Sigi Bergmann: Die uralte Beziehung zwischen Boxen und Literatur

Boxreporter-Legende Sigi Bergmann

Boxreporter-Legende Sigi Bergmann

profil-Redakteur Wolfgang Paterno hat ein Buch über das Boxen und die Literatur geschrieben. Boxreporter-Legende Sigi Bergmann hat sich für profil ein paar Gedanken darüber gemacht.

PROTOKOLL: SEBASTIAN HOFER

Auf dem Umschlag von Wolfgang Paternos „Faust und Geist“ sieht man ein Bild vom „Fight of the Century“ zwischen Jack Dempsey und George Carpentier am 2. Juli 1921 in New Jersey. Der Schwergewichts-Champion Dempsey war damals der berühmteste Sportler Amerikas. Dieser Kampf war der erste Titel-Fight, der live im Radio übertragen wurde, allein 90.000 Menschen versammelten sich damals am Ring.

Wolfgang Paternos „Faust und Geist“

Wolfgang Paternos „Faust und Geist“

Das Boxen konnte zum ersten Massensport des 20. Jahrhunderts werden, weil es eine uralte Sportart ist. Es hat eine Geschichte, auch wenn die Amerikaner wenig davon verstanden haben. Die ersten bildlichen Darstellungen des Boxens sind 7000 Jahre alt. Schon Homer hat im 8. Jahrhundert vor Christus einen Text über den Boxsport verfasst: „Beide Männer schritten zum Ring und stürzten Fuß bei Fuß aufeinander los, schwere Schläge austeilend. Mächtige Fäuste wirbelten ineinander, während sie sich unter dem grimmigen Klang mahlender Kiefer dicht bedrängten.“

Das will ich Paterno entgegensetzen, der sich in seinem Buch auf die Zwischenkriegszeit konzentriert und über Brecht und Musil schreibt, über Ringelnatz, Joseph Roth, Kurt Tucholsky oder Ödön von Horváth: Die gemeinsame Geschichte von Literatur und Boxen ist sehr viel älter. Das schmält meine Hochachtung vor dieser Arbeit nicht. Ich weiß nicht wenig über das Boxen, aber in diesem Buch steckt unglaublich viel Material. Vieles davon kannte ich nicht. Paterno nimmt das Boxen ernst. Das ist ein Buch für Boxhistoriker, die es nicht so kleinhäuslerisch sehen wie ich. Ich weiß: Wir hatten zwölf österreichische EM-Titel in zehn Gewichtsklassen. Aber was ist das schon. Hier geht es um Dichtung. Blut, Tod, Brutalität – für einen Dichter ist das ein ungeheuer guter Stoff. Bertolt Brecht war davon so fasziniert, dass er der deutschen Boxlegende Paul Samson-Körner sogar eine Romanbiografie widmete, die jedoch unvollendet bleiben sollte. Die Brutalität, mit der das Ganze ausgetragen wird. Das Archaische, das darin bis heute zu finden ist. Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte. Was der Ring darstellt, ist irrsinnig schwer zu verstehen. Das fängt schon beim Namen an. Es heißt Ring, ist aber ein Quadrat. Sechs mal sechs Meter. Der Ring ist ein Platz, wo Dinge geschehen, die 30 Zentimeter außerhalb ein schweres Verbrechen wären. Es kommt zu Todesfällen, zertrümmerten Kiefern und Nasenbeinbrüchen. Und es ist ganz legal. 30 Zentimeter weiter gelten völlig andere Gesetze. Das hat der Hansi Orsolics nie ganz verstanden. Er war nie kriminell in dem Sinn, ist aber doch einige Male im Gefängnis gesessen. Und nicht, weil er was gestohlen hätte.


Dass die Literatur sich aufs Boxen wirft, ist kein Wunder. Was manche Menschen in ihren Träumen und Perversionen ausleben, wird im Ring Wirklichkeit.

Natürlich gibt es auch Kämpfe, die nicht besonders aufregend sind. Wenn zwei überhaupt nicht wollen. Bei Profis weißt du nie. Aber im Prinzip ist die Gefahr immer da. Die Gefahr, von der man genau weiß: Es kann bis zum Tod gehen. Es kann jede Sekunde passieren. Und der Mörder wird nicht verurteilt. Dass die Literatur sich aufs Boxen wirft, ist kein Wunder. Was manche Menschen in ihren Träumen und Perversionen ausleben, wird im Ring Wirklichkeit.

Joyce Carol Oates hat geschrieben: „Man spielt Fußball, aber man spielt nicht Boxen.“ Das Drama im Ring ist keineswegs nur körperlich. Es ist ein psychologisches, das vom körperlichen Verfall aber noch ins Unendliche verschärft wird. Das ist das eigentlich Wahnsinnige am Boxen.

Als Joschi Weidinger 1950 gegen Stefan Olek um den Europameister im Schwergewicht boxte, kamen 40.000 Zuschauer in den Prater. Ein Orsolics-Kampf war Pflicht für die High Society. Opernsänger, Politiker, Minister waren da, auch die Künstler und Intellektuellen, von André Heller abwärts, der sich wahrscheinlich bis heute dafür geniert.


Muhammad Ali war so etwas wie ein Autor seiner eigenen Lebensgeschichte.

Paterno beschreibt das Boxen als Zeichen seiner Zeit, als Sport, in dem sich ein Zeitgeist wiedererkennt. In „Faust und Geist“ geht es um die Konflikte der Zwischenkriegszeit und um die Literatur der 1920er-Jahre. Bei Muhammad Ali ging es um die Bürgerrechtsbewegung, um die Proteste gegen den Vietnamkrieg. Aber auch um das Leben als Literatur. Einmal war Ali bei einem Kampf in der Schweiz. Ich hatte ein paar Bücher mitgebracht, darunter auch eines meines Chefs Teddy Podgorski: „Cassius Clay. Reportage einer Karriere“. Zu der Zeit war er natürlich schon längst Muhammad Ali. Wer ihn zur Weißglut bringen wollte, nannte ihn Clay. Ich sage: „Champion, please, can you sign these books?“ Er sieht den Titel und schleudert das Buch wortlos, aber hochkant in den Saal hinaus. Er sagt: „Mein Großvater war noch Sklave, ich bin es nicht mehr.“ Muhammad Ali war also so etwas wie ein Autor seiner eigenen Lebensgeschichte. Und schließlich hat ihm ein Gedicht das Genick gebrochen, ein Zweizeiler: „Lieber viel Gefängnisbrot / Als in Vietnam und tot.“ Das war es. Aus. Titel aberkannt. Tausende Dollars an Strafe. Aber noch viel schlimmer war die öffentliche Vernichtung. Aber er hat sich seinen Witz nicht nehmen lassen. Einmal besuchte er ein Altersheim, wurde bejubelt und gefeiert. Ein alter, zittriger Mann kommt zu ihm und meint: „Was für eine Ehre, dass der größte Boxer aller Zeiten zu uns kommt.“ Ali darauf: „Danke, Väterchen, aber weißt du, wie ich heiße?“ „Ja, Joe Louis!“ Also hat ihm Ali ein Autogramm als Joe Louis geschrieben. Es ist wirklich kein Wunder, dass das Boxen und die Literatur zusammengehören.

Sigi Bergmann, 80
Der studierte Historiker und gelernte Sänger (Promotion 1964 mit einer Arbeit über die Religionspolitik Ferdinand I.; mehrere Jahre Solist im Domchor St. Stephan) begann 1968 als Sportreporter beim ORF, moderierte über eineinhalb Jahrzehnte lang die Sendung „Sport am Montag“ und kommentierte nach eigener Zählung in 40 Jahren mehr als 3500 Boxkämpfe. Autor mehrerer Bücher, Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, Freund und Förderer des Box-Champions Hans Orsolics.

Wolfgang Paterno: Faust und Geist. Verlag Böhlau, 444 S., 51,40 EUR