Schottische Musikszene befürwortet die Abspaltung von Großbritannien

Schottische Musikszene befürwortet die Abspaltung von Großbritannien

Der Union Jack als Provokation: Der schottische Separatismus teilt kurz vor dem Referendum auch die britische Popszene.

Von Robert Rotifer

„Wenn man Kunst oder Musik macht, geschieht das in der Absicht, die Dinge besser zu machen“, behauptete Stuart Braithwaite, Gitarrist der Post-Rock-Band Mogwai und eifriger Aktivist der schottischen Pro-Unabhängigkeitskampagne, neulich in einem Interview mit dem britischen Nachrichtensender Channel Four. Und genau darum gehe es eben auch beim Referendum, das am Donnerstag dieser Woche in Schottland abgehalten wird.

Die schroffen Lärmlandschaften Mogwais hatten bislang nicht den Eindruck vermittelt, vordringlich der Mehrung des Gemeinwohls dienen zu wollen. Aber so kunsttheoretisch wacklig Braithwaites These auch sein mag, in der Praxis spielt das enthusiastische Engagement der schottischen Musikszene im Vorfeld der Volksabstimmung über den Verbleib im Vereinten Königreich eine erstaunlich schlüssige Rolle: keine Spur der üblichen Scheu der Stars vor imageschädigenden Wahlkämpfen. In dieser Angelegenheit zeigt ein ganz beträchtlicher Teil der Musikszene bereitwillig Farbe – und zwar fast durchgehend das tiefe Blau des Schottenbanners.

„Die Leute interessieren sich dafür, wer sie regiert“
Ende vergangener Woche machte sich Edinburgh gerade für das ausverkaufte „Vote Yes“-Konzert in der respektablen Usher Hall bereit, zu dem sich neben Mogwai auch Indie-Rock-Größen wie Franz Ferdinand und Frightened Rabbit sowie die Sängerinnen Amy MacDonald und Eddi Reader angesagt hatten. „In einer Ära der angeblichen politischen Apathie setzen sich die Leute hier mit Politik auseinander und zeigen, dass sie ernsthaft Wert auf die Frage legen, wer sie regiert“, erklärte Franz-Ferdinand-Drummer Paul Thomson (das einzige in Schottland geborene Mitglied seiner Band) unlängst gegenüber dem Pop-Blog „Under the Radar“. Dabei gehe es ihnen keineswegs um ein nationalistisches Sentiment, beteuert etwa der aus Glasgow gebürtige Avant-Folk-Gitarrist RM Hubbert, obwohl er und Braithwaite als Botschafter einer Pro-Independence-Künstlerplattform namens National Collective eine Tour durch Schottlands Kleinstädte absolviert haben: „Es geht nicht um die Engländer, sondern um Westminster, das den Rest Englands genauso schlecht behandelt wie Schottland. Alles dient nur mehr dem Wohl des Londoner Finanzmarkts. Das ist nicht einmal mehr subtil, es ist abscheulich.“

Schottische Musiker, deren nationale Loyalität bezweifelt wurde, werden Hubberts Eindruck der Besonnenheit nicht unbedingt teilen. Als die im schottischen Aberdeen geborene, seit ihrer Studienzeit in den 1970er-Jahren in London lebende Annie Lennox im Mai auf ihrer Facebook-Seite das Foto eines in irgendeiner Londoner Geschäftsauslage hängenden Union Jack veröffentlichte, sah sie sich prompt mit einem schottischen Shitstorm konfrontiert. Lennox musste ihren aufgebrachten Fans nördlich des Hadrianswalls versichern, dass sie als Londonerin erstens nicht wahlberechtigt sei und zweitens mit ihrem Bild der britischen Fahne keine verborgene Agenda verfolgt habe.

In einer derart aufgeladenen Atmosphäre stoßen nun auch die Einigkeitsappelle englischer Pop-Aristokraten wie David Bowie (der dem Publikum der Brit Awards über Kate Moss ein sanftes „Scotland, stay with us“ ausrichten ließ), Mick Jagger und Paul McCartney (die einen durchaus höflich formulierten offenen Brief der Plattform „Let’s Stay Together“ unterschrieben) in sämtlichen sozialen Netzwerken nur auf Spott und Hohn. Ähnlich wie beim Wahlvolk allgemein ist auch in der Musikergemeinde ein Stimmungsgefälle zwischen den Generationen zu erkennen: je älter, desto vorsichtiger.

„Man bräuchte ein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium, um das Für und Wider abwägen zu können“, meinte beispielsweise Roddy Frame, einst Mastermind der schottischen Band Aztec Camera, in einem Interview mit dem Autor im vergangenen Mai: „Ich mag das Wort Großbritannien, es klingt ein bisschen nach Sixties. Das ist kein politisches Argument, sondern eine Frage von Style. Aber ich glaube nicht, dass es überhaupt eine Rolle spielen sollte, was Exilanten wie ich dazu zu sagen haben. Wenn das schottische Volk die Unabhängigkeit will, soll es sie auch haben. Ich weiß nur, dass die Scottish National Party, als ich klein war, nicht cool war. Man nannte sie damals die schottischen Tories. Das hat sich sicher verändert, mein Instinkt sagt mir aber, dass die Menschen zusammenhalten und sich nicht spalten sollen.“

Aber wer weiß, vielleicht hat auch Roddy Frame sich in der Zwischenzeit vom Zug der Zeit mitreißen lassen, so wie sein alter, immer noch vom Schlaganfall gezeichneter Freund und Kollege Edwyn Collins, der am 4. September auf Twitter seinen Seitenwechsel verkündete: „Ich bin Sozialist und Internationalist. Die SNP ist nichts für mich. Aber ich bin für die Zukunft, nicht die Vergangenheit. Ich habe meine Meinung geändert. Ich stimme mit Ja.”