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WM-Tagebuch: Porca Miseria!

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WM-Tagebuch: Porca Miseria!

Schlechte Laune reicht nicht als ­Strategie, das wissen die Italiener jetzt auch. ­Rosemarie Schwaiger über die zweite WM-Woche in Brasilien, in der die Europäer gar nicht gut aussahen.

Allzu viele Details wurden nicht bekannt, aber mit etwas Fantasie kann man sich die Szenerie leicht ausmalen: Am Montag Nachmittag der Vorwoche sitzt Fernando Sanchez Arellano, 37, in einem Fastfood-Restaurant in Tijuana. Auf dem Tisch vor ihm steht ein großes Bier, seine Finger sind fettig von den Pommes, im Magen blubbert die Chilisauce. Sanchez Arellano trägt das grüne Trikot des mexikanischen Teams, die Wangen oberhalb seines Vollbarts hat er in den Nationalfarben Grün, Weiß, Rot bemalt. Er starrt gebannt auf den riesigen Fernseher oberhalb der Theke; es läuft das Spiel Mexiko gegen Kroatien, natürlich mit maximaler Lautstärke. In der 16. Minute schießt der Mittelfeldspieler Hector Herrera aus 20 Metern an die Latte. Sanchez Arellano flucht. Aber nach der Pause wird es erfreulicher. In der 72. Minute geht Mexiko in Führung, am Schluss steht es 3:1.
Und dann klicken die Handschellen.

Fernando Sanchez Arellano, Chef des Tijuana-Kartells, galt als einer der meistgesuchten Drogenbosse Mexikos. Jahrelang hatten die lokalen Behörden und die US-Drogenpolizei nach ihm gefahndet. Auf seine Ergreifung war ein Kopfgeld von umgerechnet 1,7 Millionen Euro ausgesetzt. Die schöne Tradition des Public Viewing hat sein Versteckspiel nun beendet. Da soll noch jemand behaupten, Fußball wäre zu nichts nütze.
Im Gefängnis hat der Mann jetzt viel Zeit zum Fernsehen. Und wahrscheinlich wird es ihm ähnlich gehen wie anderen engagierten Fans: Nach über zwei Wochen praktisch ununterbrochenen Fußballkonsums kommt es zu neurologischen Kurzschlüssen. Das Gehirn kann all die Nationalhymnen, Co-Kommentatorenanalysen und Spielertattoos nicht mehr fehlerfrei sortieren. Als ein sicheres Symptom für WM-Abusus gilt, wenn der Patient eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff nicht mehr genau sagen kann, wer da gerade gegen wen gekickt hat. Südkorea gegen Algerien? Oder Japan gegen Kolumbien? In der K.o.-Phase sollte sich das legen. Dafür gibt es dann plötzlich wieder spielfreie Tage und somit ein planungsbedürftiges Privatleben. Auch nicht einfach.

Es ist Halbzeit in Brasilien. Und so wenig sich das der unsympathische Weltverband FIFA verdient hat: Die WM war bisher ein grandioses Spektakel. Zuletzt ließ die Qualität des Gekickes zwar ein wenig nach. Aber nach wie vor gibt es haufenweise Tore, Dramen in jeder Eskalationsstufe, unfassbare Triumphe und – ein Dank an die Kollegen in der Schweiz – sogar so etwas wie eine Auferstehung. „Diese Mannschaft hat keine Moral, sie hat keine Ehre im Leib“, hatte der Kommentator im Schweizer Fernsehen noch gerufen, als sein Team gegen Frankreich 0:5 zurücklag. Ein paar Tage später war dann alles wieder gut. „Woher nimmt diese Mannschaft ihr Selbstvertrauen?“, gluckste der professionelle Beobachter beim 3:0 gegen Honduras. Stark erschüttert wurde in den vergangenen zwei Wochen jedenfalls die Lehrmeinung, wonach es kleine Staaten im Fußball automatisch schwerer hätten als große. Costa Rica und Uruguay, die Sieger der Gruppe D, haben gemeinsam weniger Einwohner als Österreich. Allerdings müssen die Ticos und Urus auch nicht den ganzen Winter über Skifahren.

Für den europäischen Fußball waren die letzten zwei Wochen insgesamt keine Werbeveranstaltung. Spanier, Italiener, Portugiesen und Briten – also weite Teile der ballesterischen Avantgarde des Kontinents – schieden in der Gruppenphase aus, und zwar allesamt hochverdient. Dafür erreichten die Griechen das Achtelfinale. Die Griechen! Umgelegt auf eine andere Branche ist das ungefähr so, als würden die Rolling Stones ihren Plattenvertrag an die Fidelen Mölltaler verlieren. Surreal, mindestens.

Griechenland schoss in drei Spielen nur zwei Tore und damit schon deutlich mehr als normalerweise in einem ganzen Jahr. Der zweite Treffer stammt allerdings aus einem Elfmeter in der 92. Minute gegen die Elfenbeinküste. Georgios Samaras hatte es geschafft, so geschickt beim gegnerischen Abwehrspieler einzuhaken, dass der Schiedsrichter und fast alle befragten Experten seinen Bauchfleck für die Folge eines Fouls hielten. In Wirklichkeit handelte es sich um die gelungenste Finte der Hellenen seit dem Trojanischen Pferd. „Ich bin so stolz auf unser Team“, erklärte Samaras anschließend.

Für den Mutterkontinent des Fußballs ist es natürlich peinlich, auf derart breiter Front zu versagen. Schuld trage das brasilianische Klima, wird gerne geklagt. Anders als die deutlich erfolgreicheren Kollegen aus Lateinamerika sei es die europäische Elite einfach nicht gewöhnt, so fürchterlich zu schwitzen. Während der durchwegs glanzlosen Partie USA gegen Deutschland wies der ZDF-Kommentator mehrfach auf die extrem hohe Luftfeuchtigkeit im Austragungsort Recife hin. Der Mann übertrieb nicht, schließlich regnete es heftig. Sogar im kontinental gemäßigten Wanne-Eickel wird es bei solchem Wetter schnell ziemlich feucht.

Bei allem Respekt für die tröstende Wirkung von Selbstmitleid: Das Klima-Argument ist Unsinn. Immerhin machen auch die Chilenen ziemlich gute Figur – und in deren Heimat geht es ungefähr so tropisch zu wie auf der Großglockner Hochalpenstraße. Außerdem spielt die Mehrheit der südamerikanischen Kicker seit Jugendtagen in Europa. Ihr Biorhythmus ist längst nicht mehr dschungeltauglich.

Die Wahrheit kennt jeder, der auch nur ein Spiel der Italiener gesehen hat. Höchstbezahlte Kicker staksten über den Rasen wie alte Herren über die rutschigen Fliesen am Rand eines Whirlpools. Starstürmer Mario Balotelli hat bis heute die Abseitsregel nicht kapiert und beklagte sich hinterher über den Rassismus seiner Kritiker. Flankengott An-drea Pirlo schickte zwar einige sehr schöne Pässe auf die Reise, machte aber durchgehend ein Gesicht, als wehte ihm der Geruch zu stark getrüffelter Pasta in die Nase. Und Cesare Prandelli, der Trainer, war auf Vollzeitbasis damit beschäftigt, todschick und halbseiden auszusehen.

Irgendwie kann man verstehen, dass Luis Suarez aus Uruguay Lust bekam, einen dieser Phlegmatiker in die Schulter zu beißen. Geht aber natürlich auch nicht, schon klar.

Die Antithese zu Prandelli materialisiert sich im mexikanischen Coach Miguel Herrera. Der 46-jährige ist 168 Zentimeter groß und beinahe so breit. Kaum laufen seine Burschen auf das Feld, beginnt der Trainer zu hyperventilieren. Er schwitzt, er brüllt, er hüpft im Stand, er wälzt sich auf dem Boden. Es grenzt an ein Wunder, dass Herrera die drei Gruppenspiele ohne Herzinfarkt überstanden hat. Die FIFA wäre dennoch gut beraten, beim nächsten Einsatz der Mexikaner einen Defibrillator und ein Sauerstoffzelt bereitzuhalten. Für alle Fälle.

Dass auch in Europa noch so etwas wie Leidenschaft existiert, bewiesen in der Gruppenphase immerhin Frankreich und Holland. Die Franzosen schossen acht Tore, die Niederländer zehn. Beide Teams gewannen ihre Gruppen problemlos. Arjen Robben, Goalgetter der Holländer, präsentierte sich dabei zum Fürchten fit. Bei einem seiner Sprints (diesfalls auf das Tor der Spanier) soll er eine Geschwindigkeit von 37 km/h erreicht haben. Der jamaikanische Hundertmeter-Olympiasieger Usain Bolt kommt auf 44 km/h – allerdings ohne einen Ball, um den er sich kümmern muss.

Absolut Verlass war natürlich auch auf die Deutschen. Zwei Siege, ein Unentschieden: Das reichte leicht fürs Achtelfinale. In der nächsten Runde wartet mit Algerien nun einer der letzten noch verbliebenen Jausengegner. Glück muss man haben. So richtig weltmeisterlich wirkte die Truppe von Trainer Jogi Löw bisher allerdings nicht. Am Tag nach dem patscherten 1:0 gegen die USA behalf sich die Tageszeitung „Bild“ mangels spritziger Matchdetails mit Aufklärung an Nebenfronten. Etwa zu Fragen wie dieser: „Hat Jogi sich in der Halbzeit die Haare geföhnt?“

Im ORF wird währenddessen unverdrossen Samba getanzt – mittlerweile allerdings nach Gender-Richtlinien. Proteste des Publikumsrats gegen die fast nackten Damen zur besten Sendezeit hätten zu einer „Durchmengung von männlichen und weiblichen Auftritten“ geführt, wie Fernsehdirektorin Kathi Zechner erklärte. Das klingt zwar noch frivoler als die ursprüngliche Variante, verhalf aber wenigstens Herbert Prohaska zu einem Auftritt. Mit der Band „The Real Holy Boys“ intonierte er neulich den Song „Who’ll stop the rain?“ Er machte das gar nicht schlecht und sollte die Karriere fortsetzen. Das Beste daran: Im Englischen gibt es keinen Dativ.

schwaiger.rosemarie@profil.at