Shitstorm: Sven Gächter über den wahren Zweck der sozialen Medien

Shitstorm: Sven Gächter über den wahren Zweck der sozialen Medien

Das rechtsstaatliche Prinzip der Gewaltenteilung ist im freien digitalen Kommunikationsraum aufgehoben worden. Die Sturmbeflügelten sind Ankläger, Richter und Henker zugleich – sie ­beschuldigen, verurteilen und sprechen einstimmig die Höchststrafe aus: ­unbedingte Ächtung. Im Shitstorm vergewissert sich eine überkritische Masse von wohlig Erregten ihrer Allmacht, und der Bodensatz der Barbarei – Pranger, Hexenverbrennung, Standrecht, Lynchjustiz – feiert ­grausige Urständ.

Wäre Pythia heute noch aktiv, würde sie ihre Orakel wohl kundenfreundlich via Twitter absetzen (@delphispeaks). Selbst in noch so berauschtem Zustand (Pythia traf ihre Weissagungen der Legende nach ­unter dem Einfluss von stimulierenden Gasen, die aus einer Erdspalte aufstiegen) überschritt sie das in dem Kurznachrichtendienst zulässige Textmaximum von 140 Zeichen äußerst selten. In der Regel beschied sie die Ratsuchenden mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“; nur illustrer Klientel wurde das Privileg einer ausführlicheren Offenbarung zuteil – die dann allerdings auch schon mal verwirrend ausfiel: Krösus etwa, der letzte König von Lydien, interpretierte den Götterspruch „Kroisos Halyn diabas megalen archen katalysei“ (Wenn Krösus den Halys überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören) 546 v. Chr. als Ermunterung, gegen den Perserkönig Kyros II. zu Felde zu ziehen, was in der Tat mit der Zerstörung eines Imperiums endete – nämlich seines eigenen. 45 Zeichen reichten, um ­Krösus ins Verderben zu stürzen.

Ein Super-GAU solchen Ausmaßes hätte auf Twitter heute einen Tsunami zur Folge. Selber schuld!, würden die einen tweeten: Warum hat der expansionistische Volltrottel nicht genauer hingehört? Die Reaktion der Gegner ließe an prompter Vehemenz sicher nichts zu wünschen übrig: Bullshit!! Pythia, die alte Drogenschlampe, war ­einfach zu dicht, um die Konsequenzen ihres Gelalles ­abschätzen zu können!!! Das wären übrigens nicht mehr als 124 Zeichen – es bliebe somit immer noch Platz ­genug für ein paar weitere Rufzeichen oder eine drei- bis fünfsilbige Verwünschung. Innerhalb kürzester Zeit würde sich die allgemeine Erregung zu jener Intensität verdichten, die im kreativen Neusprech der sozialen Medien einen plastischen Ausdruck gefunden hat: Shitstorm.

Die Metaphorik erscheint so evident, dass jede Übersetzung sich erübrigt. Als Sinnbild für die aus dem ­Ruder laufende Kommunikation eines Internetkollektivs ist der Terminus kurioserweise nur im deutschsprachigen Raum gebräuchlich, wobei die ersten einschlägigen Erwähnungen aus dem Jahr 2010 datieren. Eine Fachjury von Sprachwissenschaftern kürte den Begriff 2011 zum Anglizismus des Jahres. Er fülle, so die Begründung, „eine Lücke im deutschen Wortschatz, die sich durch Veränderungen in der öffentlichen ­Diskussionskultur aufgetan hat“. So viel definitorische Trockenheit kann man wiederum nur mit der altgriechischen Vokabel „Euphemismus“ würdigen, denn ein Shitstorm ist in seiner praxisüblichen Ausprägung die blanke Antithese zu allem, was das Prädikat DiskussionsKULTUR verdiente.

Der Berliner Netzguru Sascha Lobo wagte – auf ­Twitter, wo sonst! – im Jänner 2012 den Versuch einer adäquaten Eindeutschung: „Stuhlgewitter“. Der wohl eher ironisch als bierernst gemeinte Vorschlag war von so wenig Erfolg gekrönt wie die fromme Hoffnung, das Phänomen werde, wie die meisten anderen Hypes der Digitalsphäre, irgendwann von selbst wieder verebben. Ganz im Gegenteil: Mittlerweile wüten Shitstorms in so flächendeckender Permanenz, dass der Verdacht ­naheliegt, sie seien nicht nur ein (wenn auch seuchenträchtiges) Epiphänomen der sozialen Medien, sondern in Wahrheit deren ureigentliche Sinnstiftung.

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Am 18. März 2014 strahlte der Wiener Sender Okto TV ein Interview mit der Ö3-Moderatorin Elke Lichtenegger aus, in dem sie sich über "irgend so eine österreichische, vollkommen unbekannte Band" mokierte, "die halt irgendwie versucht, uns ein Lied zu verkaufen, das wir aber nicht wollen, weil es wahrscheinlich ganz schlecht ist". Fünf Wochen später stellte ein steirischer Musiker einen ­Videoausschnitt der Sendung auf ­YouTube; innerhalb weniger Stunden wurden 200.000 Zugriffe verzeichnet. Danach ging auf allen verfügbaren Foren eine Sturmflut von Hasspostings ("Schlampe", "Drecksau") über Lichtenegger nieder; sie erlitt einen Nervenzusammenbruch und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Ö3-Chef Georg Spatt entschuldigte sich in der ­Folge für Lichteneggers dummdreiste Äußerungen – bezeichnenderweise via Facebook.

Am 30. November 2014 erschien in der „Presse am Sonntag“ unter dem Titel „Wer Strafe nicht vollzieht, wird unglaubwürdig“ ein subjektiver und höchst fragwürdiger Artikel des Redakteurs Wolfgang Greber über para-autoritäre Methoden der Kindererziehung. In ­„homöopathischen Dosen“, so der Tenor, sei die Anwendung körperlicher Gewalt nicht nur legitim, sondern notwendig. Danach ging auf allen verfügbaren Foren eine Sturmflut der Empörung über Greber nieder. ­Österreichs Social-Media-Chefaktivist Armin Wolf ­holte via Facebook zu einer betont persönlichen Gegenrede aus, der Schriftsteller Thomas Glavinic wälzte, ebenfalls auf Facebook, handgreifliche Fantasien: „ich ­mache mit ihm, was er mit einem kind machen will. ich be­suche ihn, ich mache das, ich brauche jemanden, der mit einer kamera dabei ist. meldet sich jemand frei­willig? nur filmen! rest ich!“ – „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak distanzierte sich – spät, aber mit erschrockenem Nachdruck – von dem Artikel, der „weder der Blattlinie dieser Zeitung noch zeitgemäßer Pädagogik“ entspreche.

An diesen beiden Fällen – nur zwei von mittlerweile unüberschaubar vielen – lässt sich die Entstehung und Wirkungsweise von Shitstorms exemplarisch ­studieren. Eine Person von qualifiziertem öffentlichen Interesse (welches auch durch eine dienstgebende Institution wie Ö3 oder „Presse“ begründet sein kann) äußert etwas hinreichend Präpotentes, Reaktionäres oder anderweitig Inopportunes, und in Breitband­geschwindigkeit formiert sich eine übermächtige Front der Ablehnung, vorzugsweise angeheizt durch prominente Meinungsführer, in deren Windschatten die Freibeuter des Internets – die unzähligen Klarnamenlosen – komfortabel mitsegeln. Da das World Wide Web ­keiner politischen Eichung unterliegt, tritt auch unter um­gekehrten Vorzeichen exakt dieselbe Dynamik in Kraft: Jemand äußert etwas Kluges, Tolerantes oder anderweitig Provokant-Fortschrittliches, und in Breitbandgeschwindigkeit artikuliert sich die Notwehr der Stumpfsinnigen, die Klarnamen schon deshalb meist scheuen, weil Anonymität einen praktischen Schutz gegen das Risiko bietet, wegen des Tatbestands der Verhetzung belangt werden zu können.

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Einem immer noch erstaunlich weit verbreiteten ­romantischen Irrtum zum Trotz heißt die im Internet gültige Leitwährung nicht Information, sondern Aufmerksamkeit. Ihre populärste Ausdrucksform sind ­Meinungen, und kein Transportmedium eignet sich besser für deren flächendeckende Verbreitung als das Netz. Alles, was auf Facebook, Twitter, WhatsApp, in Chat­rooms, Blogs, Microblogs und Myriaden von Diskussionsforen geäußert wird, dient der Produktion und ­Reproduktion von Meinungen, was jedoch nicht mit dem konstruktiven Austausch von Gedanken verwechselt werden sollte, denn dies würde die Vielstimmigkeit genuiner Denkanstrengungen voraussetzen. In Wahrheit geht es darum, eine atmosphärisch maximal dichte Einstimmigkeit von Urteilen, Vorurteilen und Ressentiments herbeizuführen. Die gern gepriesene „Schwarmintelligenz“ als Chiffre für kollektive Erkenntnisarbeit reduziert sich in der digitalen Realität immer öfter auf eine konsequente Gleichschaltung ideologischer Befindlichkeiten. Shitstorms setzen Individualität dabei keineswegs außer Kraft, sie synchronisieren sie vielmehr und stellen sie in den Dienst des über­geordneten Zwecks, einen Mob zu entfesseln.

„User Generated Content“ lautete dereinst das Heilsversprechen des Web 2.0. Die propagierte Herrlichkeit schrumpfte bald zu einem Worldwide-Flohmarkt der Banalitäten: Katzenfotos, Schnappschüsse von Haupt- und Zwischenmahlzeiten sowie substanzfreie Statusmeldungen („war grad pissen. sonst noch wer?“). In der sozial-medialen Ausbaustufe 3.0 hat nunmehr das Prinzip „Leben und sterben lassen“ die Oberhand gewonnen: Hohn, Häme und Hass führen ein gnadenloses ­Regime. Das rechtsstaatliche Prinzip der Gewaltenteilung ist im freien digitalen Kommunikationsraum längst aufgehoben worden; die Sturmbeflügelten sind Ankläger, Richter und Henker zugleich, sie beschuldigen, verurteilen und sprechen einstimmig die Höchststrafe aus: unbedingte Ächtung. Im Shitstorm ver­gewissert sich eine überkritische Masse von wohlig ­Erregten ihrer Allmacht, und der Bodensatz der Bar­barei – Pranger, Hexenverbrennung, Standrecht, Lynchjustiz – feiert grausige Urständ.

Nach dem Sieg von Conchita Wurst beim Song Contest am 10. Mai 2014 in Kopenhagen ließ Österreich, in der internationalen Wahrnehmung sonst gern unter dem Generalverdacht eines passiv-aggressiven Provinzialismus abgehakt, sich als strahlendes Vorbild für Weltoffenheit und Gendervielfalt feiern. Die wehr­hafte Minderheit der rechtsrabiaten Patrioten schäumte ob so viel staatstragender Frivolität und schüttete ­ihren durch Menschenverachtung, Homophobie und andere Formen militanter Stupidität kontaminierten Ekel ungefiltert ins Netz.

„Scheiß conchita I mogs orotzn!!“ – „Dich sollte man erschießen.“ – „Sowas ist nur krank und ekelhaft! Was ist das für eine gesellschaftliche Entwicklung wo ­kommen wir auch hin mit solchen Analrittern?“ – „dich hurenschlampe will man gar nicht sehen.“ – „conchita gehört mit einem baseballschläger so lange verprügelt bis ihr hirn an die wand spritzt.“ – „ … dass man das conchita auf die bank legt einen staubsauger in den arsch sticht hahahaha und die scheisse raussaugt schwulensau.“

Ambulanter Analphabetismus, gepaart mit Todesverachtung in ihrer drastischsten Form: Alles, wofür das Projekt Zivilisation steht, wird hier vorsätzlich, ­geradezu lustvoll („hahahaha“) in die Luft gesprengt. Darf man, wenden die notorischen Schönfärber ein, das Friedfertigkeitspotenzial einer Gesellschaft an der dumpfen Vernichtungswut einiger Amokläufer messen? Gegenfrage: Haben die angeblich so toleranz- und pluralismusverliebten sozialen Medien, die in Wahrheit ein repräsentatives Abbild der modernen Kommunikationsgesellschaft darstellen, nicht ein gravierendes Defizit, wenn sie so leicht und vor allem so oft von Amok- und deren schlagkräftigen Mitläufern gekapert werden können? Und ist das Prinzip Amok womöglich gar kein kollaterales, sondern ein systemisches ­Problem?

Im Shitstorm wird das hohe Gut der Meinungsfreiheit pervertiert. Dem Ideal der Aufklärung entsprechend stünde sie für einen offenen, diskursiven Austausch von Argumenten, in den SM-Foren verkommt sie mittlerweile gewohnheitsmäßig zu einem kompulsiven Abtausch von Vorurteilen und Verfemungen – erst recht, wenn die Beteiligten aus dem sicheren ­Hinterhalt der Anonymität attackieren können. „Hasspostings sind gefährlich für die Demokratie“, sagte der deutsche Internetdenker Sascha Lobo vor sechs Monaten in einem profil-Interview: „1000 Likes für ein ­rassistisches Posting wirken wie 1000 Mal Schulter­klopfen, Aufmunterung, Anfeuern. Und natürlich wird so eine Stimmung geschaffen, in der Gewalt begünstigt werden kann. Die Gesellschaft muss ihre Position da neu aushandeln.“

Die Digitalgesellschaft wird nicht so widerstandslos mit sich verhandeln lassen. Sie hat, zermürbt durch Denk-, Sprech- und Schreibverbote im öffentlichen Alltag, enthusiastisch jene Freiräume erkannt, erschlossen und besetzt, die in der Parallelöffentlichkeit des Netzes locken. Sie wird diese Freiräume nicht ohne erbitterte Gegenwehr preisgeben, und wer ernsthaft versuchen sollte, regulierend einzugreifen, muss sich auf einen Shitstorm biblischen Ausmaßes gefasst machen – einen, den man nach menschlichem Ermessen nicht überlebt.