Interview

Toni Innauer: „In der Selbstüberlistung bin ich ganz gut“

Skisprung-Legende Toni Innauer, 65, hat nicht nur Triumphe erlebt, sondern auch Niederlagen, Verletzungen und Rückschläge. Wie er aus seinem Scheitern lernte, zwei Burn-outs abwenden konnte und seinen inneren „Schweinehund“ inzwischen erfolgreich austrickst, beschreibt er in einem neuen Buch.

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Der Vorarlberger Toni Innauer zählte zu den Protagonisten des österreichischen Skispringer-Wunderteams der 1970er-Jahre, das unter dem Trainer Baldur Preiml grandiose Erfolge feierte. Innauer, dessen Karriere bereits mit 15 begonnen hatte, galt als sportliches Genie und war neben vielen Siegen auch  Weltrekordhalter sowie Olympiasieger. 1980, mit nur 22 Jahren, musste er nach einer schweren Verletzung und einem nicht geglückten Comeback-Versuch seine Karriere als Skispringer  aufgeben und studierte Philosophie, Psychologie und Sport für das Lehramt. Von 1989 bis 1992 wurde er, wie sein Mentor Baldur Preiml, Cheftrainer der österreichischen Nationalmannschaft und führte sein Team, auch durch die riskante Umstellung auf den V-Stil, zu einem Höhenflug: Fünf von sieben Medaillen bei den Olympischen Spielen in Albertville gingen an seine Adler. Heute arbeitet Innauer, Vater von vier Kindern und verheiratet mit der Langläuferin Marlene Resch, als Seminartrainer, Autor und Berater. Publikationen: „Am Puls des Erfolgs“, „Die 12 Tiroler“ und, ganz aktuell: „Ein neues Leben" (alle im CSV-Verlag).

Wie immer zu Jahresbeginn munitioniert sich die Menschheit mit guten Vorsätzen auf. Was ist dabei der größte Fehler?
Toni Innauer
Ganz einfach: Jeder Vorsatz bedeutet Energieaufwand. Sollte man für diese Arbeit keine Zeit, keine Lust und keinen Raum haben, dann fasse man bitte keinen Vorsatz.
Viele starten 2024 mit den besten Vorsätzen für ihre Vorsätze, um in wenigen Wochen daran zu scheitern. Wie trickst man sich selbst aus?
Toni Innauer
In der Selbstüberlistung bin ich ganz gut. Ich tendiere auch zur Bequemlichkeit. Kleine Ziele stecken, die aber öfter wiederholen. Sobald etwas Gewohnheit ist, verlangt es uns viel weniger Energie ab. Nicht mit zwei Stunden im Fitnesscenter das neue Jahr beginnen, sondern mit einer halben. Nicht gleich zehn Kilo abnehmen wollen, sondern das Ziel anpeilen, sich leichter zu fühlen. In kleinen, feinen Portionen arbeiten, die uns ja auch Belohnungen liefern. Kleine Einheiten kann man öfter wiederholen, das prägt eine Gewohnheit schneller, trainiert auch die Startenergie. Sobald etwas zur Gewohnheit geworden ist, sinken die inneren Widerstände, es wird zunehmend sogar zum Bedürfnis.
Sind Rückfälle erlaubt?
Toni Innauer
Unbedingt. Die Psychologie lehrt, dass Unterbrechungen die Gewohnheitsbildung nicht abreißen lassen.
Gemäß dem Mantra des Schriftstellers Samuel Beckett, das Sie ja auch in Ihrem Buch zitieren: „Wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern.“
Toni Innauer
Ja, der konstruktive, auch humorvolle Umgang mit dem Scheitern, das ist die hohe Lebensschule. Denn vorübergehendes Scheitern lehrt uns viel über die Beschaffenheit der Wirklichkeit. Die deutsche Philosophin Natalie Knapp beschreibt, wie wichtig Lehrer sind, die Kindern das Warten erträglicher machen, bis etwas nach vielen missglückten Wiederholungen endlich klappt. Ich erzähle in dem Buch oft von meinem Scheitern: Denn wenn die Leute lesen, dass es auch den Innauer immer wieder auf die Goschn gehaut hat, dann erleichtert sie das vielleicht. Mir tun Leute leid, die überhaupt nicht über sich lachen können und mit so einem geschwollenen Kamm herumrennen, dass sie sich kaum mehr bücken können.
Angelika   Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort