Toni Innauer: "Empathie statt Einschüchterung"

Toni Innauer

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Toni Innauer, Skisprung-Olympiasieger 1980, ehemaliger Cheftrainer und Nordischer Direktor im ÖSV, über olympische Werte, den Umgang des ÖSV mit den Missbrauchsvorwürfen und "starke Männer" in Führungspositionen.

INTERVIEW: CLEMENS ENGERT

profil: Die Skispringer befinden sich derzeit in der Krise. Ex-Cheftrainer Alex Pointner sagte zuletzt: "Dem alpin-lastigen ÖSV ist es nur recht, wenn die Nordischen nicht zu stark sind." Können Sie seine Kritik nachvollziehen?
Innauer: Alex und ich haben gemeinsam nicht nur an der sportlichen Exzellenz unserer Disziplin gefeilt, sondern auch den Stellenwert des Skispringens in der Öffentlichkeit und innerhalb des Verbandes bewusst und gegen einigen Widerstand gepusht. Er hat knapp nach dem Höhepunkt seiner einmaligen Trainerkarriere den Gegenwind im Team und im Verband unterschätzt, und ihm ist vom ÖSV ein unverdient würdeloser Abgang bereitet worden. Vieles an seiner Kritik ist sachlich nachvollziehbar, Ton und Häufigkeit lassen eine persönliche Kränkung aber deutlich werden.

profil: Sie waren selbst in Südkorea. Teilen Sie den Eindruck, dass in Pyeongchang nur vergleichsweise wenig Olympia-Stimmung aufkommt?
Innauer: Ich bin angetan von der freundlichen, hilfsbereiten und zugleich selbstbewusst-souveränen Art der Südkoreaner. Kälte und Wind setzen aber allen zu und man ist mehr damit beschäftigt, sich selber in den Grundbedürfnissen zu regulieren und sieht das meiste auch aufgrund der erschwerten Erreichbarkeit auch nur vor dem Fernseher.


Das IOC und Südkorea haben mit der olympischen Annäherung von Nord- und Süd und dem gemeinsamen Damen-Eishockeyteam mehr erreicht als Trump mit seinem Gepolter.

profil: Halten Sie es für problematisch, dass Winterspiele an Länder wie Südkorea vergeben werden, wo der Wintersport eigentlich keinen großen Stellenwert hat?
Innauer: Würde das die Ausnahme sein, spräche nichts dagegen. Mit Peking 2022 vor Augen, wünsche ich dem IOC aber danach unbedingt einen „klassischen“ Austragungsort. Die Macher der Spiele aber lockt in Korea offensichtlich auch eine übergeordnete Mission. Schon Samaranch wollte seine unstillbaren Größenphantasien mit dem Friedensnobelpreis gekrönt sehen. Das IOC und Südkorea haben mit der olympischen Annäherung von Nord- und Süd und dem gemeinsamen Damen-Eishockeyteam historisch einmalige Gesten induziert und damit immerhin mehr erreicht als Trump mit seinem Gepolter.

profil: Sie waren 1976 in Innsbruck zum ersten Mal bei Olympischen Spielen dabei. Wie haben sich die Spiele seitdem verändert?
Innauer: Die kultische Faszination ist nach wie vor zu spüren. Kommerziell war die Marke mit den fünf Ringen seinerzeit ein ungeliebter Ladenhüter, der Innsbruck von Denver, aus Angst vor einem Defizit, überlassen worden war. Unter Samaranch und mit Schützenhilfe von Perestroika und Glasnost wurde die wertvollste Marke der Welt daraus.

profil: Sie haben im Dezember in den "Oberösterreichischen Nachrichten" kritische Worte an Peter Schröcksnadel und Hans Pum gerichtet, was den Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen im ÖSV betrifft. Wie sehen Sie - anlässlich der Vorwürfe gegen Charly Kahr - die Entwicklungen in der Causa?
Innauer: Die Verantwortlichen haben anlässlich der Vorwürfe zu Sailer und Kahr gezeigt, dass sie aus ihrem unpassenden Vorpreschen zur ersten #metoo Causa und den kritischen Reaktionen darauf gelernt haben. Von Anfang an wäre sachlicher Zurückhaltung, Empathie für die Opfer statt Einschüchterungstaktik am Platz gewesen. Die volle Bereitschaft und Unterstützung zur Mithilfe an der sachlichen Aufklärung der Vorwürfe zu signalisieren, hätte seitens des Präsidenten gereicht.


Skispringer nehmen keinesfalls für sich in Anspruch, wie Mönche gelebt zu haben.

profil: Steckt der ÖSV mit seiner hierarchischen Ordnung und dem „abgeschottetem“ System noch in der Vergangenheit fest?
Innauer: Wie in vielen anderen Unternehmen, den Medien oder in der Politik, werden die Sportszene und die herrschende Atmosphäre extrem vom ungenierten Festhalten und Ausbauen von Macht, Kontrolle und öffentliche Aufmerksamkeit geprägt und belastet. „Starke Männer“ in Führungspositionen feiern diesen steinzeitlichen Zustand unreflektiert und gerne als Errungenschaft und stehen damit sachlich-nachhaltigen Lösungen im Weg. Der ÖSV ist als Verband und als erfolgreiches Unternehmen in den meisten Bereichen aber sehr professionell, effizient und zukunftsgerichtet geführt, und das ist vorrangig Verdienst des Präsidenten. Ich habe die Zeit vor und nach Schröcksnadel erlebt und kann den riesigen Unterschied ermessen.

profil: Ist es ausreichend, dass der ÖSV selbst die Vorwürfe untersucht oder sollte auch eine „unabhängigere“ Instanz eingebunden werden?
Innauer: Es erklärt sich sachlich und aus Sicht der öffentlichen Wahrnehmung, dass in diesem Zusammenhang von außen untersucht werden muss.

profil: Sie waren selbst in den 70ern und 80ern beim ÖSV als Athlet aktiv. Gab es damals irgendwelche Gerüchte über derartige Vorfälle?
Innauer: Skispringer nehmen keinesfalls für sich in Anspruch, wie Mönche gelebt zu haben. Aber aufgrund der Abwesenheit von Frauen im System waren auch die Gelegenheiten für sexualisierte Gewalt und das Ausnützen von Autoritätsverhältnissen kaum gegeben. Auch das Thema des „Pasterns“ war der Sportart in dieser Zeit zum Glück fremd.