Retropolis: "Hugo Cabret", "War Horse"

Nie zuvor waren derart viele historische Filmstoffe in der Liste der Oscar-Nominierungen zu finden. Baut sich Hollywood gerade selbst zum Museum um? Es wäre keine schlechte Nachricht.

Geschichte wird gemacht. Im Kino sowieso, wo Mensch und Maschine seit je ineinandergeblendet werden, wo jede Bewegung in Lebendigkeit erstarrt ist und für die Ewigkeit erhalten wird. Neuerdings scheint sogar die Filmindustrie selbst zu erkennen, wie sehr ihr Medium dazu angetan ist, sich selbst und die Geschichte der Menschheit, deren Fortschritte sie seit 1895 akribisch verzeichnet, zu bewahren. Die Nominierungsliste für die diesjährige Oscar-Verleihung zeigt jedenfalls eine massive Verschiebung an: Sechs der neun Werke, die sich heuer in der Kategorie "Best Picture“ für den wichtigsten Filmpreis der Welt anbieten, sind period pieces, Ausstattungs- und Kostümfilme im weitesten Sinn also, Produktionen, deren Geschichten in die Zeit zwischen 1890 und 1965 zurückreichen. Vergangenes Jahr war da genau eine Arbeit zu finden, die in historischen Kulissen und Kostümen inszeniert war, der Western "True Grit“ nämlich, dem damals acht Gegenwarts- oder Science-Fiction-Stoffe gegenüberstanden.

In vier Wochen werden in Hollywood die Academy Awards wieder ausgegeben, die wie gewohnt in alle Welt gestrahlte Gala findet, nach mitteleuropäischer Zeit, in der Nacht von 26. auf 27. Februar statt. Dabei ragt ein Film schon jetzt heraus: Mit stolzen elf Nominierungen, darunter die wichtigsten (bester Film, beste Regie, beste Kamera) geht Martin Scorseses "Hugo Cabret“ (im Original schlicht "Hugo“ genannt) ins diesjährige Oscar-Rennen. Der Film führt die Liste an, dicht gefolgt allerdings von der zehnmal nominierten und ebenfalls fabelhaften französischen Stummfilm-Hommage "The Artist“ (profil berichtete). Die Nachrichten aus Retropolis enden damit keineswegs: Steven Spielberg zieht sich mit "War Horse“ in den Ersten Weltkrieg zurück, Woody Allen zelebriert seine persönliche Flucht aus der Gegenwart in "Midnight in Paris“ als Reise in die Literatenszene der zwanziger Jahre, dazu kommen in der diesjährigen Oscar-Bestenliste noch Terrence Malicks umstrittenes Fünfziger-Jahre-Experiment "The Tree of Life“ und das Sixties-Rassismusdrama "The Help“.

Martin Scorseses "Hugo Cabret“

Zurück in die siebziger Jahre, in die graue Welt des Kalten Kriegs, führt ein weiterer Film, der für immerhin drei Oscars nominiert wurde (nicht allerdings als bester Film) und diese Woche auch in Österreich anlaufen wird: Der britische Agententhriller "Dame, König, As, Spion“ - im Original: "Tinker, Tailor, Soldier, Spy“. John Le Carré heißt der Autor der Vorlage, der Roman selbst erschien bereits 1974. Der schwedische Regisseur Tomas Alfredson, der mit dem Schocker "So finster die Nacht“ vor drei Jahren Aufsehen erregte, absolviert damit seine Reifeprüfung: Mit bemerkenswerter Sicherheit navigiert Alfredson durch die komplizierten Handlungslinien der mörderischen Story - und erstaunlich elegant fasst er die bürokratischen und heiklen diplomatischen Strategien des britischen Geheimdienstes auf der Suche nach einem sowjetischen Doppelagenten in kluge Ellipsen und spannende Dramaturgiebögen. Es gilt als nicht unwahrscheinlich, dass Hauptdarsteller Gary Oldman, der Le Carrés Serienagenten George Smiley mit kalter, farbloser Perfektion darstellt, in der Oscar-Nacht Ende Februar sich gegen George Clooney, Jean Dujardin und Brad Pitt als bester Hauptdarsteller durchsetzen könnte. Es wäre auch ein Erfolg für jene Form des intellektuellen Spionagekinos, die auf maximale Distanz zu den visuellen Nichtigkeiten der Bond-Serie zu gehen wagt.

Man konnte, als Martin Scorseses Filmprojekt "Hugo Cabret“ erstmals annonciert wurde, die Meldung zunächst kaum glauben: Der Schöpfer von "Taxi Driver“ und "Shutter Island“ dreht einen Kinder-Fantasyfilm in 3D? Was war das? Scorsese in der Harry-Potter-Falle? Der Ausverkauf an eine Industrie, die sich im Sinne der Gewinnmaximierung am liebsten nur noch an die Zehn- bis 14-Jährigen wenden mag? Nun, da der Film vorliegt, darf man erleichtert feststellen: alles andere als das. "Hugo Cabret“ (Kinostart in Österreich: 10. Februar) ist sehr entschieden nicht der konventionelle Fantasy-Blockbuster geworden, den man befürchten konnte, sondern (nach "Mean Streets“ und "Italianamerican“) offenbar einer der persönlichsten Filme in der Karriere des New Yorker Regisseurs. Denn tiefer noch als in "New York, New York“ oder "The Aviator“ führt Scorsese beim Filmemachen nun die eigene Cinephilie ins Treffen. "Hugo Cabret“, die Verfilmung eines erst fünf Jahre alten Jugendbuchs von Brian Selznick, ist nicht bloß eine Kindergeschichte, sondern ein Stück angewandte Filmhistorie: In labyrinthischen Kamerafahrten und einer feinsinnigen, immens detaillierten Inszenierung, die um den Wert der Künstlichkeit weiß, erzählt Scorsese die Geschichte des französischen Kinopioniers Georges Méliès, hier gespielt von Ben Kingsley.

Der eigentliche Protagonist aber ist ein einsamer Zwölfjähriger (Asa Butterfield), der von seinem Vater das Talent zur Arbeit an Uhrwerken und anderen Mechaniken geerbt hat und 1931 auf einem imaginären Pariser Bahnhof - eine wahre Wunderkammer der kindlichen Fantasie - auf den verbitterten alten Méliès stößt, um sich Schritt für Schritt in ein Verhältnis zur Frühgeschichte der Kinomagie zu setzen. Vor allem in seiner zweiten Stunde erforscht "Hugo Cabret“ die Studioarbeit Méliès’ mit ungeahnter Präzision und regelrechter Bildergier. Wie Scorsese und sein ingeniöses Stammteam - die Cutterin Thelma Schoonmaker, Kameramann Robert Richardson und Ausstatter Dante Ferretti - diese Geschichte in die dritte Dimension versetzen, muss man gesehen haben, um es glauben zu können: Dies ist ein Film, der die Begriffe Raum (3D) und Zeit (mit den allgegenwärtigen Zifferblättern an den Bahnhofsuhren und allen daraus sich ergebenden Rückbezügen in die Stummfilmzeit), mithin die konstitutiven Elemente des Kinos, selbst verhandelt, ohne dabei auch nur ansatzweise akademisch zu wirken. Der verhaltene Slapstick des "Borat“-Darstellers Sacha Baron Cohen und charismatische Nebendarsteller wie Christopher Lee ergänzen das großzügige ästhetische Angebot noch, das einem dieser Film zu machen hat. Produziert wurde "Hugo Cabret“ übrigens von dem Schauspieler Johnny Depp, der mit seinem Freund Tim Burton vor bald 20 Jahren schon genug Kinoleidenschaft besaß, um die wahnwitzige Biografie des C-Picture-Regisseurs Ed Wood auf die Leinwand zu bringen.

Mit "Hugo Cabret“ und "The Artist“ treten nun jedenfalls gleich zwei hoch profilierte Hommagen an - ausgerechnet - die Ära des Stummfilms gegeneinander an. Woraus ergeben sich solche Koinzidenzen, woher kommen solche Konjunkturen? Eine Antwort mag darin liegen, dass 2012 der weltweite Siegeszug der digitalen Kinoprojektion so gut wie abgeschlossen ist. Mit analogem Filmmaterial wird allenfalls noch, aus medienphilosophischen Gründen, in Cinematheken hantiert (und in jenen Kinos, die sich die Umrüstung auf elektronische Vorführtechnik noch nicht leisten konnten). Wenn ein Regisseur wie Martin Scorsese seinen jüngsten Film nun als Hymne an die Mechanik anlegt und dabei noch einmal auch das alte Kino als mechanisch-fotografische Kunst definiert, so ist dies als Versuch zu lesen, ein Bewusstsein für die Ursprünge (und den Zauber) jenes Mediums zu erhalten, dessen weiterentwickelte digitale Form er selbst benutzt. "Hugo Cabret“ ist daher auch so etwas wie ein Paradoxon: ein immaterielles Kinokunstwerk über die konkrete materielle Basis der frühen Filmkunst.

So will Scorseses träumerisch arrangiertes, durchaus mit Understatement formalisiertes Spektakel nicht bloß ein kluger Unterhaltungsfilm sein: In dieser Arbeit ist auch ein erstaunlich vollständiges Kompendium der Manöver und Machinationen des frühen Kinos zu erkennen, eine Vermessung jener Risse, die zwischen Theater und Filmkunst verlaufen, jenes Sprungs, der vom Variété direkt ins technisch reproduzierbare Bewegungsbild führte. Man kann das pädagogisch nennen (dann hätte das Label "Kinderfilm“ noch mehr Sinn) oder aber eine multiperspektivische Lektion in Sachen Kinopassion. "Hugo Cabret“ ist tatsächlich eine bislang kaum bekannte Spezies - eine Kreuzung aus tiefenscharfem Lichtspiel und bewegtem Ausstellungsraum: ein Filmmuseum.