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WM-Tagebuch: Eine Frage der Ära

<small><i>Sven Gächter</i></small>
WM-Tagebuch: Eine Frage der Ära

Samba, Kindergeburtstag, Tränen und ein historischer Absturz: Sven Gächter über die emotional strapaziöse erste Woche des Turniers in Brasilien.

Ein segensreicher Sekundäreffekt von unterhaltungsindustriellen Großveranstaltungen wie einer Fußballweltmeisterschaft besteht darin, dass man ganz nebenbei ungemein viel über Land und Leute erfährt. Die Brasilianer zum Beispiel: sind immer fröhlich, tragen bunte Freizeitkleidung, tanzen Tag und Nacht Samba und hegen seit Jahrzehnten nicht den geringsten Zweifel daran, wer Weltmeister wird, zumal heuer und in der eigenen Heimat. Systemkritisch geschulte Geister wittern hierin sicher gleich eine Ansammlung von wohlfeilen Klischees, doch sämtliche Sportredaktionen der übertragungsberechtigten TV-Sender können nicht irren: So sind sie nun einmal, die Brasilianer – Samba und Fußball und basta!

Der schönste Strand des Landes ist, nach ebenfalls überwältigend einhelliger Einschätzung sämtlicher Sportredaktionen der übertragungsberechtigten TV-Sender, die ­Copacabana in Rio de Janeiro. Deshalb haben ARD und ZDF dort für die Dauer der WM ein gemeinsames Studio bezogen, auf einer luftigen Dachterrasse mit fulminantem Panoramablick. Als einziges Requisit neben einem retro-futuristischen Stehtisch dient ein opulenter Screen, auf dem Live-Schaltungen zu Außenstellenreportern (vorzugsweise mit siegesgewiss singenden und Samba tanzenden Brasilianern im Hintergrund) eingeblendet werden. Der Screen ist allerdings virtuell – was den Verdacht nährt, dass es sich möglicherweise auch bei dem erhebenden Copacabana-Rundblick selbst um eine digitale Projektion handelt. Alles nur Fake also? Wenn Stanley Kubrick anno 1969 die Mondlandung in einem Off-Hollywood-Dekor inszenieren konnte, werden Deutschlands öffentlich-rechtliche Anstalten doch wohl nicht an einer läppischen Sandstrand-Attrappe scheitern!

Damit wäre im Umkehrschluss auch der ORF entschuldigt, dessen WM-Studio gar nicht erst den Anschein einer Vor-Ort-Authentizität zu erwecken versucht und stattdessen die Themenvorgabe Kindergeburtstag auf Mescalin mustergültig umsetzt. Um 18 Euro pro Person kann man übrigens ein Kombiticket erwerben (inklusive Besuch des Erlebnisstudios, Public Viewing sowie Erinnerungsfoto für Backstage-Gästebuch). Allein die Aussicht, einmal live und aus intimster Distanz an Roman Mählichs Lippen hängen zu dürfen, ist den Preis schon wert. Man muss nicht nach Brasilien reisen, um dabeizusein.

Das Schönste an einer Großveranstaltung wie dem FIFA World Cup 2014 ist und bleibt jedoch, dass so viel Fußball gespielt wird. Für die bisweilen zermürbende Wartezeit bis zum Anpfiff lassen die übertragungsberechtigten TV-Sender sich allerlei Zerstreuendes und Lehrreiches einfallen: verwackelte Impressionen aus dem Teatro Amazonas, dem klassizistischen Opernhaus von Manaus; Gespräche mit Straßenhändlern in Fortaleza, die sich zwar wuchtige Rolex-Imitate, nicht aber die kriminell teuren Sta­dionkarten leisten können – und immer wieder gern Bilder von bunt gekleideten, fröhlich singenden und hüftsteif Samba tanzenden Fans aus aller Welt, die man früher, als Fußball für manche noch eine Fortsetzung des Kriegs mit spielerischen Mitteln bedeutete, schlicht „Schlachtenbummler“ nannte. Wohltuend konsequent in ihrem volksbildnerischen Anspruch agiert immerhin die ARD, die im Teletext vor jedem Match die deutsche Übersetzung der Nationalhymnen liefert, leider jedoch ohne die im Karaoke geläufigen hüpfenden Bällchen zum erbaulichen Mitsingen. Bei den Zeilen „Fiers Ivoiriens, le pays nous appelle“ (Tapfere Ivorer, das Land ruft uns) wurde Geoffroy Serey Die am 19. Juni im Estádio Nacional de Brasília um 13.02 Uhr Ortszeit unvermittelt von einem Weinkrampf geschüttelt, den nur abergläubisch veranlagte Beobachter als Vorahnung der drohenden 1:2-Niederlage gegen Kolumbien werten konnten. Andererseits: Zwei Tage zuvor hatte auch Brasiliens Superstar Neymar bei der Landeshymne seinen Tränen freien Lauf gelassen und danach gegen Mexiko kein einziges Tor erzielt. Am Ende stand es 0:0, und die Topfavoriten müssen sich am Montag daher noch durch ihr drittes Gruppenspiel zittern.

Nullzunull: Für Griechenland bedeutet das in der Regel schon das höchste der Gefühle. Gelegentlich schießen sie auch ein Tor, dem sie dann zuverlässig den Aufstieg in die nächste Runde oder, wie 2004, sogar den Europameisterschaftstitel verdanken. Spätestens seit diesem Triumph der methodischen Hässlichkeit verbreiten die Griechen im Rest der zivilisierten Fußballwelt lähmendes Entsetzen. Nach dem Nullnummernspiel gegen Japan am Donnerstag der Vorwoche träumte Nationalcoach Fernando Santos allen Ernstes vom Achtelfinale. Ein 1:0 gegen die Elfenbeinküste am Dienstag würde dafür in der Tat schon reichen – vorausgesetzt, Kolumbien verliert nicht gegen Japan. Und nachdem es nicht nur im richtigen Leben, sondern bekanntlich auch und gerade im Fußball keine Gerechtigkeit gibt, sollten sich alle aufrechten Anhänger des „jogo bonito“ besser auf das Schlimmste gefasst machen.

Einen Worst Case hatten sie allerdings ohnehin schon zu verkraften: Nach dem zweiten Gruppenspiel stand das Aus für Spanien, den doppelten Europa- und amtierenden Weltmeister (offiziell immerhin noch bis zum 13. Juli), ­bereits fest. Die überirdische Glorie der vergangenen sechs Jahre: in einer desaströsen Tordifferenz von 1:7 gegen die Niederlande und Chile buchstäblich pulverisiert. Selten fiel eine Entzauberung verheerender aus. In den Gesichtern der Turnierserienhelden Iniesta, Casillas, Piqué, Ramos, Xavi und Xabi Alonso spiegelte sich der blanke Horror. Sie ­waren gleichermaßen Hauptdarsteller, Zeugen, Opfer und Ur­heber eines beispiellosen Niedergangs in vier Akten à 45 Minuten. Das Ende einer wahrhaft goldenen Ära hatte sich schon im Frühjahr 2013 in den beiden Champions-League-Halbfinalmatches zwischen Barcelona und Bayern München (Endscore 0:7) druckvoll angebahnt und wurde am 18. Juni 2014 – ausgerechnet im legendären Maracanã-Stadion – schließlich besiegelt, wenige Stunden nachdem König Juan Carlos in Madrid, 8140 Kilometer Luftlinie entfernt, seine Abdankungsurkunde unterschrieben hatte. Spanien wird sich zwar nicht über Nacht aus der Belétage des Fußballs verabschieden, doch das magische Zusammenspiel zwischen dem schwindelerregenden Tiki-Taka des FC Barcelona und der robusten Pragmatik von Real (und Atlético) Madrid muss neue, unerschrockene Akteure hervorbringen, um das WM-Trauma 2014 zu überwinden.

Wer also wird Weltmeister? Die Chancen stehen „fifty-fifty“ für Deutschland, meint Franz Beckenbauer mit der ihm eigenen diplomatischen Nonchalance. Von dem großen deutschen Fußballweisen sind viele Sinnsprüche überliefert, manche davon in ihrer Luzidität nachgerade bestechend: „Es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Nieder­lage oder Unentschieden.“ Mehr muss man im Grunde über diesen phänomenal massenkompatiblen Sport nicht wissen. Ob der inzwischen gar nicht mehr so geheime Geheimfavorit Chile nun mit einem soliden 3-3-3-1, einem eleganten 3-4-1-2, einem asymmetrischen 1-2-3-2-1-1 oder gar einem halsbrecherischen 2-0-2-5-1 auftrumpft, ­mögen die Taktikfüchse untereinander ausschnapsen. Solange die Chilenen den Gruppensieg der selbstgefälligen Niederländer verhindern und, sollte es im Laufe des Turniers zu ­einer direkten Begegnung kommen, die Griechen aus welchem Stadion auch immer schießen, nach Möglichkeit zweistellig und zu null; solange Neymar nicht sogar während ­eines Spiels permanent die Frisur wechselt, Lionel Messi sich im richtigen Moment seiner Genialität besinnt, Cristiano Ronaldo zumindest bei jedem dritten sinnlosen Übersteiger ins Straucheln gerät und Jogi Löw die schon nach dem ersten Gruppenspiel bedrohlich überbordende Titeleuphorie in Deutschland mit seiner schwäbelnden Grandezza dämpft – so lange haben wir Spaß an dieser Weltmeisterschaft. So sind wir Brasilianer eben.

sven.gaechter@profil.at