Sotschi: Nach dem PR-Desaster nun doch ein wenig Sport

Olympia - Sotschi: Nach dem PR-Desaster nun doch ein wenig Sport

Olympia-Tagebuch: Lange wurde nur gejammert und geschimpft, jetzt wird in Sotschi endlich auch Sport getrieben. Rosemarie Schwaiger über das russische PR-Desaster und die Erkenntnisse der ersten paar Olympiatage.

In den Bergen hinter Sotschi liegt Schnee. Ziemlich viel Schnee. Zum Teil sogar natürlicher, aus eigenem Antrieb und kostenlos vom Himmel gefallener Schnee. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen.

Eigentlich galt als ausgemacht, dass sich Sotschi für ein Wintersport-Event nicht eigne. Es handle sich um einen der wärmsten Flecken Russlands, hatten fast alle befragten Experten im Vorfeld erklärt. Um einen Badeort! Mit subtropischem Klima! Vor lauter Eifer wurde leider übersehen, dass die Berge in der Gegend bis zu 3000 Meter hoch sind. Nicht einmal Wladimir Putin könnte verhindern, dass es dort oben gelegentlich schneit. Als feststand, dass Olympia an der Schneelage nicht scheitern würde, entwickelte sich Mitte vergangener Woche eine neue Verdachtslage: Das anhaltend schöne Wetter könnte, so wurde gemutmaßt, von der russischen Luftwaffe mittels Chemikalieneinsatz sozusagen herbeigebombt worden sein. Waleri Lukjanow, Chefmeteorologe der Veranstaltung, dementierte das. „Mehrere Versuche etwa in den Alpen haben gezeigt, dass es unmöglich ist, das Wetter in den Bergen zu ändern.“

Das wäre also geklärt.

Vor allem die russischen Veranstalter werden heilfroh sein, dass die XXII. Olympischen Winterspiele nun endlich begonnen haben. Die üppige Vorberichterstattung verursachte bereits ein PR-Desaster, das wie alles andere in Sotschi rekordverdächtig ausfiel. Falls es noch immer Potentaten gibt, die glauben, mit einer großen Sportveranstaltung lasse sich das eigene Image aufpolieren, ist den Herrschaften nicht zu helfen. Wladimir Putin bekam für insgesamt 50 Milliarden Dollar Kapitaleinsatz bisher in erster Linie weltweite Berichte über seine diktatorischen Anwandlungen, die Menschenrechtsverletzungen in Russland, juristische Winkelzüge gegen Schwule und Lesben, die ökologischen Todsünden beim Bau der olympischen Wettkampfstätten sowie die massenhafte Enteignung sympathischer und völlig wehrloser Kleinhäusler.

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Damit nicht genug, hapert es dem Vernehmen nach auch bei den Details. Vorzeitig angereiste Kamerateams nutzten ihre Freizeit, um praktisch jedes heimatlose Stück Dachpappe in der Stadt zu filmen. Sotschi sei noch immer eine einzige Baustelle, wurde beklagt. Wirklich gar nichts funktioniere hier. Zur Bestätigung fanden sich zahlreiche Journalisten, die über kaltes Wasser in der Hoteldusche, unfreundliches Gondelpersonal, Bauschutt vor der Tür und ähnliche Katastrophen twitterten. Wahrscheinlich schmeckt auch der Caffè Latte nicht so gut wie daheim. Der russische Winter gilt ja nicht zu Unrecht als entbehrungsreich.

Den Herren vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) begann das Gejammer bereits auf die Nerven zu gehen. „Irgendwann können wir Olympische Spiele nur noch im Paradies veranstalten“, murrte IOC-Präsident Thomas Bach.

Es würde schon helfen, künftigen Austragungsorten den einen oder anderen Rekordversuch auszureden. Das Olympische Feuer, nur zum Beispiel, wurde dieses Mal 65.000 Kilometer durch die Landschaft geschleppt und machte unter anderem im Weltall, am Nordpol und im Baikalsee Station. Ganz ohne Schummelei ließ sich dieses Programm nicht durchziehen. Die angebliche Live-Übertragung vom Fackellauf auf den Elbrus am 1. Februar entpuppte sich bald darauf als Aufzeichnung. In Wirklichkeit hatte die Bergtour schon im Oktober stattgefunden – witterungsbedingt, wie die Organisatoren kleinlaut zugeben mussten. Unterwegs war die Fackel mehrfach erloschen, hatte einen Bobfahrer in Brand gesetzt, ein junges Mädchen an der Hand verletzt und einem Träger den Tod beschert; der arme Mann erlitt einen Herzinfarkt.
Das Thema Fackellauf scheint damit ausgereizt – es sei denn, die südkoreanische Stadt Pyeongchang, als Nächstes dran mit Winterspielen, findet eine Möglichkeit, das olympische Feuer im Marianengraben zu versenken.

Weil das IOC immer mehr Sportarten für olympiawürdig erklärt, geht sich das Spektakel mittlerweile in den zwei offiziellen Veranstaltungswochen nicht mehr ganz aus. Am Donnerstag gab es deshalb eine Art Soft-Opening für Freestyler, Snowboarder und Eiskunstläufer. Für Österreich lief der Auftakt teilweise enttäuschend (im Slopestyle patzten die Männer), teilweise erfreulich (die junge Kärntnerin Anna Gasser patzte nicht) und teilweise gar nicht (am Eiskunstlauf-Teambewerb und am Buckelpistenfahren nimmt Österreich nicht teil).

Für erste olympische Erkenntnisse reichten die Veranstaltungen bereits:

- Das Regelwerk des Eiskunstlauf-Teambewerbs, heuer erstmals im Programm, ist so kompliziert, dass nicht einmal die Kommentatorinnen des ORF ganz genau wissen, wer wann mit welchen Sprüngen und Pirouetten antreten muss und wie viele Punkte es dafür gibt. Vielleicht war das auch der Grund, warum der für 12.000 Besucher gebaute Iceberg-
Palast am Donnerstag halbleer blieb.

- Dass Frauen und Männer im Slopestyle auf derselben Anlage fahren, ist aus feministischer Sicht keine begrüßenswerte Idee. Im direkten Vergleich mit den Herren wirken die Damen leider sehr verschreckt.
Schon seit Mitte vergangener Woche ist auch geklärt, warum die an sich spektakulären Freestyle-Bewerbe beim heimischen Publikum keine große Akzeptanz finden. Es dürfte am Vokabular liegen; die Szene verständigt sich mittels Geheimsprache. Auf die simple Frage eines Agentur-Journalisten, wie es den beiden Österreichern im Training denn so ergangen sei, antwortete Freestyle-Trainer Martin Misof wie folgt: „Luca ist super happy, er hat auch schon Doubles gemacht. Er nimmt das locker, ist happy, dass die Kicker so groß sind, weil er ja auch Triples zeigen will. Bei Philo sind wir es easy angegangen. Sie ist nur den ersten Kicker gesprungen, der zweite war vom Shape her noch nicht ganz perfekt.“
Man mag sich gar nicht vorstellen, was herauskommt, wenn Coach Misof eine kompliziertere Frage gestellt bekommt.

Fast egal, was in Sotschi noch alles passieren wird: Einen Drama-Höhepunkt brachte die österreichische Delegation bereits vor der Anreise unter Dach und Fach. Beim ÖOC war am Montag vergangener Woche ein Drohbrief gegen zwei heimische Sportlerinnen eingegangen. Die beiden würden in Sotschi Opfer einer Entführung, stand darin. Am Dienstag kurz vor Mittag berichtete die „Kronen Zeitung“ auf ihrer Online-Seite exklusiv darüber und nannte auch die betroffenen Athletinnen: ÖSV-Salomläuferin Marlies Schild und die Skeleton-Pilotin Janine Flock. Danach dauerte es ganze vier Stunden, bis ein kluger Kopf herausfand, dass nicht Marlies Schild, sondern ihre Schwester Bernadette im Drohbrief genannt wurde. Unklar blieb bis dato, wie die Sache publik werden konnte, wer die zwei Schwestern verwechselt hat und ob es sich nicht deutlich erkennbar um den verunglückten Scherz eines Verrückten oder Betrunkenen handelte.
Sehr viel österreichischer kann eine potenzielle Straftat kaum ablaufen.
Immerhin half die Affäre dem ORF über die neuigkeitsarmen Tage des vorolympischen Countdowns. Fast jeder heimische Olympiateilnehmer musste über den Grad seiner Besorgnis Auskunft geben. Die Antworten reichten von „na ja“ über „eh okay“ bis „lächerlich“. Auch Sportminister Gerald Klug bekam seinen Auftritt. Derartige Drohbriefe seien rund um Großveranstaltungen immer wieder vorgekommen, erklärte er. „Mir war wichtig, dass alle notwendigen Maßnahmen eingeleitet wurden.“ Am Freitag machte sich bereits der Ö3-Comedian über die Causa Drohbrief lustig. Heimische Dramolette gelten damit üblicherweise als beendet.
Ausnahmsweise pannenfrei lief die Eröffnung der Winterspiele am Freitagabend. Anna Netrebko sang, ein niedliches blondes Mädchen flog durch die Luft, die meisten Computertricks und die Feuerwerke funktionierten wie geprobt. Obwohl zahlreiche Regierungschefs wegen Putins verbesserbarer Reputation zu Hause geblieben waren, traf sich auf der Ehrentribüne ausreichend internationale Prominenz. Wladimir Putin bekam einen separaten Auftrittsapplaus, die russische Hymne schallte durch das Stadion, und zum ersten Mal seit vielen Wochen musste der Präsident für ein paar Stunden keine Klagen hören.

Grund zum Ärgern hatte dafür der Privatsender ATV, der dem ORF die Übertragungsrechte der Eröffnungsfeier weggeschnappt hatte – und dann trotzdem Konkurrenz bekam. Im ORF lief zeitgleich eine launige Dokumentation über die heimischen Olympiahelden der Vergangenheit. Der wohl mit Absicht etwas irreführende Name der Sendung: Olympiastudio am Eröffnungstag.