Narzissmus: die epidemische Verbreitung einer Modekrankheit

Narzissmus: die epidemische Verbreitung einer Modekrankheit

Jede Zeit hat ihre Modekrankheit. 2013 war es die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Angelika Hager über eine inflationäre Diagnose.

"Zwei Machos mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung“: So lautete die Diagnose der RTL-Moderatorin und Hobbypsychiaterin Birgit Schrowange für Boris Becker und Oliver Pocher nach deren Twitter-Krieg im vergangenen September. Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald bekam anlässlich des 50. Dallas-Jahrestages im November postum von mehreren US-Medien eine narzisstische Störung attestiert. Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel habe, so die "Süddeutsche Zeitung“ einen "von einem ordentlichen Schuss Narzissmus geprägten Charakter“, weil er "mit der Öffentlichkeit nur positive Gefühle teilen möchte“.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Narzissmus - beziehungsweise seine krankhafte Ausformung als narzisstische Persönlichkeitsstörung - bereicherte 2013 die Psychopathologie des Alltags. Ob es sich um den Rapper Kanye West und seinen Song "I’m A God“ handelte oder um den Anti-Helden Walter White aus der US-Fernsehserie "Breaking Bad“, der während fünf Staffeln vom grauen Nobody zum monomanischen Drogenproduzenten mutierte: Pop-Feuilletonisten, Journalisten, Drehbuchautoren und Populärpsychologen waren 2013 schnell mit der Diagnose eines psychischen Defizits zur Hand, das gemeinhin mit übertriebener Selbstliebe und Größenwahn assoziiert wird: Die narzisstische Störung wurde zum It-Knacks 2013 ausgerufen.

"Die Narzissmus-Falle"
Ursachenforschung für die anscheinend wie Fleckenfieber grassierende Verhaltensstörung wurde von Experten wie dem Vorarlberger Psychiater Reinhard Haller und seinem deutschen Kollegen Hans-Joachim Maaz in den Bestsellern "Die Narzissmus-Falle“ und "Die narzisstische Gesellschaft“ betrieben. In einer Gesellschaft, in der, angeheizt durch Selbstdarstellungsforen wie Facebook, Twitter, Instagram und Tumblr, die Geltungsgier zum salonfähigen Suchtmodell ausgerufen werde, sei die epidemische Verbreitung des Phänomens nur eine natürliche Konsequenz, so die These der Autoren.

„Niemals in der Liebe glücklich sei”
Nur: Das Phänomen Narzissmus ist beinahe so alt wie die Kulturgeschichte selbst. Es reicht zurück bis in die griechische Mythologie: Narkissos, Sohn des Flußgottes Kephisos und der Nymphe Leiriope, verschmähte alle Verehrerinnen hartherzig. Eine frustrierte Anbeterin verfluchte den beziehungsparanoiden Halbgott mit den Worten: "So soll er denn sich selbst lieben, auf dass er niemals in der Liebe glücklich sei!“ Narziss verliebte sich in sein Spiegelbild im Wasser und ertrank beim Versuch, mit sich selbst zu verschmelzen.

Solange es Eltern gibt, die ihre Kinder mit affenartiger Liebe überhöhen (oder sie auch abwerten), kann sich der gesunde Narzissmus zur pathologischen Persönlichkeitsstörung auswachsen. Mütter, die um ihre Kinder wie um das Goldene Kalb tanzten und damit die Grundlage für späteren Größenwahn legten, existierten schon im Neandertal, ebenso Väter, die mit einem Mangel an Zuwendung in ihrem Nachwuchs ein Minderwertigkeitsgefühl begründeten, das dieser später mit übertriebener Ichbezogenheit zu kompensieren suchte.

Dass in einer Gesellschaft, in der die obsessive Beschäftigung mit Celebritys zum Volkssport geworden ist, der Drang zur Selbstdarstellung quer durch alle Schichten beflügelt wird, ist nur logisch. Jeder Versicherungsvertreter hat inzwischen bei ausreichender Verbissenheit die Möglichkeit, mit seinen Jonglierkünsten in den geeigneten Castingshows einem Millionenpublikum vorgeführt werden. Jede Marketingassistentin kann sich auf ihrem Facebook-Profil ihr eigenes Paris-Hilton-Universum erschaffen, in dem sie ihre 500 besten Freunde im Wochentakt mit "Selfie“-Postings bei der Stange hält.

"Selfie"-Skandal
Der "Selfie“-Skandal, in den Barack Obama und David Cameron schlitterten, als sie bei der Trauerfeier für Nelson Mandela in Johannesburg mit der dänischen Premierministerin Helle Thorning-Schmidt vor einer Handykamera kuschelten, hat mehr mit Hybris, Stressabbau und schlechtem Benehmen zu tun als mit "narzisstisch gestörten Psychen“, wie ein Redakteur des britischen "Guardian“ über Twitter tadelnd diagnostizierte. (Das Oxford Dictionary kürte "Selfie“, umgangssprachlich für digital geschossenes und sofort online gestelltes Selbstporträt, kürzlich zum Wort des Jahres.)

Es wäre unzulässig, die Gier nach Aufmerksamkeit und den Drang zur Selbstinszenierung, die noch nie so leicht zu befriedigen waren wie im digitalen Zeitalter, mit einer kollektiven psychischen Störung gleichzusetzen. Doch die Pathologisierung jeder noch so geringen Abweichung von der Verhaltensnorm ist inzwischen zum Gesellschaftssport von Psychiatrie und Psychologie verkommen und hält damit auch eine ganze Industrie am Rotieren. Im Mai dieses Jahres erschien die fünfte Auflage des "Diagnostic und Statistical Manual of Mental Disorders“, das allgemein anerkannte Handbuch für seelische Störungen. War die erste Ausgabe 1952 noch mit 106 "mental disorders“ ausgekommen, so listet die jüngste Auflage bereits 300 psychische Erkrankungen auf. Noch nie schien der Grat zwischen Verhaltensauffälligkeiten und seelischen Störungen so schmal und durchlässig zu sein. "Das ist gefährlicher Unfug“, empörte sich ein ehemaliger Koautor des Handbuchs, der US-Psychiater Allen Francis: "Jede Form von Eigenheit und Individualität wird hier zur Krankheit ausgerufen!“

Wie ratlos die Psychiatrie selbst bei der Grenzziehung zwischen sozial verträglichem, also "gesundem“, und pathologischem Narzissmus ist, beweist der Absatz zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung, der gerade einmal acht Zeilen gewidmet sind. Die aufgelisteten Merkmale wirken so vage wie beliebig und sind de facto auf das Gros der Menschheit anwendbar. "Fantasien über unbegrenzten Erfolg, Macht, Schönheit oder idealer Liebe, Gefühl der Einmaligkeit, Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung, Neidgefühle, arrogantes Verhalten, Mangel an Empathie und die Ausnützung zwischenmenschlicher Beziehungen“ werden als Indikatoren angeführt. Es drängt sich der Umkehrschluss auf, dass nach diesen Kriterien Personen, die nicht narzisstisch gestört sind, nahezu musealen Wert besitzen. Im Katalog der Weltgesundheitsorganisation WHO taucht die narzisstische Persönlichkeitsstörung erst gar nicht auf.

In einem profil-Interview bezeichnete Kevin Dutton, britischer Professor für Psychologie an der Oxford University und Autor des Buchs "Psychopathen“, die narzisstische Persönlichkeitsstörung als den "Schoßhund unter den seelischen Erkrankungen, den Chiahuahua der Psycho-Saison“. Den nonchalanten Umgang mit dem Begriff in der "Küchenpsychiatrie“ hält er für bedenklich: "Viele Gewalttaten gehen auf das Konto einer narzisstischen Störung. Was heute rasch unter dem Begriff, Narzissmus‘ eingeordnet wird, hat häufig nur mit einer von der Celebrity-Kultur angeheizten Gier nach Aufmerksamkeit zu tun.“

Krankheitsmythos
Jede Zeit hat ihre Krankheit oder besser ihren Krankheitsmythos. Waren es um die vorvergangene Jahrhundertwende Hysterikerinnen und Neurasthenikerinnen, die sexueller Repression mit Ohnmachtsanfällen und Halluzinationsfantasien zu entfliehen versuchten, machte sich in den 1980er-Jahren die bipolar affektive Störung (früher schlicht manisch-depressive Erkrankung) breit. Ein Jahrzehnt später trat das Burn-out-Syndrom seinen bislang ungebremsten Siegeszug in den Mainstream an. Das Gefühl des Ausgebranntseins sei, so hieß es, eine Reaktion auf die zunehmend brutalen Anforderungen der Leistungsgesellschaft. Inzwischen räumen auch selbsternannte Burnout-Experten ein, dass das Phänomen keinerlei diagnostischen Stellenwert hat und es sich in der Regel um nichts anderes als Erschöpfungsdepressionen handelt. Die vergangenen Jahre schließlich waren geprägt von Panikattacken, Angststörungen sowie Paranoia- und Borderline-Zuständen. Diese Störungen gab es jedoch immer schon, nur wurden sie oft nicht als solche erkannt.

1914 verfasste Sigmund Freud die Abhandlung "Zur Einführung des Narzissmus“, in der er Depression, Manie und Wahn als "narzisstische Neurosen“ bezeichnete, die einer psychoanalytischen Behandlung nicht zugänglich seien. Der US-Kulturhistoriker Christopher Lasch rief in seinem gleichnamigen Bestseller "Das Zeitalter des Narzissmus“ aus und attestierte der Gesellschaft einen "lähmenden Dekadenz-Kult des Ichs“ - das war 1979, also lange vor Facebook, Twitter und "Selfies“.

Die Lebensgeschichte von Sigmund Freud selbst erscheint übrigens wie das Bilderbuch-Psychogramm eines Narzissten. Von seiner Mutter als Lieblingssohn ("Sigi, mein Gold!“) angehimmelt, war er schon früh überzeugt von seiner Einzigartigkeit, vertrug keine Kritik und räumte alle Widersacher mit eiskalter Brutalität aus dem Weg.

Sisi beim Frisieren
Ob Freud getwittert hätte? Sehr gut möglich, dass er uns mit jedem neuen Forschungsansatz genervt hätte. Kaiserin Sisi wiederum darf mit ihrem pathologischen Drang nach Bewunderung und Selbstinszenierung als Paradebeispiel für eine narzisstisch gestörte Persönlichkeit gelten. Man kann davon ausgehen, dass sie uns mit "Selfies“ gefüttert hätte: Sisi beim Frisieren, an den Schiffsmast gefesselt oder beim versonnenen Löffeln eines Veilchenparfaits.

In der Kulturgeschichte wimmelt es von Narzissen: Arthur Schnitzler, Salvador Dalí, Friedrich Nietzsche, Mick Jagger, Bob Dylan, Marlene Dietrich, Sarah Bernhardt. Aber nicht jeder gewöhnliche Selbstdarsteller hat das Zeug zum Narziss - und nicht jeder manische Selbstdarsteller muss ein klinischer Störfall sein.

Deshalb ist der britische Milliardär Richard Branson, der sich jüngst beim Wasserskifahren ablichten ließ, umschlungen von einem nackten Supermodel, kein Narziss, wie einige Medien diagnostizierten, sondern eben einfach nur ein alternder Mann, der Angst vor dem Tod sowie Spaß am Leben hat und bei Letzterem nicht unbeobachtet bleiben möchte.