<small><i>Sven Gächter</i></small>
Crash Flow

Die Krise bedroht längst nicht mehr nur unser Geld. Sie bedroht das Fundament unserer Gesellschaft. Sven Gächter über das Unbehagen in der Zivilisation.

Affen sind auch nur Menschen. Oder ist es vielleicht doch umgekehrt? Darüber sollen Zyniker und Vulgär-Darwinisten streiten. Die Wissenschaft jedenfalls gewinnt an den neuralgischen Schnittstellen innerhalb der Primatenforschung verblüffende Erkenntnisse. Im Rahmen eines Experiments mit Schimpansenwaisen wies ein Forscherteam des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie (EVA) 2006 - knapp zwei Jahre vor der Lehman-Brothers-Pleite - nach, dass Affen keinesfalls nur den eigenen Vorteil im Auge haben, sondern auch zu partnerschaftlichem Handeln fähig sind. Sie können auf niedrigem Niveau kooperieren - aber kommunizieren sie deshalb auch schon, tauschen sie sich mit anderen über ihre Absichten und deren Folgen aus, so wie es der menschlichen Interaktion eigen ist? Nein, fand EVA-Direktor Michael Tomasello in weiterführenden Versuchen heraus; dazu fehle ihnen das Instrument der zeigenden Geste: Schau mal, dort! An lieb gewonnenen evolutionären Gewissheiten müsse deshalb - vorerst - nicht gerüttelt werden: "Wir Menschen sind hilfsbereiter als andere Affen.“

Was Herr Tomasello dabei unterschlägt: Andere Affen haben keine Finanz- und Schuldenkrisen auszubaden.

Seit drei Jahren laborieren weite Teile der turbokapitalistisch erschlossenen Welt an massiver monetärer Schwindsucht. Keine Hauruck-Maßnahme ist effektiv, keine Beschwichtigungsformel hypnotisch genug, um den Horror Vacui zu bannen, der das System seit Längerem untergräbt und jeden Augenblick zu sprengen droht. Die Schockwellen erfolgen in immer kürzeren Abständen, und dass kollektive Suizidtendenzen sich bisher noch nicht Bahn gebrochen haben, liegt an der mitunter segensreichen Wirkungskraft der Autoparalyse. Die offiziell für die Schadensbegrenzung Zuständigen irrlichtern planlos herum, von einem Hiobstrakt zum nächsten, und mühen sich dabei nach Kräften, ihre Mitverantwortung für den Schadenseintritt zu verschleiern.

Der Crash des Jahres 2008 wurde der Überschaubarkeit halber dem abenteuerlichen Kreditgebaren des multinationalen Bankensektors zugeschrieben und durch konzertierte staatliche Stützungsorgien notdürftig gemildert. Das verschaffte dem Finanz- und Realwirtschaftsgefüge nach einigen verlängerten Schreckensmomenten einen kurzen, heiteren Konsolidierungsfrieden, der sich jedoch als trügerisch erwies: Die zugrunde liegenden Probleme waren nicht gelöst, sondern lediglich verlagert und damit potenziert worden. Die Staaten hatten sich übernommen und in ihrer Funktion als Großbankenretter selbst zu großbankenähnlichen Ambulanzfällen aufgebläht (die sie in Wahrheit schon lange vorher gewesen waren).

Seit jeher delektiert sich die Masse der Kleinen, Schmalen und Schwachen am Anblick strauchelnder Kolosse. Schadenfreude kann durchaus eine Form ausgleichender Gerechtigkeit sein. Doch Schadenfreude mutiert zur Panik, wenn die eigene Standfestigkeit untrennbar an jene der Kolosse gekoppelt ist. Und es wirkt keinesfalls tröstlich, in deren Gesicht - überdimensional verzerrt - dieselbe Ratlosigkeit widergespiegelt zu sehen, die einen selbst lähmt. Wenn sogar der manisch zappelige Nicolas Sarkozy sich gramgebeugt der dauerstatischen Mimik von Angela Merkel annähert, sind offenbar sämtliche Notbewehrungsreserven erschöpft.

Die Krise ist mittlerweile dort angekommen, wo sie die schlimmstmöglichen Verheerungen anrichtet: nicht nur im kollektiven Bewusstsein, sondern im Bewusstsein jeder und jedes Einzelnen. Die Hoffnung auf das umsichtige Eingreifen einer höheren Realmacht erodiert mit jedem Tag mehr, und zwar umso dramatischer, als die Repräsentanten dieser höheren Realmacht selbst jeden Hoffnungsverdacht zerstreuen, sei es aus Unfähigkeit, sei es aus Resignation, sei es aus schierer, verzweifelter Ehrlichkeit.

Krisen machen müde, weil sie naturgemäß lästig und anstrengend sind, und wenn die Labor- oder Feldversuche zu ihrer Bewältigung hartnäckig wenig bis gar nichts fruchten, stellen sich irgendwann fatale Zermürbungstendenzen ein, die ihrerseits wiederum ebenso schwer einzudämmen sind wie die sie auslösenden Faktoren, weil die einen mit den anderen auf unheilvolle Weise korrespondieren. Dieser kritische Punkt scheint mittlerweile erreicht zu sein. Das Virus, von dem der Finanz- und Wirtschaftskomplex befallen ist, infiziert schleichend auch das einbettende Systemganze; der Verdruss am Kapitalismus nährt den Verdruss an der Demokratie, weil die nunmehr manifesten Auswüchse des Kapitalismus kurzerhand für einen eingebauten Betriebsfehler der Demokratie gehalten werden.

Und plötzlich steht viel mehr zur Disposition als nur die Liquidität des liberalen Rechtsstaats - es geht um die Glaubwürdigkeit und Unantastbarkeit seiner Institutionen und damit jener Werte, die sein Selbstverständnis substanziell begründen. Denn was taugt die Freiheit noch, wenn bald niemand sie sich mehr leisten kann?

Der US-Soziologe Jeremy Rifkin stellt die Menschheitsgeschichte unter das Generalmotto der Empathie: Mitgefühl bilde die eherne Grundlage unseres Zusammenlebens. Nicht Egoismus sei die Triebkraft gesellschaftlichen Fortschritts, sondern das Prinzip Solidarität. Diese Theorie widerspricht keinesfalls dem westlichen Primat des Individualismus, so wie er sich emanzipatorisch nach der Aufklärung und, eher banal-neokonservativ, gegen Ende des 20. Jahrhunderts ausprägte. Tatsächlich erfasst sie eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften schlechthin: das Gemeinwohl beziehungsweise, moderner, den Wohlfahrtsstaat, in welchem eine freie, offene und dynamische Gesellschaft die Kernidee der Solidarität produktiv institutionalisiert hat.

Ein Kollateralschaden der dauerhaften Krise ist die rasant um sich greifende Auffassung, dass man sich von dieser frommen Idee dringend verabschieden müsse, weil sie die aktuelle Schuldenapokalypse maßgeblich mitverursacht habe. Nicht nur die Europäische Union droht an der Frage, wie viel Kooperation das Verhältnis zwischen den Mitgliedstaaten verträgt, zu zerbrechen; auch in den einzelnen Gesellschaften selbst verhärten sich die Fronten zusehends: Das Projekt Prosperität wird wechselseitig aufgekündigt - die Reichen verteidigen ihre astronomischen Vermögensvorsprünge gegen die Armen, die Armen fühlen sich im Stich gelassen, und der Mittelstand sieht hilflos seiner eigenen Verflüchtigung zu. Misstrauen schlägt in unverhohlene Aggression um und entlädt sich vorerst noch in geregelten Massenkundgebungen (wie in Spanien, Israel oder den USA), wenn nicht bald schon öfter in gewalttätigen Ausschreitungen (wie vergangenen August in Großbritannien). Der soziale Frieden ist brüchig geworden, er kann jederzeit - und jäh - kippen und damit die Krise, die ihn unterhöhlt, in einer Weise verschärfen, die unweigerlich staatliche Repression auf den Plan ruft (wie Mitte November in New York, als das "Occupy Wall Street“-Protestcamp von der Polizei mit Pfeffersprays aufgelöst wurde). Big Brother erhebt sein hässliches Haupt.

Das Lebensgefühl der Ohnmacht ist epidemisch geworden. Selbst die amtlichen Krisenmanager kapitulieren mittlerweile vor der Elementargewalt der crashenden Verhältnisse. Die Depression - nicht nur als konjunkturelles, sondern als psychisches Syndrom - wird kollektiviert. Und mit der Zuversicht verliert das Autoimmunsystem der Gesellschaft seinen wichtigsten Treibstoff.

Eine der höchsten Kulturleistungen der abendländischen Zivilisation ist das Konzept der Freiheit. Zur Freiheit gehört es, eine Perspektive für die Zukunft zu haben, ob sie nun den einzelnen Menschen oder die Gemeinschaft betrifft. Die im dröhnenden Krisenfurioso heraufbeschworene Perspektivenlosigkeit stellt eine akute Bedrohung jener Freiheit dar, ohne die unsere Zivilisation sich buchstäblich selbst abhandenkommt.

Der Countdown läuft gnadenlos gegen null. Wenn die globalisierte Finanz- und Realwirtschaft, wie allenthalben prognostiziert, tatsächlich dramatisch und langfristig einbricht, wenn der Staat, wie wir ihn kennen, schätzen und brauchen, sich partout nicht mehr finanzieren lässt, wenn das Geld, wie schon einmal in der Zeit zwischen den beiden großen Kriegen, schneller seinen Wert verliert, als es nachgedruckt werden kann, wenn Massenarbeitslosigkeit Massenelend produziert, wenn jeder sich selbst der Nächste wird, weil jeder andere Nächste eine Bedrohung darstellt - kurz: Wenn dem Bankrott der Ökonomie unausweichlich der Bankrott der Empathie folgt, dann werden wir uns sehr bald nach jener friedvoll unterentwickelten Form von Hilfsbereitschaft sehnen, die zumindest Affen untereinander aufbringen. Und als zeigende Geste bliebe nur mehr ein sentimentaler Phantomschmerz: "Schau mal, dort … ist gar nichts mehr!“

sven.gaechter@profil.at