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Interview
11/18/2020

Reden wir über Schweizer Taschenmesser

Carl Elsener, 62, führt in vierter Generation den Schweizer Messer-Konzern Victorinox.

von Sebastian Hofer

Im Jahr 1884 gründete sein Urgroßvater Karl Elsener in Ibach, Kanton Schwyz, eine Messerschmiede. Heute setzt das Unternehmen mit 2100 Mitarbeitern weltweit rund 450 Millionen Euro um, davon 35 Prozent mit Taschenmessern, 25 Prozent mit Haushaltsmessern, 15 Prozent mit Uhren und 22 Prozent mit Reisegepäck.


profil: Heißt das Schweizer Taschenmesser auch in der Schweiz Schweizer Taschenmesser?

Elsener: Der deutsche Begriff ist Schweizer Taschenmesser. Weltweit ist es vor allem als Swiss Army Knife bekannt.

profil: Stimmt es, dass die allererste Zusatzfunktion des Schweizer Taschenmessers ein Korkenzieher war?

Elsener: Das Soldatenmesser, das mein Urgroßvater ab 1890 für die Schweizer Armee produzierte, hatte nie einen Korkenzieher. Doch dann entwickelte mein Urgroßvater ein leichteres, eleganteres Taschenmesser mit zusätzlichen Funktionen. Eine dieser zusätzlichen Funktionen war der Korkenzieher. Er nannte dieses Messer "Schweizer Offiziersund Sportmesser".

profil: Ihr Erfolg beruht also darauf, dass der Mensch ein Genussmensch ist.

Elsener: Das kann man so sagen.

profil: Seit wann haben Schweizer Taschenmesser USB-Sticks?

Elsener: Das ist vor zehn Jahren ins Programm gekommen.

profil: Wie schnell reagieren Sie auf neue Bedürfnisse und Moden?

Elsener: Wir sind sehr offen für neue Trends. Als weltweit das Golfen anfing zu boomen, haben wir uns sofort überlegt, dass wir für die Golfspieler ein spezielles Taschenmesser kreieren könnten. Also sind unsere Techniker auf Golfplätze gegangen, haben geschaut, welche Werkzeuge Golfspieler benötigen, und haben dann ein entsprechendes Golftool entwickelt.

profil: Welche Funktionen hat dieses Tool?

Elsener: Es hat eine ausklappbare Gabel, mit der man Dellen im Green reparieren kann. Es hat einen Pin, mit dem man die Lage seines Balls auf dem Green markieren kann. Und wenn im Winter der Boden gefroren ist, gibt es ein Tool, mit dem man ein Loch vorbereiten kann für jenes Holzteil, das Tee, auf das man den Golfball platziert. Außerdem hat es natürlich noch eine Schere, eine kleine Nagelfeile und eine Klinge.

profil: Gibt es Funktionen, die sich nicht durchgesetzt haben?
Elsener: Nach dem Erfolg des USB-Sticks haben wir einen MP3-Player entwickelt, mussten aber einsehen, dass das Display einfach zu klein war und dass zunehmend die Handys diese Funktion übernommen haben. Wir haben die Produktion dann relativ schnell eingestellt.

profil: Kennen Sie jemanden, der den Fischentschupper auf seinem Taschenmesser tatsächlich verwendet?

Elsener: Ja, wir bekommen durchaus Rückmeldungen von Fischern: Der Hakenentferner sei sehr nützlich, und auch der Fischentschupper funktioniere wirklich sehr gut.

profil: Gibt es Funktionen, die sich historisch eigentlich überlebt haben, aber die trotzdem unantastbar sind?

Elsener: Es ist natürlich so, dass es heute nicht mehr so viele Dosen gibt, die man mit einem Dosenöffner öffnen müsste. Trotzdem ist der Dosenöffner ein ikonisches Feature, das irgendwie dazugehört. Der Dosenöffner hat aber zudem noch eine Spitze, die man für mittelgroße Schrauben benützen kann.

profil: Wohin geht für das Schweizer Taschenmesser die Gratwanderung zwischen Spezialist und Alleskönner?

Elsener: Das Kernprodukt ist der Alleskönner. In den letzten Jahren ging die Entwicklung aber in Richtung Spezialisierung: das Golf Tool, das Seglermesser, das Spezialtool für Reiter, für IT-Freaks, spezielle Taschenmesser für Jäger, Fischer und so weiter.


profil: Nehmen Sie alle neuen Entwicklungen persönlich ab?

Elsener: Wann immer ich Zeit habe, bin ich bei den Produktentwicklungsprozessen dabei. Das Taschenmesser ist nicht nur ein ikonisches Produkt, es ist auch sehr stark mit Emotionen verbunden. Für viele Menschen ist es ein Begleiter, den sie nicht mehr missen wollen. Wir bekommen laufend Zuschriften mit Geschichten und Erlebnissen, die unsere Kunden mit dem Taschenmesser verbinden. Der kanadische Astronaut Chris Hadfield zum Beispiel hat über 4000 Stunden im Weltraum verbracht und ein Buch darüber geschrieben. Darin beschreibt er, wie er mit einem Spaceshuttle an der Raumstation Mir andockte, aber die Luke nicht öffnen konnte. Dann ist ihm in den Sinn gekommen, dass er ein Schweizer Taschenmesser dabeihat-jeder Astronaut der Spaceshuttle-Missionen war damit offiziell ausgerüstet. Er schreibt: "So we did the true space-age thing. We broke into Mir using a Swiss Army Knife. Never leave the planet without one."Man kann es aber auch nutzen, um einen Apfel zu schneiden oder einen eingerissenen Fingernagel zu reparieren. Dann hat man einen Ärger weniger.

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