<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Jenseits der Grenze

Neulich in der Nähe von Sotschi: das georgische "Satrapezo“.

Jetzt fahren bald viele nicht nach Sotschi, und ich auch nicht. Dennoch will ich ein wenig herumschleichen und nachsehen, was die Weltgegend kulinarisch so zu bieten hat. Am nächsten kommt man dem Olympia-Hochsicherheitstrakt, wenn man die östlichen Nachbarn unter die Lupe nimmt; nur wenige Kilometer östlich von Sotschi beginnt Georgien. Und auch wieder nicht. Denn genau genommen beginnt dort Abchasien, die georgische Provinz, die von Russland anerkannt wird, was Georgien gar nicht gefällt. In Abchasien selbst wäre es deshalb in den nächsten Wochen auch nicht wirklich gemütlich, denn Russland hat seine Sicherheitszone natürlich bis dorthin ausgedehnt.

Ach was, am besten geht man in Wien georgisch essen. Da gibt es neben dem hier schon abgehandelten "Ansari“ noch ein Restaurant, das die wohl interessanteste Küche der russischen Nachfolgestaaten pflegt. Im "Satrapezo“ in der Marxergasse würde sich so ein bescheidener, bloß an ein wenig Brimborium gewöhnter IOC-Funktionär mit Sicherheit wohlfühlen. Da gibt‘s keinen Ethno-Schnickschnack für Bobos und kein liebenswertes Service-Chaos, sondern weiße Designer-Sessel und Kellner mit weißen Handschuhen, die mit Dekantier-Ballons und Weinbelüftungs-Phiolen aus jedem eingeschenkten Glas eine Chemielaborstunde machen.

Hinten läuft auf einem Flat-TV Georgien-Werbung in der Endlosschleife: heuende Bauersleute, idyllische Landschaften, leuchtende Dämmerungsspektakel über dem Schwarzen Meer, und dazwischen die Landkarte von Georgien, die so tut, als wäre Abchasien nur der westliche Teil Georgiens und kein von Tiflis unabhängiges Gebiet. Eines ist aber ziemlich klar: Hier sitzen jene, die authentisch georgisch essen wollen. Ob das Stimmgewirr grusinisch, mingrelisch oder russisch ist, vermag ich nicht zu sagen, es klingt jedenfalls sehr nach der Region.

Und das Essen macht richtig Spaß. Ein unscheinbarer Teller, eintönig cremefarben, stellt sich als Hühnerfleisch in einer molligen Walnusssauce heraus. Die in Georgien so wichtigen Nüsse tauchen noch einmal auf, gerieben und fein gewürzt in gerollte Melanzanischeiben gewickelt und mit Granatäpfeln bestreut.

Beim nächsten Gang leistet eine mit den regionalen Küchensitten vertraute Dame durch Zuruf Hilfestellung, als wollte sie verhindern, dass wir zum Besteck greifen. Khinkali-Mtiulurad sind mit Lammfleisch und dessen Bratensaft gefüllte Teigtaschen, an deren oberem Ende sich ein dicker Knopf aus Teig, gleichsam der Griff, befindet. Dieser Knopf ist anfangs viel zu heiß und glitschig, um die Taschen mit der Hand zu ergreifen. Kurze Zeit später wird der halbwegs ausgekühlte Knopf aber klebrig und es geht. Khinkali-Mtiulurad dreht man vor dem Hineinbeißen um und pfeffert ausgiebig den Boden, was mit einer Hand nur deshalb funktioniert, weil die elektrische Pfeffermühle einen Knopf hat. Und? Die Taschen, einmal durch herzhaften Biss geöffnet, duften und schmecken wunderbar. Schade, dass die danach servierten Mtsvadi, Spieße mit gegrilltem Schweinefleisch, nicht frisch aus der Pfanne kommen, sondern schon reichlich hart geworden sind. Dafür sind die Kebab-ähnlichen Batknis-Kababi, in eigentlich aus Armenien stammendes Lavash-Fladenbrot gewickelt, wieder saftig und überaus pfiffig gewürzt.

Eine hübsche Überraschung bietet die Weinkarte: Der glasweise ausgeschenkte rote Satrapezo aus der Rebsorte Saperavi muss sich vor keinem Promi-Roten aus kanonisierten Weinländern verstecken: traditionell in Kveri genannten Amphoren ausgebaut, mit Bordelaiser Eleganz, schlank, frisch - und im "Satrapezo“ noch dazu, wie schon erwähnt, aufwendig und mit Gespür einen Hauch gekühlt eingeschenkt. Diesem Wein tut das Brimborium gut.

Satrapezo
Marxergasse 5, 1030 Wien
Tel.: 01/713 03 94
www.satrapezo.at
Mo geschlossen
Hauptgerichte: 6,70 bis 15,90 Euro

klaus.kamolz@profil.at