ÖFB-Präsident Leo Windtner: "Der Glaube ist ungebrochen"

ÖFB-Präsident Leo Windtner: "Der Glaube ist ungebrochen"

Das österreichische Fußballnationalteam ist trotz goldener Spielergeneration in die Krise gerutscht. ÖFB-Präsident Leo Windtner über unklare Spielsysteme, Disziplinlosigkeiten im Team und das Projekt eines neuen Nationalstadions.

Seit zehn Jahren steht der gebürtige Linzer und ehemalige Vorstandsvorsitzende der Energie AG Oberösterreich an der Spitze des Österreichischen Fußballbundes. In seine Präsidentschaft fielen der Höhenflug des Nationalteams unter Marcel Koller und die EM-Teilnahme 2016 sowie die große Bundesliga-Reform 2018. In die laufende EM-Qualifikation startete das Nationalteam mit zwei Niederlagen, am 7. und 10. Juni folgen Quali-Matches gegen Slowenien und Nordmazedonien.

profil: Die österreichische Nationalmannschaft war vor drei Jahren das zehntbeste Team der Welt und steht nun auf Rang 34. Man ist mit zwei Niederlagen in die EM-Qualifikation gestartet - so schlecht wie seit 1992 nicht mehr. Was läuft schief?
Windtner: Wir hatten einen Generationenwechsel im Nationalteam. Man hat bei der 2:4-Niederlage gegen Israel bemerkt: Mehrere Schlüsselspieler, die früher in kritischen Situationen die Initiative ergriffen haben, sind nicht mehr dabei.

profil: Man hat mit diesen Spielern in den Freundschaftsspielen gute Ergebnisse erzielt. Viele Experten sprechen gar von einer goldenen Generation.
Windtner: Das ist richtig. Es liegt am Zusammenwirken mehrerer Faktoren. Wir hatten zuletzt viele Verletzte. Wir haben gegen Polen eine respektable Leistung geboten und dachten in Israel: Wir werden das schon schaffen. Nach dem frühen Führungstor waren wir etwas zu leichtfertig.


profil: Taktik-Analytiker kritisieren, dass die Spielweise unter Teamchef Foda in den Pflichtspielen zögerlicher wurde.
Windtner: Jeder Trainer hat eine Handschrift. Es mag sein, dass eine Systemveränderung stattgefunden hat. Wir wollten flexibler werden: Das ist zum Teil gelungen, zum Teil aber auch noch nicht. Wir müssen in den beiden nächsten Länderspielen 100 Prozent abrufen. Wir haben gegen Israel erfahren müssen, dass 90 Prozent gegen keinen Gegner ausreichen.

profil: Die Teamspieler haben sich in Weltligen durchgesetzt und bringen dort sei Jahren Topleistungen. Warum verlieren sie ausgerechnet im Nationaltrikot ihren Fokus?
Windtner: Die Dinge werden im Kopf entschieden - und darum geht es.

Leo Windtner, 68. Seit zehn Jahren steht der gebürtige Linzer und ehemalige Vorstandsvorsitzende der Energie AG Oberösterreich an der Spitze des Österreichischen Fußballbundes. In seine Präsidentschaft fielen der Höhenflug des Nationalteams unter Marcel Koller und die EM-Teilnahme 2016 sowie die große Bundesliga-Reform 2018. In die laufende EM-Qualifikation startete das Nationalteam mit zwei Niederlagen, am 7. und 10. Juni folgen Quali-Matches gegen Slowenien und Nordmazedonien.

profil: Die Spieler halten bei Weltklubs der mentalen Belastung stand, aber im Nationalteam nicht?
Windtner: Auch in den Klubs kann es Situationen geben, in denen ein Spieler nicht 100 Prozent bringt. Es gibt eben Fälle wie in Israel, wo wir gedacht haben, dass wir bereits über der Ziellinie sind - und daraus resultierte der Selbstfaller.


Wenn solch ein Spiel absolviert wird wie zuletzt, vermisst man immer etwas.

profil: Viele Teamkicker spielen in ihren Vereinen aktiven und dominanten Fußball. Die passive Spielweise im Nationalteam scheint ihren Stärken nicht entgegenzukommen.
Windtner: Der Teamchef bestimmt die Strategie. Und wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir eine große Verletztenliste hatten -daran muss sich dann auch das System orientieren.

profil: Teamchef Foda hat mit Sturm Graz immer reaktiven Fußball gespielt. War Ihnen bei seiner Bestellung bewusst, dass sich mit dem neuen Trainer auch die Spielweise ändern würde?
Windtner: Allen bei uns war bewusst, dass Franco Foda ein absolut konsequenter Teamchef werden wird, der eine gute Expertise mitbringt. Die Details, welches System gespielt werden soll, sind nicht zwingend im Vorfeld zu fixieren. Es geht darum, ob er geeignet ist.

profil: Unter Sportdirektor Willi Ruttensteiner hat der ÖFB sehr wohl festgelegt, für welche Spielweise Österreichs Fußball stehen soll. Wurde das Vorhaben ad acta gelegt?
Windtner: Daran hat sich nicht viel geändert. Die Spielphilosophie ist von den Nachwuchsnationalteams bis zum A-Team ident. Das Konzept wird klar durchgezogen.

profil: Welches Konzept wird klar durchgezogen?
Windtner: Ich lasse mich jetzt nicht auf eine Diskussion über die Spielweise ein.

profil: Aber sie ist ja laut Ihren Worten klar definiert.
Windtner: Die Grundphilosophie ist ident.


profil: Wie sieht die Grundphilosophie aus?
Windtner: Österreich soll selbstbewusst und aktiv auftreten und, wenn es geht, mit dem Pressing, das wir gewohnt sind.

profil: Das Pressing vermissen Sie in letzter Zeit ein bisschen, oder?
Windtner: Wenn solch ein Spiel absolviert wird wie zuletzt, vermisst man immer etwas.

profil: Es gibt immer wieder Gerüchte über Disziplinlosigkeiten von Teamspielern. Was wissen Sie darüber?
Windtner: Gerüchten muss ich nicht nachgehen. Nach meinem Wissensstand sind keinerlei Disziplinlosigkeiten vorgefallen.

profil: Sie haben selbst gesagt, dass David Alaba unter Marcel Koller die ihm zugedachte Position nicht spielen wollte.
Windtner: Da wurde ich nicht exakt zitiert. Ich habe auch nach dem Israel-Spiel nicht gesagt, dass die Spieler den Charakter einer Schülermannschaft haben. Ich habe gesagt: Beim zweiten Tor in Israel haben wir uns wie eine Schülermannschaft verhalten.

profil: Hat Alaba damals die ihm zugeordnete Rolle gespielt oder nicht?
Windtner: Es ist nicht meine Aufgabe, das im Nachhinein noch zu analysieren. Es bringt nichts, alte Dinge aufzuwärmen.

profil: Das Spiel gegen Israel war auch deshalb brisant, weil der vom ÖFB entlassene Sportdirektor Willi Ruttensteiner - Ihr Zögling und Vertrauter - nun dort tätig ist. Wie geht es Ihnen damit?
Windtner: Ich muss mit der Niederlage leben und nicht damit, wer dort auf der Bank sitzt. Das war ein Länderspiel wie jedes andere, ohne Emotionen.


Das sind zwei grundverschiedene Typen. Ruttensteiner hat seine Sache professionell gemacht, Schöttel arbeitet mehr im Hintergrund

profil: Haben Sie noch Kontakt zu Ruttensteiner?
Windtner: Nicht mehr intensiv, auch wenn es keine Streitpunkte gibt. Willi Ruttensteiner hat mit mir den österreichischen Weg stark geprägt. Er hat Pionierarbeit für den österreichischen Fußball geleistet. Aber es ist auch kein Beinbruch, wenn jemand nach 19 Jahren wechselt.

profil: Alle lobten Ruttensteiners Konzept. Sein Nachfolger Peter Schöttel betonte bei seiner Bestellung, "noch kein Konzept" zu haben. Warum fiel die Wahl trotzdem auf ihn?
Windtner: Das sind zwei grundverschiedene Typen. Ruttensteiner hat seine Sache professionell gemacht, Schöttel arbeitet mehr im Hintergrund, und es wurden gute Entwicklungsschritte gesetzt.

profil: Im ÖFB-Präsidium wählen Bürgermeister, Rechtsanwälte und Richter den Teamchef und den Sportdirektor. Haben ehrenamtliche Funktionäre aus dem Amateursport wirklich die Kompetenz dafür?
Windtner: Das klingt despektierlich. Österreich ist ein föderaler Staat, und dieses föderale Wesen zieht sich durch alle Institutionen. Das ist auch gut. Die Expertise von Präsidiumsmitgliedern anzuzweifeln, ist ungerechtfertigt, denn alle kommen aus dem Fußballmilieu.

profil: Sie haben einmal selbst gesagt, dass die Entscheidungen im Präsidium "keine Frage der Kompetenz, sondern des gesetzten Rechts" seien. Muss das so bleiben?
Windtner: Die föderalistische Struktur hat einen Riesenvorteil, weil sie alle Kräfte aus den Bundesländern konzentriert. Das Präsidium hat sicher aus der Vergangenheit gelernt - es gibt keine Zurufe mehr.

profil: Sie haben einst einen Expertenrat gefordert, der dem Präsidium zur Seite gestellt werden sollte. Warum wurde daraus nichts?
Windtner: Wir haben jetzt ein eigenes Gremium, das bei sportlichen Personalentscheidungen wie Teamchef-oder Sportdirektorbestellungen zurate gezogen wird. Aber welche Personen darin sitzen, ist nicht Gegenstand öffentlicher Diskussion.

profil: Zuletzt gab es Aufregung um den Austragungsort des ÖFB-Cupfinales: Gespielt werden sollte im Austria-Stadion, nach Fanprotesten musste man nach Klagenfurt ausweichen. Warum bekam das Austria-Stadion den Zuschlag?
Windtner: Wir haben eine seriöse Ausschreibung durchgeführt. Alle Stadionbetreiber Österreichs wurden eingeladen. Aus der objektiven Kriterienbewertung ging das Austria-Stadion als klare Nummer eins hervor.

profil: Mit dem Klagenfurter Stadion hatte man in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen gemacht. Warum war es nicht mehr erste Wahl?
Windtner: Weil das Austria-Stadion nach allen Kriterien die objektiv beste Lösung war.

profil: Austria-Vorstand Markus Kraetschmer saß damals im ÖFB-Präsidium und sorgte mit den Stimmen seiner Bundesliga-Fraktion für eine Mehrheit gegen Koller und Ruttensteiner. Wenig später erhielt das Stadion seines Vereins den Zuschlag durch das ÖFB-Präsidium. Das riecht ein wenig nach "Die eine Hand wäscht die andere".
Windtner: Dieser Gedanke ist mir noch nie gekommen. Die Ergebnisse sind klar auf dem Tisch gelegen. Alles hat für diesen Zuschlag gesprochen.

Windtner im Gespräch mit profil-Mitarbeiter Gerald Gossmann: "Es bringt nichts, alte Dinge aufzuwärmen."

profil: Wird man in den nächsten Jahren im Austria-Stadion spielen oder doch woanders?
Windtner: Wir sind in Verhandlungen mit Austria Wien. Die Optionen sind: Der Vertrag erfüllt, beziehungsweise angepasst, oder wir lösen den Vertrag auf und schreiben neu aus.

profil: Mit dem ehemaligen Sportminister Heinz- Christian Strache hatten Sie den Neubau eines Nationalstadions geplant. Was wird jetzt daraus?
Windtner: Die Veränderung der politischen Verhältnisse ändert nichts an der akuten Notwendigkeit eines Nationalstadions. HC Strache hatte das Stadion auf seiner Agenda und hat das Projekt gepusht. Wir sind von den ständigen Änderungen im Sportministerium betroffen. Hans Peter Doskozil und Strache sind uns abhanden gekommen -und es geht wieder von Neuem los. Von 55 UEFA-Nationen rangiert Österreich unter den letzten 15, was die Infrastruktur der Fußballverbände betrifft. Montenegro, Mazedonien und Albanien haben moderne Trainingszentren und Stadien. Bei uns fehlen neben dem Nationalstadion sowohl das Trainingszentrum als auch ein adäquates Hauptquartier.


Burgenland und Niederösterreich sind adäquate Regionen. Wobei eine Anbindung an den Flughafen Schwechat gegeben sein muss.

profil: Was können Sie tun, solange es keinen politischen Ansprechpartner gibt?
Windtner: Wir führen Gespräche mit den Standort-Betreibern in Wien und auch mit anderen Bundesländern. Es gibt gute Konzepte, die finanziell machbar sind. Wenn die Volkswirtschaften von Montenegro und Mazedonien Infrastruktur schaffen können, müsste das in einem der reichsten Länder der Welt auch möglich sein.

profil: Wo könnte ein Nationalstadion außerhalb von Wien entstehen?
Windtner: Burgenland und Niederösterreich sind adäquate Regionen. Wobei eine Anbindung an den Flughafen Schwechat gegeben sein muss.

profil: Wird das Nationalteam die EM-Qualifikation schaffen?
Windtner: Der Glaube an das Team und an die Qualifikation ist ungebrochen. Es sind noch immer 24 Punkte zu vergeben. Die nächsten zwei Spiele sind entscheidend -wir haben uns gemeinsam in diese Situation gebracht und werden uns auch gemeinsam wieder herausziehen.