Thiem-Coach Bresnik: "Am meisten nervt mich das Internet"

Günther Bresnik

Günther Bresnik

Günter Bresnik, Coach von Tennis-Ass Dominic Thiem, im Gespräch über sein neues Buch, den Weg zum Erfolg und nervige Gewohnheiten der heutigen Profis.

INTERVIEW: CLEMENS ENGERT

profil: In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihre Erkenntnisse über den Erfolg. Was sind die drei wichtigsten Eigenschaften, die ein Mensch braucht, um seine Ziele erreichen zu können?
Günter Bresnik: Zunächst einmal die möglichst genaue Definition des Zieles. Man muss sich bezüglich seiner Visionen im Klaren sein. Das zweite ist Durchhaltevermögen. Und schließlich ist Intelligenz für mich der wesentlichste Faktor - weil er alles andere beeinflusst.

profil: Ihre Prinzipien scheinen nicht nur auf den Tennissport anwendbar zu sein, sondern auf viele Lebensbereiche.
Bresnik: Ja, mir war schon seit Schulzeit klar, dass die Voraussetzungen für Erfolg in allen Bereichen gleich sind. Man muss sich nur die Parallelen zwischen dem Spitzensport und der freien Marktwirtschaft ansehen. Da gelten die selben Zusammenhänge bezüglich Leistungsbereitschaft und Erfolg.

profil: Wie sieht es mit anderen Bereichen in der Gesellschaft aus – könnten Sie sich etwa vorstellen, einen Künstler nach einem ähnlichen Modell zu managen wie einen Tennisspieler?
Bresnik: Ich denke, dass man - um jemanden managen zu können - eine große Fachkenntnis in dem jeweiligen Bereich braucht. Ich bin zwar sehr kunstinteressiert, würde es mir aber nicht zutrauen, in dieser Branche jemanden zu managen. Da gibt es sicher bessere.


Dominic ist ein Sportler, der mit sich selbst sehr streng ist, wenn er etwas nicht gut macht.

profil: Zu Ihrem aktuellen Schützling. Bei Dominic Thiem ist auffällig, dass er Niederlagen sehr genau zu analysieren scheint – auch öffentlich. Ist Selbstreflexion für Erfolg unabdingbar?
Bresnik: Ja, das ist ganz wesentlich und war in unserer Zusammenarbeit immer schon ein zentrales Thema. Dominic ist ein Sportler, der mit sich selbst sehr streng ist, wenn er etwas nicht gut macht. Es gibt viele Tennisspieler, die nach einer Niederlage gar nicht über das Match sprechen wollen. Bei Dominic muss ich oft selbst gar nichts mehr sagen, weil er bereits in der Umkleidekabine eine punktgenaue Analyse abliefert. Er ist da sehr reif und hat das mittlerweile echt verinnerlicht. Trotzdem: Mir wäre es in Zukunft wichtig, dass er auch aus positiven Erlebnissen mehr mitnimmt.

profil: Viele Menschen verfolgen ihre Ziele gar nicht konsequent, weil sie Angst vor dem Scheitern haben. Orten Sie da ein grundsätzliches Problem in unserer Gesellschaft?
Bresnik: Ich maße mir nicht an, darüber zu urteilen, was in unserer Gesellschaft falsch läuft. Dennoch bin ich mit dieser Angst vor dem Scheitern vertraut. Eltern fragen mich oft, ob es überhaupt Sinn macht, dass ihr Kind Tennis spielt, weil sie ein besonderes Ergebnis vor Augen haben und daran zweifeln, dass es erreicht wird. Das ist ein vollkommen falscher Ansatz. Wenn ein Kind gerne Tennis spielt, soll es Tennis spielen. Das ist allemal besser als dauernd im Internet herumzuhängen.

profil: Gibt es so etwas wie ein nobles Scheitern? Wenn man alles versucht, um ein Ziel zu erreichen, es aber dennoch verfehlt?
Bresnik: Dann ist man eigentlich nicht gescheitert. Das habe ich auch in meinem Buch so geschrieben. Man hat dann zwar das eigentliche Ziel nicht erreicht, war aber trotzdem erfolgreich, weil man das Maximum aus seinen Möglichkeiten herausgeholt hat.

profil: Eine der Kernaussagen Ihres Buches lautet, dass Talent unbedeutend sei. Musste jemand wie Thomas Muster nicht wesentlich mehr Aufwand betreiben, um erfolgreich zu sein als zum Beispiel ein Jahrhunderttalent wie Roger Federer?
Bresnik: Albert Einstein hat einmal gesagt, dass Genie ein Prozent Talent sei und 99 % harte Arbeit. Diesen Satz unterschreibe ich. Der Aufwand, den ein Roger Federer betrieben hat, um erfolgreich zu sein, steht dem eines Thomas Muster nicht weit nach. Auch Virtuosität entsteht aus nichts anderem als harter Arbeit am Trainingsplatz.


Am meisten nervt mich eigentlich das Internet und das ständige Herumspielen mit den Handys.

profil: Wie sehen Sie die Entwicklung des Tennissportes insgesamt? Es wird gerne darüber geklagt, dass es heutzutage keine Typen vom Schlage eines John McEnroe oder Andre Agassi mehr gäbe.
Bresnik: Bob Brett (Anm.: eine australische Tennistrainer-Legende) hat mir einmal ein Buch aus dem Jahr 1906 geschenkt. Darin wird bitterlich darüber geklagt, dass es keine richtigen Typen wie anno 1895 mehr gäbe. Als Sampras und Agassi aufgehört haben, dachten die Leute, dass es mit dem Tennis vorbei sei. Jetzt sagen sie, dass nach Federer und Nadal nichts Vergleichbares mehr kommen wird. Es ist immer das gleiche. Der Sport selbst ist jedenfalls attraktiver als je zuvor.

profil: Gibt es dennoch irgendeine Entwicklung im Tennissport, die Sie bedauern? Etwas, das vor 20 Jahren dann doch besser war?
Bresnik: Am meisten nervt mich eigentlich das Internet und das ständige Herumspielen mit den Handys. Zum Beispiel, wenn jemand bei jedem Seitenwechsel im Training nachsehen muss, ob die Freundin eventuell ein SMS geschrieben hat. Darunter leiden die persönlichen Kontakte. Das war in den 80er- und 90er-Jahren noch anders.

profil: Auch, wenn Prognosen schwierig sind: Wo wird Dominic Thiem in drei Jahren stehen?
Bresnik: Wenn er gesund bleibt und sich in den nächsten Jahren auch nur annähernd so gut weiterentwickelt wie zuletzt, traue ich ihm natürlich einen Platz in den Top 3 der Weltrangliste und im Optimalfall auch einen Grand Slam-Titel zu.

Zur Person

Günter Bresnik,
geboren 1961 in Wien, verheiratet, Vater von vier Töchtern. Stammt aus einer Ärztefamilie, brach sein eigenes Medizinstudium ab, um mit Horst Skoff als Trainer auf die Profi-Tour zu gehen. Neben Skoff betreute Bresnik unter anderem Boris Becker, Henri Leconte, Stefan Koubek und Ernests Gulbis. Sein Buch „Die Dominic Thiem Methode – Erfolg gegen jede Regel“ ist seit 24. Oktober erhältlich und im Seifert Verlag erschienen.

Günter Bresnik im Wordrap

HORST SKOFF
„Der prägendste Spieler meiner Karriere – auch, wenn er nicht der war, der am meisten erreicht hat. Ohne ihn würde es mich als Trainer nicht geben.“

THOMAS MUSTER
„Eine Allzeitgröße und einer der herausragendsten Sportler, die Österreich jemals hervor gebracht hat."

NICK KYRGIOS
„Der Newcomer mit dem wahrscheinlich größten spielerischen Potential. Steht sich jedoch selbst im Weg.“

ÖTV
„Ein Verband, der besonders schlecht wegkommt, obwohl die meisten anderen Verbände wohl genauso schlecht arbeiten. Das Pech des ÖTV ist, dass es mich gibt und ich ihn immer in der Öffentlichkeit kritisiere.“

TENNIS BEI OLYMPIA
„Für mich persönlich unpassend. Tennis hat dort nichts zu suchen. Olympia soll jenen Sportlern vorbehalten sein, die das ganze Jahr keine Plattform haben, obwohl sie sich genauso den Arsch aufreißen wie Tennis-Spieler oder Golfer.“

DREI SPIELER, DIE DAS ABSOLUTE MAXIMUM AUS SICH HERAUSGEHOLT HABEN
„Sicher Thomas Muster. Jim Courier auch. Und Ivan Lendl wahrscheinlich.“

DREI SPIELER, DIE IN FÜNF JAHREN DIE TENNISWELT DOMINIEREN WERDEN
„Alexander Zverev. Bei den anderen beiden tu ich mir ein bisschen schwer. Ich hoffe natürlich, dass der Dominic dabei ist. Und eventuell einer von den jungen Amerikanern wie Taylor Fritz oder Frances Tiafoe. Lucas Pouille taugt mir auch sehr.“