Thomas Brezina: "Die ersten 16 Jahre habe ich im Hotel gelebt"

Thomas Brezina

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Thomas Brezina hat über 550 Kinderbücher geschrieben. Im Herbst veröffentlicht er sein erstes Buch für Erwachsene. Ein Gespräch über das Revival der „Knickerbocker-Bande“, den Unterschied zwischen einer glücklichen und einer erfüllten Kindheit und lustige Elektro-Autos.

INTERVIEW: PHILIP DULLE, INES HOLZMÜLLER

profil: Sie sind 54 Jahre alt, haben Hunderte Bücher geschrieben und unzählige Kinderserien entwickelt. Denken Sie nie ans Aufhören?
Thomas Brezina: Nein. Ich will Geschichten erzählen. Ganz egal, wie. Ich erzähle auf Wanderwegen in Tirol, wo ganze Wälder zu Geschichten werden. Ich erzähle Geschichten auf Instagram, die aus einer Laune heraus entstehen und sich dann weiter und weiter entwickeln. Was da an Reaktion kommt, das glaubt mir ja niemand. Meine These ist: Als Geschichtenerzähler muss ich heute alle Kanäle bedienen. Ich habe in meiner Karriere Höhen und Tiefen erlebt. Was in drei Jahren ist, kann niemand sagen.

profil: Im Herbst erscheint Ihr erstes Buch für Erwachsene. Wie kam es zu der Idee, die "Knickerbocker-Bande" nach 20 Jahren wiederzubeleben?
Brezina: Die Idee spukt mir seit sechs oder sieben Jahren durch den Kopf. Die Frage war: Will das überhaupt noch jemand lesen? Nachdem die Resonanz auf Facebook aber euphorisch war, habe ich mich ans Schreiben gemacht.

profil: Sie hatten Zweifel?
Brezina: Ich bin immer ein großer Zweifler. Neun von zehn Ideen verwerfe ich wieder. Mit anderen Einfällen gehe ich jahrelang spazieren.

profil: Haben Sie schon unter Pseudonym veröffentlicht?
Brezina: Dazu sage ich nichts.

Thomas Brezina im Interview

profil: In den sozialen Medien werden Sie für Ihre unermüdlich positive Einstellung gefeiert. Treffen Sie einen Nerv?
Brezina: Wissen Sie, warum ich auf Instagram bin? Ich habe es nicht mehr ausgehalten, jeden Tag zu lesen, dass Donald Trump wieder irgendeine Unfassbarkeit losgelassen hat. Dem kann man nur mit einer positiven Sichtweise entgegentreten. Mit Schönfärben hat das nichts zu tun.

profil: Haben Sie auch melancholische Momente?
Brezina: Ich bin in meinem Leben durch viele Phasen gegangen. Ich habe gelernt, mit den Dingen umzugehen, vor allem aber mit mir selbst. Ich bin ein Mensch, der alle Formen von Stimmungen kennt. Das ist vollkommen normal. In die Auslage will ich mich aber nicht stellen. Ich bin kein Ausstellungsobjekt.


Der Brexit ist die schlimmste Entscheidung, die man überhaupt treffen konnte.

profil: Sie leben einen Gutteil des Jahres in London. Warum?
Brezina: Das war reiner Zufall. Zu der Zeit habe ich in Österreich nicht genügend Ruhe zum Schreiben gefunden. Die ersten 16 Jahre habe ich im Hotel gelebt. Wenn ich längere Zeit nicht da war, haben die Hotelangestellten alle meine Dinge weggeräumt, um sie später wieder exakt an den richtigen Stellen aufzubauen. In London gab es für mich keinen Alltag, das habe ich geliebt. Seit acht Jahren besitze ich aber eine eigene Wohnung.

profil: Wie haben Sie den Brexit in Ihrer Wahlheimat erlebt?
Brezina: Ich finde es schrecklich, ich finde es grauenvoll. Der Brexit ist die schlimmste Entscheidung, die man überhaupt treffen konnte. Ich bin bis zum heutigen Tag zutiefst schockiert. Ich empfinde den Brexit als furchtbare Kluft. Ich fühle mich heute nicht unerwünscht, aber irgendwie abgetrennt.

profil: Interessieren Sie sich für österreichische Politik? Immerhin stecken wir mitten im Wahlkampf.
Brezina: Das muss ich allgemeiner beantworten. Die Frage ist: Um welche Themen geht es wirklich? Da höre ich immer weniger. Das ganze Getöse rundherum, diese widerlichen gegenseitigen Angriffe. Ich mag das nicht mehr. Von Tagespolitik entferne ich mich daher immer weiter. In große politische Diskussionen werde ich mich nicht verstricken lassen.

profil: Betreiben Sie als Kinderbuchautor denn eine Art der Realitätsflucht?
Brezina: Nein, das sehe ich anders. Es ist nicht so, dass ich die Realität nicht ertrage und vor ihr flüchte. Ich halte es aber für sehr wichtig, dass man sich Parallelwelten schafft. Als Kreativer kann man nur Welten schaffen, in denen man selbst gerne leben würde.


Das Schreiben ist wie ein Rauschzustand.

profil: Hatten Sie eine glückliche Kindheit?
Brezina: Sagen wir, ich hatte eine erfüllte Kindheit. Ich verdanke meiner Familie sehr viel. Ich komme aus einem Elternhaus, in dem Respekt und Achtung großgeschrieben wurden. Eine "glückliche Kindheit", diese heile Welt, hatte ich nicht. Ich war als Kind ein wenig dicklich, bin verspottet worden, hatte Angst vor fliegenden Bällen. Ein Anführer war ich nie. Eine erfüllte Kindheit besteht für mich aus Freuden und Schmerzen – und ich halte es für ratsam, dass man sich an beides erinnert.

profil: Sie schreiben bis zu zehn Stunden täglich. Sind Sie ein Getriebener?
Brezina: Das Schreiben ist wie ein Rauschzustand. Beim Überarbeiten kann ich mich an vieles gar nicht mehr erinnern. Es ist das tollste Gefühl, wenn die Geschichte endlich geschrieben ist und fertig vor mir liegt. Körperlich wird das Schreiben immer anstrengender. Mittlerweile wandere ich zwischen vier verschiedenen Arbeitsplätzen hin und her, mache meine Dehnübungen oder gehe spazieren. Leider gibt es die direkte Leitung zwischen Gehirn und Computer noch nicht.

profil: Leisten Sie sich exzentrische Hobbys?
Brezina: Ich habe mal 50 Armbanduhren besessen. Für meine Reisen hatte ich sieben Stück in einem kleinen Koffer dabei, so konnte ich jeden Tag eine andere tragen. Bis auf drei Stück habe ich aber alle verkauft. Heute lenkt mich das alles zu sehr ab, lieber reduziere ich alles um mich. So klar und simpel wie möglich. Obwohl: Ich fahre einen Renault Twizy, das ist ein kleines Elektroauto mit zwei hintereinanderliegenden Sitzen. Man kann damit nur im Sommer fahren, weil es auf der Seite offen ist. Ich lache, wenn ich damit fahre – und die Menschen auf der Straße müssen lachen, wenn sie mich sehen. Das finde ich großartig.

Thomas Brezina, 54
Über 550 Bücher hat der gebürtige Wiener seit Beginn der 1990er-Jahre geschrieben, die sich weltweit über 40 Millionen Mal verkauft haben. Zu seinen bekanntesten Buchreihen zählen "Die Knickerbocker-Bande", "Tom Turbo" und "Bronti ­Supersaurier". Mit seiner ­Produktionsfirma "Tower10 KidsTV" konzipiert, produziert und moderiert er bis heute Sendungen des ORF-Kinderprogramms.