Olympia: Das Lazarett von Sotschi

Olympia: Das Lazarett von Sotschi

Knorpelschäden, Bänderrisse, Schädeltraumata: Das olympische Dorf wird zum Sammelpunkt dicker Krankenakten. Warum Spitzensportler häufig an der Grenze zur Invalidität entlangschrammen und wie die moderne Medizin diese Grenze immer weiter verschiebt.

Thomas Morgenstern war etwas blass um die Nase. Er wirkte noch eine Spur zerbrechlicher als gewöhnlich. Am 23. Jänner saß der Skispringer in einem Besprechungsraum der Klagenfurter Privatklinik Maria Hilf und gab Auskunft über sein Befinden. „Mir geht es den Umständen entsprechend eigentlich ex-trem gut“, erklärte Morgenstern den Journalisten. Er freue sich über die täglichen kleinen Fortschritte und sei auch bereits wieder ins Training eingestiegen. „Es ist beeindruckend, wie schnell sich mein Körper erholt hat.“

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Keine zwei Wochen vorher war Morgenstern beim Skifliegen am Kulm schwer gestürzt und mit voller Wucht auf Hinterkopf und Rücken geprallt. Diagnostiziert wurden ein Schädel-Hirn-Trauma und eine Lungenquetschung. Der behandelnde Arzt sprach von einem „kritischen Zustand“. Doch wenn der österreichische Olympiatross dieser Tage nach Sotschi aufbricht, ist Morgenstern dabei. Zwischen der Intensivstation mit 24-Stunden-Überwachung und dem ersten Sprung auf der Olympiaschanze wird knapp ein Monat vergangen sein.

Hannes Reichelt dagegen muss die Spiele abhaken. Der ÖSV-Abfahrer gewann am 25. Jänner als erster Österreicher seit acht Jahren das Hahnenkammrennen, obwohl er wegen heftiger Rückenschmerzen am Morgen nicht sicher gewesen war, ob er überhaupt starten sollte. Tags darauf absolvierte er noch brav den Super-G. Doch dann half es auch nicht mehr, die Zähne zusammenzubeißen. Bei einer Magnetresonanzuntersuchung wurde ein „Massenvorfall im Bereich des Lendenwirbels 11/5/1“ festgestellt. Diese extreme Variante eines Bandscheibenvorfalls hatte bei Reichelt bereits zu Lähmungserscheinungen in den Beinen geführt. Er musste sofort operiert werden. Welcher Albtraum die Tage davor gewesen sein müssen, kann sich jeder ausmalen, der schon einmal ordentlich Kreuzweh hatte – damit aber nicht in tiefer Hocke und mit bis zu 140 Stundenkilometern über die Kitzbüheler Streif donnern musste. Die Operation verlief erfolgreich, Reichelt geht es wieder besser. Allerdings sei der Patient nun „psychisch angeschlagen“, erklärte sein Arzt: „Er war in einer sensationellen Form, und dann platzt fünf Minuten vor Olympia der große Traum.“

Topfitte Sportskanonen
Schneller, höher, stärker: Das Motto der Olympischen Spiele suggeriert das Bild von gesunden, kraftstrotzenden, topfitten Sportskanonen, die auf dem Höhepunkt ihrer Leistungskraft gegeneinander antreten. Doch die Realität sieht häufig anders aus: Von den fast 3000 Athleten, die nach Sotschi reisen, geht wohl nur eine Minderheit als in jeder Hinsicht pumperlgesund durch. Besonders gefährlich leben die Skifahrer, eventuell noch übertroffen von Ski-Crossern und Freestylern. Den meisten tut irgendetwas weh, fast jeder hat schon mindestens eine schwere Verletzung hinter sich. Doch weil olympische Medaillen jeden anderen Erfolg überstrahlen, tun Athleten beinahe alles, um nicht ausgerechnet in diesen zwei Wochen auszufallen.
Die US-Skirennläuferin Lindsey Vonn ist dafür ein gutes Beispiel. Nach einer Verletzung im Vorjahr kehrte sie im November wieder auf die Piste zurück – und stürzte erneut. Das Kreuzband war gerissen, die Operation sollte aber erst nach der Saison stattfinden, weil Vonn ihre Olympiateilnahme nicht gefährden wollte. Doch Skifahren ohne Kreuzband ist vergleichbar mit Autofahren ohne Lenkrad. Die Amerikanerin erklärte Anfang Jänner ihren Olympia-Verzicht.

Fix dabei sind dafür der Kroate Ivica Kostelic (er hatte bereits fünf Knieoperationen), Carlo Janka (chronische Rückenbeschwerden) und Elisabeth Görgl (drei Kreuzbandrisse). Ein krasser Fall ist der Schweizer Beat Feuz: Er hat elf Knieoperationen hinter sich. Nach einer Infektion im Vorjahr stand sogar eine Amputation im Raum. Doch Feuz will nach Sotschi.

Anwärter auf Invalidenrente
Jeder dieser potenziellen Olympiahelden hat eine Krankengeschichte vorzuweisen, die ihn – zumindest im österreichischen Pensionssystem – zum Anwärter auf eine Invalidenrente machen würde. Auch in anderen Sportarten sind die Damen und Herren nicht zimperlich, wenn es um Olympia geht. Der nordische Kombinierer Mario Stecher hat im Zuge der Sotschi-Vorbereitung seine neunte Knieoperation absolviert. Andererseits ist der Routinier aber auch schon seit 21 Jahren im Geschäft. Stecher: „Ich kenne den Schmerz.“ Teemu Selänne, 43, finnischer Eishockey-Superstar, tritt nach einem jüngst vollzogenen Vollkontakt mit gegnerischem Schlägermaterial seine sechsten Olympischen Spiele mit neuem Gesicht an. Selännes Mundpartie musste mit 40 Stichen genäht werden, eine Handvoll Zähne konnten die Ärzte leider nicht mehr retten. Der designierte Nationalheld der kommenden Spiele wiederum, der russische Parade-Eiskunstläufer Jewgeni Pluschenko, konnte die Eröffnung der Eiskunstlauf-Arena von Sotschi im Vorjahr nur vom Krankenhausbett aus mitverfolgen. Bevor er seinen Vierfach-Toeloop perfektionieren konnte, musste er nach einer komplizierten Bandscheiben-OP erst einmal wieder gehen lernen. Wie es sich anfühlt, jahrelang auf höchstem Niveau zu sporteln, erklärt der 31-Jährige so: „Ich bin schon zehnmal operiert worden. Mein Körper fühlt sich an wie mit 85.“

Fortschritte der Medizin
Spitzensport kann auf die Dauer der Gesundheit schaden, das ist bekannt. Die aktuell besonders hohe Zahl an Versehrten liegt, so paradox es klingen mag, aber auch an den Fortschritten der Medizin. Manche Blessur, die vor 20 Jahren noch das Karriereende bedeutete, lässt sich heute zumindest teilweise kurieren. Knorpelverletzungen beispielsweise galten lange als nicht therapierbar. „Ein Knorpel wird nicht durchblutet und ist daher nicht zur Selbstheilung fähig“, erklärt Christian Gäbler, Facharzt für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie in Wien. „Aber wenn wir einen beschädigten Knorpel und den anliegenden Knochen anbohren, sprießen vom Knochen her Blutgefäße aus, die auch den Knorpel mit undifferenzierten Stammzellen versorgen und dadurch das beschädigte Gewebe reparieren.“ Klingt nach Frankenstein, funktioniert aber.

Verkürzung der Rekonvaleszenz
Manche Verletzungen und Verschleißerscheinungen, zu deren Behebung früher große Operationen nötig waren, lassen sich heute minimalinvasiv beheben. Das verkürzt die Rekonvaleszenz; der Sportler kann früher wieder mit dem Training beginnen. Wer es übertreibt, hat davon allerdings nicht lange etwas. „Viele Athleten sind schon nach ein paar Monaten zurückgekommen. Heute wissen wir, dass etwa ein Kreuzband neun Monate braucht, um zu verheilen“, sagt Erich Altenburger, Unfallchirurg und Rennarzt für den ÖSV.

Wunder wirken kann die Medizin aber nach wie vor nicht. Ein gebrochener Knochen braucht zur Heilung noch genauso lange wie zu Zeiten der Neandertaler. So gesehen war klar, dass die chinesische Vierfacholympiasiegerin im Shorttrack, Wang Meng, in Sotschi nicht dabei sein würde. Die 28-Jährige hatte sich am 16. Jänner im Training einen Knöchelbruch zugezogen. Offiziell abgesagt wurde ihre Teilnahme an den Spielen aber erst zehn Tage später. Man weiß ja nie.

Nachwuchshoffnung
Der medizinische Fortschritt ermöglicht es vielen Sportlern, ihre Karrieren bis weit über den 30. Geburtstag hinaus zu verlängern. Umso dicker werden dadurch aber die Krankenakten. Als Toni Sailer einst seine aktive Laufbahn beendete, war er süße 22. In diesem Alter gelten Skifahrer heute als Nachwuchshoffnung. Benni Raich, Fahnenträger der österreichischen Olympia-Delegation, wird demnächst 36. Wenn er sich bückt, spürt er jedes dieser 14 Jahre Altersunterschied im Kreuz. Seine Lebensgefährtin Marlies Schild hatte mit 20 zwar schon ihre fünfte Knieoperation hinter sich, gewinnt aber auch als 32-Jährige immer noch Weltcup-Slaloms in Serie. Ein Trümmerbruch im linken Unterschenkel anno 2008 hat – zumindest in der Erfolgsbilanz – genauso wenig Spuren hinterlassen wie ein Innenbandriss im Dezember 2012.

„Man spürt das nicht so”
Sieg geht im Spitzensport vor Schmerz. Die Ex-Rennläuferin Maria Holaus hat dazu jede Menge Expertise: „Man spürt das nicht so, wenn einem etwas weh tut. Oder man achtet nicht drauf. Man kann ja dank Physiotherapie und Training auch nach schweren Verletzungen schnell wieder relativ viel machen. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass eine Verletzung die nächste mit sich bringt.“ Im Lauf ihrer zehnjährigen Karriere als ÖSV-Läuferin hat sich die Speed-Spezialistin dreimal das Kreuzband gerissen, alle möglichen Knochen gebrochen und ungefähr viereinhalb komplette Rennsaisonen verletzungsbedingt auslassen müssen. Nach einem Knöchelbruch im Jänner 2010 verabschiedete sich Holaus endgültig vom Spitzensport, heute arbeitet sie als Hebamme in Salzburg und bereut „überhaupt nichts“ – auch wenn sich der heute 30-Jährigen in der Rückschau doch einiges anders darstellt: „Solange du Spitzensport betreibst, gibt es nichts Wichtigeres. Nicht Rennen zu fahren kommt dir vor wie das Allerschlimmste auf Erden.“

Was ist mir eine Olympiamedaille wert?
Als Sportmediziner hat Christian Gäbler auch Einblick in die Psyche seiner Patienten und kennt diese Perspektive: „Ich kann ihnen erklären, was gesundheitlich gerade noch machbar ist und wo gravierende Folgeschäden eintreten können. Aber es bleibt eine Entscheidung, die der Sportler trifft: Was ist mir eine Olympiamedaille wert? Es gibt Studien über Spitzensportler, in denen 90 Prozent eine kürzere Lebenserwartung in Kauf nehmen würden, wenn sie dafür nur einmal bei Olympia gewinnen könnten. Das zeigt, wie sehr dieses Ziel alles andere überwiegt. Wenn jemand mit 45 ein künstliches Kniegelenk, aber eben auch eine Olympiamedaille hat, muss er nicht unglücklich sein.“

Zumal sich ganz oben in der Hierarchie auch gutes Geld verdienen lässt. Der Blick aufs Bankkonto gehört zu jenen Motivationshilfen, über die Sportler weniger gerne reden. Doch manch eine Spontanheilung dürfte hauptsächlich den Werbepartnern geschuldet sein. „Sponsorverträge enthalten einen Fixbetrag und eine variable, also leistungsabhängige Komponente“, sagt Philipp Radel vom Sportmanagement-Unternehmen Weirather, Wenzel & Partner (WWP): „Fällt ein Athlet lange aus, verdient er deutlich weniger.“ Letztlich erklärt das Geld auch, warum so viele alternde Helden immer noch eine Saison dranhängen, obwohl ihre Gelenke knirschen wie hundertjähriges Parkett. Solange sie halbwegs mithalten können, ist es ein Geschäft.

Vermeidungshaltung
Bleibt die Frage, wie die Psyche mit all dem klarkommt. Jeder Hobbysportler weiß, dass ein böser Sturz oder eine schwere Verletzung einem den Mut und jegliche Sicherheit rauben kann. Im Spitzensport kommt man als Angsthase nicht weit. Der Salzburger Mentalcoach Thomas Wörz zählt viele Topathleten – unter anderem des ÖSV – zu seinen Kunden. Er soll die Gestrauchelten psychisch wieder fit machen. Wörz plädiert nicht für Verdrängung, im Gegenteil: Der Mensch neige bei einem Problem zu Vermeidungshaltung, sagt er. „Man ist mental schon im Danach und denkt sich, das wird schon gut gehen. Aber genau in dieser Konstellation passieren dann Fehler. Man muss im Hier und Jetzt bleiben und die Situation aktiv durchspielen.“ Ein gestürzter Skifahrer etwa solle sich den verhängnisvollen Lauf noch einmal bis ins Detail vorstellen, nach Möglichkeit ganz plastisch und mit allen Störfaktoren wie etwa Seitenwind und schlechter Sicht – aber ohne Sturz. „Manchen hilft es auch, die Fahrt mit einer interessanten Vorstellung zu verknüpfen“, sagt Wörz und liefert gleich ein Beispiel: „Ich kann mir die Piste als verrücktes Pferd vorstellen, das ich zähmen werde.“

Thomas Morgenstern hat sich seinen Horrorsturz angesehen, aber nur ein Mal, wie er sagte. Er muss jetzt hoffen, dass diese Bilder nicht wiederkommen, wenn er das nächste Mal oben im Anlauf steht.