Steckt in jeder Frau auch eine Lesbe? Sexuelle Freizügigkeit der Frauen

Offen für alle Geschlechter und erotische Fantasien, die Feministinnen schockieren: Neue Untersuchungen belegen, dass Frauen sehr viel, freizügiger lieben, als die männerdominierte Forschung über 100 Jahre lang wahrhaben wollte.

Judith Warner, die ansonsten so seriöse Polit-Bloggerin der „New York Times“, erstaunte jüngst ihre Lesergemeinde mit der Wiedergabe eines Sexualtraums: Als sie morgens in ihr Badezimmer wollte, um sich die Beine zu rasieren, stand bereits der mächtigste Mann der Welt nackt unter ihrer Dusche und setzte, eine Zigarette rauchend, eine einladende Geste. Als die Träumerin nach dem Verbleib der First Lady fragte, erklärte Barack Obama, dass keinerlei Grund zur Sorge bestehe. Michelle habe ihre Töchter auf einen Kindergeburtstag begleitet. Unterbrochen wurde das Spiel nur durch Zwischenrufe von Warners Ehemann Max, der kein Problem mit einem nackten Demokraten in seiner Dusche hatte, sondern – als militanter Nichtraucher – lediglich mit den Nikotinschwaden im Bad.

Erotikfantasie
Die Freigabe dieser Erotikfantasie erregte die männliche Kollegenschaft – einerseits weil eine ehrwürdige Institution wie die „New York Times“ diese Ergüsse nicht zensurierte, andererseits weil, so die US-Sexualforscherin Lisa M. Diamond, „die freizügige Artikulation weiblicher Lust noch immer ein kulturelles Unbehagen verursacht“.

Erstaunlich mutet deswegen ein häufig gesendeter TV-Spot an, in dem der Übergang vom hohen C zum echten O kinderleicht scheint: Zur Kaufstimulation des neuen Massagegels des Kondomherstellers Durex, Play O, räkeln sich Frauen in ekstatischer Verzückung zur „Königin der Nacht“-Arie aus der „Zauberflöte“. Laut begleitender PR-Kampagne war das Gleitmittel in der firmeninternen Testreihe äußerst erfolgreich: „79 Prozent der befragten Frauen kamen mit Play O zum Orgasmus.“

„Vögeln“
Doch das Leben ist leider kein Werbespot, und das sexuelle schon gar nicht. Wie unterschiedlich und ungleich komplizierter Frauen im Vergleich zu Männern sexuell stimuliert werden, wird erst jetzt ernsthaft erforscht. Die New Yorker Wissenschaftsjournalistin Mary Roach, deren Kulturgeschichte der Sexualforschung, „Bonk“ (zu Deutsch: „Vögeln“), vor Kurzem erschien, begründet dies damit, „dass die lange männerdominierte Forschung von der simplen These ausging, dass Männer wie Frauen nahezu ident erregbar sind“.

Ein Irrglaube, wie sich bereits bei der verzweifelten Forschung an einem mit Viagra vergleichbaren Medikament für Frauen abzeichnete. Acht Jahre lang hatte der Pharmakonzern Pfizer, der mit dem blauen Potenzmittel jährlich weltweit 1,5 Milliarden Euro umsetzt, versucht, dessen Wirksamkeit auch bei weiblichen sexuellen Funktionsstörungen zu beweisen – vergeblich. Nach Tests an 3000 Frauen musste man eingestehen, dass Viagra keinen Effekt auf ihr Lustempfinden hatte. „Männer bekommen in der Gegenwart nackter Frauen verlässlich Erektionen und Lust auf Sex“, erklärte Mitra Boolel, Leiter der Pfizer-Sexualforschungsabteilung, zerknirscht. „Bei Frauen hängt die Sache von einer Myriade von Faktoren ab.“

Forscherdrang
Die einschlägige Forschung läuft indessen fieberhaft weiter, schließlich garantiert die Zielgruppe ein Milliardengeschäft. Denn Frauen sind kaum weniger von sexuellen Problemen betroffen als Männer. In der wissenschaftlichen Literatur wird davon ausgegangen, dass zwischen 30 und 50 Prozent aller Frauen an sexuellen Dysfunktionen leiden. Bei einer Befragung von 700 Frauen zwischen 20 und 80 Jahren, die der Urologe Stephan Madersbacher in Wien durchführte, berichteten 22 Prozent der Befragten von generellen Luststörungen, 35 Prozent von Erregungsschwierigkeiten und 39 Prozent von Orgasmusschwierigkeiten.

Wie kompliziert die Suche nach einer pharmakologischen Lösung ist, zeigt das Beispiel Bremelanotide. Ursprünglich wurde der Wirkstoff von dem Unternehmen Palatin Technologies als Bräunungsmittel entwickelt. Doch im Testverfahren berichteten die weiblichen Versuchspersonen über spontane sexuelle Erregung, woraufhin die Entwickler ihren Forschungsfokus verlagerten – und nach langwierigen Studien im Mai 2008 doch zu dem Schluss kamen, dass der Effekt zu gering sei für eine erfolgreiche Markteinführung. Als aktueller Hoffnungsträger auf dem Lustpillensektor gilt das von Boehringer Ingelheim in Deutschland entwickelte Flibanserin – ursprünglich als Antidepressivum gedacht. Die klinischen Tests laufen noch.

„The Journal of Sex Research“
Für Marta Meana, Psychologieprofessorin an der Universität von Nevada, die 1440 Patientinnen mit Schmerzbeschwerden beim Geschlechtsverkehr untersuchte, ist „das Gefühl, begehrt zu werden, der Orgasmusverstärker schlechthin“. In einem Essay in der US-Fachpublikation „The Journal of Sex Research“ im vergangenen Jänner kons­tatierte sie, dass das weibliche Lustempfinden viel weniger beziehungsabhängig ist als von der Forschung bislang angenommen. Während Frauen bei Sexualstudien, in denen erwiesenermaßen gerne gelogen wird, häufig angeben, dass Zärtlichkeit, Vertrauen und ein rücksichtsvoller Partner essenziell für ein erfülltes Sexualleben wären, demons­trierten Meanas Patientinnen „ein weitaus narzisstischeres Lustempfinden, das weniger darauf abzielte, den Mann zu befriedigen, als selbst zu einem Höhepunkt zu gelangen“. Meanas Conclusio: „Frauen erscheinen mir, was ihre Libido betrifft, weit weniger beziehungsabhängig als Männer.“

Dass Frauen über Jahrtausende ihr Triebleben zugunsten einer intakten Versorgungsgemeinschaft auszutricksen gelernt haben, stellt die Protagonistinnen vor ein nahezu unlösbares Dilemma, das die US-Autorin Erica Jong so beschreibt: „Wir wollen einen fürsorglichen Typen, der unsere Kinder von der Krippe abholt, beherzt in das verstopfte Klo greift und uns zwischendurch verlässlich wild die Kleider vom Leib reißt. Ein hohes Anforderungsprofil für einen einzigen Mann.“

Sexuelle Störungen
Die Angst, nicht genügen zu können, ergreift auch schon die jüngere Männergeneration. Die Wiener Sexualtherapeutin Elia Bragagna registrierte in den vergangenen Jahren ein deutliches Ansteigen von Potenzstörungen unter männlichen Twenty-Somethings: „Da stehen junge hübsche Männer in meiner Praxis, die eigentlich kein Problem haben dürften, eine Sexualpartnerin zu finden. Und dennoch leiden sie an sexuellen Störungen.“

Kickgesellschaft
Als Ursache für diese Tendenz diagnostiziert Bragagna den inflationären Umgang mit Sexualität: „Wir leben in einer Kickgesellschaft, ein aktives Sexualleben gehört dazu. Um dem zu entsprechen, gehen diese jungen Männer häufig mit Frauen ins Bett – obwohl ihr Körper das eigentlich gar nicht will.“ Korreliert man Bragagnas Praxiserfahrung mit den Untersuchungsergebnissen von Marta Meana bezüglich einer egoistischen Lustorientierung der Frauen, lässt das den Rückschluss zu, dass beide Geschlechter sozial in bislang ungeahntem Widerspruch zu ihren eigentlichen sexuellen Bedürfnissen konditioniert wurden.

„Bonobo-Porn“
Ein weiteres Experiment, das in die Sexualforschung unter dem flapsigen Begriff „Bonobo-Porn“ eingegangen ist, zeigt, dass Frauen in ihrem Begehren weitaus weniger bieder sind, als die knapp hundert Jahre alte Disziplin der Sexualforschung ihnen zugestehen wollte. Meredith Chivers, Mither­ausgeberin der Fachpublikation „Archives of Sexual Behavior“, untersuchte im Jahr 2004 Männer und Frauen bezüglich ihrer Erregungsfähigkeit im Genital- und Hirnbereich. Beide Geschlechter wurden mit homo- und heterosexuellen Liebesszenen sowie einem masturbierenden Mann, einer masturbierenden Frau, einem nackten Mann am Strand und kopulierenden Bonobos (einer Zwergschimpansenart mit besonders aktivem Triebleben) konfrontiert.

Erregungsmuster
Dabei wurde die Durchblutung der Scheidenwände beziehungsweise des Penis und damit der Grad der körperlichen Erregung gemessen. Die Testresultate der Männer bestätigten die traditionellen Erregungsmuster. Heteromänner wurden durch das Liebesspiel der Heteropärchen erregt sowie durch die masturbierende Frau und lesbischen Sex, die schwulen Probanden durch die homoerotischen Szenen. Die genitalen Blutdruckschwankungen aller Männer stimmten nahtlos mit dem überein, was sie auch im Kopf als stimulierend fanden. Der Penis und das Hirn der Männer waren sich also – wie erwartet – einig.

Ganz im Gegensatz zu den Frauen: Im Laborversuch zeigten sie sich, egal, ob hetero-, bi- oder homosexuell, erregt, sobald sie Filmaufnahmen von sexuellen Aktivitäten sahen – und machten dabei keinen Unterschied, ob es sich um heterosexuellen, lesbischen oder schwulen Sex handelte. Der Grad ihrer vaginalen Erregung stand in direktem Zusammenhang mit der Intensität, mit der auf den Bildern und Filmsequenzen zur Sache gegangen wurde. Sogar die Videos der kopulierenden Bonobo-Affen lösten eine körperliche Erregungsreaktion aus. Die Wirkung beschränkte sich allerdings auf die Genitalien: Subjektiv fühlten sich die Frauen nur dann erregt, wenn die Bilder auch ihrer sexuellen Orientierung entsprachen. „Da ich nicht davon ausgehe, dass Frauen Sex mit Zwergschimpansen möchten, ergibt sich der zwingende Rückschluss, dass bei Frauen Kopf und Körper voneinander weitaus unabhängiger reagieren, als man auch nur annähernd vermutet hat“, resümierte die Versuchsleiterin Meredith Chivers in der „New York Times“: „Und am Ende des Tages siegt dann doch der Kopf.“

Begehren der Frauen ist geschlechtsunabhängiger
Das Experiment beweist, wie kompliziert das Wechselspiel zwischen Geist und Körper, Bewusstem und Unbewusstem ist, das die weibliche Sexualität bestimmt. Bei Männern besteht ein linearer Zusammenhang zwischen subjektiv empfundener und physischer Erregung. Damit lässt sich auch der Erfolg des rein körperlich wirksamen Potenzmittels Viagra beziehungsweise dessen Wirkungslosigkeit bei weiblichen Sexualstörungen erklären. Chivers’ Experiment legt aber noch eine weitere Schlussfolgerung nahe: Das Begehren der Frauen ist wesentlich geschlechtsunabhängiger als das der Männer.

Diesem Thema hat die US-Sexualforscherin und Universitätsprofessorin Lisa Diamond ein ganzes Buch gewidmet. „Sexual Fluidity“ beruht auf Diamonds Studie mit 100 amerikanischen Frauen, die sich zu Beginn ihrer Untersuchung an der Universität von Utah als lesbisch, bisexuell oder außerstande, sich auf eine sexuelle Orientierung festzulegen, klassifiziert hatten. Im Zuge der über ein Jahrzehnt andauernden Befragungsperioden stellte Diamond bei allen Beteiligten „ein fließendes Verhalten zwischen männlichen und weiblichen Sexualpartnern“ fest. Die gängigste Begründung dafür lautete: „Ich verliebe mich in Menschen, nicht in Geschlechter.“

Lesbische Erfahrungen
Zur Enttabuisierung dieses „Fließens“ verhelfen Hollywood-Stars und TV-Serien wie „L-Word“, in der das schicke Leben von Lesben und zwischen den Geschlechtern pendelnden Bobo-Frauen über sechs Staffeln thematisiert wurde. Die Schauspielerin Anne ­Heche („Men in Trees“), die vor ihrer öffentlich ausgelebten Romanze mit der lesbischen TV-Komikerin Ellen DeGeneres laut eigenen Angaben keinerlei lesbische Erfahrungen hatte, ist inzwischen mit einem Mann verheiratet. „Sex and the City“-Star Cynthia Nixon lebt nach einer 15-jährigen Beziehung mit einem Mann seit 2004 offiziell mit einer Frau. Lindsay Lohans Affäre mit ihrer „besten Freundin“ Samantha Ronson war der „Style Section“ der „New York Times“ ein mehrseitiges Essay wert, in dem Bisexualität zum Lifestyle-Trend ausgerufen wurde. Das Phänomen ist jedoch keineswegs auf die Hollywood-Elite beschränkt, berichtet der Innsbrucker Sexualforscher Joseph Aigner: „Gleichgeschlechtlichkeit ist unter jungen Frauen kein Tabu mehr. Heute wird mit einer Selbstverständlichkeit über lesbische Erfahrungen gesprochen, die bis vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre.“

Was die jüngsten Forschungsergebnisse über weibliche Sexualfantasien betrifft, so haben Feministinnen jedoch allen Grund zur Sorge. Nicht Harmlosigkeiten wie Sex an verbotenen Orten mit dem US-Präsidenten oder Brad Pitt an Schlagobers (der laut einer britischen Umfrage vor Jude Law und George Clooney als häufigster Starprota­gonist im inneren Kino zur Sache geht) dominieren die weiblichen Tag- und Nachtträume. Nach einer im „Journal of Sex Research“ veröffentlichten Auswertung mehrerer Studien werden 30 bis 50 Prozent der Frauen von Vergewaltigungsfantasien heimgesucht. Dominanz und Unterwerfung zählen zu den meistgenannten dramaturgischen Elementen in den Erotikvorstellungen; der Aggressor ist meist ein namenloser Fremder, dem sich die Frau am Ende willenlos unterwirft.

Mit dem an hinterwäldlerischen Stammtischen gerne gepflogenen Herrendiskurs, wonach die Frau im Minirock nahezu darum bettle, vergewaltigt zu werden, haben diese Fantasien jedoch nichts zu tun. Vergewaltigung im Kopfkino entspreche „keinem weiblichen Wunschdenken“, betont der britische Sexualtherapeut Brett Kahr, Autor von „Who’s Been Sleeping in Your Head?“: „Fantasien dienen in der Regel dazu, Kindheitserlebnisse zu verarbeiten oder an Menschen, die einen missbraucht oder bedroht haben, indirekt Rache zu üben. Ich hatte eine Patientin, deren Mutter ihr den Kopf als kleines Mädchen von hinten auf den Glastisch geschlagen hat. In ihren Fanta­sien träumte sie oft von einem Fremden, der sie über einen solchen Glastisch beugte und ihr die Brüste massierte.“

Die feministische Sexualforscherin Marta Meana bietet für das Unterwerfungsthema ein ganz anderes Erklärungsmodell an: „Es handelt sich um Fantasien, die der Frau das Gefühl vermitteln, unter äußerstem Einsatz begehrt zu werden. Das hat nichts mit dem Wunsch nach Kontrollverlust zu tun; denn in der Fantasie sitzt die Frau immer im Regiesessel ihrer geheimen Lust.“

Fließende Geschlechterpräferenzen , beziehungsunabhängiges Begehren, narziss­tisches Lustempfinden – das Bild von der weiblichen Sexualität muss neu entworfen werden. Und die Chancen stehen gut, dass die neuere Sexualforschung auch in Zukunft noch einige überkommene Vorurteile abbauen und damit nicht nur wissenschaft­lichen Forscherdrang befriedigen wird. Schließlich gilt bis heute, was die Pioniere der Sexualforschung, William Masters und Virginia Johnson, schon im Jahr 1966 notierten: „In der menschlichen Sexualität gibt es kein Problem, das sich nicht dadurch lösen ließe, dass man darüber spricht.“