„Only Lovers Left Alive”: Vampirfilm von Jim Jarmusch

„Only Lovers Left Alive”: Vampirfilm von Jim Jarmusch

Gralshüter des guten Geschmacks: Jim Jarmusch zeigt in „Only Lovers Left Alive” zwei erschöpfte Vampire am Ende der Zeit.

Die Attraktion der Müdigkeit ist das Privileg der Außenseiter und Bohemiens: Sie bilden das Zentrum der Arbeit des New Yorkers Jim Jarmusch, seit "Permanent Vacation“ schon, seinem Regiedebüt vor 33 Jahren. Inzwischen ist Jarmusch 60 und noch immer kein großer Erzähler. Denn er weiß, dass das Kino zu viel Höherem fähig ist als zu bloßem Fabulieren. Es ist kein Zufall, dass Jarmusch immer dann zu bester Form aufläuft, wenn seine Plots nebensächlich werden: Deshalb sind die Minimaldramen "Stranger than Paradise“ (1984), "Ghost Dog“ (1999) und "The Limits of Control“ (2009) so viel geheimnisvoller als Anekdotensammlungen wie "Down by Law“ (1986), "Night on Earth“ (1991) und "Broken Flowers“ (2005).

Erledigungsblockade
Jarmuschs Filme drehen sich liebevoll um Menschen mit Erledigungsblockade, um schlecht gelaunte Zuhälter, um Nachttaxifahrer, Zen-Auftragsmörder und trockene Romantiker. Seine Helden sind Repräsentanten einer aussterbenden Spezies, die Calum March "the naturally cool“ nennt: Vertreter einer ganz selbstverständlichen Coolness, Poseure ohne größere Anmaßung.

Atmosphärenmalerei
Jim Jarmuschs subkultureller Vampirfilm "Only Lovers Left Alive" (Österreich-Kinostart: 25. 12.) wildert nun wieder im Reich des Atmosphärenmalerei, hält sich erzählerisch vornehm zurück. Tilda Swinton und Tom Hiddleston stellen ein alabasterbleiches, jahrhundertealtes Ehepaar dar, das sich die Hipster-Attitüde eines retro-romantischen Undergroundrock-Paars gibt: Sie bewegen sich exklusiv bei Nacht durchs Leben, halten ihre Augen meist hinter Sonnenbrillen verborgen, betreiben dunkle Musikexperimente und lieben Vintage-Gitarren ebenso wie die gleichförmige Kreisbewegung des Vinyls auf dem Plattenteller. Wanda Jacksons seltsame Blues-Rock-Melange "Funnel of Love“, aufgenommen 1960 in Nashville, Tennessee, dringt aus den Rillen einer sich drehenden Single - so startet dieser Film: mit einer Hymne an die schwindelerregende Drehbewegung im Kopf, an den Absturz in den Schacht der Liebe.

Adam und Eve
Ein Musikbesessener ist Jarmusch jedenfalls; er war und ist Mitglied in diversen Bands (The Del-Byzanteens, Bad Rabbit, Sqürl), produziert Alben und arbeitet stets eng mit seinen Filmmusikern zusammen. Mit dem Avantgardekomponisten Jozef van Wissem, einem in Brooklyn lebenden Lautenisten, der den Soundtrack seines neuen Werks erstellt hat, spielt Jarmusch seit 2011 Platten ein. Sein Vampirduo hat er Adam und Eve genannt: Es sind die ersten, zugleich die letzten Menschen dieses Planeten, eine bedrohte Gattung, zerbrechlich und müde; Welt- und Bildungsbürger, die Franz Schubert einst ein Adagio überließen und Lord Byron von seinen übelsten Seiten kennenlernten.

Adam lebt in Detroit, Eve in Tanger. Er denkt an Selbstmord, lässt sich eine Kugel schnitzen, die er sich dann aber doch nicht in die Brust zu jagen wagt. Eve ahnt, wie schlecht es ihrem Mann geht, und reist zu ihm - was schwierig ist, wenn man nur nachts fliegen kann. Sie sind altmodische Liebende, verwenden antiquierte Floskeln und sind Gralshüter des guten Geschmacks, Antipoden jenes Zombie-Mobs, der auf Facebook und Reality-TV steht. Den "Twilight“-Filmen könnte Jarmusch schon deshalb ferner nicht sein.

Das Blut, das Adam und Eve zum Überleben benötigen, entnehmen sie nicht mehr direkt den durch Schadstoffe und andere Negativeinflüsse kontaminierten Menschen, die sie verächtlich "Zombies“ nennen, sondern lassen es sich in hochkonzentrierter Form aus den Labors liefern, trinken es aus Likorgläsern oder lecken es tiefgefroren als purpurne Leckerei vom Stiel. Aber die Unvernunft eines untoten Partygirls, Eves Schwester (Mia Wasikowska), und der ungeahnte Tod eines alten Vertrauten (als Shakespeare-Zeitgenosse: John Hurt) stürzen das nachtseitige Paar in eine Krise.

Sucht, Lethargie und Weltekel
"Only Lovers Left Alive“ ist, wie alle guten Vampirfilme, eine Arbeit über Sucht, Lethargie und Weltekel: Jarmusch überdehnt seine Dramaturgie bewusst, bringt die Dinge in extremer Zeitlupe immer wieder fast zum Stillstand, ohne dabei seinen ausgeprägten Sinn für lakonischen Witz, visuelle Arabesken und musikalische Stilsicherheit einzubüßen - auch wenn manche Scherze zwischendurch ein wenig flach ausfallen. Der schläfrige, fast somnambule Rhythmus ist hier gut motiviert: Die Vampire sind am Ende der Zeit angekommen, die Erschöpfung der späten westlichen Kultur ist das Basisthema dieses Films.

Aber die Ermatteten weiden sich an der sterbenden Kunst, an den Trance-Klängen der Drone-Gitarren, an Blues und Rockabilly, an den tausend Referenzen, Codes und In-Jokes, die ihnen Jarmusch überlässt. "Only Lovers Left Alive“ feiert den Zerfall, blendet Kadenz und Dekadenz ineinander. Die Welt geht unter, aber sie klingt noch sehr gut.