social Media wäre eine so überschaubare Untersuchung in ein paar "nerdigen" Fachperiodika veröffentlicht worden und später allenfalls in der einen oder anderen Soziologie-Dissertation oder Psychologie-Hausarbeit zitiert worden.


Es gibt nur eine Regel - nämlich, dass es keine Regeln gibt

In einem Zeitalter, in dem das Durchsetzungsvermögen eines Themas stark von der Griffigkeit des Hashtags und der damit verbundenen Shitstorm-Großwetterlage auf Facebook und Twitter abhängt, beherrschte die Debatte über Monate die Medien. Donath (siehe Interview) selbst ist heute vom Wellengang des Diskurses erstaunt: "Ich wusste, dass ich damit an einem sensiblen Tabu rüttle, doch der Sturm, den das Thema vor allem in Deutschland auslöste, überraschte mich dann doch." Inzwischen erschienen im Fahrwasser von Donath, die sich nun auch mit bereuenden Vätern ("Ich bekam schon viele Mails aus Deutschland") beschäftigte, im Zweiwochentakt neue Bände zu elterlichen Rollendilemmas: Die deutsche Soziologin Christina Mundlos publizierte nach "Mütterterror" das Werk "Wenn Mutter sein nicht glücklich macht", in dem sie den Begriff "femininen Narzissmus" prägte und damit jene wettbewerbswütigen Mütter meint, "die ständig andere abwerten müssen, um sich selbst aufzuwerten". Die New Yorker Anthropologin Jennifer Senior seziert in "Himmel und Hölle" diverse Modelle von Elternhysterien und Paranoia, mit besonderem Augenmerk auf Mütter, die aus ihrem Übereifer, alles richtig zu machen, und den verbundenen Schuldgefühlen, nicht genügend Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, ihren Nachwuchs zu "kleinen Paschas der Maßlosigkeit" versauen. Bei jedem ihrer TED-Vorträge wirbelt sie am Ende ihres Vortrags die Locken durch die Luft und ruft die befreienden Worte: "Es gibt nur eine Regel - nämlich, dass es keine Regeln gibt." Die österreichische Schriftstellerin Gertraud Klemm, 45, verfasste über den "genetischen Juckreiz" der Mutterschaft und ihre Versagensängste, "nur" zu adoptieren, den beeindruckenden Text "Mutter-Gehäuse": "Die mütter (sic) reden immer über dasselbe, die Themen tröpfeln zäh wie Brei aus den Fläschchen. Sie prahlen damit, wie wenig sie schlafen, wie viel ihre Kinder schreien, mit wie viel Stichen sie genäht wurden. Wer am meisten leidet, ist die Königin." Maria Arlamovsky beobachtete mit ihrer aktuellen Kino-Doku "Future Baby” die Auswüchse der Kinderwunsch- und Reproduktionsindustrie.

Das Linzer Lentos Museum widmete den Fehlmeldungen von Mutter-Kind-Beziehungen kürzlich die Ausstellung "Rabenmütter", in der Künstlerinnen wie Louise Bourgeois, Maria Lassnig, Birgit Jürgenssen oder die Fotografin Diane Ducruet gängige Mutterliebe-Klischees zertrümmern.

Wie bei der Ernährung, in unserem Beziehungsleben oder beim Wettrennen um das glücklichste Leben sind wir auch beim Kinderkriegen in einen äußerst paradoxen Zustand geraten: Wir haben die größtmögliche Gestaltungsmöglichkeit, jeden erdenklichen Zugang, um uns Wissen und Kompetenz zu erwerben, und genau diese Freiheiten stürzen uns in einen Zustand zutiefster Verunsicherung und Ängstlichkeit.

"Unser Wartezimmer ist täglich überfüllt - die Patientinnen sind vor allem Akademikerinnen und Maturantinnen", erzählt Claudia Reiner-Lawugger, die die Spezialambulanz für perinatale Psychiatrie am Wiener Otto-Wagner-Spital leitet. "Das könnte man sich einfach erklären: Die wissen sich am schnellsten zu helfen. Ich beobachte aber, dass in dieser Schicht auch die Verunsicherung am größten ist."

Seit Kurzem beobachtet Reiner-Lawugger unter ihren Patientinnen ein neues Phänomen - Mütter, die sich zum Ziel gesetzt haben, ihr Kind windelfrei großzuziehen: "Diese Mütter trainieren ihren Blick auf die Körperhaltung des Kindes - in dem Moment, wo die signalisiert, dass es losgehen könnte, wird das Kind über ein Waschbecken gehalten."Gleichzeitig gehen frühere Verhaltensweisen verloren: "Seit drei Generationen existiert die Großfamilie nicht mehr. Viele junge Frauen haben heute nie den Umgang mit Babys gelernt. Sie sitzen mit ihren Säuglingen da und haben erstmals in ihrem Leben überhaupt einen in der Hand."


Ich begreife nicht, was für ein Theater Eltern heute veranstalten, die gerade einmal ein Kind zu versorgen haben

Ein Irritationsfaktor sind die eigenen Erwartungshaltungen und damit verbundenen Anforderungen. "Ich habe meine Töchter erzogen, indem ich sie nicht erzogen habe", erzählt Christine Nöstlinger, Mutter von zwei Töchtern und 150 Kinder- und Jugendbüchern, beim profil-Interview an ihrem Küchentisch, "aber ich begreife nicht, was für ein Theater Eltern heute veranstalten, die gerade einmal ein Kind zu versorgen haben."

Spätestens seit dem französischen Aufklärer Jean-Jacques Rousseau war klar, dass Kinder kein ökonomisches, sondern emotionales Kapital darstellen und Mutterschaft zwar gewisse Opfer erfordere, aber im Gegenzug dafür höchstmögliches Glück und Erfüllung biete. Das war der Deal, der bis in die 1970er-Jahre auch relativ friktionsfrei funktioniert hat. Ganz im Sinne "des Entdeckers der Kindheit" aus dem 18. Jahrhundert, wie Rousseau häufig etikettiert wird, will heute jede Mutter ihren Fortpflanz fördern. Ihm alle Möglichkeiten offen halten. Schon früh ein starkes Fundament für sein Selbstbewusstsein legen. Ob mit Bachblüten-Cocktails, Bach-Sonaten, spielerischem Chinesisch-Unterricht oder beim Mutter-Kind-Hopsen zu afrikanischen Buschtrommeln, unterliegt den gerade angesagten Moden. Dann will sie ihrem Kind natürlich auch Grenzen setzen. Ihm aber gleichzeitig Raum geben. Es loslassen. Ihm aber auch festen Halt geben.

Und selbstverständlich wollen die dazugehörigen modernen Männer genau das Gleiche. Wenn alles normal läuft. Ja, die Väter sind tatsächlich inzwischen so neu, wie uns das Lifestyle-Magazine, Talkshows und Dokumentationen (vor allem skandinavischer und französischer Provenienz) in den vergangenen 40 Jahren vorgaukeln wollten. Keiner leidet an Kastrationsängsten, wenn er im Geburtsvorbereitungskurs mithechelt, seinem Baby ein Zwergzucchini-Süppchen zubereitet und einen Besprechungstermin schmeißt, weil er sein kotzendes Kind aus der Krabbelstube abholen muss. Paradoxerweise scheint dieser evolutionsbiologische Quantensprung die Frauen selbst am meisten zu erstaunen. Da können in Trennungsprozessen befindliche und entsprechend verbitterte Mütter ihrem zukünftigen Ex vorwerfen, eine promiske Charakterruine, ein schlechter Liebhaber oder beruflicher Vollversager zu sein, ein Satz fällt dann doch immer wieder - möglicherweise, um das genetische Shopping im Nachhinein vor ihnen selbst zu rechtfertigen: "Aber eines muss man ihm lassen: Er ist ein wirklich engagierter Vater."


Der Gebärvorgang per se ist noch keine Garantie, dass eine Mutter sich um das Baby auch kümmert

Hat irgendein Mann in Ihrem Bekanntenkreis einer Frau schon einmal dafür gratuliert, dass sie eine "wirklich engagierte Mutter" ist? Wahrscheinlich nicht, denn es wird davon ausgegangen, dass die unkonditionierte Liebe zum Nachwuchs in deren genetischem Programm als Selbstläufer eingespeist ist. Ein Irrglaube, wie Verhaltensforscher, Evolutionsbiologen und Kulturwissenschafter vielfach beteuern. "Der Gebärvorgang per se ist noch keine Garantie, dass eine Mutter sich um das Baby auch kümmert", erklärt die weltberühmte Anthropologin Sarah Blaffer-Hrdy, "eine übertriebene, ausnahmslose Liebe zum eigenen Kind war auch in der Urgeschichte der Menschheit gar nicht vorgesehen, denn die meisten Kinder überlebten nicht lange, und die Reproduktion musste fortgesetzt werden." Wir müssten uns einfach klarmachen, so Blaffer-Hrdy, dass wir aus evolutionsbiologischer Zeitmessung "erst seit Kurzem in einem Stadium leben, in dem wir es uns leisten können, jedes Baby zu lieben, das wir zur Welt bringen."


Ich hätte überhaupt nichts dagegen, lang oder länger zu Hause zu bleiben, nur: Das können wir uns nicht leisten

Und die Männer? Die sagen dann bei solchen Debatten gerne Sätze wie "Also - was wollt ihr eigentlich noch?" oder "Das ist doch alles schon tausendfach geschrieben worden …" oder "Was soll dieses Gejammer eigentlich?" Das sind verlässlich die Argumente, wenn in der Redaktionskonferenz, bei Diskussionen oder Abendessen das Tretminenfeld Frau/Beruf/Kind/Vereinbarkeit betreten wird. Der statistische Realitätscheck mit Letztstand 2015 sagt uns, dass in Skandinavien 90 Prozent der Väter in Karenz gehen, während es in Österreich nur gut 17 Prozent sind. Auch im gesamteuropäischen Vergleich hat das "Gejammer" durchaus seine Berechtigung, denn wir dümpeln in der Neigungsgruppe Gleichberechtigung im letzten Drittel umher. Das Papa-Bewusstsein der Männer schlägt sich auch drastisch auf die Gebär-Libido nieder: Während in Schweden die Geburtenrate 1,9 Kinder pro Frau beträgt, sind es bei uns nur 1,4. Mit Bombensicherheit sagt dann einer dieser links-liberalen, feministisch geschulten, NEOS-oder-Grün-wählenden Männer, die häufig auf eine Biografie als Kurzzeitväter verweisen können: "Ich hätte überhaupt nichts dagegen, lang oder länger zu Hause zu bleiben, nur: Das können wir uns nicht leisten, denn sie verdient um einiges weniger." Auch da muss man ihnen recht geben: Vergleicht man die durchschnittlichen Bruttostundenverdienste in der Privatwirtschaft, betrug der im März von Eurostat publizierte Gender Pay Gap in Österreich 22,9 Prozent; es ist der vorletzte Platz in der EU. Warum das so ist? Nicht weil wir eine schlechtere Ausbildung und einen geringeren Bildungsgrad vorzuweisen haben - im Gegenteil. Sondern weil wir uns freiwillig und von vornherein in familienkompatiblere und entsprechend schlechter bezahlte Berufe begeben und Teilzeit und lange Karenzzeiten unsere Wettbewerbsfähigkeit und das Lohngefälle um circa 30 Prozent reduzieren.

Sind wir dann in den Feuchttücher-Gebieten der Voll- oder Teilzeit-Mutterschaft angekommen, führen dort Leistungsdruck, argwöhnische Konkurrenzbeäugung, ein schlechtes Gewissen, dass ein Lebensbereich in der Konstellation Frau, Erwerbstätigkeit und Fortpflanzung immer zu kurz kommt, und Versagensängste eine Art Schattendiktatur. In den Feuchttücher-Gebieten sind Frauen einander die größten Feinde.

Da werfen Vollzeit-Idyllikerinnen, die die Karenz bis zum letzten Tag auswringen, "fremdbetreuenden" Karriere-Frauen Egoismus vor. Da verschweigen Managerinnen in Teilzeit, dass sie die Konstellation Home Office im Alete-Inferno konditionsmäßig nicht durchhalten und in der Dauererschöpfung enden. Da bloggen und instagramen Mütter, die ihren Beruf völlig zugunsten der Familie aufgegeben haben, nahezu manisch ihre Pastell-Idyllen. Da verdammen kinderlose Frauen solche Heli-Mums zu spießigen Retro-Modellen. Die härtesten Gefechte laufen in den eigenen Reihen. "Friendly fire" nennt man diesen Tatbestand in der Kriegsführung. Claire Underwood, eiskalte "First Lady" in der Politserie "House of Cards", legte in der letzten Staffel diesbezüglich ein Bravourstück hin. Als die Gattin des republikanischen Gegenkandidaten mit ihren zwei Pascha-Kindern ins Weiße Haus auf Besuch kommt, fragt die ihre Gastgeberin; "Bedauern Sie es denn gar nicht, keine Kinder zu haben?" Und Claire Underwood (Robin Wright) setzt ihr perfektes Gefrierpunkt-Lächeln auf und kontert mit der Gegenfrage: "Nicht im Geringsten. Und Sie? Bedauern Sie es nicht, Kinder zu haben?"