Neue Alben: Marteria, Garish, Bohren & Der Club Of Gore

Was lernen wir diese Woche? Garish ist größer gleich Garish. Marteria fallen die besten Zeilen zum Themenkomplex Großstadt, Feiern, Frauen ein und Bohren & Der Club Of Gore treiben ihre Idee einer Post-Metal-Avantgarde mit stoischer Gelassenheit voran. profil unerhört präsentiert die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle und Sebastian Hofer

Marteria: Zum Glück in die Zukunft II (Four Music)

Die Zukunft begann ungefähr 2010 mit dem Album, dessen zweiter Teil diese Platte hier ist, und zum Glück wurde sie von Marteria ausgelöst, weil: wer weiß, was zum Beispiel Prince Kay One zu dem Thema eingefallen wäre. Marteria dagegen fallen verlässlich die besten Zeilen zum Themenkomplex Großstadt, Feiern, Frauen ein und zum Thema Nichtmehrganzjungsein mittlerweile auch („Jeder glücklich Zweiter / keiner mehr Verlierer“), dazu servieren seine Produzenten The Krauts einen gnadenlosen Salat aus jazzigen Samples, hartem Bumm, Dancehall und dieser seltenen Art von Pop, dem nicht die Banalität aus jedem Taktstrich tropft. Insgesamt ist das alles so klug, so leicht und so auf der Höhe der Zukunft, dass man sogar den alten Campino erträgt, der sich von Marteria ja mittlerweile die Hosentexte schreiben lässt und hier als Gaststar auch irgendwas murmeln darf. Wie gesagt: Keiner mehr Verlierer. (8.7/10) S. Ho.

Garish: Trumpf (Schönwetter Schallplatten)

Gleichungssystem der österreichischen Popmusik: Wer sich Molden näher fühlt als Kreisky ist Garish. Wobei der Molden in dieser Formel vornamentlich Ernst heißt und sich mit wienerliederisch poetisierten Alltagsgeschichten sanftmütige Perspektiven auf die werten Mitmenschen erschließt. Kreisky, auf der anderen Seite, ist eine Band, die sich ihrer Skepsis am Mitmenschlich-Allzualltäglichen gern im kreischenden Rockritual entledigt. Garish schließlich wäre eine Alternativpopband aus dem Burgenland, die seit gut eineinhalb Jahrzehnten gemeinsam Musik macht, in der Zeit alles erlebt hat, was man im österreichischen Alternativpop halt so erlebt, tendenziell eher zu lyrischen Introspektion als zum Mitmenschenhass neigt ihre neue Platte ganz schlicht „Trumpf“ genannt haben, was es, ganz schlicht, ganz gut trifft, denn Garish gewinnen tatsächlich mit jedem Album, diesmal mit einer Erweiterung ihres ästhetischen Horizonts in Richtung Bodenhaftung. Gleichungssystem der Garish-Musik: Garish ist größer gleich Garish, und unterm Strich eine Band, die im österreichischen Pop ihresgleichen sucht. (7.9/10) S. Ho.

Bohren & Der Club Of Gore: Piano Nights (Pias/Rough Trade)

Wer verstehen will, woher Bohren & Der Club Of Gore ihre Klavierelegien beziehen, der sollte zuerst an den Ort des Geschehens reisen. „Piano Nights“, das bereits achte Album der vier Melancholiker, entstand dort, wo sonst nur Eisen, Stahl und Heavy Metal geformt wird. In Mühlheim im Ruhrpott – weit weg von anderen deutschen Pop-Lebenswelten. Bohren & Der Club Of Gore mäandern seit nunmehr 20 Jahren durch diese postindustrielle Einöde, die Idee einer Post-Metal-Avantgarde treiben sie mit stoischer Gelassenheit voran. Dabei verweigern die vier Minimalisten mit ihrem Zeitlupen-Jazz jegliche Virtuosität. Gesang würde die traurigen, aber störrischen Klanggebilde mit Titeln wie „Irrwege“, „Im Rauch“ oder „Verloren (Alles)“ nur stören. Die ruhigen Klänge von Klavier, Bass und Schlagzeug verselbstständigen sich im einsamen Raum zu einem musikalischen Begleiter für die Brache; eingepfercht zwischen leerstehenden Fabriken, dunklen Straßenzügen und verrauchten Wirtshäusern. Der US-Auskennerblog Pitchfork nannte Bohren & Der Club Of Gore einmal „die sanftmütigste Black-Metal-Band der Welt“. Man könnte auch sagen: bitterböse Gralshüter der Lakonie. (7.9/10) Ph. D.

Live in Wien am 29.3. in der Grellen Forelle.

profil-Wertung:
Von "0" (absolute Niederlage) bis "10" (Klassiker)