ÖFB-Team: Kollers Erfolgsgeschichte findet kein Happy End

Marcel Koller

Marcel Koller

Marcel Koller war der erfolgreichste Teamchef der jüngeren österreichischen Fußballgeschichte. Leider hat die Geschichte kein Happy End.

Seit einem halben Jahr verschickt die Austria Presse Agentur fünf Mal pro Woche einen Nachrichtenüberblick „in leicht verständlicher Sprache“. Vergangenen Mittwoch wurde darin das Spiel der Herren-Nationalmannschaft in der WM- Qualifikation gegen Georgien vermeldet: „Nach diesem 1:1 wird das österreichische Nationalteam wahrscheinlich nicht bei der Fußball-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr dabei sein. Deshalb wird Marcel Koller vielleicht bald nicht mehr Trainer von Österreich sein.“

Das stimmt zwar – ganz so einfach ist es trotzdem nicht. ÖFB-Präsident Leo Windtner erklärte kurz nach dem Match: „Wir werden mit Koller sprechen, parallel aber auch mit möglichen Nachfolgern.“ Das klang nicht nach einem beinharten Beharren auf dem Status quo, also auf Marcel Koller, der wohl wider besseres Wissen erklärte: „Ich weiß ja gar nicht, was der ÖFB will.“

Nun gut: Der ÖFB will offenbar einen neuen Trainer. Denn die laufende WM-Qualifikation verlief, gemessen an den Möglichkeiten der Mannschaft, katastrophal, so wie auch die EM-Endrunde im Vorjahr. Die Mannschaft selbst wäre trotzdem glücklich, wenn alles bliebe, wie es ist. Der unter Marcel Koller zum echten Leistungsträger avancierte Marko Arnautović erklärte nach dem Georgien-Spiel stellvertretend für das Nationalteam: „Er hat es sich verdient, weiter unser Trainer zu sein. Jeder in der Mannschaft will, dass wir den Weg mit ihm weitergehen.“

Das mag auch daran liegen, dass Koller der Mannschaft wohl schon länger nicht mehr sagt, was sie nicht hören will: dass sie nicht mehr ganz so stark ist, wie sie glaubt. Auch seine Analysen muten neuerdings seltsam altösterreichisch an: „Wenn du bei einer WM dabei sein willst, musst du schauen, dass du hinten wenige Tore bekommst und vorne viele erzielst.“ So klingt Fußball in leicht verständlicher Sprache.

Geduldiger Aufbau

Dabei war der ÖFB-Teamchef Koller immer einer, der nicht den allereinfachsten Weg ging. Er baute seine Mannschaft geduldig auf, nicht nur charakterlich, sondern auch taktisch und flößte ihr, in Kooperation mit ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner, ein zeitgemäßes Spielverständnis ein. „Die Theorie muss erst mal im Vordergrund stehen“, erklärte Koller bei seiner ersten Pressekonferenz als ÖFB-Trainer im November 2011. Das stellte einen spürbaren Stilwechsel im Vergleich zu den theoretisch unbeleckten Alt-78ern dar, die über einen Schweizer als Österreichs Nationaltrainer denn auch alles andere als erbaut waren. Herbert Prohaska im Herbst 2011: „Koller wird sich bisher nicht groß mit dem österreichischen Fußball beschäftigt haben. Seine Aufgabe ist viel schwerer als für einen, der die anderen kennt. Das heißt, er fängt im Prinzip bei null an.“

Einem Vorgänger Prohaskas, Leopold Stastny, Teamchef von 1968 bis 1975, wird bisweilen die folgende Fußballweisheit zugeschrieben: „Wenn du gewinnst, kannst du sagen, ,Im Oasch ist’s finster‘, und alle werden dir zujubeln.“ Marcel Koller kennt dieses Gefühl. Als er im November 2011 als Teamchef antrat, grundelte die Mannschaft auf Platz 72 der FIFA-Weltrangliste herum, hatte gerade Karel Brückner und Dietmar Constantini hinter sich und auch sonst keinen großen Anlass zum Positivdenken. Vier Jahre später stand sie auf Platz zehn der Welt und hatte sich in begeisternder Manier für die EM-Endrunde 2016 qualifiziert: Von zehn Vorrunden-Spielen neun gewonnen, Schweden auswärts mit 4:1, Russland zwei Mal geschlagen, breite Brust aufgeblasen.

"So gut wie noch nie"

Österreich spielte auf einmal gar nicht mehr wie Österreich, sondern selbstbewusst, aktiv, erfolgreich. Und österreichische Fußballfans redeten nicht mehr wie österreichische Fußballfans, sondern nur noch gut über den eigenen Trainer. profil übertrieb in seinem Jahresrückblick 2015 nur um Haaresbreite, wenn es schrieb: „Wann immer man sich als Österreicher schlecht fühlt, muss man nur an ihn denken: Marcel Koller. Den Trainer der österreichischen Fußballnationalmannschaft lieben alle. Sollte er jemals Gegner gehabt haben (vereinzelt war davon die Rede), sind sie längst bekehrt und schämen sich nach Kräften. Koller hat nicht weniger als ein Wunder bewirkt. Unter seiner Leitung spielen heimische Kicker so gut wie noch nie.“

Leider spielten sie seither nie wieder so gut wie damals. In den 17 Spielen seit Anfang 2016 stehen vier Siege zu Buche, die gegen Albanien, Malta, Georgien und Moldawien errungen wurden. Insgesamt lautet die Teamchef-Bilanz des Marcel Koller: 52 Spiele, davon 23 gewonnen, 16 verloren und 13 unentschieden gespielt, im Schnitt 1,48 Tore pro Spiel erzielt und 1,08 bekommen. Klingt unspektakulär, war aber über weite Strecken durchaus fantastisch. In Hubert Patterers Koller-Bio „Die Kunst des Siegens“ schreibt der Dichter Gerhard Roth über den Schweizer: „Er ist das glaubwürdigste und charmanteste Alphatier, dem ich begegnet bin. (…) Ein Fabelwesen, das Flügel, Flossen und Beine hat und einen klaren Verstand.“

Sein Verstand wird Koller wohl nutzen und in Kürze für Klarheit, die eigene Zukunft betreffend, sorgen. Ablösespekulationen sind nämlich immer ein wenig entwürdigend: für jene, die spekulieren (also die Tageszeitungen, die in den vergangenen Tagen zum Beispiel von Matthias Sammer, Thomas Tuchel oder Peter Stöger fantasierten, aber natürlich vor allem von Andreas Herzog) – und für den Ablösekandidaten. Aber vor allem auch für den, der ihn ablöst (also eher nicht Sammer, Tuchel, Stöger, aber vielleicht ja wirklich Herzog).

Sagen wir, ganz einfach, so: Schön war’s. Schöner wird’s nicht.