Stil-Blüten: Das Erbe Josef Franks

Josef Frank (1885–1967)

Josef Frank (1885–1967)

Berühmt wurde er durch seine Blumen-Stoffe, doch der gebürtige Wiener Josef Frank prägte wie kein anderer Designer die Art, wie wir heute wohnen. Jetzt wird dem Visionär die längst fällige Anerkennung in mehreren Ausstellungen zuteil.

"Der moderne Mensch, den seine Berufstätigkeit immer stärker anstrengt und abhetzt, braucht eine Wohnung, die viel bequemer und behaglicher ist als die alter Zeiten, weil er sich seine Ruhe in kürzerer Zeit konzentrierter verschaffen muss“, nahm Josef Frank 1928 anlässlich der Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung“ in Umrissen die Begleiterscheinungen des Gegenwartssymptoms Burnout vorweg. Im selben Essay polemisierte er auch gegen jegliche Form von stilistischer Bemühtheit: "Die Wohnung ist kein Kunstwerk, deswegen hat sie nicht die Verpflichtung, aufregend zu wirken, was das Gegenteil ihres Zweckes ist.“


Das ist das Bordell Frank!

Mit den in Franks publizistischem Werk immer wieder benutzten Kategorien wie "Behaglichkeit“, "Wohnlichkeit“, "Gemütlichkeit“ sowie der Zulässigkeit von "Kitsch“ und "Sentimentalitäten“ in Lebensräumen konnte der in Baden geborene Sohn eines jüdischen Textilhändlers bei den unerbittlichen Puristen und Dogmatikern des deutschen "Werkbunds“ genauso wenig reüssieren wie bei den elitären Ästhetikern der "Wiener Werkstätte“, angeführt von Josef Hoffmann und Kolo Moser mit ihrem arroganten Gesamtkunstwerk-Denken.

"Werkbund“-Mastermind Ludwig Mies van der Rohe hatte den Architekten Josef Frank, der wegen seiner sachlich-funktionalistischen Kubus-Häuser bereits internationales Aufsehen erregt hatte, 1927 als einzigen Österreicher eingeladen, ein Doppelhaus für die legendäre Weißenhofsiedlung bei Stuttgart zu entwerfen. Doch als der Hohepriester der Sachlichkeit die Schwelle des Hauses übertrat, explodierte er. Angesichts von Franks doktrinbefreitem Stilmix, mit dem dieser nonchalant und im krassen Gegensatz zur funktionalen Strenge der "Werkbund“-Ideologie das Innere des Hauses mit vielen kuscheligen "Ruhemöbeln“, bunten Kissen und "Wohninseln“ beseelt hatte, soll van der Rohe der Legende nach nur erzürnt gebrüllt haben: "Das ist das Bordell Frank!“

Durchblättert man heute Interieur-Hochglanzmagazine wie "Architectural Digest“ und "House & Garden“ oder Taschen-Bildbände wie "Paris Interiors“, in denen Repräsentanten einer kreativen Elite ihren Wohnindividualismus offenlegen, ist der Einfluss des Wohnphilosophen Josef Frank stark spürbar. Unbewusst natürlich, denn im Gegensatz zu dem eine halbe Generation älteren Adolf Loos und seinem großen Antipoden Josef Hoffmann war Frank jenseits seiner zweiten Heimat Schweden, wo er bis heute als Schutzheiliger der schwedischen Designmoderne gilt, eine lange Zeit vernachlässigte wie unbekannte Größe. Es ist österreichischen Architekten wie Hermann Czech (der auch die aktuelle MAK-Ausstellung co-kuratierte), Johannes Spalt und Luigi Blau hoch anzurechnen, dass sie seit den 1980er-Jahren versuchten, für Frank endlich seinen verdienten Bedeutungswert auf der kulturhistorischen Landkarte zu erkämpfen.


Wer heute Lebendiges schaffen will, der muss alles aufnehmen, was heute lebt.

Jene Form des Eklektizismus, die seit den 1990er-Jahren die Dachgeschoßwohnungen, Altbaufluchten und Lofts der "Bobos“ (Bohemian Bourgeois) prägt - und damit quasi als Reformbewegung gegen die reduzierte Strenge der 1980er-Jahre zu werten ist -, hatte Josef Frank bereits Jahrzehnte davor mit seinen Interieur-Gestaltungen vorweggenommen.

Den Trend-Begriff Eklektizismus als Synonym für ein bewusst hemmungsfreies Stil- und Epochendurcheinander, in dem sich Rokoko-Stühle mit Breuer-Freischwingern, türkischen Kelims, Fifties-Lämpchen, kräftigfarbigen floralen Zierkissen, trashigen Nippes und revitalisierten Sperrmüllfundstücken zu individualistischen Ensembles verquicken, benutzte Josef Frank nicht. Er etikettierte jenes Prinzip der Gestaltungsfreiheit mit der ironisch-polemischen Definition "Akzidentismus“ (er hasste alles, was mit dem Appendix "ismus“ kategorisiert war) und meinte damit, dass die Privatsphäre des Individuums einem Freiheits- und Zufallsprinzip sowie einer ständigen Erweiterung und Veränderung unterliegen müsse.

Die Vereinheitlichung eines Ambientes durch einen homogen durchgezogenen Stil war für Frank per se schon so stil- wie leblos. 1931 schrieb er in seinem Aufsatz "Architektur als Symbol“: "Wer heute Lebendiges schaffen will, der muss alles aufnehmen, was heute lebt. Den ganzen Geist der Zeit, samt ihrer Sentimentalität und ihren Übertreibungen, samt ihren Geschmacklosigkeiten, die aber doch wenigstens lebendig sind.“

Für seine Blumenstoffe wurde Frank berühmt.

Für seine Blumenstoffe wurde Frank berühmt.

Ein Blick auf die Website von Svenskt Tenn, jenem von der Zeichenlehrerin Estrid Ericsson gegründetem Designunternehmen in Stockholm, das Josef Frank nach seiner Flucht vor dem Austrofaschismus 1933 bis zum seinem Tod 1967 als Verwirklichungsstätte diente, dokumentiert dieses Credo.

An den Möbeln und Stoffmustern (insgesamt entwarf er 2000 Möbel und 160 Stoffmuster), von denen viele bis heute erhältlich sind, zeigt sich ein Gestaltungsgenie, das sich - ganz postmodernistisch - fröhlich aus dem Epochen- und Länderfundus bediente: Da sieht man neben der klaren, skandinavischen Schlichtheit, der Frank zu Weltruhm verhalf, Einflüsse von amerikanischem Shaker-Design, englischem Chippendale-Mobiliar und Wiener Kaffeehaus-Interieurs der Jahrhundertwende, sowie, vor allem bei den Blumen-Textilien, eine Verehrung für die britische Design-Ikone William Morris und seine "Liberty“-Muster. Und über allem schwebt die Frank-Prämisse "Gemütlichkeit“, ohne dabei den leisesten Hauch von Spießertum zu verbreiten.


Wer sich heute einrichtet, wird möglichst gut daran tun, sich möglichst wenig auf Lebensdauer anzuschaffen, sondern alles Notwendige in billiger und vergänglicher Ausführung zu verwenden

Auch an der Geschmacksindustrie-Herrschaft des Möbelkonzerns Ikea, wo bis heute immer wieder der Frank-Spirit nachgeahmt und zitiert wird, hätte sich der Humanist nicht gestoßen. Lange vor dem Erscheinen des ersten Ikea-Katalogs 1951 lieferte der glühende Sozialdemokrat das ideologische Unterfutter für die Demokratisierung guten Designs durch Massenproduktion: "Wer sich heute einrichtet, wird möglichst gut daran tun, sich möglichst wenig auf Lebensdauer anzuschaffen, sondern alles Notwendige in billiger und vergänglicher Ausführung zu verwenden, um die Möglichkeit zu haben, seine Umgebung zu ändern … Das erhält den Menschen jung, denn man wird in jeder Umgebung ein neuer Mensch.“

„Josef Frank. Against Design.“
MAK-Ausstellungshalle, Stubenring 5,
1010 Wien. Eröffnung: Di, 15.12.,
19.00 Uhr. Bis 3.4.2016. mak.at

„Josef Frank und seine Zeit“,
Patrick Kovacs Kunsthandel, Lobko-
witzplatz 1, 1010 Wien. Bis 23.12.
patrick-kovacs.at

„Svenskt Tenn Pop-up in Wien“,
Volksbank-Filiale Operngasse 8, 1010
Wien. Bis 13.2.2016.
svenskttenninwien.com

Permanente Ausstellung,
Hofmobiliendepot Möbel Museum
Wien, Andreasgasse 7, 1070 Wien.
hofmobiliendepot.at