Die Stelle bei Absdorf, wo die 36jährige Logopädin nach dem Tod ihrer beiden Mädchen, versucht hatte, ihrem Leben ein Ende zu setzen.
Hintergründe einer Wahnsinnstat

Mutter tötete ihre zwei Töchter: Grausame „Erlösung“

Eine Mutter ertränkte in Niederösterreich ihre beiden Töchter. Und versucht danach, selbst aus dem Leben zu scheiden. Was geht in solchen Frauen vor?

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Es ist gespenstisch, digitale Spurensuche in einem zertrümmerten Leben zu betreiben, aus den Puzzleteilen der Postings eine schemenhafte Biografie zu skizzieren. Zahlreiche Gratulationskommentare auf Facebook anlässlich der Eröffnung der neuen Logopädie-Praxis aus dem Jahr 2021. Drei Bewertungen von Klientinnen, die die Einfühlsamkeit der „supernetten“ Logopädin loben. Das Foto der Kinder-Zeichnung, die das siebenjährige Mädchen angefertigt hat, ist inzwischen gelöscht worden. Dort sah man in einem Regen aus braunroten Herzen die Familie stehen. Eine vermeintlich „perfekte Familie“, so eine Schlagzeile, doch solche Katastrophen nehmen meist einen langen Anlauf.

Die Chronik einer Tragödie: Am vergangenen Montag rief die 36-jährige Logopädin um 9 Uhr 30 ihren Ehemann in der Arbeit an, um ihm mitzuteilen, dass sie ihre beiden Töchter im hauseigenen Pool ertränkt habe und jetzt selbst Suizid begehen werde. Die sofort vom Vater per Notruf alarmierten Rettungskräfte kamen zu spät: Die beiden Mädchen, die in Badetücher gewickelt, in ihrem Kinderzimmer lagen, konnten nicht mehr reanimiert werden.

Auf die Frage bei der Einvernehmung, was sie gefühlt habe, als sie ihre ältere Tochter, die das erste Opfer war unter Wasser getaucht hat und das Mädchen zunehmend lebloser wurde, lautete die Antwort: „Erlösung. Ich habe mir gedacht, dass sie es gleich geschafft hat.“ Ob sich die Tochter gewehrt habe? „Nicht wirklich. Es ist wirklich sehr schnell gegangen.“

Astrid Wagner, die Strafverteidigerin der Frau, die in einem forensisch-therapeutischen Zentrum untergebracht ist, beschreibt ihre Klientin als jemanden, der „völlig leer und distanziert wirkt. Der komplette Zusammenbruch kommt noch. Sie war nicht in der Lage die vielen Hände, die ihr von den Eltern und dem Ehemann, die alles versucht haben, entgegen gestreckt wurden, zu greifen.“ Im Gegensatz zu ihrem Verteidigungsfall aus dem Jahr 2020, wo eine Nepalesin in Wien-Donaustadt ihre drei Kinder mit einem Polster erstickt hatte, hatte diese Mutter keinerlei äußeren Motive: „Der Nepalesin drohte die Abschiebung, ihr Mann hatte sie verlassen und sie fürchtete, ihre Kinder zu verlieren.“ In ihrem aktuellen Fall könne man „von einem funktionierenden Familienleben ausgehen“: „Die Frau kämpfte offenbar seit der Geburt ihres zweiten Mädchens im Dezember 2022 mit einer postpartalen Depression mit psychotischen Komponenten und war auch schon stationär in Tulln in psychiatrischer Behandlung.“

Geburt ins Bodenlose

Eine postpartale Depression setzt oft bei der Geburt eines Kindes ein und kann bei der Mutter dissoziative Zustände verursachen, die ihre Zurechnungsfähigkeit drastisch verringern und sich in weiterer Folge in schweren Depressionen, suizidalen Gedanken, Gefühlen von Ohnmacht und Minderwertigkeit, sowie der Unfähigkeit, eine Beziehung zum Neugeborenen zu entwickeln, manifestieren.

Mit dem psychiatrischen Gutachten sei jetzt der Gerichtspsychiater Peter Hofmann betraut. Für Wagner sprechen viele Indizien für Unzurechnungsfähigkeit: „Wahnhafte Vorstellungen sind ja nicht, wie viele meinen, Stimmen im Kopf, denen man folgen soll. Meine Klientin scheint schon seit langer Zeit in einen schweren Zukunftspessimismus abgedriftet zu sein und glaubte, dass ihre Töchter Vergewaltigungen und Mobbing ausgesetzt sind, und die kleinere an Autismus leidet.“

Das Wort „Erlösung“ kommt häufig vor in Fällen „solcher erweiterten Suizide“, die in circa 80 Prozent aller Kindstötungen durch Frauen das gängige Tatmuster sind, so die Linzer forensische Psychiaterin Heidi Kastner, die in ihrer Gutachter-Biografie einige solche Täterinnen zu diagnostizieren hatte: „Das sind oft Frauen, über denen alles zusammen bricht, und die vor allem ihrem eigenen Leben ein Ende setzen wollen, aber ihre meist kleinen, also abhängigen Kinder nicht alleine und ungeschützt in dieser von ihnen als grauenhaft empfundenen Welt zurück lassen wollen.“ Solchen Tragödien gehe meistens „eine lange Krankheitsentwicklung“ voraus: „Am Endpunkt einer längeren Depression werden die Betroffenen dann kurzfristig aktiver, weil sie sich zu einem für sie erlösenden Ausweg entschlossen haben.“ Die Mutter fuhr laut Protokoll nach ihrer Tat im Auto zu einem Bahnübergang und hoffte, auf Erlösung durch einen Zug. Ihre Internet-Recherche ergab, dass sie noch eine halbe Stunde auf den nächsten warten müsse. Deswegen änderte sie ihren Plan und entschloss sich, gegen einen Baum zu fahren. Der Baum war morsch, sie trug nur leichte Verletzungen davon.

Hilfsangebote bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums. Unter www.suizid-praevention.gv.at finden sie alle Hilfseinrichtungen in Österreich. Die Liste aller Babyklappen und Babynester steht unter oegf.at

Angelika   Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort