Neue Alben: The Who The What The Yeah, Blood Orange

Weniger Diskurs, mehr Gefühl: The Who The What The Yeah aus Österreich machen wütenden Gitarrenrock, Dev Hynes alias Blood Orange verfällt dem Saxofon-verliebten Soul. profil unerhört präsentiert die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle

The Who The What The Yeah: Strom (Rough Trade/Monkey)

Die Erkenntnis überfällt einen spätestens in Neuseeland. Dem eigenen Ich kann man nicht entkommen – weder am höchsten Berg, im tiefsten See oder eben am anderen Ende der Welt. So wird auf „Neuseeland“, der ersten Single des neuen Werks des österreichischen Gitarrenrock-Quartetts The Who The What The Yeah gar nicht lange um den heißen Brei gesprochen, die Marschrichtung des dritten Albums „Strom“ schon mal vorgezeichnet. Bei Martin Konvicka, Lukas Müller, Navid Djawadi und Tobias Wurscher geht es nicht um den großen (Pop-)Diskurs, sondern vielmehr um die kleinen und großen Tragödien des Alltags, die Schattenseiten des Musikbusiness („Schnitt“), wütende Musik eben, die von einer permanenten Unruhe durchzogen wird. Mit artverwandten deutschsprachigen Gitarren-Bands, von der Hamburger- bis zur Wiener-Schule, hat die latente Aggressivität, die glaubhafte Verbissenheit von The Who The What The Yeah also kaum etwas zu tun. Für „Strom“ verzichtet die Band folgerichtig komplett auf akustische Instrumente; keine Streicher, kein Klavier, keine Verzierungen. Nur die teils entrückte Stimme erinnert an den Berliner Straßenpoeten Hans Unstern, die hingerotzten Gitarrenakkorde an frühe Madsen-Songs. Auf „Strom“ nennen The Who The What The Yeah die hinterfotzigen Seiten des Lebens ganz klar beim Namen. Allein dafür sollte man sie in Zukunft nicht aus den Augen lassen. (7.5/10) Ph. D.

Blood Orange: Cupid Deluxe (Domino Records)

Alles nur geklaut? Dem britischen Produzenten Dev Hynes wird nachgesagt, mit seinen Solo-Projekten einerseits gerne Bewährtes zu recyceln, andererseits den Zeitgeist zu bedienen. Mit der Elektro-Funk-Formation Blood Orange, dem Gegenpart zu seiner Gitarren-Pop-Spielerei Lightspeed Champion, hat der in New York lebende Hynes nun anscheinend den Sound gefunden, der am besten zu ihm passt. Für „Cupid Deluxe“ fischt der 27-jährige notorische Tausendsassa nun im verschmusten R&B der Achtziger, grüßt hinüber zu Prince und landet in letzter Konsequenz doch im Hier und Jetzt, wenn er im aktuellen Fahrwasser von Frank Ocean, The Weeknd und Destroyer dem Saxofon-verliebten Soul huldigt. Recycling ist gut! (7.7/10) Ph. D.

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