Red-Bull-Club RB Leipzig: Deutschlands meistgehasster Fußballclub

Red-Bull-Club RB Leipzig: Deutschlands meistgehasster Fußballclub

Seit dem Aufstieg des Red-Bull-Clubs RB Leipzig in die zweite Bundesliga tobt der Sportkulturkampf. Es geht um Tradition, Kapitalismus und die Frage, wie viel Planwirtschaft der Fußball verträgt. Ein Besuch beim meistgehassten Verein Deutschlands.

Der Name ist natürlich ein Witz: RasenBallsport Leipzig e.V., kurz RB Leipzig, sprich: Red Bull Leipzig. So viel Spaß musste leider sein, Fußballdeutschland funktioniert anders als Fußballösterreich, wo die Clubs ganz offen und ehrlich zum Beispiel RZ Pellets WAC, Cashpoint SCR Altach oder Red Bull Salzburg heißen dürfen. Sponsoren haben in deutschen Vereinsnamen nichts zu suchen. Und RundBalltreter war wohl einfach schon vergeben.

Gravierendes Imageproblem
Nun wird ein Witz natürlich nicht lustiger, wenn man ihn tausendmal erzählt, weshalb RasenBallsport-Mitarbeiter den Namen ihres Vereins kaum einmal im vollen Wortlaut aussprechen. Stattdessen sagen sie „RB“ (sprich: Erbe) oder, wenn es schnell gehen muss, „die Bullen“. Dagegen kann auch niemand etwas sagen, immerhin hat der deutsche Ligaverband die Paarhufer im Vereinslogo sogar akzeptiert, mit nur ein paar unsichtbaren Veränderungen gegenüber dem Getränkelogo. Was völlig egal ist, weil auch so natürlich jeder weiß, was hier gespielt wird. Nach Salzburg ist Leipzig der zweite europäische Standort von Dietrich Mateschitz’ Bemühungen, seinem sportmedialen Komplex einen Zusatzkick zu verleihen – und gleichzeitig sein erstes gravierendes Imageproblem.

Rituelle Bullenschmähung
Fußballdeutschland als solches war dem Unternehmen nämlich deutlich weniger wohlgesonnen als die Ligakommissare. Seit dem Aufstieg des mit Ösi-Millionen gedopten Ossiclubs (so eine durchaus gängige Sichtweise) stehen Fankurven und Sportjournalisten Kopf. Vereine verweigern Freundschaftsspiele, Medien orten Wettbewerbsverzerrung, Fanclubs überbieten einander in ritueller Bullenschmähung, zum Teil sogar, wenn gar kein Rasenballspieler in Rufweite ist, wie etwa beim Bundesligaauftakt Werder gegen Hertha Ende August, bei dem RB eines der lautstärksten Pfeifkonzerte seit Menschengedenken gewidmet wurde.

„RB Leipzig ist zum Hassobjekt geworden“, stellte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ fest, das meinungsführende Fußballkultur-Magazin „11 Freunde“ widmete sich in einer Titelgeschichte dem „großen Red Bull Bluff“, und VfL-Bochum-Trainer Peter Neururer formulierte ein momentan weit verbreitetes Gefühl folgendermaßen: „Was Mateschitz und Rangnick da machen, machen sie sehr gut. Nur was gemacht wird, finde ich zum Kotzen.“

Aber was genau machen der Geldgeber und sein Sportdirektor denn da? Und wer bestimmt eigentlich darüber, was im Fußball noch politisch korrekt ist und was zum Kotzen? Ist es nicht schizophren, in einer Milliardenbranche wie der deutschen Bundesliga Kapitalismuskritik anzustimmen? Oder haben doch jene recht, die eine tief in Vereinsgeschichten und -traditionen verwurzelte Fankultur als konstituierendes Element dieser Sportart sehen?

Der Wiener Kultursoziologe und Fußballfachmann Roman Horak umreißt die Koordinaten, in denen die RB-Debatte tobt: „Fußball hat als Sportart eine sehr lange Geschichte und lebt von seiner Struktur her von einem eigenartigen Widerspruch. Formal ist das Spiel sehr wenig geregelt, die Übersicht der Schiedsrichter ist beschränkt, man kann immer noch betrügen und schwindeln. Die Anziehungskraft der Sportart beruht zu einem erheblichen Teil auf diesem chaotischen, fast atavistisch-vormodernen Zug. Andererseits wird das Spiel seit Jahrzehnten in hohem Maß kommerzialisiert. Es besteht also ein Widerspruch zwischen der Struktur des Spiels und seiner ökonomischen Verortung. Das ist nicht nur in Leipzig oder Salzburg so. Die Differenz liegt aber doch im Mateschitz-Konzept, die Vereine völlig umzukrempeln. Sie bekommen einen neuen Namen, werden ganz neu aufgestellt. Roman Abramowitsch lässt Chelsea die Vereinsfarben, und der Verein heißt auch immer noch Chelsea FC. Dagegen ist die Mateschitz-Version viel brutaler, fast schon avantgardistisch.“

RB-Funktionäre betonen in diesem Zusammenhang gern, dass man Traditionen eben auch einmal begründen muss: In 400 Jahren, so die gängige Sprachregelung, werde es kein großes Thema mehr sein, dass der FC Bayern München 500 Jahre alt ist und der RB Leipzig erst 400.

Bis dahin gilt: Es hat viele Vorteile, Fußballlehrer im Dienste eines Milliardenunternehmens zu sein, aber eben auch einen gravierenden Nachteil: Man muss sich für alles rechtfertigen, was man macht, auch wenn man es noch so professionell macht – beziehungsweise: genau deshalb.

Frieder Schrof steht auf einer Baustelle am Leipziger Cottaweg, für kolportierte 30 Millionen Euro wird hier auf sechs Hektar die neue Fußballakademie des RB Leipzig errichtet, eine der modernsten ihrer Art in Deutschland. Hinter Baukränen ist das alte Leipziger Zentralstadion – heute: Red Bull Arena – zu sehen, die U16 stoppelt über den Kies vor den provisorischen Mannschaftskabinen. Brav machen die Spieler ihrem Trainer die Aufwartung, schütteln Hände, sagen „Guten Tag“, stoppeln weiter.

Schrof ist eine Respektsperson, seit Jahrzehnten im Geschäft, eine Legende unter Deutschlands Fußballlehrern, er hat Mario Gomez und Sami Khedira das Fußballspielen beigebracht. Seit zwei Jahren leitet er die Nachwuchsunternehmungen des RB Leipzig. Schrof, ein Sir im Sportanzug, hörbarer Schwabe, Ende 50, mit Lachfalten um die Augen, wählt seine Worte mit Bedacht und verleiht ihnen Gewicht, Typ: Pauker mit Prinzipien.

„Wir legen hier großen Wert darauf, den Jungs auch soziale Kompetenzen mitzugeben.“ Zum Beispiel: Höflichkeit, Pünktlichkeit und Verzicht auf allzu offensichtliche Tätowierungen. Die sportlichen Vorgaben lauten: Laufbereitschaft, Pressing, schnelles Umschalten, sprich: moderner Fußball, wie ihn Ralf Rangnick seit seinem Antritt als Sportdirektor vor zweieinhalb Jahren konzernübergreifend spielen lässt. Das, immerhin, ist nichts, wofür sich Schrof rechtfertigen müsste. Für alles andere schon, insbesondere dafür, junge Talente aus dem ganzen Bundesgebiet nach Leipzig zu holen. Da kann er noch so oft betonen, dass seine Burschen durch das fußballpädagogische Angebot zum Umzug bewegt werden und nicht durch üppige Förderverträge. Alles egal: Geld stinkt vielleicht nicht, aber wer es riecht, wittert schnell was Faules.

In der Geschäftsstelle von RB Leipzig wissen sie das natürlich auch und begegnen den Ressementiments mit offensiver Offenherzigkeit. In dem nach allen Regeln des PR-Agenturdesigns gestalteten Großbüro in bester innerstädtischer Lage sind Fröhlichkeit und Schmäh erste Mitarbeiterpflichten. Altersdurchschnitt: deutlich unter 40, Umgangsformen: definitiv casual, Kernaussage: Red Bull ist gar nicht so böse, sondern im Gegenteil. Hinter den Kulissen – nur ein paar gerahmte Trikots erinnern daran, dass man sich in einem Fußballvereinsheim befindet – wird freilich hochprofessionell gearbeitet. Hier, am Leipziger Neumarkt, wurde nicht nur der Kompromiss mit der Deutschen Fußball Liga DFL gestrickt, der den RB Leipzig trotz offenkundigen Konzern-Einflusses (in Fußballdeutschland eigentlich statuarisch ausgeschlossen) zur Zweitligateilnahme berechtigte. Hier werden auch jene Marketingaktionen ausgeheckt, mit denen der Club sein lokales Standing zementieren möchte: gemeinnützige Tombolas, Antirassismusworkshops, Jugendarbeit – alles, nur kein Charity-Geldregen. Man will ja nicht provozieren.

Von RB ist im Leipziger Stadtbild denn auch an Spieltagen nicht besonders viel zu bemerken. Stattdessen gewöhnlicher Innenstadtbetrieb, beschauliches Shoppen und Schlendern, zum Beispiel am alten Rathaus vorbei zum berühmten Barfußgäßchen, wo die Gastgärten der Kneipen auch noch Ende Oktober bestens gefüllt sind. Der Vereinslegende nach saß Dietrich Mateschitz genau hier, als die Entscheidung fiel, es mit dem Fußball in Leipzig zu versuchen. Vielleicht haben dem Red-Bull-Boss die eleganten Gründerzeit-Passagen der Innenstadt ja die Idee vom Durchmarsch illustriert, den es hier zu bewerkstelligen galt; ziemlich sicher hat aber auch eine betriebswirtschaftliche Standortanalyse zur Entscheidungsfindung beigetragen: Leipzig, Einzugsgebiet für gut zwei Millionen Menschen, Messe- und Universitätsstadt, Boomtown (szenekundige Party- und Kulturtouristen sprechen schon vom neuen Berlin). Außerdem verfügt die sächsische Metropole über eine nicht zu unterschätzende Fußballtradition: Der Deutsche Fußball Bund DFB wurde anno 1900 in einer örtlichen Gastwirtschaft gegründet, der VfB Leipzig (später: Lokomotive Leipzig) war 1903 allererster Deutscher Meister, der BSG Chemie Leipzig (später: FC Sachsen Leipzig) 60 Jahre danach DDR-Champion. Beide städtischen Traditionsvereine haben außerdem eine beispielhafte Verfallsgeschichte hinter sich und sind heute sportliche wie ökonomische Sanierungsfälle. Seit vielen Jahren konnten Leipziger Fußballfans von halbwegs hochklassigem Fußball nur träumen. Der Traum wurde inzwischen wahr – und die ehemalige Sporthauptstadt des deutschen Realsozialismus zum Schauplatz für das vielleicht radikalste Experiment im modernen Fußballkapitalismus.

Wie eng Geschichte und Gegenwart im Fußball bisweilen ineinandergreifen, lässt sich am westlichen Rand der Leipziger Innenstadt sehr anschaulich erleben. Wer in die Red Bull Arena möchte, muss zunächst die mit Gras und Büschen überwucherten Ränge des alten Leipziger Zentralstadions passieren. Das neue Stadion wurde kurzerhand in das Rund des alten gepflanzt. Aber dafür kann Red Bull ausnahmsweise wirklich nichts, die Spielstätte wurde Jahre vor der Gründung des RB für die deutsche Heim-WM 2006 errichtet. Zur Eröffnung anno 1956 war das Leipziger Zentralstadion mit rund 100.000 Plätzen das größte im Land, heute fasst die Arena knapp 44.000, was für einen Zweitligisten immer noch ganz stattlich ist.

Im Stadion selbst wird dem Leipziger Fußballgast übrigens gar nicht groß auf die Nase gebunden, wer hier die Flutlichtrechnungen zahlt. Kein Logo-Overkill, nur vereinzelte Energiebrause-Werbebanner, ansonsten heißt RB hier wirklich nur RB. In den VIP-Bereichen im fünften Rang und den Super-VIP-Bereichen eine Etage höher verhält es sich etwas anders, hier steigt die Dosendichte doch deutlich. Aber es gibt immerhin auch Weißwein zum Thunfischcarpaccio und Kaffee zum Munterbleiben.

In einer der acht edel vertäfelten Skyboxen empfängt Ralf Rangnick, er trägt dunklen Anzug, weißes Hemd, große Uhr und keine Sportschuhe. Der frühere Schalke- und Hoffenheim-Trainer ist heute ganz offensichtlich kein Übungsleiter mehr. Als Sportdirektor lenkt er seit Juni 2012 die Fußball-Bemühungen von Red Bull in Salzburg und Leipzig und hat hier wie da sein Konzept umgesetzt: modernen Tempofußball ohne alternde Stars, aber mit ganz neuen Rahmenbedingungen.

Salzburg als Ausbildungs- und Fördervereins
Red Bull Salzburg kommt in Rangnicks Masterplan, wenig überraschend, eine klare Statistenrolle zu, nämlich die eines Ausbildungs- und Fördervereins: „Deutschland ist im Fußball nun einmal eine ganz andere Dimension. Wir haben hier in der zweiten Bundesliga wesentlich mehr Zuschauer als in der ersten österreichischen Bundesliga. Wir wären blöd, wenn wir den Salzburger Spielern keine Perspektive in Deutschland anbieten würden. Anders werden wir sie auch kaum halten können. Wie soll ich einem Kevin Kampl erklären, dass er noch zwei Saisonen in Österreich anhängen soll? Das ginge wohl nur mit bedeutenden monetären Argumenten. Und das ist genau das, was wir nicht wollen. Einige Spieler, die jetzt noch in Salzburg spielen, werden im nächsten Sommer nicht mehr dort sein, sollten sie sich als klare Verstärkung für Leipzig erweisen.“

Romantik ist eindeutig keine Kategorie im modernen Fußball-Management. Während Rangnick seine Strategie erläutert, spielt der Stadion-DJ thematisch irritierend ironische Musik, zum Beispiel den aktuellen Kraftklub-Hit „Unsere Fans“ (Refrain: „Unsere Fans haben sich verändert / Unsere Fans haben sich verkauft / Unsere Fans sind jetzt Mainstream“). Rangnick hat freilich kein Ohr für Ironie, er redet Tacheles. „Man ist in Deutschland immer noch nicht gewohnt, dass ein Geldgeber einen Verein nach seinen Vorstellungen führt. Ich halte aber nichts davon, immer nur von der guten alten Zeit zu schwärmen.“ Kein Wunder, der 56-Jährige kennt die Diskussion über Sponsorenmillionen im Fußball ziemlich genau, als Trainer der von SAP-Gründer Dietmar Hopp vom Dorfverein zur Bundesligatruppe hochgeputschten TSG Hoffenheim stand Rangnick schon einmal im Dauerfeuer der Fußballtraditionswächter. „Ich räume gern ein, dass wir hier über gewisse Privilegien verfügen, die andere nicht haben.

Aber auch hier waren wir von einem gemachten Nest anfangs meilenweit entfernt.“ Und dafür sehr nah an den eigenen Kritikern. Man muss Rangnick nicht um seine Erfahrungen in der vierten Liga beneiden, auf besseren Bolzplätzen, wo Betreuer und Spieler durchaus hautnah mit durchaus wortgewaltiger Redbullschmähung konfrontiert waren. Je kleiner das Stadion, desto näher die Fans. So etwas kann auch zum Aufstieg motivieren.

Die Fans in der Leipziger Arena sind an diesem Abend – RB spielt gegen den Lokalrivalen Erzgebirge Aue um den Einzug ins Achtelfinale des DFB-Pokals – übrigens total Mainstream: Es herrscht klassische Bundesligastimmung, wie sie auch in Hannover, Bochum oder Mainz gepflegt wird: Knapp 29.000 Zuschauer, Fahnen, Choreografie und Gesang im Fansektor, gemütliches Herumsitzen in den Familiengeraden, Wichtigtun im Businessbereich. Die Spieler beider Mannschaften liefern dazu beste Unterhaltung: RB-Eigentor in der 20., glücklicher Ausgleich in der 93. Minute, Verlängerung mit Lattenpendler und Elfmeter, Endstand: 3:1 für Leipzig. Mehr kann man von einem Fußballmatch eigentlich nicht erwarten.

So gesehen: Alles relativ normal hier. Auf Sächsisch klingt das wie: nochmal.