Nachruf: Maria Lassnig war Österreichs bedeutendste Künstlerin

Nachruf: Maria Lassnig war Österreichs bedeutendste Künstlerin

Vergangene Woche starb Maria Lassnig, die bedeutendste Malerin Österreichs. Nina Schedlmayer über eine Künstlerin, die immer jünger wurde.

Nur wenigen Künstlern gelang es, sich in ihrem Spätwerk noch einmal neu zu erfinden: Der Renaissancekünstler Tizian, der abstrakte Expressionist Willem de Kooning oder die Dadaistin Hannah Höch stellten noch im hohen Lebensalter ihre Kunst auf neue Beine. Doch viele andere, darunter die Bedeutendsten, wiederholten sich irgendwann nur noch selbst – sie hatten ihren Stil längst gefunden und behielten ihn weiterhin bei.

„Bis zum Schluss Neues geschaffen”
Maria Lassnig gehörte nicht zu ihnen. Im Gegenteil: Stellt man jene vor wenigen Jahren entstandenen Bilder, die sie 2009 in ihrer Ausstellung im Wiener Museum moderner Kunst (Mumok) zeigte – Kellerszenarien mit Plastikfolien-umhüllten Menschen – ihren abstrakten Bildern der 1950er-Jahre gegenüber, so staunt man über die Frische der Spätwerke. Die Kunst, die Lassnig im hohen Alter produzierte, konnte bisweilen – im positiven Sinn – geradezu kindlich werden: Enorme Ungeheuer in Nasenform bevölkern fantastische, fast Science-fiction-artige Landschaften, amorphe Wesen plantschen heiter im Wasser. Sie hatte ihre Malerei nicht nur weiterentwickelt, sie hatte sie noch einmal völlig neu gedacht. Damit beeindruckte sie gerade in den vergangenen Jahren auch jüngere Generationen. „Dass jemand in so hohem Alter zu experimentieren beginnt: Das ist ganz solitär“, meint Johanna Kandl, die als eine der wenigen Künstlerinnen in Österreich wie Lassnig seit Jahrzehnten gegenständlich malt. „Das Schlimmste für einen Künstler ist schließlich, wenn er nichts mehr zusammenbringt. Maria Lassnig hat bis zum Schluss Neues geschaffen.“

„Es ist die Kunst, ja, ja”
Mit ihrer Juvenilität, nicht nur in der Kunst, beeindruckte die gebürtige Kärntnerin jeden, der ihr begegnete. „Als ich in den 1980er-Jahren meine Galerie eröffnete, kam Lassnig häufig vorbei. Trotz ihrer 60 plus wirkte sie extrem jugendlich. Manchmal war ich mir sogar unsicher, ob es sich tatsächlich um sie selbst oder um eine Studentin handelte“, erinnert sich Peter Pakesch, der heute das Grazer Universalmuseum Joanneum leitet und der Grande Dame ihre letzte Großausstellung in Österreich zu Lebzeiten – 2012 in der Neuen Galerie – ausrichtete. Umgekehrt wirkt die Künstlerin auf frühen Fotos oft überaus ernsthaft und damit älter, als sie damals tatsächlich war. In einem Interview erzählte sie einmal, dass sie mit 20 Jahren meist eine Dekade älter geschätzt wurde. Und in ihrer berühmten „Maria Lassnig Kantate“, einem autobiografischen Animationsfilm von 1992, lieferte sie das Rezept für ihr Anti-Aging-Programm: „Es ist die Kunst, ja, ja, die macht mich immer jünger“, sang sie darin selbstironisch und in heiterem Falsett.

Es ist wohl kein Zufall, dass ihre jüngere internationale Rezeption genau dort stattfindet, wo üblicherweise das Neue und Unverbrauchte daheim ist: 2006 setzte die ebenso bedeutende wie trendige Londoner Kunstzeitschrift „Frieze“ eines der vielen Lassnig-Selbstporträts auf ihr Cover. Vor wenigen Wochen erst startete eine große Retrospektive in New York: im P.S.1, jener Filiale des Museum of Modern Art, die auf neuere Strömungen der Kunst spezialisiert ist – 94-Jährige hat man dort eher selten im Programm. Lassnigs „zutiefst erfinderische Gemälde“ hätten eindeutig jüngere Künstlerinnen wie Dana Schutz, Amy Sillman und Charline von Heyl beeinflusst, schrieb die „New York Times“. Sogar technische Visionen vermeinten manche darin zu erkennen. So sah MoMA-Kurator Peter Eleey in ihr „die perfekte Künstlerin für das Zeitalter des Selfie“, und ein Bild, das sie selbst mit einer Glasscheibe vor Augen zeigt, ließ eine Autorin des Wochenmagazins „The New Yorker“ sogar an eine Vorform der Google-Brille denken. 1919, ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, wurde Lassnig in dem Dorf Kappel am Krappfeld geboren – und heute, mitten im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, wird sie als durch und durch zeitgemäß wahrgenommen. Ein grandioser Sieg über das Alter.
Doch erst seit Kurzem fühlte sich Lassnig endlich angemessen gewürdigt, erzählt ihr Vertrauter Pakesch, der in den vergangenen Jahren engen Kontakt zu ihr pflegte. Denn zeit ihres Lebens hatte sie über mangelnde Anerkennung geklagt – auch dann noch, als sie längst als die größte heimische Malerin galt und ihre Werke hohe Preise erzielten. Freilich: Das offizielle Österreich wurde erst, als sie 60 war, auf sie aufmerksam. Zu jenem Zeitpunkt lebte sie – nach längerem Aufenthalt in Paris, wo sie die Surrealisten kennengelernt und mit dem Dichter Paul Celan Freundschaft geschlossen hatte – in bescheidenen Verhältnissen in New York. Die einstige Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg bekniete sie damals, in Wien eine Professur an der Hochschule für Angewandte Kunst anzunehmen, was 1980 tatsächlich geschah. In einem profil-Interview schilderte Lassnig 2009 ihre eigene, recht profane Sicht dieser Begebenheit : „Firnberg hat ein paarmal angerufen und schließlich gesagt: ,Jetzt geb ich’s auf.‘ Und dann erst bin ich interessiert gewesen! Weil mir ein Zahn ausgefallen war und es in den USA ja keine ärztliche Versorgung gab.“ Im selben Jahr stellte sie im Österreich-Pavillon auf der Biennale Venedig aus, gemeinsam mit VALIE EXPORT. Es folgten große Ausstellungen in wichtigen Häusern und zahlreiche Auszeichnungen; die Kosmopolitin erhielt den Großen Staatspreis und den Oskar-Kokoschka-Preis – alles, was die Republik an Ehrungen zu bieten hat. „Das hat mich überhaupt nicht beeindruckt. Das ist ja nur Österreich“, erklärte sie dazu 2009 trocken.

„Ich war richtig geflasht”
Paradoxerweise war Lassnig offenbar gleichzeitig über ihren Bekanntheitsgrad erstaunt. Eine ihrer Schülerinnen, die Malerin Ursula Hübner, erzählt: „Ein Burgtheater-Dramaturg ließ über mich einmal anfragen, ob sie ihm ein Bild verkaufen würde. Lassnig wunderte sich, dass dieser über ihre Existenz überhaupt Bescheid wusste!“ Bis heute erinnert sich Hübner, die zwischen 1981 und 1986 in ihrer Klasse studierte, an jenen Moment, als sie Lassnig kennenlernte: „Ich war richtig geflasht: Sie war ganz weiß gekleidet, hatte weiße Turnschuhe an, wirkte ganz anders als alle Frauen in Wien. Sie kam ja auch gerade aus New York.“ Als Lehrerin stellte Lassnig ihre Offenheit unter Beweis: So lud sie ihre Studentin, die damals schon als Bühnenbildnerin arbeitete, selbst in ihre Klasse ein. Und auch Pakesch erzählt, wie sehr sie sich damals für das Schaffen anderer interessierte: „Sie war viel alerter als andere Wiener ihrer Generation, weil sie aus New York, aus einer größeren Welt kam.“

Das Schreckliche mit dem Komischen
In ihrer Kunst vereinte die Malerei-Doyenne das Schreckliche mit dem Komischen. Deklinierte sie in ihrem Frühwerk die damals gängigen Stile – Postexpressionismus, Surrealismus, Informel, konkrete Kunst – in Hochgeschwindigkeit durch, so erdachte sie bereits 1948 ihre „Body Awareness Paintings“, die „Körperbewusstseinsbilder“ – jenes künstlerische Thema, das sie ihr Leben lang beschäftigen sollte. Auf Lassnigs Leinwänden und Zeichnungen verschlingen und amalgamieren sich Körper mit der Umgebung, mit technischem Gerät, mit Tieren und Pflanzen, mit anderen Körpern, sie lösen sich im Raum auf und setzen sich wieder zusammen; Fernsehschirme wachsen aus ihnen, sie durchdringen Tischplatten und werden von Tigern überfallen. Ihre lange vorherrschende Farbpalette – mit vielen Blau-, Grün- und Rottönen – erweiterte Lassnig im Spätwerk hin zu starken, knalligen Farben, die sie bisweilen dramatisch ausleuchtete. Viele ihrer Bilder erscheinen regelrecht gewalttätig: „Du oder ich“ heißt eine Arbeit aus dem Jahr 2005, in der sie, nackt posierend, sowohl den Betrachter als auch sich selbst mit einer Pistole bedroht. Als das Wiener Mumok seine Lassnig-Schau einst mit ebendiesem Motiv auf Plakaten bewarb, riefen Passanten empört in der Marketingabteilung an, und besorgte Eltern debattierten wild in Internet-Foren darüber, ob das Bild die zarten Seelen ihrer Kinder gefährden könnte. Lassnigs Malerei bedrängt jene, die sie betrachten, rückt einem bisweilen unangenehm auf den Leib: Wem stockt angesichts der siechenden Patienten in ihrem ebenfalls 2005 entstandenen Gemälde „Krankenhaus“ nicht der Atem?

Hang zum Witzigen
Doch die Meisterin besaß durchaus einen Hang zum Witzigen, der allerdings nicht allzu häufig zum Durchbruch kam. Wenn sie sich etwa selbst in ihrer „Kantate“ als Malerfürstin, als Freiheitsstatue oder als Pariserin des Fin de Siècle mit Zigarettenspitze und Federboa inszeniert; wenn sie in einem ihrer Gemälde mit Meerschweinchen kokett posiert; wenn sie groteske Wesen mit gigantischen Augen durch ihre Bilder irren lässt: Da hat sich die Schmerzensfrau Lassnig verabschiedet, da läuft der Schmäh.

Und so schroff und brüsk sie im persönlichen Gespräch sein konnte, so lustig waren ihre Äußerungen bisweilen; die Selbstironie konnte auch in harsche Selbstkritik münden. So erzählte sie einmal, dass ihr Werk in den USA schlecht aufgenommen worden sei. „Und dann hab ich diese Bilder gemalt – amerikanischer Realismus. Grünes Licht ohne Farben, furchtbar. Aber das haben sie verstanden.“ Eines ihrer Gemälde, „Woman Power“ von 1979, bezeichnete sie als „mein teuerstes Bild und mein dümmstes“. Auch andere verschonte sie keineswegs. Ihre einstige Schülerin Hübner erzählt: „Lassnig hatte Angst davor, dass wir Studierenden unsere Arbeiten ausstellen könnten, die waren ihr nie gut genug.“ Manchmal sei sie „fast wütend“ gewesen, „geradezu persönlich beleidigt“. Die Kärntnerin war als schwierige Persönlichkeit bekannt, konnte ganze Museumsbelegschaften in den Wahnsinn treiben – was ihr mit fortschreitendem Alter freilich verziehen wurde. Und Ausstellungsmacher Pakesch beschreibt sie schlicht als „wunderbare Person, in all ihrer Stärke wie Fragilität“.

Am 2. November 1994 notierte Maria Lassnig in ihrem Tagebuch: „Je älter man wird, desto gescheiter, schöner, vollkommener wird man, und der Tod ist deshalb ein grausamer, ungerechter Abschluss, der ein mühsam aufgebautes, auf der Spitze herrlich erstrahlendes ‚Gebäude‘ unnotwendig zerstört.“ Fast 20 Jahre später, am Dienstag vergangener Woche, starb Maria Lassnig im Alter von 94 Jahren in einem Wiener Krankenhaus.