Neue Alben: Ja, Panik und Indian

Ja, Panik wagt sich mit „Libertatia” von den 1970ern in die 1980er Jahre. Die Chicagoer Schmerzensmänner von Indian suchen Erlösung in der Zermürbung. Beides scheint zu funktionieren. profil unerhört präsentiert die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle und Sebastian Hofer

Ja, Panik: Libertatia (Staatsakt)

Nach dem Ende: ein Anfang. Das letzte, vom deutschsprachigen Pop-Feuilleton in den Himmel gelobten Ja, Panik-Album „DMD KIU LIDT“ endete auf einer durchwegs verzweifelten Note. „Libertatia“ hebt nun mit provokant eingängigen Synthesizern an. In Dekaden ausgedrückt: Die zum Trio geschrumpfte Band um Andreas Spechtl wagt sich von den 1970ern in die 1980er Jahre, bedient schon auch einmal ein Saxophon, verzichtet auf die alte Sperrigkeit und zitiert Gospel und Soul, The Style Council und Prince. Dazu kommen Texte, in denen vom postutopischen Alltag in Westeuropa die Rede ist und von seinen ideologischen Fluchtpunkten: „Irgendein zugedröhnter Depp / Spricht irgendwas vom working man, dessen life und dessen death. / Ich denke mir, schau, dass du abhaust, / Denn mein Argument wär jetzt eigentlich nur noch die Faust.“ 'Nuff said. (9.2/10) S. Ho.

Indian: From All Purity (Relapse Records)

Die Winter können erschreckend kühl sein in Chicago, der „Windy City“ am Südwestufer des Michigansees im Bundesstaat Illinois. Kühl ist auch die Musik der dort ansässigen Band Indian, die ihre sich durchschnittlich über sechs Minuten dahinwälzenden Songberserker gekonnt zwischen Doom- und Sludge-Metal changieren lassen. Wie das nur klingen mag? Vielleicht nach einem verwundeten Tier, das sich gequält dahinschleppt; den Tod vor Augen, den Feind im Nacken. Klingt bedrohlich? Ist es auch! Die Schwarzmaler agierten auf ihren bisher veröffentlichten vier Alben stets an der Grenze zur Monotonie. Auf „From All Purity“ verlieren sie sich nun in einem Rausch aus Lärm, gepaart mit manischem Gekeife und maßloser Misanthropie. Es geht um Welt- und Alltagsschmerz, um das Fühlen und die Gefühllosigkeit in einer Zeit, in der Gefühle nur noch durch Statusmeldungen und Newsticker transportiert werden. Dass dem geneigten Hörer bei der knapp einstündigen Geisterbahnfahrt dann doch das Herz aufzugehen vermag, ist eine der Besonderheiten der Chicagoer Schmerzensmänner. Wo Leid ist, muss eben auch Leben sein. Oder umgekehrt. Zermürbung is everything! (8.0) Ph. D.

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