Nachruf auf Florian Flicker (1965-2014)

Nachruf auf Florian Flicker (1965-2014)

Ein Suchender: Der Filmemacher Florian Flicker starb 49jährig.

Für das österreichische Kino ist 2014 ein tiefschwarzes Jahr. Nach dem unerwarteten Ableben Michael Glawoggers bei Dreharbeiten in Liberia Ende April ist nun der verfrühte Tod eines weiteren Protagonisten des heimischen Autorenfilms zu beklagen: Der Regisseur und Autor Florian Flicker, geboren in Oberösterreich im August 1965, konnte mit Filmen wie „Suzie Washington“ (1998) und „Der Überfall“ (2000) erstaunliche Erfolge bei Kritik und Publikum verzeichnen – und die vielbeschworene Kluft zwischen Kunst- und Unterhaltungskino scheinbar ganz mühelos überbrücken.

Um die Flucht einer Frau ohne Papiere und Aufenthaltsgenehmigung durch die österreichischen Alpen (und um die virtuose Performance der als Titelheldin in Szene tretenden Schauspielerin Birgit Doll) kreiste „Suzie Washington“, eine gewagte Revision von Polit- und Heimatfilmklischees; in „Der Überfall“, einer tragisch unterlegten Gaunerkomödie, gelang es Flicker, gemeinsam mit seinem von Josef Hader und Roland Düringer angeführten Ensemble, der an den Kinokassen seit den späten 1980er-Jahren so lukrativen, aber künstlerisch zunehmend ausgedünnten kabarettistischen Form neues Leben einzuhauchen. Begonnen hatte Flicker seine Karriere jedoch mit experimentellen Arbeiten: Mit der Expanded-Cinema-Produktion „Das Attentat“, einem Film- und Live-Musik-Theater-Hybrid, überzeugte er 1989 erstmals die Branche von seinem Talent, die Low-Budget-Science-fiction-Arbeit „Halbe Welt“ etablierte ihn vier Jahre später als Hoffnungsträger des jungen Austro-Kinos.

Als grüblerischer, selbstzweiflerischer Künstler galt Flicker stets; die Tatsache, dass sein Werk schmal geblieben ist – und dass er beispielsweise nach dem Kassenschlager „Der Überfall“ als Spielfilmregisseur 12 Jahre lang pausieren musste –, mag darauf hinweisen, wie sehr ihn sein Hang zu Introspektion und Selbstkritik auch oft daran hinderte, Filmpläne zu realisieren, wie sehr ihm Reaktionsschnelligkeit und Entscheidungsfreudigkeit bisweilen fehlten. Es ehrte Flicker freilich, dass er, anders als so viele seiner Kollegen, zu Eitelkeit und Selbstbegeisterung nicht neigte und den einmal eingeschlagenen Richtungen nicht grundsätzlich folgen wollte. Aber er machte sich seine Arbeit damit bisweilen auch viel schwerer, als sie hätte sein müssen.

In den langen Phasen, die er zwischen seinen Inszenierungen daher abzuwarten hatte, schrieb er Drehbücher und Reportagen, absolvierte Intermezzi im Dokumentarfilm (seine Austro-Westernstadt-Studie „No Name City“ eröffnete die Diagonale 2006) und am Theater: Für das Wiener Schauspielhaus inszenierte er 2008 zwei Abende, daneben lehrte er und verfasste ein Hörspiel. All diese Aktivitäten bekräftigten indes nur erneut, dass sein primäres Interesse beim Spielfilm lag.

An seinen Drehbüchern arbeitete Flicker gern mit Leuten, die kreativ Komplementäres einbringen konnten: Michael Sturminger schrieb mit ihm „Halbe Welt“ und „Suzie Washington“, Susanne Freund half ihm dabei, „Der Überfall“ kommerziell zu erden. Reale politische Missstände überhöhte Flicker seit „Suzie Washington“ gern ins sanft Mythische, bemühte sich darum, alle Reste von Tagesaktualität und Agitprop in zeitlos Filmisches zu übersetzen: Sein letzter Spielfilm, die „Weibsteufel“-Adaption „Grenzgänger“ (2012), verhandelte in allegorisch zugespitzter Form ein Liebesmelodram erneut vor dem Hintergrund von illegaler Migration. Zuletzt hatte er noch an einem Filmprojekt gearbeitet, das sich dem Prozess gegen jenen Polizisten widmen sollte, der in Krems 2009 einen halbwüchsigen Supermarkträuber erschossen hatte. Am Samstagnachmittag vergangener Woche, zwei Tage nach seinem 49. Geburtstag, erlag Florian Flicker, in Wien seiner schweren Krebserkrankung, gegen die er während der vergangenen Monate noch konsequent, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gekämpft hatte.